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"Als Kanonenfutter sehe ich mich überhaupt nicht" Brig-Glis / Er war einer der ersten Oberwalliser Oppositionspolitiker und stellte sich mit der Gründung der FDPO vor 20 Jahren selbst in die Ecke der Minderheiten. Ständeratskandidat Caesar Jaeger nimmt Stellung zum Vorwurf, in der Wahl bloss Kanonenfutter zu sein und wehrt sich gegen die Zementierung der CVPO/CSP-Macht. Von
German Escher Noch nie gab es so viele Ständeratskandidaten wie diesmal. Ist der Job im "Stöckli" so attraktiv? Caesar Jaeger: Das Ständeratsmandat ist für jeden Kanton, vor allem einen Bergkanton, äusserst attraktiv. Alle wissen, dass diesmal im Wallis eine völlig neue Situation herrscht. Alles ist im Fluss und auch der bisherige Turnus zwischen CVPO und CSPO hat sich selbst überlebt. Auf der einen Seite rechnet man sich als Kandidat so mehr Chancen aus, die bestehenden Verhältnisse zu verändern. Auf der anderen Seite liegt natürlich das Medieninteresse sehr stark bei den Ständeratswahlen, was die Parteien dazu veranlasst hat, den Ständerat auch zur Unterstützung der Nationalratslisten herbeizuziehen. Trotz Grossandrang ist der Wahlkampf bisher recht flau. Warum? C. J.: Ich führe das darauf zurück, dass die Leute über alle Parteien hinweg sehr unsicher sind. Wenn man heute eine Prognose für die Wahlgänge der Ständeratswahlen abgeben würde, könnte man genau so gut auf einen Sechser im Lotto hoffen. Aber durch den eher flauen Wahlkampf wird ja auch der Wähler verunsichert? C. J.: Die Wähler könnten natürlich auch etwas provozieren und entsprechende Fragen stellen. Aber wir Kandidaten werden von den Wählern in Bezug auf ihre Stimme sowieso immer im Unklaren gelassen (lacht)... ...was die Wähler von der Politikern aber auch sagen... C. J.: ...ja, leider, aber was solls? Denn schliesslich hat dann doch jeder Bürger, jede Bürgerin die Möglichkeit, sich frei zu entscheiden. Und warum stiegen Sie in diesen Wahlkampf? Weil ich überzeugt bin, dem Wallis gute Dienste erbringen zu können. Denn als Gründer der FDPO, als deren langjähriger Präsident und als Grossrat habe ich mir das politische Rüstzeug für ein solches Amt sicher erworben. Übrigens hat sich die politische Landschaft verändert, so dass meine Kandidatur grosse Chancen hat, erfolgreich zu sein. Aber werden Sie nicht auch ein wenig von FDP und SP missbraucht, damit im zweiten Wahlgang die Karten neu gemischt werden können? C. J.: Das muss ich entschieden in Abrede stellen. Denn alles ist offen. Das Resultat des ersten Wahlgangs kann niemand vorhersehen. Und ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Karten diesmal anders gemischt werden. Unser Recht als Partei ist es, Kandidaten ins Rennen zu schicken. Am Ende entscheidet der Wähler, wer das Rennen macht. Von Alibikandidatur kann also keine Rede sein. Peter Bodenmann sprach im Sonntagsblick von einem Päckli von FDP und SP im zweiten Wahlgang. Da sind wohl Bernard Comby und Esther Waeber gesetzt? Ist Ihre Kandidatur nur Kanonenfutter? C. J.: Von Päckli kann keine Rede sein und als Kanonenfutter sehe ich mich überhaupt nicht. In der Zeitung kann ein Peter Bodenmann behaupten, was er will. Zur Klarstellung: Die FDPO ist eine eigenständige Kantonalpartei der FDP Schweiz und mit der SPO hat die FDPO keinerlei Absprachen getroffen. Da ich mir ein gutes Resultat erhoffen darf, ist auch der 2. Wahlgang für mich eine Option. Am Sonntagabend nach dem ersten Wahlgang wird erst feststehen, wie es im zweiten Wahlgang weitergehen soll. Dann müssen alle Parteien nochmals über die Bücher. Übrigens kann es im ersten Wahlgang keine Koalitionen geben. Wenn das bekannt würde, wäre ein gewaltiges Streichkonzert die Folge. Das gemeinsame Ziel von FDP und SP ist, die CVP-Mehrheit zu brechen: Aber das ist doch ein sehr kleiner, gemeinsamer Nenner, um gemeinsam mit der SP die Politik im Wallis zu bestimmen? C. J.: Was heisst hier gemeinsamer Nenner ? Es geht nicht nur um Unterschiede der Parteiprogramme, sondern darum, dass die Diskussion offener und besser abläuft, wenn keine absoluten Mehrheiten bestehen. Ich sehe das doch im Stadtrat von Brig: Seit keine Partei mehr die absolute Mehrheit mehr hat, wird doch ganz anders gearbeitet, heftiger diskutiert und die Politik ist nicht mehr eine einseitige Angelegenheit. Es geht wirklich darum, die Mehrheit zu brechen und einen anderen Politstil zu formen, damit die Leute merken, dass man in diesem Land auch anders leben kann. Aber oft hat man bei der FDP den Eindruck: Protest kommt vor Programm? C. J.: Ach was! So kann man das wirklich nicht sehen. Nur weil wir bei den Staatsratswahlen eine andere Politik verfolgten, werden wir jetzt nach dem Motto "Häfeli und Deckeli" ins selbe Lager mit der SP eingestuft. Vor zehn Jahren war es doch so: Da standen im Grossen Rat ganze Blöcke gemeinsam auf und manifestierten ihren Machtanspruch. Da ging es auch nicht um Programme sondern darum, Bestehendes zu zementieren und zu zeigen: "Hier läuft es noch so, wie wir das wollen". Heute ist das anders und es kommt auch im Grossen Rat oft zu den unglaublichsten Koalitionen, wenn ähnliche oder gleiche Ziele verfolgt werden. Der Spruch "Protest statt Programm" stimmt so nicht. Denn es gibt doch von der politischen Einstellung her fast nichts gegensätzlicheres als FDP und SP: Das ist wie Teufel und Weihwasser. Kommen wir zum Programm: Wo sind die inhaltlichen Schwerpunkte des Ständeratskandidaten Caesar Jaeger? C. J.: Für uns als Randkanton stehen zwei Schwerpunkte an. Erstens der Bereich der Energieabgabe und zweitens der interkantonale Finanzausgleich. Denn dort spielt der Ständerat eine ganz andere Rolle als der Nationalrat, wo ja zum Teil Kantone mit dreissig und mehr Räten gehörig Druck machen können. Im Ständerat sieht das immer anders aus und da müssen die Berg- oder Randkantone zusammen versuchen, Energiedebatte und Finanzausgleich zu ihren Gunsten zu beeinflussen. In diesem Bereich muss ein Ständerat den Kanton als Ganzes vertreten. Hier müssen Lösungen gesucht werden, für die ich mich stark machen würde. Des weiteren muss die Asylpolitik griffiger umgesetzt werden. Der humanitären Tradition unseres Landes folgend heisst das: Asyl gewähren, wo es berechtigt ist. Missbräuche im Asylwesen und damit zusammenhängende Kriminalität müssen konsequent bekämpft werden. Das hätte Rolf Escher wohl auch nicht anders gesagt. Wo liegen die Unterschiede der zwei bürgerlichen Kandidaten? C. J.: Es ist doch nicht Aufgabe der Kandidaten, diese Unterschiede in den Vordergrund zu stellen. Jeder hat seinen eigenen Charakter, seine eigene Herkunft, hat eigene Methoden, um Dinge voranzutreiben und seine Meinung zu vertreten. Jeder hat sein Lieblingsthema, auf dem er gerne herumreitet, das ist menschlich. Und schliesslich muss sich je nach Problemstellung jeder für das Wohl des Kantons einsetzen, unabhängig von der Partei. Das ist dasselbe für Esther Waeber, Rolf Escher und für mich. Dann ist also egal, welche Partei nach Bern geschickt wird? C. J.: Nein, überhaupt nicht! Es braucht eine Veränderung. Vor allem für die Belange des Tourismus und der Wirtschaft hat sich die FDPO immer sehr stark eingesetzt und sie wird das auch in Zukunft tun. Wir wollen doch nicht den Turnus von CVPO und CSPO auf ewige Zeiten zementieren! Denn ich glaube: Keine Partei hat ein Monopol auf ein politisches Amt. Und wenn eine andere Partei dieses Monopol attackiert, hat sie genau dasselbe Recht auf das Amt, wie CVPO und CSPO, die sich den Oberwalliser Ständerat seit 1959 teilen. Und wie stark ist der Oberwalliser Sitz gefährdet? C. J.: Es hängt vom politischen Gespür des Unterwallis ab, dem Oberwallis diesen Sitz weiterhin zuzugestehen. Denn man muss sehen, dass dieser Sitz schon seit Jahrzehnten leicht ins Unterwallis hätte wechseln können. Es gab nie eine Garantie, dass die sprachliche Mehrheit der Walliser Bevölkerung nicht auch den zweiten Sitz für sich beanspruchen könnte. Die FDP gilt als Wirtschaftspartei. Im Verhältnis zur Bevölkerung haben wir überdurchschnittlich viele Selbständige. Und trotzdem krebst die FDPO nach 20 Jahren noch immer bei 5 Prozent herum. Warum? C. J.: Ich habe in 20 Jahren FDPO viele Leute angehalten, in der FDPO mitzumachen. Und selbst heutige Exponenten anderer Parteien haben mir geantwortet: "Ich wäre schon bei euch, aber..." Dieses "aber" drückt die Angst aus, einem Druck ausgesetzt zu sein, vielleicht keine Aufträge mehr zu erhalten. Das ist eben die Auswirkung einer zu starken Mehrheit. Kommt hinzu, dass viele Selbständige politisch neutral bleiben wollen, um die Kundschaft nicht zu brüskieren. Heute muss doch ein Geschäftsmann, der sich zur FDP bekennt, keine Angst mehr haben, bei der Vergabepolitik zu kurz zu kommen? C. J.: Das hat sich jetzt auch allmählich geändert. Aber vor zehn oder fünfzehn Jahren haben mir viele gesagt, dass sie das Messer am Hals hätten. Dass sich dies heute ändert, ist auch ein Verdienst der Minderheitspartei FDPO und ihrer Arbeit. Aber eines ist sicher: Eine Partei zu gründen ist eine der einfachsten Übungen. Diese aber über die Jahre hinweg am Leben zu erhalten, braucht verdammt viel mehr... ...womit Sie in Richtung SVP zielen? C. J.: Ich habe dies einigen Sympathisanten der SVP schon gesagt. Denn in der Politik muss man immer am Ball bleiben. Das führt zu Ermüdungserscheinungen. Hinzu kommt, dass es in jeder Wahl auch Verlierer gibt. Diese bringen vielleicht nicht die Geduld auf oder fühlen sich auf gut Deutsch "versecklet", um in der Partei weiter ihre Arbeit zu verrichten. Die Gründung ist das eine, aber das Durchhalten ist was ganz anderes. Die FDPO-Zugpferde kommen in die Jahre, Ihnen fehlt der Nachwuchs: Frisst die SVP im Wallis die letzten Reste der FDPO? C. J.: Nein, überhaupt nicht, denn die FDPO hat vor allem in letzter Zeit sehr gute Erfolge erzielt (Stadtpräsidium Brig-Glis, Grossratsfraktion...) und ist auch für junge Leute — wir haben den jüngsten Nationalratskandidaten - attraktiv geworden. Diese jungen Leute arbeiten in der Partei sehr gut mit. Politik ist ein ständiges Auf und Ab. Immer wieder gibt es auf der rechten oder linken Seite extremere Haltungen. Das dauert ein paar Jahre und dann werden diese Gruppierungen wieder von andern Parteien aufgesaugt. Was die SVP betrifft, warten wir die Resultate dieser Wahlen ab und dann wird sich spätestens bei den Gemeinde- und Kantonswahlen zeigen, ob sich die politische Landschaft stark verändert hat. |