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"Der Skisport ist eine knallharte Sache" Bitsch / Lachnummer der Nation: So wurde die Schweizer Skinati im letzten Jahr betitelt. Teil dieser Nati ist auch der Konditionstrainer Edgar Kuonen. Vor dem neuen Saisonstart nimmt er im RZ-Frontal-Interview Stellung zu Starallüren, Formkurve, Misserfolg, Erfolg und spricht Klartext in Sachen Peter Müller. Von Waldemar Schön und German Escher Sie sind gerade im Oberwallis: Hat der Konditionstrainer der Nationalmannschaft in der wichtigen Vorbereitungszeit Herbstferien? Edgar Kuonen: Keine Ferien! Ich nutze den Übergang von einem Trainingsort in Saas Fee zum andern in Laax dazu, ein paar ruhige Tage zuhause zu verbringen. In Laax werden wir ein paar Tage nur Material testen und am Nachmittag Kondition büffeln. Vielleicht diesmal etwas spielerischer mit Eishockey. Das gibt den Athleten auch mal die Möglichkeit, dem anderen, der am Morgen auf den Skiern etwas schneller unterwegs war, eins auszuwischen... ...soviel zum Thema "Mentalhygiene"... E. K.: ...die in unserem Sport nicht zu vernachlässigen ist. Denn der Skisport ist eine knallharte Sache. Wie gross ist ihr Anteil am Erfolg oder Misserfolg einer Mannschaft? E. K.: Dem Erfolg und Misserfolg liegt immer das Teamwork zugrunde. Dazu gehören Athleten, Trainer, Serviceleute, Therapeuten, einfach das ganze Team. Wenn das Team nicht funktioniert, dann kann es keinen Erfolg geben. Denn im Skisport gibt es keine Pauschalrezepte, wie der Blick nach Österreich zeigt. Ein Hermann Meyer ist ein Monster von Kraftprotz, ein Benjamin Raich ist ein dünner "Zwirbel" und trotzdem gewinnen beide Rennen in der gleichen Saison. Aber der Anteil Kraft hat doch in den letzten Jahren mit dem neuen Material enorm an Bedeutung gewonnen. Kraftfahrer werden doch bevorzugt? E. K.: Das ist schon so. Der Anteil von Kraft und Kondition im Skisport hat enorm zugenommen. Aber man muss die Kraft auch technisch umsetzen können. Ich habe mit jungen Athleten stark im Bereich Kraft gearbeitet. Aber sie waren dann nicht in der Lage, dieses Mehr an Muskeln auf den Skiern umzusetzen, weil die Koordination nicht stimmte. Es ist wichtig, hier das richtige Mass zu finden. Wer Kraft und Technik am besten kombiniert, ist am schnellsten. Im Herbst heisst es immer: Die Form stimmt? Wie ist ihre Einschätzung der Rennläufer? E. K.: Wenn man schon zum voraus sagt, dass die Form nicht stimmt, kann man gar keine gute Saison haben. Wichtig ist, dass man sich selbst gegenüber sehr ehrlich ist. Gegen aussen, gegenüber den Medien darf man durchaus etwas pokern und vielleicht etwas unehrlich sein. Hier interessiert aber Ihre ehrlich Meinung? E. K.: (lacht) Aha! Ich bin überzeugt, dass wir gut trainiert haben und körperlich in guter Verfassung sind. Auf den Skiern siehts auch gut aus. Wir haben allerdings ein Problem: Wir sind im A-Kader mit sechs Leuten einfach zuwenig. Das Resultat ist ein mangelnder Konkurrenzkampf. Und Konkurrenzkampf kann man nicht künstlich erzeugen. Sterben die Schweizer Rennfahrer aus? E. K.: Eine ganz heisse Frage. Wenn ich den Nachwuchs anschaue, muss ich sagen, dass die Rennfahrer nicht aussterben. Wir werden aber in den nächsten Jahren ein Loch erleben, das sich nicht schnell auffüllen lässt. Aber wir sind im Nachwuchs daran, hart für künftige Rennläufer zu arbeiten. Neben Kraft und Technik muss es auch im Kopf stimmen. Nach den Resultaten im letzten Jahr herrschte hier Handlungsbedarf. Wie ist der Stand der Dinge im Kopf der Fahrer? E. K.: Die Sache ist einfach: Wenn ein Fahrer ins Ziel kommt und sieht, dass er einfach zwei Sekunden verloren hat, ist das eine gewaltige Ohrfeige, die ihm zeigt, dass "är nienä ummenand isch". Und das ist das Brutalste, das es gibt für das Selbstvertrauen. Das Fazit: Stimmen die Resultate, so kommt auch das Selbstvertrauen zurück und der Kopf ist wieder bereit. Natürlich versuchen wir, unsere Athleten mit erfahrenen Leuten im Bereich des Mentaltrainings zusammenzubringen. Aber im Endeffekt geht das nur über gute Resultate. Und wie stehts mit den oft zitierten Starallüren der Top-Athleten? E. K.: Es gibt Athleten, die einem das Gefühl vermitteln, ein Star zu sein. Bruno Kernen hatte eine Phase nach dem Weltmeistertitel, wo er Starallüren hatte. Und dann ist es sehr schwierig, mit solchen Leuten umzugehen. Meine Erfahrung: Warten, bis ein solcher Star "dr Chopf aschlaht" und ihm dann helfen, wieder auf den Boden zurückzukommen. Das ist das beste Mittel gegen Starallüren. Die Politik kennt Sommertheater, der Schweizer Skiverband Frühlings- und jetzt neu auch Herbsttheater. Hat sich die Komödie rund um Peter Müller auch auf die Herren ausgewirkt? E. K.: Natürlich ist das bei uns ein Thema. Sei es das Theater um Josef Zenhäusern oder Theo Nadig im Frühling oder die Geschichte mit Peter Müller jetzt: Man kann einfach nicht mehr richtig arbeiten, weil man ständig auf diese Probleme angesprochen wird. Aber am Ende müssen wir für uns selbst schauen und uns auf unsere Aufgabe konzentrieren. Es gibt doch aber sicherlich eine persönliche Meinung von Ihnen zum Thema Peter Müller? E. K.: Für mich war es ein Fehlentscheid, Peter Müller die Damenmannschaft zu übergeben. Wenn er im B- oder C-Kader Trainer oder Assistent geworden wäre, hätten alle voneinander profitieren können. Die Trainer von seiner Erfahrung und Peter von den neuen Ideen der anderen. Aber nach so vielen Jahren Absenz vom Skisport von einem Tag auf den anderen an der Weltspitze eingesetzt zu werden, ist keine gute Sache. Wenn es Mobbing der Fahrerinnen war, muss man sich Fragen, wer denn heute eigentlich im Spitzensport befiehlt: die Stars oder ihre Trainer? E. K.: Die Macht muss bei den Trainern und beim Verband liegen. Auch wenn ein Bruno Kernen als Weltmeister auf Fritz Züger losgehen würde, hätte er keine Chance, diesen aus dem Amt zu drängen. In einem echten Team kann man nicht einzelne abschiessen. Natürlich fehlte bei Trainern und im Verband die Solidarität gegenüber Peter Müller. Aber das ist doch nicht verwunderlich. Wenn jemand wie Peter Müller zehn Jahre lang nur austeilt und links und rechts "eis uf de Grind" gibt, dann wartet doch alles darauf, es ihm heimzuzahlen. Man kann es Mobbing nennen oder nicht. Tatsache ist: So wie Peter Müller in den Wald gerufen hat, so tönte es zurück. Als Konditionstrainer stehen Sie weniger im Rampenlicht — fühlen Sie sich vernachlässigt oder ist dies für Sie von Vorteil? E. K.: Ich habe nicht das Gefühl, vernachlässigt zu werden. Vor allem im Oberwallis bin ich immer wieder in den Medien präsent, wie dieses Beispiel mit der RZ zeigt. In Sachen Medienpräsenz bin ich also absolut befriedigt. International und national steht Fritz Züger im Rampenlicht, muss aber dann bei Misserfolgen auch den Kopf hinhalten. Doch ich erinne- re mich sehr gut an den Weltmeistertitel von Bruno Kernen. Während die anderen draussen Interviews gaben, haben wir uns im stillen Kämmerchen darüber gefreut, es als Team geschafft zu haben. Ruhm wird doch nicht gerne geteilt? E. K.: Unsere Stars teilen ihren Erfolg mit uns Trainern. Sie danken uns für unseren Einsatz oder laden uns zu ihren Empfängen ein. Das ist doch schön, in diesem Moment als Team aufzutreten. Aber ehrlich: Wenn der Erfolg da ist, so möchte man doch auch etwas von dem Ruhm für sich selbst? E. K.: Das stimmt zu 100 Prozent und ich hab das für mich im Stillen auch gemacht. Da schneide ich ein bisschen Ruhm für mich ab. Ein lobendes Schulterklopfen von fremden Leuten auf der Briger Bahnhofstrasse ist für mich das Grösste. Allerdings passiert dies auch bei Misserfolg. So wurde mir einmal geraten, den faulen Skifahrern Rucksäcke mit 20 Kilogramm Steinen auf den Buckel zu binden und immer wieder auf den Simplon zu jagen (lacht). Trainer, Masseure und Assistenten sagt man nach, sie seien der Beichtstuhl der Athleten. Was wird Ihnen so gebeichtet? E. K.: Es gibt zwei oder drei Athleten, die ein sehr gutes Verhältnis zu mir haben. Da gehen die Gespräch sehr tief ins Privatleben. Wie läuft es mit der Partnerin, Trennung von der Freundin und anderes mehr kommt dann auf den Tisch. Und es wird natürlich auch über fachliche Schwierigkeiten gesprochen, wenn es einem Fahrer technisch nicht gut läuft. Gibt es da auch Momente, in denen Sie sprachlos sind und keinen Rat wissen? E. K.: Nein! Das tönt vielleicht nach Selbstüberschätzung. Aber ich hatte nie das Gefühl, nicht die passenden Worte für einen Athleten zu finden. Ich bin öfter mit dem Team zusammen als mit meiner Frau. Während acht Monaten im Jahr lernt man sich sehr gut kennen. Da hat man immer einen Rat, der den Fahrer weiterbringt. Und wo tanken Sie als Trainer auf? E. K.: In meinem privaten Umfeld, bei meiner Frau. Und wenn mir etwas besonders auf dem Magen liegt, dann rede ich mit meinem Zwillingsbruder, zu dem ich ein sehr gutes Verhältnis habe. Er ist mein zweites Ich und ist oft Ansprechpartner für Probleme, mit denen ich meine Frau oder Eltern nicht belasten möchte. Wie gehen Sie damit um, fast nie zuhause zu sein? E. K.: Am Anfang war alles neu und da macht man sich wenig Gedanken. Aber wenn man wie ich fünf Jahre in der ganzen Welt unterwegs ist, dann gewinnt das Zuhause eine andere Bedeutung. Weggehen, unterwegs sein, packen hat nicht mehr den selben Stellenwert wie früher und ist Routine. Wenn ich zuhause bin, dann bin ich zuhause und versuche dann dem Stress aus dem Weg zu gehen und mir Zeit zu nehmen. Man wird mit der Zeit sesshafter. Das tönt ein wenig nach aufhören? E. K.: Das war schon ein Thema, als Fritz Züger Cheftrainer wurde. Ich hatte das Gefühl, dass ich mit ihm nicht zusammenarbeiten könnte. Doch da haben wir uns wohl beide getäuscht und es klappt sehr gut. Aber es ist schon so, dass ich damit liebäugle, mich zu verändern. Vielleicht ist es die letzte Saison als Konditionstrainer. Aber dem Skifahren werde ich wohl treu bleiben und ich kann mir gut vorstellen, als Hauptverantwortlicher ein Nachwuchskader zu übernehmen und zu führen. Der Trainerjob fasziniert mich unwahrscheinlich. Nach den vernichtenden Niederlagen im letzten Winter: Gibt es in diesem Jahr Grund zur Hoffnung oder droht der Skination Schweiz erneut die grosse Winterdepression? E. K.: Ich stecke meinen Kopf niemals in den Sand. Ich bin 100prozentig überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Und so viele Minuten und Stunden wie in der letzten Saison müssen die Schweizer Skifans in diesem Winter nicht mehr leiden. Denn unsere Resultate werden besser sein. |