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"Vor Auftritten sterbe ich jeweils fast vor Lampenfieber"

Leuk / Im Sommer stand seine Person im Mittelpunkt des Streits um den Prix Valais. Während andere den Hut genommen haben, ist Michel Villa noch immer an Bord des ehemaligen Schlagerfestivals. Der umstrittene Entertainer und gelernte Koch blickt auf das Sommertheater zurück, legt Pläne für die Zukunft dar und erzählt über Ellbogentaktik und Arschkriecherei im Showbusiness.

Von Waldemar Schön
und German Escher

Morgen steht der Prix Valais auf dem Programm. Sie betonen, dass die Leitung dieses Anlasses ein Job ist, den Sie nicht gesucht haben. Wie steht es da mit Ihrer Motivation?

Michel Villa: Die Motivation ist nach wie vor 200prozentig da. Ich habe den heutigen Prix Valais vor 26 Jahren als Schlagerfestival ins Leben gerufen und verbinde schöne Erinnerungen mit diesem Anlass. Auch wenn ich die Leitung des Ganzen nicht gesucht habe, bin ich in diesem Jahr noch stärker motiviert und will mit dem neuen, super-guten Team einen Topanlass auf die Bühne bringen.

Super-gutes Team? War das denn vorher nicht der Fall?

M. V.: Natürlich war das Team auch vor dem ganzen Theater im Sommer super. Und es tut mir leid um die hervorragende Arbeit, die ehemalige Teammitglieder geleistet haben. Aber ich wurde als Verantwortlicher für das Programm plötzlich von Entscheidungen ausgeschlossen. Es waren auf einmal zwei Personen da, die ein Programm aufstellen wollten. Es stellte sich die Frage, ob Lou Bega oder Echt als Stargast auftreten sollten. Und mit dieser Frage ist die ganze Sache eskaliert. Für unser Publikum ist Lou Bega die bessere Wahl, denn "Echt" ist live einfach zu hart und singt Deutsch, was sich nicht mit den Unterwalliser Gästen verträgt. Kommt hinzu, dass wir im letzten Jahr ein Defizit von 16’000 Franken eingefahren haben. Und das hat auch mit Hot Choccolate, dem letztjährigen Stargast, zu tun, der einfach nicht zu unserem Publikum passte und auch nicht mein Favorit war. Deshalb habe ich in diesem Jahr gesagt, dass ich ein Programm zusammenstellen muss, hinter dem ich voll und ganz stehen kann. Meine Opposition gegen "Echt" hat sich nie gegen die Person von Roman Pfammatter oder sonst wer gerichtet, sondern nur gegen Sprache und Stil der Popgruppe.

Also waren zu viele Köche am Werk. Aber Ihnen wurde ja auch Eigenmächtigkeit vorgeworfen?

M. V.: Es ging vor allem darum, dass ich den Vertrag mit Lou Bega selbst unterschrieben habe. Aber auch in der Vergangenheit habe meistens ich die Künstlerverträge unterschrieben, vom letzten Jahr einmal abgesehen. Und ich stand auch unter Druck, weil die Gage von Lou Bega von Tag zu Tag stieg. Wir holten ihn für 27’000 Franken, während er heute 45’000 Franken kostet. Ich habe das Gefühl, dass man mir damals in den Rücken gefallen ist und bewusst eine kleine Revolution gegen mich angezettelt hat. Aber es tut mir leid, dass jetzt Leute unter die Räder gekommen sind, die nichts dafür können.

Lou Bega kommt nicht...

M. V.: ...was eine Ironie des Schicksals ist. Unser Problem ist, dass wir auf das richtige Pferd gesetzt haben. Denn Mambo Number 5 ging wie ein Gewitter um die Welt und ist ein gewaltiger Erfolg. Doch anstatt in der Briger Simplonhalle zu stehen, hat Lou Bega zwei Fernsehauftritte in Mexiko City. Und laut Vertrag hat das Fernsehen immer Vorrang. Aber der Ersatz ist mit Mister President sehr gut. Den hätten wir uns schlicht nicht leisten können. Das Management ist verpflichtet, bei Ausfall eines Künstlers für entsprechenden Ersatz zu sorgen. Und so wird Mister President am Prix Valais für Stimmung sorgen. Eines möchte ich betonen: Nur zwei Personen haben ihre Tickets zurückgegeben.

Und die Moderation?

M. V.: Tja, das ist auch so ein Punkt, wo sich die Revolution gegen meine Person abgezeichnet hat. Denn am einzigen Wochenende im November, an dem ich schon eine Verpflichtung als Moderator einer Kinderhitparade hatte, setzten meine Kollegen damals den Prix Valais an. Die Moderation wird die ehemalige Miss Schweiz, Stefanie Berger machen. Das ist ein wahrer Glücksfall für uns. Ich werde am späten Abend von einem Auftritt in Nidwalden zurückfahren und an der Preisverteilung teilnehmen.

Im letzten Jahr gabs ein Defizit. Müsste das Festival nicht wieder bescheidener werden?

M. V.: Ganz klar. Und der Gang zurück in die Simplonhalle ist ein erster Schritt in diese Richtung. Der Ausbau damals mit Zirkuszelt und dann Litternahalle war richtig, denn immer mehr Leute wollten das Schlagerfestival sehen. Aber heute muss man klar sehen, dass wir ein Anlass unter vielen im Oberwallis sind. Topkünstler machen auf ihren Tourneen zum Glück auch im Oberwallis Halt. Und jede Guggenmusik hat mittlerweile nationale und sogar internationale Stars als Aushängeschilder. Herr und Frau Oberwalliser haben die Auswahl. Da ist es angebracht, dass wir etwas kleinere Brötchen backen. Denn für alles reicht es einfach nicht. Man muss klar sehen: Auch mit dem Topstar Lou Bega und jetzt mit Mister President haben wir es nicht geschafft, die Simplonhalle auf Anhieb auszuverkaufen. Es hat also noch Tickets. In diesem Sinn war es ein guter Schritt, kleiner zu werden. Und ich muss sagen, dass wir uns in der Simplonhalle sehr wohl fühlen.

Die Identifikation mit den Kandidaten ist einer der Haupttrümpfe des Festival. War da die Ausweitung auf den gesamten Kanton kein Fehler?

M. V.: Ein Fehler sicher nicht. Aber wenn man sieht, dass von 16 Kandidaten deren neun aus dem Unterwallis kommen, so ist es enttäuschend, wie schlecht dort der Vorverkauf gelaufen ist. Da kann man sagen: Warum zügelt der Prix Valais nicht nach Siders? Aber der Ursprung liegt im Oberwallis und dort sollte meiner Ansicht nach auch der Anlass stattfinden. Aber wir müssen nach dem Prix Valais über die Bücher. Man könnte zum Beispiel die Ausscheidungen im Oberwallis und im Unterwallis getrennt durchführen. So könnte man sicherstellen, dass eine bestimmte Anzahl der Nachwuchstalente aus dem Oberwallis kommen. Aber das muss noch alles abgeklärt werden.

Gibt es einen Prix Valais 2000 mit Michel Villa?

M. V.: Es wird diesen Prix Valais 2000 mit mir geben, wenn ich das Programm machen kann. Aber ich glaube nicht, dass es noch einen weiteren Prix Valais mit mir als Teamleiter geben wird. Ich bin ein Chaot und setze auf Improvisation. Und das ist auf Dauer bei einem solchen Anlass nicht so gut. Aber wir sind trotz meiner Chaostheorie auf gutem Weg und es wird ein super Abend werden.

Sprechen wir über die Musikszene im allgemeinen: Offenbar erlebt der Deutsche Schlager ein eigentliches Revival. Was haben Sie für Pläne?

M. V.: Eigentlich geht es sehr gut. Und wäre Sion 2006 nicht ein Reinfall gewesen, so wäre der Olympiasong gut rausgekommen. Es gibt auch Pläne, eine CD zu produzieren, die sich um meine Musik und das Kochen dreht. Aber das Projekt wurde wegen des Prix Valais aufgeschoben. Zudem mache ich viele Auftritte als Entertainer, zum Beispiel Kinderhitparaden in der ganzen Schweiz. Und Michel Villa als Stimmungsmacher für Dreiviertel Stunden ist in der Deutschschweiz gefragt.

Im Wallis wurde Michel Villa immer etwas belächelt, während man in der Deutschschweiz dem Walliser mit dem netten Dialekt Gehör schenkte. Ist diese Einschätzung ketzerisch?

M. V.: Nein, das ist zum Teil schon so. Einem 16jährigen, der ein Schlagerfestival auf die Beine stellt und das Geld erst noch für gute Zwecke bereitstellt, ist den Wallisern vielleicht nicht ganz geheuer.

Noch nie ans Aufhören gedacht?

M. V.: Nein, denn ich habe als Entertainer Spass auf der Bühne. Und ich singe nicht nur meine Michel-Villa-Sachen runter, sondern habe ein internationales Bühnenprogramm. Ich war schon in Singapur, auf Rhodos, in Albanien - das Ganze ist sehr vielseitig. Aber trotz der musikalischen Breite versuche ich immer, Michel Villa zu bleiben.

Was spüren Sie, wenn Sie auf der Bühne stehen: Ist dieser bestimmte Kick noch da?

M. V.: Oh ja. Denn vor Auftritten sterbe ich jeweils fast vor Lampenfieber. Und es wird immer schlimmer. Vor Auftritten lenke ich mich aus Nervosität immer mit lauter Musik ab, ob dies nun ein Auftritt in einem Altersheim, an einer Gala oder im Fernsehen ist. Und ich liebe diesen Adrenalinstoss, mit Lampenfieber auf die Bühne zu gehen. Denn nach dem ersten Lied auf der Bühne ist es weg. Aber der Beginn jeder Show ist wie ein Kick. Wenn dieser Kick nicht mehr kommt, höre ich auf!

Die Privatfernsehszene in der Schweiz boomt. Hat es Sie nie gereizt, eine eigene Kinder- oder Showsendung zu übernehmen?

M. V.: Oh doch. Und ich habe einige Konzepte geschrieben und den TV-Stationen vorgeschlagen. Mit SF DRS waren die Dinge sehr konkret. Aber ich benutze nicht den Bohrhammer, um ein Ziel zu erreichen und ich prostituiere mich auch nicht um jeden Preis. Wer meine Qualitäten kennt, der weiss sie zu nutzen, der andere soll es sein lassen.

Wo stehen Sie eigentlich lieber — auf der Bühne oder im eigenen Restaurant?

M. V.: Schon lieber auf der Bühne. Denn als Koch arbeite ich kaum noch. Ich pröble höchstens an irgendwelchen Rezepten herum. Mein Ding ist eher, die Gäste zu empfangen und nach aussen in Erscheinung zu treten. In diesem Sinn ist das Restaurant für mich auch eine Bühne.

Und welche Szene ist härter: Die Wirtebranche oder das Showbusiness?

M. V.: Meine Devise heisst: Leben und leben lassen. Wenn ich zurückblicke, so bin ich stolz auf das, was ich erreicht habe. Mit mehr Ellbogeneinsatz und mehr "Arschleckerei" wäre ich vielleicht weiter gekommen. Aber das wäre nicht Michel Villa. Sowohl im Showbusiness wie in der Wirtebranche ist es so: Wer gut ist, setzt sich durch, die anderen gehen unter.

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