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"Die Einstellung zum Geld ist für mich eine Frage des Charakters"

Bremen / Steg / Es ist neblig und bissig kalt. Trotzdem irgendwie heimelig vertraut mit ihren vielen kleinen, alten Häuschen präsentiert sich die Hansestadt Bremen im hohen Norden Deutschlands. In einem der vielen Cafés der Stadt treffen wir den SV Werder Bremen Profi Raphael Wicky. Bremen und Wicky, das ist so etwas wie Liebe auf den ersten Blick - und eine Beziehung die jetzt immerhin schon zweieinhalb Jahre hält...

Von Adrian Arnold aus Bremen

Mit 22 Jahren über eintausend Kilometer weg von zuhause, alleine in einer grossen Dachwohnung. Man hört immer wieder, dass Du starkes Heimweh hättest?

Raphael Wicky: (überlegt) Meine Familie fehlt mir tatsächlich sehr. Wir haben ein wahnsinnig tolles Verhältnis untereinander und immerhin habe ich zwanzig Jahre lang im Wallis gelebt. All meine Freunde sind dort. Als Fussballer wusste ich aber, dass ich nicht immer am selben Ort bleiben kann. Als ich neunzehn war, hab ich den Schritt von Sitten nach Bremen gewagt und wusste, dass es nicht immer einfach sein würde. Ich freue mich nun über jeden Besuch aus dem Wallis und fiebere jeweils meinen Ferien entgegen, obwohl die meistens nur sehr kurz sind. Du bist berühmt, spielst in einer der besten Ligen Fussball. Etwas wovon viele Leute träumen. Ist es wirklich ein Traumberuf?

R. W.: Ich glaube jeder, der einen Beruf ausübt, egal was für einen, geht nicht täglich mit derselben Freude arbeiten. Aber gesamthaft gesehen bin ich sehr glücklich, Fussballer zu sein. Ich konnte mein Hobby zum Beruf machen. Ich habe Freude daran und hoffe, dass ich noch einige Jahre gesund bleibe, um weiterzuspielen.

Fussballer sind in Deutschland sehr populär. Kannst Du überhaupt noch unerkannt auf die Strasse?

R. W.: Unerkannt kann ich in Bremen sicher nicht auf die Strasse gehen. Beim Einkaufen oder in den Restaurants oder wo auch immer drehen sich die Leute um und fragen dann "der spielt doch bei Werder Bremen". Aber die Leute reagieren meistens sehr positiv. Wir werden nicht angepöbelt. Zur Zeit ist die Euphorie in Bremen sowieso recht gross und dann machts auch Spass.

Was ist der grosse Unterschied, Fussball bei einem Deutschen oder einem Schweizer Verein zu spielen?

R. W.: Hier in Deutschland ist alles viel professioneller. Wir profitieren von einer Wahnsinns Infrastruktur. Stadion, Trainingsplätze, Pflegeräume und Arztpraxis - alles im Stadion. Bedingt natürlich durch die viel höheren Budgets als in der Schweiz. Hier arbeitet praktisch jeder Verein mit einem Jahresbudget von 40 bis 50 Millionen Franken. Fussballerisch, aber vor allem technisch und taktisch, sind Schweizer Fussballer besser geschult. Das macht man in Deutschland aber mit Selbstüberzeugung und einem eisernen Siegeswillen wieder wett. Das Wort "verlieren" gibts hier vor einem Spiel nicht. Und von Angst vor dem Verlieren wird sowieso nie gesprochen.

Eigenschaften, die auch Du angenommen hast?

R. W.: Rein fussballerisch ja. Da bin ich schon selbstbewusster geworden. Sonst hätte ich mich hier auch kaum durchsetzen können. Privat wollte ich mich aber bewusst nicht davon beeinflussen lassen. Ich hoffe, dass mir das weiterhin gelingt. Fürs Fussballspielen war dieser Schritt aber notwendig, sonst hast Du hier keine Chance.

Mit 22 Jahren bist Du bereits Millionär und fährst ein dickes Auto. Hat sich deshalb etwas in Deinem Leben verändert?

R. W.: An der ersten Pressekonferenz hier in Bremen lautete die erste Frage, ob ich nun des Geldes wegen hier spiele. Ich musste schon dort kategorisch verneinen. Ich versuche bewusst, den Bezug zum Geld nicht zu verlieren. Natürlich leiste ich mir mal etwas, dass sich ein anderer in meinem Alter nicht leisten kann. Das Geld werfe ich aber nicht zum Fenster hinaus. Ich halte mir immer vor Augen, woher ich komme. Ich hatte eine schöne Jugend mit durchschnittlichen finanziellen Mitteln zuhause. Nicht arm, nicht reich. Und ich war auch sehr glücklich dabei. Die Einstellung zum Geld ist für mich eine Frage des Charakters. Zurück zum Fussball.

Der FC Sitten spielt nur noch in der NLB. Im Wallis ist die Euphorie weg. Schmerzt Dich das?

R. W.: Ich empfinde gemischte Gefühle, wenn ich an den FC Sitten denke. Ich hatte eine sehr schöne Zeit dort und kehre vielleicht einmal wieder zurück. Aber der FC Sitten muss endlich wieder mit Walliser Spielern antreten. Bei uns gibt es genügend gute Spieler. Sonst kann sich unser fussballverrücktes Volk nicht mehr mit diesem Verein identifizieren. Sitten hat doch ein Wahnsinnspublikum gehabt. Ich denke nur an die Cupfinals...Ich hoffe, dass sie den Sprung in die NLA wieder schaffen. Stephane Chapuisat spielt wieder für eine Schweizer Klubmannschaft.

 

Wie ich heraushöre, möchtest auch Du wieder in unser Land zurückkehren, obwohl Chapuisat nicht ganz glücklich ist bei GC.

R. W.: "Chappi" hat acht Jahre lang jedes Wochenende vor 60 000 Zuschauern gespielt. Heute sind es noch 3000 Fans. Zudem hatten alle enorm hohe Erwartungen. Er hatte aber sicher seine persönlichen Gründe, diesen Schritt zu tun. Falls ich zurückkehre, weiss ich, dass man dann halt wieder kleinere Brötchen backen muss.

Mit 22 Jahren hast Du bereits drei Jahre Auslanderfahrung bei Bremen gesammelt. Wie lange willst Du noch hier im hohen Norden spielen?

R. W.: Ich bin sehr offen für Neues und würde auch gerne neue Länder und Kulturen kennenlernen. Am liebsten ein Land im Süden: Frankreich, Spanien oder Italien. England wäre für einen Fussballer natürlich auch interessant. Ich wechsle aber nur, wenn sich ein seriöser Verein meldet, dessen Trainer mich auch ganz klar will. Ansonsten weiss ich, was ich hier in Bremen habe: ein familiäres und sehr seriöses Umfeld. Zu weit planen kann man in unserem Business nicht.

Also doch noch nicht genug vom kalten Norden?

R. W.: Ich fühle mich wirklich sehr wohl hier. Im Fussball geht oftmals alles sehr schnell. Vielleicht spiele ich in einem Jahr irgendwo, wo es noch dunkler und viel kälter ist (lacht).

Gabs in diesen drei Bremerjahren auch Negativerfahrungen?

R. W.: Ich habe seit Beginn praktisch jedes Spiel gespielt. Aus dieser Sicht bin ich auch sehr zufrieden. Schwierig war aber die Zeit unter Trainer Felix Magath. Bei ihm konnte ich überhaupt nichts richtig machen. Da hatte ich eine Zeit lang auch gesundheitliche Probleme. Die Psyche hat sich in dieser Situation auch auf den Körper ausgewirkt. Das war vielleicht bislang die schwierigste Zeit in meiner Karriere. Aber ich habe daraus auch gute Sachen mitnehmen können.

Was wäre aus Raphael Wicky eigentlich geworden, wenn er heute nicht Fussballprofi wär?

R. W.: Ich hätte sehr gerne studiert. Sprachen interessierten mich seit jeher. Handwerklich bin ich nicht begabt, also wär ich wohl ins Kollegium gegangen. Aber ich bin bereits mit sechzehn Jahren in den Profifussball reingerutscht. So hat sich diese Frage damals eigentlich gar nie richtig gestellt.

Als kleiner Junge hast Du aber schon davon geträumt, Fussballstar zu werden?

R. W.: Ich war als Kind täglich am "tschutten" und schaute den andern beim Training zu. Dabei träumt man dann halt schon mal davon, selber ein guter Fussballer zu werden.

Hast Du den Entscheid schon einmal bereut?

R. W.: Nein, keine Sekunde. Ich erlebe die jetzige Zeit wohl anders als meine Alterskollegen, was sowohl Vor- als auch Nachteile hat. Aber es macht mir Spass und ich möchte mit niemandem tauschen.

Dein Leben ist zur Zeit vom Erfolg verwöhnt. Du kannst das Dasein als Star geniessen. Einmal wird aber die Entscheidung anstehen, mit dem Fussball aufzuhören. Hast Du Dir schon Gedanken über diese Zukunft gemacht?

R. W.: Natürlich macht man sich da seine Gedanken. Es gibt viele ehemalige Fussballer, die heute ihr Leben nicht in den Griff kriegen, weil sie nicht mehr im Rampenlicht stehen. Ich glaube aber nicht, dass mir das Probleme bereiten wird. Ich werde dorthin zurückkehren, wo meine Wurzeln sind. Zu meiner Familie und zu meinen Freunden. Dort möchte ich dann ein normales Leben führen. Vielleicht sogar als Sportlehrer tätig sein. Auf jeden Fall freue ich mich auch auf diese Herausforderung.

Was vermisst Du am meisten vom Wallis hier in Bremen?

R. W.: Neben der Familie und den Freunden vermisse ich am meisten unsere Berge. An einem freien Tag fährt man irgendwo auf eine "Alpe" zum Wandern oder Entspannen. Das fehlt mir hier wirklich sehr. Hier spaziert man an einem freien Tag durch die Stadt und sitzt in einem Cafe´. Da wünsche ich mir dann, in den Bergen zu sein.

Du kannst Dir materiell viel leisten. Gibt es aber Träume, die Du noch verwirklichen möchtest?

R. W.: Primär hoffe ich, weiterhin gesund zu bleiben. Später wünschte ich mir eine "flotte" und gesunde Familie. Nach meinem Karriereende werde ich vielleicht noch eine Weltreise antreten. Obwohl ich als Fussballer oft unterwegs bin, sehe ich von diesen Ländern recht wenig. Aber bis dahin wird’s wohl hoffentlich noch ein Weilchen dauern.

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