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"34 Jahre lang Tür an Tür mit dem Papst"

Naters / Sie ist eine der ältesten Frauen in der Region und kann auf ein Jahrhundert zurückblicken, in dem sich die Ereignisse überschlagen haben. Im RZ-Interview gibt Maria Ruppen (98) von Naters Einblick in eine Zeit, als das Oberwallis noch ganz anders aussah, erinnert sich an 34 Jahre im Vatikan und sagt: "Ich würde alles nochmals genau gleich machen!"

Von Waldemar Schön
und German Escher

Frau Ruppen, in wenigen Tagen gehen wir ins neue Jahrtausend. Wie steht es mit Ihrer Festlaune?

Maria Ruppen: Jesses Maria, mit der ist es nicht mehr weit her. In meinem Alter mag man nicht mehr derart ausgelassen feiern. Früher war das noch ganz anders. Da liebte ich es, zu singen, zu musizieren und noch lieber zu tanzen und fröhlich zu sein. Heute bin ich zufrieden, wenn ich gut schlafen und jeden Morgen gesund aufstehen kann.

Also nichts mehr mit Tanzbein schwingen?

M. R.: (lacht) Das habe ich vor ein paar Jahren das letzte Mal probiert. Aber das hat dann nicht mehr so gut geklappt. Das Tanzen lasse ich seither lieber bleiben. Sie können auf ein Jahrhundert Leben zurückblicken.

Wie wird man so alt und bleibt trotzdem rüstig?

M. R.: Ich hab eben ‘solid gläbt’ und habe nicht über die Stränge geschlagen. Und ab und zu ein Glas Rotwein mag auch helfen, dass man alt werden kann.

Sie strahlen Zufriedenheit und Lebensfreude aus...

M. R.: ...was auch wichtig ist, um glücklich alt zu werden. Aber die Lebensfreude ist nicht mein Verdienst, da ist auch Vererbung im Spiel. Denn in meiner Familie waren eigentlich alle immer zufrieden. Hinzu kommt, dass ich das Glück habe, trotz meines hohen Alters gesund zu sein und in den eigenen vier Wänden leben zu können, vor allem auch, weil mich meine Tochter hervorragend unterstützt. Andere Leute in meinem Alter sind eben im Heim und warten auf den Tod. Es ist ein Geschenk des Himmels, dass ich mich jeden Tag am Leben freuen kann.

Sie sind 1901 in Termen geboren. Damals war das Wallis ein armes Land. Was sagt Ihnen die Erinnerung an damals?

M. R.: Das ist schon sehr lange her. Aber ich glaube, dass wir damals in Termen zufrieden waren. Natürlich waren die Leute arm. Aber man war zufrieden mit dem, was man hatte. Ich kann mich erinnern, dass während dem Ersten Weltkrieg im Pensionat das Brot rationiert war. Jeder Brotsack war mit dem Namen der Schülerin angeschrieben, um zu garantieren, dass alle Brot bekamen. Aber man kannte ja damals nichts anderes und so waren wir auch damit zufrieden.

Und wie fand damals die Jugend ihr Vergnügen? Discos gabs ja keine...

M. R.: Ich hab oft Musik gespielt. Mein Bruder blies Klarinette und ich spielte auf dem Hackbrett. Wir tanzten auch fürs Leben gern. So kann ich mich erinnern, dass mich ein junger Bursche zum Rekrutentanz einlud. Ich sagte ihm, dass ich darüber zuerst nachdenken müsse. Wenn er am nächsten Sonntag um fünf Uhr bei der Frühmesse da sei, könnte ich ihm mehr sagen. Und Punkt fünf Uhr in der Früh stand der Rekrut vor der Kirche und ich sagte ihm zu - allerdings ohne das Wissen meiner Eltern. Aber das ist ja heute auch nicht viel anders (lacht)!

Hat sich der Tanz wenigstens gelohnt?

M. R.: Oh, es war sicherlich schön. Aber das beste war, dass ich durch diesen Tanz meinen Mann kennenlernte. Der sah mich an dem Tag und ich hab ihn wohl beeindruckt. Denn ein paar Tage später sprach er mich auf der Strasse an. Als ich im folgenden Winter in Monte Carlo als Zimmermädchen arbeitete, schrieb ich ihm eine Karte und da hat es wohl so richtig, wie sagt man...

...gefunkt?

M. R.: Genau so!

Sie sagten Monte Carlo?

M. R.: Dort habe ich nach dem Ersten Weltkrieg zwei oder drei Winter lang als Zimmermädchen in einem vornehmen Haushalt gearbeitet. Wir waren drei Mädchen vom Brigerberg, die dort arbeiteten. Im Sommer kamen wir dann jeweils zurück, um den Eltern in der Landwirtschaft zu helfen.

Wie war das so als Mädchen vom Lande in Monte Carlo?

M. R.: Es war überwältigend. Alles war so gross und fremd. Aber wir haben uns sehr schnell eingelebt. Ich muss sagen, dass mir diese Erfahrung in Monte Carlo sehr geholfen hat, mich später in Rom zurecht zu finden.

1928 haben Sie geheiratet und gleich darauf gingen Sie mit Ihrem Mann nach Rom in den Vatikan.

M. R.: Mein Mann Uli ging als Hauptmann zur Schweizer Garde und war später über lange Jahre Gardekommandant-Stellvertreter. Insgesamt lebten wir 34 Jahre in Rom. Unsere drei Kinder sind dort geboren und aufgewachsen. Es war eine schöne Zeit mit vielen netten Leuten. Und 34 Jahre lang praktisch Tür an Tür mit dem Papst zu leben, ist ein ausserordentliches Geschenk.

Erzählen Sie weiter...

M. R.: Wird wurden damals oft von Botschaftern eingeladen, es gab Feste und Empfänge. (lachend) Einmal sass ich sogar neben der österreichischen Kaiserin Zita. Und die Audienzen bei den Päpsten sind tief in meiner Erinnerung eingegraben. Die sehr strenge Aufsicht innerhalb des Vatikans haben vor allem meine Kindern noch vor Augen. Das waren Zustände wie im Mittelalter. Wer von den Jungen abends um zehn Uhr nicht zuhause war und sich in der Stadt amüsierte, wurde aufgeschrieben und musste sich beim ‘Cardinale’ verantworten. Aber ich glaube, dass meine Kinder diese Verbote mit Hilfe netter Gardisten schon auch ab und zu umgangen haben (lacht verschmitzt).

Sie sprachen vorher von mehreren Päpsten?

M. R.: Ich habe in Rom vier Päpste erlebt. Und bei jeder Wahl hat sich innerhalb des Vatikans etwas verändert, wurden Vorschriften gelockert oder verschärft. Die Gegenwart des Papstes war immer zu spüren.

Und wie haben Sie den Zweiten Weltkrieg in Rom erlebt?

M. R.: Bis 1942 war die ganze Familie in Rom. Wir haben den Faschismus unter Mussolini und auch Hitler miterlebt. Als wir 1942 unseren jährlichen Sommerbesuch in Naters machten, konnte ich mit den Kindern nicht mehr zurück nach Italien. Erst nach Kriegsende, Herbst 1945, durften wir wieder nach Rom. Es gab Zeiten, da erfuhr ich monatelang nicht, wie es meinem Mann in Rom erging. Mit der Hilfe vieler netter Leute in Naters haben wir diese Zeiten gut überstanden. Aber eines ist wichtig: Die Zeit in Rom war wundervoll und ich möchte sie nicht missen.

Zurück ins Oberwallis: Was sagen Sie zum Thema Gardemuseum in Naters?

M. R.: Das war immer der Traum meines Mannes Uli, der sich dafür einsetzte, dass dieses Museum in Naters und nicht in Sitten zu stehen kommt. Leider hat es bisher nicht geklappt. Mit der vorgeschlagenen Lösung in der Judengasse wäre ich aber nicht einverstanden gewesen. Das müsste schon etwas anderes sein. Aber solche Dinge brauchen eben sehr viel Zeit.

Als Sie geboren wurden, gab es im Oberwallis keinen Strom und keine Autos. Fernsehen, Radio und Telefon waren noch nicht erfunden und von Computern keine Spur.

M. R.: Ich kann mich daran erinnern, als so um 1910 das erste Auto über den Simplonpass fuhr. Die ersten Züge der FO waren für uns Schulkinder ein Erlebnis. Da sind wir immer unterhalb Termen "uf ds Bord ga lüege, wie ds Bähnli isch ins Goms gfahru". Als wir im Dorf elektrisches Licht bekamen, war das für uns Kinder ein gewaltiges Erlebnis, den Lichtschalter zu betätigen. Und das Wasser im Haus zu haben, war eine grosse Errungenschaft - alles Dinge, die heute alltäglich sind und niemanden mehr interessieren. Man kann sich heute kaum noch vorstellen, dass es in einem Dorf wie Termen nur ein Telefon gab. Anfangs zwanziger Jahre war das aber so. Gabs einen Telefonanruf, musste man dem Telefonapparat hinterher laufen.

Und welche Erfindung war für Sie die Wichtigste?

M. R.: Sie werden vielleicht lachen. Aber in meinen Augen war für mich als Frau die Waschmaschine die wichtigste Erfindung. Wir haben in Rom lange von Hand gewaschen. Und die Waschtage waren jeweils die schlimmsten. Man musste im Vatikan Holz auftreiben, musste die Kessel anheizen und die Lauge bereit machen. Und dann gings mit harter Arbeit ans Waschen. Wir waren jeweils fix und fertig. Alle waren nervös - es war einfach ‘en gwaltigä Chrampf’. Und das fand mit der Waschmaschine ein Ende.

Was war in Ihren Augen das wichtigste Ereignis in diesem Jahrhundert?

M. R.: Sie werden vielleicht nochmals lachen. Aber trotz der grossen, guten und auch fürchterlichen Ereignisse in diesem Jahrhundert ist für mich persönlich ein Ereignis das wichtigste: Die Werbung meines Mannes um meine Hand. Das war die entscheidende Wende in meinem Leben. Denn ohne dieses Ereignis hätte ich kaum ein derart vielfältiges Leben gelebt.

Sie haben Kriege, Krisen, Krankheit, Tod und Katastrophen erlebt. Glauben Sie trotzdem, dass es eine höhere Macht gibt, die alles zum Besten wendet?

M. R.: Wissen Sie, es macht mir heute oft weh, wenn ich höre, dass junge Leute keinen Glauben mehr haben. Mein Glaube hat mich immer begleitet und ich habe nie daran gezweifelt, dass mich dieser Glaube gut durchs Leben führt. Die Lebensfreude und Zuversicht mit deren Hilfe ich so alt geworden bin, haben auch mit meinem Glauben zu tun. In Rom lebte ich sehr nahe bei der Kirche und ging jeden Tag zur Messe. Und heute bete ich täglich - das Gebet gehört zu meinem Leben dazu.

Wenn Sie auf Ihr langes Leben zurückblicken: Was würden Sie heute anders machen?

M. R.: Du meine Güte! Ich bin sehr zufrieden, wie sich mein Leben und das meiner Familie entwickelt hat. Ich bin auch dankbar dafür, dass ich immer gesund geblieben bin und ich noch immer zuhause in der warmen Stube sitzen kann. Ich kann das Leben noch geniessen - die Kleinigkeiten und die grösseren Sachen. Ehrlich gesagt: Ich wüsste nicht, was ich in meinem Leben anders hätte machen sollen.

Sie haben viele Menschen überlebt. Ganze Familien, die sie früher kannten sind heute tot. Kommt da nicht manchmal Schwermut auf?

M. R.: Das ist das Schicksal, wenn man so alt wird. Ich bin sicher nicht traurig, weil ich länger lebe als die meisten anderen. Solange ich gesund bin und das Leben weiterhin geniessen kann, bin ich dankbar für jeden Tag und freue mich am Leben.

Es gibt Menschen, die sagen, dass die Welt am 31. Dezember untergehen wird.

M. R.: Diese Angst mag ich nicht teilen, weil ich alles in die Hand Gottes gebe. Wenn es sein Wille ist, dass so etwas passiert, dann soll es geschehen. Aber Angst vor dem Weltuntergang habe ich wirklich keine.

Und was ist Ihr Wunsch für Weihnachten?

M. R.: Das ich gesund bleibe ... und vielleicht werde ich ja im neuen Jahrtausend noch Urgrossmutter.

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