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"Das Krafttraining hat mich vor dem Alkohol gerettet"

Brig / Seit kurzem ist er einer der stärksten Männer unseres Planeten. 245 Kilogramm drückte er mal so locker nach oben. Der Lohn: Weltmeistertitel im Bankdrücken und Weltrekord. Im RZ-Frontal äussert sich der Ausnahmeathlet René Imesch zu Wettkampf, Macho, Selbstbewusstsein und sagt: "Ohne Doping kein Spitzensport!"

Von Waldemar Schön
und German Escher

Wie fühlt man sich so als stärkster Mann der Erde?

René Imesch: Im Moment fange ich erst an, diesen Erfolg zu realisieren. Es ist aber ein unglaubliches Erlebnis, wenn man unter den stärksten Athleten der Welt als der Beste hervorgeht. Für mich ist dies die Krönung meiner sportlichen Laufbahn und ein grosser Wunschtraum ging in Erfüllung. Zusätzlich kann ich jetzt auch an den Schwarzenegger Classics teilnehmen, für die nur doppelte Weltmeister und Weltrekordhalter qualifiziert sind. Und das wir mein nächstes grosses Ziel sein.

Was für ein Aufwand steckt dahinter, Weltmeister zu werden und den Weltrekord zu brechen?

R. I.: Die meisten haben das Gefühl, dass ich jeden Tag hart trainiere. Und wenn ich den Leuten sage, dass ich in den letzten vier Monaten nur zweimal pro Woche trainiert habe, glauben sie dies fast nicht. Aber auch nach 17 Jahren Krafttraining kann mein Körper nicht mehr als zwei Trainings dieser Art pro Woche verkraften. Da werden etliche Tonnen gestemmt - und das immer mit meiner maximalen Kraft. Das fordert dem Körper das Letzte ab.

Schildern Sie doch den Weg zum Weltmeistertitel.

R. I.: Der Wettkampf geht mit maximal drei Versuchen sehr schnell über die Bühne. Man sagt sein erstes Gewicht an, drückt dieses und muss dann innert einer Minute sein nächstes Gewicht angeben. Je höher dieses Gewicht ist, desto später kommt man wieder an die Reihe. Man hat dann den Vorteil, dass die meisten Gegner schon vorher gedrückt haben. Mein erster Versuch war ungültig und da wurde ich schon etwas nervös. Aber die folgenden Versuche klappten und mit 245 Kilogramm hatte ich Weltmeistertitel und Weltrekord im Sack.

Das tönt auch nach Taktik?

R. I.: Bankdrücken ist der reinste Nervenkrieg. Und ich vermeide es an den Wettkämpfen immer, mich vorher mit anderen Athleten oder Betreuern zu unterhalten. Da wird mit allen Tricks gearbeitet, um die Gegner zu verunsichern: Falsche Höchstleistungen werden angegeben, unbekannte Athleten ins Spiel gebracht und anderes mehr. Wenn man bedenkt, dass jeder Athlet nur drei Versuche hat, können mangelnde Konzentration und Unsicherheit schwere Folgen haben.

Was war ausschlaggebend für Ihren Erfolg? Nur das harte Training oder hat sie der Herrgott auch mit anderen Vorteilen versehen?

R. I.: Man darf nicht vergessen: Hinter diesem Erfolg und meinem Körper stehen 17 Jahre hartes Training. Und trotzdem lernt man immer wieder hinzu. Denn ich musste in diesem Jahr erfahren, dass ich mehr Fortschritte mache, wenn ich weniger häufig trainiere. Und nun zum Herrgott: Der hat mich in der Tat sehr gut für diesen Sport ausgestattet. Meine Muskeln sind für den Kraftsport wie geschaffen. Fürs Laufen und lange Spaziergänge habe ich aber weniger übrig. Hinzu kommt, dass meine kurzen Arme ideale Hebelwirkung für diesen Kraftsport erzeugen.

Nun sind Sie Weltmeister und Weltrekordhalter. Ist es nicht manchmal langweilig und zermürbend, endlos Eisen gegen den Himmel zu stemmen und dann mit einer Superleistung in den Medien wenig wahrgenommen zu werden?

R. I.: Ich habe mich damit abgefunden, in einer Randsportart mit weniger Medienbeachtung meine Leistung zu erbringen. Mein Bekanntheitsgrad ist auch nicht die Motivation, diesen Sport auszuüben. Ein Beispiel: Andere Leute holen sich ihren Kick mit der Fahrt auf einer verrückten Achterbahn, lassen sich mit einem Katapult über die Dächer von Las Vegas schiessen oder springen an einem Gummiseil aus einer Seilbahngondel. Ich kann das nicht, weil ich in dieser Beziehung schon "en grossä Hoseschiisser" bin. Ich hole mir meinen Kick im Kraftraum. Wenn ich hohe Gewichte stemme, dann habe ich auch Adrenalinschübe. Der Kraftsport ist für mich wie eine Sucht.

Es gibt auch Leute die sagen, dass mit Muskelmasse fehlendes Selbstbewusstsein ausgeglichen werden soll.

R. I.: Das Krafttraining hat mich vor 17 Jahren vor dem Alkohol gerettet. Damals trank ich zuviel und meine Freundin, die heute meine Frau ist, stellte mich vor die Wahl: Entweder aufhören mit dem Alkohol oder Ende mit der Beziehung. Ich wählte meine Frau und der Kraftsport hat mir geholfen, den Alkohol hinter mir zu lassen. Aber ich habe es in meinem Fitnessstudio selbst erlebt, dass sich Leute mit wenig Selbstvertrauen nach einiger Zeit Krafttraining veränderten und eine andere Lebenseinstellung hatten. Das ist doch wunderbar, wenn ein Sport nicht nur dem Körper sondern auch dem Geist gut tut.

Sie haben sich gewaltige Muskelmassen antrainiert. Da kommt doch automatisch der Vorwurf: Wo versagt der Wille, hilft vielleicht die Pille?

R. I.: Ich predige nicht Wasser und trinke Wein in Sachen Doping. Ich muss unter ärztlicher Aufsicht mit solchen Stimulanzien arbeiten, damit meine Bänder, Sehnen und Gelenke die ungeheure Belastung überhaupt aushalten. Während dem Jahr braucht es diese Mittel nicht. Aber kurz vor dem Wettkampf ist die Trainingsintensität so hoch, dass schnell eine Verletzung auftreten kann. Und dann war der ganze Aufwand für die Katz. Gefährlich wird es dann, wenn ohne ärztliche Aufsicht gearbeitet wird. Ein Beispiel: Ein junger Oberwalliser Langläufer kommt mit einem Beutel zu mir. Er habe dieses Mittel genommen und sei auch viel stärker geworden. Aber seine Ausdauer sei zusammengebrochen. Was ich davon halte, war seine Frage. In diesem Beutel befand sich ein Anabolika, das auch schon Ben Johnson zum Verhängnis wurde. Und dieser Langläufer hatte keine Ahnung von der Wirkung dieses Präparates. In der Unwissenheit lauert die Gefahr.

Also ist der Dopingvorwurf im Kraftsport berechtigt?

R. I.: Nicht nur im Kraftsport, im gesamten Spitzensport ist Doping an der Tagesordnung. Sogar Schwinger lassen sich von Spezialisten beraten und gewinnen dann auch. Ab und zu bleibt ein Grosser in der Dopingkontrolle hängen. Aber die besten Mittel sind ja gar nicht nachweisbar. Kommt hinzu, dass man durch die Dopingkontollen schlüpfen kann.

Und wie?

R. I.: Indem man zum Beispiel fremden Urin verwendet. Frauen füllen ein Kondom mit fremdem Urin und verstecken das Ganze in der Scheide. Und schwups, ist man durch die Kontrolle. Als dieser Trick entdeckt wurde, ging man sogar dazu über, fremden Urin in die eigene Blase zu spitzen. Ich habe dies bei Athleten schon selbst beobachtet.

Sie haben ein offenes Verhältnis zu Doping. Sind Sie für die Legalisierung von Doping?

R. I.: Ich bin der Meinung, dass es nur von der ärztlichen Betreuung abhängt, ob Doping gut ist oder nicht. Legalisieren sollte man es trotzdem nicht. Aber eines ist klar: Auf der einen Seite sind die Jäger und auf der anderen Seite die Gejagten. Und die Gejagten sind meistens schneller. Wenn mal einer geschnappt wird, so taucht ein Arzt auf, der bestätigt, dass dieser Sportler Asthmatiker ist und das Mittel braucht oder dass dieses Mittel nur zu Therapiezwecken gespritzt werden musste. Solche ‘Dopingfenster’ gibt es viele.

Wir leben in einer Gesellschaft, die den fitten Körper zur Religion erhebt. Geht dieser Drang nicht manchmal zu weit und schlägt ins Gegenteil um, macht eher krank als gesund?

R. I.: Hier gibt es nur eines: Eine gesunde Fitnessclubphilosophie mit gezielter Beratung. Es gibt Leute, die wollen jeden Tag ins Studio. Denen rate ich davon ab, denn sie sollen sich langsam steigern und nicht nach einem halben Jahr die Nase voll haben. Natürlich gibt es auch diejenigen, die den Sport ins Extreme steigern. Jeden Tag Fitness verbunden mit Magersucht und Boulemie ist ein tödlicher Cocktail. Aber hier einzuwirken, ist fast nicht möglich. Und da schlägt die Sportwelle ins Gegenteil um.

Was schlagen Sie Otto-Normalverbraucher vor, um sich in Form zu halten?

R. I.: Das Wichtigste ist die gute Ernährung und dann muss einfach Bewegung her. Aber man sollte sich langsam steigern und nicht gleich das Gefühl haben, dass man mit täglichem Training weiterkommt. Vor allem junge Leute neigen zum Übertreiben. Und die muss man dann ab und zu bremsen. Denn es ist mit dem Sport wie mit dem Alkohol oder dem Tabak: Nur zuviel davon ist ungesund.

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