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"Ich bi kei speziellä Fan vam Muetertag!"

Simplon-Dorf / Bei Sturm und Nacht zog sie auf der Simplonsüdseite fast 30 Jahre lang los, wenn sie ans Kindbett gerufen wurde. Zum Muttertag blickt die 79-jährige Hebamme Magdalena Zenklusen ("die va där Chrizgassa") aus Simplon-Dorf auf ihr Leben zurück, das viel Freude, aber auch Trauer und Tragik gesehen hat.

Von Waldemar Schön
und German Escher

So früh im Jahr schon oben auf der Alpe?

M. Z.: Hier auf Alpije, hoch über der Gondoschlucht, fühle ich mich wohl und lebe von Mai bis November. Hier habe ich meine Tiere, Geissen, zwei Esel und meine Katze, die ich versorge und die mich immer beschäftigen.

Sie selbst haben zwar keine Kinder. Aber auch als ledige Hebamme hat der Muttertag sicherlich eine spezielle Bedeutung?

M. Z.: ‘Ich bi kei speziellä Fan vam Muetertag!’ Ich habe eine etwas andere Vorstellung davon. Was nützt es denn, wenn einmal im Jahr alle nett zu ihrer Mutter sind, mit Blumenstrauss und Torte aufkreuzen und Komplimente machen? Die Blumen verdorren, die Torte ist schnell gegessen und die Komplimente vergessen. Und dann stellt sich wieder der Alltag ein. Der Muttertag müsste im Alltag umgesetzt werden. Kinder und Ehemänner sollten sich so verhalten, dass jeder Tag ein Muttertag ist. Am Muttertag gibt es ein grosses Tamtam und an den anderen Tagen ist sie dann nur zum Putzen, Waschen und Kochen da. Früher gab es keinen Muttertag. Der wurde bloss aus Amerika importiert und ist heute in erster Linie eine Geschäftemacherei.

Hat man denn früher die Eltern mehr geschätzt als heute?

M. Z.: Wenn früher die Mutter erkrankte, erhielt die Tochter schulfrei, um daheim zu helfen. Heut ist das kaum noch möglich. Zudem dünkt mich, dass es heute ‘dene junge Techtere’ auch nicht drum getan ist, den Eltern zuhause zu helfen. Uns wurde damals in der Schule beigebracht, die Eltern zu ehren und ihnen immer zur Hand zu gehen. ‘Vatter und Mueter gehnd fir.’ Heute ist das anders. Da geht es nur noch drum ‘z kompiuterlu’. Aber wer die damaligen Zeiten nicht erlebt hat, kann dies nicht verstehen. Als ich Ende der Vierziger nach Simplon-Dorf zurückkam, hatten im Dorf nur gerade die zwei Hotels fliessend Wasser. Alleine die Wäsche war damals eine gewaltige Arbeit und man hatte ja nichts. Wer eine Landwirtschaft hatte, konnte seine Familie schon durchbringen. Aber viele andere mussten das Tal verlassen. Würde ein junger Mensch von heute in die damalige Zeit versetzt - er würde umgehend zum Dieb verkommen.

Wie vielen Kindern haben Sie auf die Welt geholfen?

M. Z.: Am 2. November 1949 habe ich auf der Simplon Südseite zum ersten Mal eine Geburt alleine betreut. Insgesamt habe ich so an die 285 Kinder auf die Welt geholt. Was im Vergleich nicht viel ist. Denn ich war nur auf der Simplonsüdseite tätig und da wohnten ja nicht viele Leute. Schön ist, dass ich zu allen noch lebenden Frauen Kontakt habe, deren Geburten ich begleiten konnte. Es gibt etliche Familien, wo ich bei der Geburt aller Kinder dabei war - das Höchste waren wohl sieben Geschwister.

Waren darunter auch welche, die man heute zur regionalen oder gar nationalen Prominenz zählt?

M. Z.: Ach was, Prominenz! Wir waren damals alle gleich prominent, denn niemand besass ja etwas. Wir waren doch mehr oder weniger alles ‘Chueschwanzpfleger’ (lacht).

Und wie kamen Sie zum Beruf der Hebamme?

M. Z.: Die Gemeinde Simplon hat mich damals gefragt, ob ich diese Tätigkeit für sie ausüben könnte. Ich arbeitete damals in Bern in einem Spital und wollte eigentlich Krankenschwester werden. Das ging dann aber leider nicht und so traf ich den Entscheid, in St. Gallen die Ausbildung zur Hebamme zu machen und dann in die Heimat zurückzukehren.

Der Sprung ins kalte Wasser?

M. Z.: Oh ja! Denn während dem letzten Kurs in St. Gallen verliess mich der Mut ob all den Vorschriften und den möglichen Fehlern, die einer Hebamme unterlaufen können. Ich wollte gar nicht mehr zurück. Doch meine Ausbildnerin liess nicht locker und machte mir mit dem Rat Mut, mich im Wallis bei dem Arzt zu melden, der sich vor allem um die Simplonsüdseite kümmere. Also kam ich mit Sack und Pack in Brig an, lief direkt nach Naters zu Dr. Peter und klagte ihm mein Leid, als unerfahrene Hebamme Angst vor dem Versagen zu haben. Dieser lachte nur und sagte zu mir: ‘Wenn jemand kommt und meint, er oder sie wisse besser als die Hebamme, was zu tun sei, so werfen sie diese Person zum Haus hinaus und tun sie genau das, was sie in der Hebammenschule gelernt haben." Diesen Rat habe ich befolgt und bin damit immer gut gefahren. ‘Bi mier hets de kei Schlamperie gigä.’

Wie waren denn damals die Verdienstmöglichkeiten?

M. Z.: Das ist schnell erzählt: Pro Geburt gab es 60 Franken und darin eingeschlossen war die Pflege während 10 Tagen.

Das ist ja fast um Gottes Lohn gearbeitet?

M. Z.: Das mag sein. Und wenn ich nicht bei meinen Eltern gewohnt und im Haushalt mitgeholfen hätte, hätte es nicht einmal für ein paar Strumpfhosen gereicht. Aber trotzdem war ich zufrieden und es geht mir heute auch gut. Heute muss nur möglichst viel hereinkommen, um möglichst viel auszugeben. ‘Z Gäld isch runds, äs trohlt!’ Aber eines möchte ich betonen: Bei den heutigen Gesetzen würde ich nicht mehr Hebamme werden!

Wieso das?

M. Z.: Weil heute die Voruntersuchungen bei Müttern darauf hinauslaufen, das beseitigen zu können, was nicht normal ist. Das ist doch nichts anderes als Mord. Und hinter solchen Sachen könnte ich niemals stehen, weil ich anders erzogen worden bin. Bundesrätin Metzler hätte es in der Hand gehabt, die Abtreibungspille zu verhindern. Aber nein, da wird genau das Gegenteil gemacht. Ich habe genügend medizinische Zeitschriften gelesen, um zu wissen, dass über kurz oder lang sogar die Sterbehilfe gesetzlich verankert sein wird. Diese ‘Exit-Gesellschaft’ hat ja lange genug darauf hingearbeitet. Und was wird das Resultat von Abtreibung und Sterbehilfe sein? Man wird das aus dem Weg schaffen, was einem nicht passt.

Also aus ethischen Gründen würden sie den Beruf der Hebamme nicht mehr erlernen?

M. Z.: Genau! Denn sonst sehe ich keinen Grund. Ich hatte eine schöne Zeit als Hebamme und möchte diese Zeit nicht missen. Ich habe viele schöne Kontakte mit den Menschen der Region gehabt.

Haben Sie Beispiele?

M. Z.: Tja, das Problem besteht darin, dass vor allem die tragischen Ereignisse im Gedächtnis eingeprägt werden. Wenn einem die Mutter nach der Geburt des Kindes fast wegstirbt und man um ihr Leben kämpfen muss, dann sind das bange Momente. Aber ich hatte Glück und musste nie den Tod einer Mutter bei der Geburt beklagen. Aber Kinder, die bei der Geburt starben, waren schon dabei. Und das ist hart.

Und wie bringt man einer Mutter bei, dass sie kein lebendes Kind im Arm halten kann?

M. Z.: Eine Mutter ist ja nicht dumm! Sie hört ja auch hin und will den Herzschlag hören, wo keiner zu hören ist. Sie merkt ganz genau, was los ist. In solchen Momenten muss man als Hebamme stark sein und nicht sentimental werden. Man muss der Mutter die Sache erklären. Da gibt es keine grossen Tröstungslitaneien. Denn ändern kann man ja sowieso nichts.

Und was halten Sie davon, dass heute die Väter bei der Geburt mit dabei sind und Hand anlegen?

M. Z.: Ach was! Da haben die Männer früher anders mit angepackt. Jemand musste ja der Hebamme bei der Hausgeburt helfen: Wasser kochen, bei der Geburt unterstützen und so weiter. Heute wird ein viel zu grosses Tamtam veranstaltet. Und auch das ganze Theater mit verschiedenen Geburtsarten im Wasser oder auf irgendwelchen Gestellen ist nicht viel nutz. Eine Geburt ist doch das Normalste auf der Welt und kein Grund für Firlefanz.

Haben sich denn in Ihren Augen auch die Frauen verändert?

M. Z.: Oh ja! Heute reden die Frauen doch nur noch von Selbstverwirklichung, wollen studieren, voll erwerbstätig und unabhängig sein. ‘We z Wiibevolch es bitzji normaler täti und mit weniger z friede wäri, gäbis weniger Scheidigä und Chind uf der Gasse’. Kinder, die haschen oder stehlen, sollten doch heute bei Müttern mit dieser Schulbildung nicht mehr vorkommen - oder nicht?

Es könnte ja auch der Mann den Haushalt besorgen?

M. Z.: ‘Heret mer üif mit dem Mannevolch!’ Fangen Sie einmal an, hier aufzuräumen oder den Boden zu wischen. Ich möchte sehen, wieviel dann ein Mannsbild noch wert ist. ‘Guet, äs git natiirli öi Schlargä va Froiwu.’ Aber eine Frau gehört zu ihrem Kind und basta!

Sie machen trotz ihrer 79 Jahre den Eindruck einer sehr aktiven, informierten und aufgeweckten Frau. Und ihre Bettlektüre scheint auch eher philosophischer Natur zu sein ...

M. Z.: Obwohl ich oft alleine bin, fühle ich mich nie einsam und mir ist auch keine Sekunde langweilig. Was ich aber nicht mag, ist dieser Dorfklatsch - dem gehe ich aus dem Weg. Im Sommer schaue ich auf der Alpe zum Vieh meines Bruders. Ich lese viel und mein Tiere beschäftigen mich immer. Meine Geissen, meine zwei Esel und meine Katze halten mich immer auf Trab. Das ist mein Hobby. Und dann reise ich sehr gerne und schaue mir die Welt an: Indien, Spanien, Portugal und in etlichen anderen Ländern bin ich schon gewesen.

Sie haben viele Kinder auf die Welt geholt. Hat es sie nie gereut, nicht selbst einmal ein Kind bekommen zu haben?

M. Z.: (lacht) Nein! Denn ich habe nie das Verlangen gespürt, verheiratet zu sein und Kinder zu haben. Glauben Sie mir: Mit fast 300 Geburten konnte ich meinen Muttertrieb vollauf befriedigen.

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