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"Wir Walliser wissen, wo unsere Wurzeln sind !" St. Niklaus / Sparren / Für viele war er der Inbegriff des FC Sittens oder des Wallisers schlechthin: Jean-Paul Brigger. Hoch über seinem Heimatdorf St. Niklaus, auf der Alpe Sparren, sprach er bei einem Glas Muscat mit der RZ über Fussball, die FIFA, sein mögliches Engagement als Assistenztrainer von Nati-Coach Enzo Trossero und seine Heimatverbundenheit. Von Adrian Arnold und German Escher Hoch oben in den Bergen. Weit weg von Ihrem neuen Arbeitsplatz Zürich. Ist dies der ideale Ort für Sie, um sich vom Stress des FIFA — Jobs zu erholen? J.-P.B.: Absolut. Hier kann ich abschalten. Zurück in der Natur, in den Bergen tritt der Mensch in den Hintergrund. Da merk ich, dass wir uns nicht so wichtig nehmen sollten. Hier kann ich mich wirklich super erholen. Man liest immer von Jean — Paul Brigger und der FIFA. Was ist ihre genaue Aufgabe im Weltfussballverband? J.-P.B: Ich arbeite für die beiden Abteilungen Technik und Entwicklung, wo es sich rein um den Fussball und nicht um Administratives handelt. Wir erstellen ein Buch mit Statistiken aus dem Verlauf von Turnieren, wie zum Beispiel der Klub-WM. Zudem arbeite ich am Projekt "Goal" mit. Hier werden die allerärmsten Verbände mit Geld und Aufbauhilfe unterstützt. Erst kürzlich war ich dafür in Bosnien. Fussball ist heute Business, oftmals verbunden mit wahnsinnig viel Geld. Sie waren eine Galionsfigur im Schweizer Fussball, als die Summen noch irdisch waren. Werden sie beim Zurückdenken nicht nostalgisch? J.-P-B.: Meine Frau sagt immer, "schau nicht zurück". Ich denke aber gerne zurück. Es war damals eine andere Zeit. Ich kann keinem Spieler böse sein, wenn er Millionen verdient. Dies ist das Gesetz des Marktes. Und wenn wir heute Profis wären, wir nähmen das Geld auch. Was war denn zum Beispiel beim FC Sitten anders, als sie noch mit Bregy, Cina oder Lopez einen Teil des Wallis verkörperten? J.-P.B.: Die Verbindung zum Publikum, zum Walliser Volk war da. Montags hatten wir immer unseren freien Tag. Wohin wir dann auch fuhren, ins Goms oder in irgendein Dorf im Unterwallis, sassen sich Leute zu uns an den Tisch, freuten oder litten mit uns, redeten schon vom nächsten Spiel, dass sie auch wieder dabei sein würden. Das war eine unglaubliche Stimmung. Etwas, das man mit dem heutigen Geld niemals bezahlen kann. Was ist Ihre persönlich schönste Erinnerung an diese Zeit? J.-P.B.: Ohne Zweifel die Cup — Finals mit dem FC Sitten. Das ist vom Gefühl wahrscheinlich vergleichbar, wie wenn die Schweiz Weltmeister würde. Es gab niemals etwas Grösseres. Die Emotionen, die Stimmung Wochen vor dem Spiel, die Aufmunterungen der Kollegen. Da wusste ich: "Der Bächer chunnt heim!" In solchen Momenten spielst du nie für dich. Da willst du nur noch diesen Leuten eine Freude machen. Das war phantastisch. Pflegen sie noch Kontakt zu den Spielern der damaligen Mannschaft des FC Sitten? J.-P.B.: Im Leben geht man früher oder später getrennte Wege. Einige von uns sind immer noch im Fussball tätig. Wie zum Beispiel Bregy, Richard, Geiger oder In-Albon. In Sitten könnte man heute von der kleinsten Mannschaft bis zu den Profis ehemalige Spieler in den Trainerstab nehmen. So wie Bayern München. Aber der Prophet im eigenen Lande gilt ja bekanntlich nichts. Sie sind noch heute in der Deutschschweiz der Inbegriff des urchigen Wallisers und stehen auch dazu.. Was macht denn für sie den Charakter des Wallisers aus? J.-P.B.: Jeder von uns hat gelernt, mit der Natur zu leben und immer auf dem Boden zu bleiben, auch wenn man Grund zum Abheben hätte. Der Walliser ist arbeitsam, ausdauernd und stolz. Und er hat vor allem feste Wurzeln. Wir wissen, wo unsere Wurzeln sind. An einem Baum mit guten Wurzeln kann man rütteln und stossen, wie man will, er fällt nicht. Und man kann ihm den Spitz oder die Hälfte wegschneiden, er strahlt immer noch, weil ihn seine Wurzeln tragen. Das unterscheidet uns von den anderen. Damals wurden sie unter Enzo Trossero (neuer Nati-Trainer, Red.) Schweizer Meister und Cup-Sieger. Vom Aussehen und seiner Art werden sie oft mit ihm verglichen oder gar verwechselt. Jetzt werden sie möglicherweise sein Assistent bei der Nationalmannschaft... J.-P.B.: ...was noch absolut in der Schwebe liegt. Ich war zwar eben erst für vier Tage bei ihm in Buenos Aires und bin wirklich erschrocken. Als ich noch sein Spieler war, hab ich diese Ähnlichkeit noch weniger gespürt. Natürlich haben mich die Leute damals oft auf unsere Gemeinsamkeiten angesprochen. Aber jetzt hab ich noch ein paar Kilos zugelegt und es ist wirklich unglaublich. Auch in seiner Art wirkt die Ähnlichkeit fast ein bisschen unheimlich auf mich. Wir haben wirklich sehr viel voneinander. Nachdem wir uns acht Jahre nicht mehr gesehen hatten, wars letzte Woche so, als hätten wir jeden Tag gemeinsam erlebt. Die Voraussetzung für das Amt als Assistenztrainer könnten also nicht besser sein... J.-P.B.: Von dieser Seite her gesehen ganz sicher. Aber ich muss mir die ganze Sache wirklich gut überlegen. Diese Aufgabe kostet wahnsinnig viel Energie. Von der FIFA wär ein Doppelmandat möglich. Ich weiss aber nicht, ob ich samstags auf der Trainerbank sitzen könnte und montags darauf wieder im Büro für die FIFA arbeiten könnte. Ich bin zu emotional. Ich kann mich nicht nur 50 Prozent für etwas einsetzen. Ich mag keine halben Sachen. Und mit dieser Lösung wär ich weder hier noch dort hundertprozentig einsatzfähig. Wann werden Sie sich entscheiden? J.-P.B.: Das wird sicher schon bald der Fall sein. Aber zur Zeit ist noch alles offen. Die Schweizer Nationalmannschaft ist gespickt von jungen Talenten, die international gross rauskommen könnten. Die Mannschaft hat also durchwegs Perspektiven für die Zukunft. Also eine interessante Aufgabe, dort Assistenztrainer zu sein. Stört es sie aber, nur der zweite Mann zu sein in diesem Trainerstab? J.-P.B. Absolut nicht. Ich hab lange genug meinen Kopf hingehalten. Und zudem: Trossero sieht mir ja so ähnlich, da wüsste man sowieso nicht, wer wer ist...(lacht laut). Nein, die Mannschaft hat wirklich ein Riesenpotential. Jetzt müsste einfach noch ein Stürmer richtig explodieren. Ich hätte schon vorher gerne einen Job beim SFV angenommen. Jetzt hat sich aber meine persönliche Situation mit dem Engagement bei der FIFA doch wesentlich verändert. Vor einem Jahr wär ich dafür noch zu Fuss nach Bern gelaufen... Was wär denn das Interessante an einem Job als Assistenztrainer? J.-P.B.: Ich könnte zum Beispiel von der emotionalen und mentalen Seite viel näher auf einen Spieler eingehen als der Cheftrainer. Ihn in diesem Bereich aufbauen und unterstützen. Der Assistent macht die Arbeit im Hintergrund, und die kann oftmals interessanter sein, als vorne den Kopf hinzuhalten. Also das wär eigentlich schon auf mich zugeschnitten. Die Europameisterschaft geht an diesem Wochenende los. Sie haben den Fussball in Europa noch näher kennengelernt. Wer ist ihr Favorit für dieses Turnier? J.-P.B.: Holland ist mein absoluter Favorit, wenn sie nicht vergessen, die Tore zu schiessen. Vom spielerischen her sind sie wirklich Klasse. Vielleicht manchmal ein bisschen zu verspielt. Frankreich zähle ich auch zu den engeren Favoriten.Aber Holland wär ein würdiger Europameister. Und Deutschland? J.-P.B.: Eine typische Turniermannschaft. Aber im Moment sind sie noch keine verschworene Truppe. Im letzten Herbst sah ich sie beim Confederations Cup in Mexiko. Da hätte ich keinen Rappen auf diese Mannschaft gewettet. Katastrophal. Unter ihrem Niveau. Aber wenn die Stunde X schlägt, sind sie wieder da. Trotzdem glaub ich nicht, dass sie über den Viertelfinal hinwegkommen, trotz ihrer Killermentalität. Woher kommt diese Killermentalität, die international oftmals den kleinen Unterschied ausmacht, und die gerade uns Schweizern fehlt? J.-P.B.: Bei uns ist der Fussball nicht gleich gut angesehen wie eben in Deutschland. Als ich zum ersten mal Vater wurde und mich die Spitalreceptionistin nach meinem Beruf fragte, antwortete ich: "Fussballprofi". Als sie dann noch wissen wollte, was ich sonst noch mache, war mir alles klar...Dazu kommen natürlich noch andere Faktoren wie Medien oder Zuschauer. Da staut sich dann beim Spieler etwas zusammen, das ihn zu Höchstleistungen trägt. Von Europas Fussballwelt zurück in ihre Heimat. Was bedeutet ihnen ihr Heimatdorf und Wohnsitz St. Niklaus? J.-P.B.: Meine Kollegen in der Deutschschweiz fragen mich immer: Was willst du in diesem Loch? Aber die werden das nicht verstehen. Hier bin ich aufgewachsen, hab meine Jugend verbracht. Hier war ich immer glücklich. Mein ganzes Leben basiert auf diesem Fundament, das man wahrscheinlich Heimat nennt. Für meine Frau und mich war immer klar, nach St. Niklaus zurückzukehren. Dieses Dorf bedeutet mir Ruhe und Sicherheit. Hierher kann ich jederzeit zurückkehren, auch wenn’s mir mal "dreckig" ergeht. Hier bin ich nicht der Fussballer, hier bin ich einfach der Jean-Paul. |