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"Ich ging in Leukerbad durch den Tunnel meines Lebens"

Visp
/ Er kennt die Details um die Affären in Leukerbad wie kein zweiter.
Obwohl jetzt die Gesellschaften in Leukerbad mit wenigen Ausnahmen auf
guten Wegen sind, zieht Leukerbad-Sanierer Peter Furger eine bittere Bilanz:
Hätte die Walliser Regierung das erste Sanierungskonzept nicht ohne Alternative
blockiert, wäre der Schaden wesentlich geringer.
Von German Escher
und
Waldemar Schön
Peter Furger, wenn Sie heute entscheiden könnten: Würden Sie den Job
als Sanierer von Leukerbad nochmals übernehmen?
Peter Furger: Mit Sicherheit ist es ein sehr interessanter Job,
sieben Gesellschaften mit über 300 Angestellten und 40 Millionen Umsatz
pro Jahr zu führen und zu sanieren. Wenn ich aber das gesamte Ausmass
der Hindernisse im Fall Leukerbad betrachte, würde ich mich heute mit
dem Entscheid für diesen Job bedeutend schwerer tun. Vor allem da ich
ab dem Zeitpunkt der Einsetzung der Kommissäre und der strafrechtlichen
Ermittlungen gegen bestimmte Personen zwar sachlich, aber nicht mehr politisch
der richtige Mann für diesen Fall war.
Das
tönt etwas bitter?
P. F.: Ich bleibe dabei: Es ist ein interessanter Job. Aber ich
ging in Leukerbad durch den Tunnel meines Lebens, durch die dunkelste
Zeit meiner beruflichen Tätigkeit. Erstens wurde ich mit Tatsachen und
Entwicklungen konfrontiert, die ich so nie erwartet hätte. Und zweitens
hatte ich dadurch das Gefühl, einen steten Kampf gegen Windmühlen zu führen.
Etwas deutlicher, bitte?
P. F.: Die Tatsache, dass der Kanton damals eingegriffen hat und
den Vorschlag zu einem Sanierungskonzept, das in intensiver Zusammenarbeit
mit dem Steuerungsausschuss der Banken erarbeitet wurde, blockiert hat
ohne eine Alternative aufzuzeigen, war ein harter Schlag. Es wurde uns
vorgeworfen, die Gesellschaften "auf dem Buckel der Gemeinde" zu sanieren.
Heute stelle ich nicht ohne Befriedigung fest, dass man viel weiter wäre,
wenn man unser damaliges Sanierungskonzept und die Diskussionen mit den
Banken weiterverfolgt hätte. Bei diesem Konzept wäre z.B. die Gemeinde
Leukerbad Hauptaktionär der sanierten Gesellschaften geworden und ein
nicht unwesentlicher Teil der Kredite an die Gesellschaften wäre ihr erhalten
geblieben.
Was
heisst das in Zahlen?
P. F.: In Zahlen ist das schwierig auszudrücken, da es in Leukerbad
sofort um grosse Beträge geht. Die Konsequenz ist, dass die Mehrheit der
Gesellschaften statt zu "Fortführungswerten" saniert nun über die Veräusserung
der Aktiven "liquidiert" wird. Die Differenz geht in die zweistelligen
Millionenzahlen. Kommt hinzu, dass durch die Untergrabung der Gemeindegarantie
und die Blockierung der Emissionszentrale allen Walliser Gemeinden grösserer
Schaden entstanden ist.
Der
Kanton als Sündenbock für das Leukerbad-Dilemma?
P. F.: So kann man es nicht sagen. Aber Tatsache ist, dass die
Feuerwehr nicht gerade optimal funktioniert hat. Der Kanton stützte sich
nur auf seine Experten, die zum Teil materiell verfehlte Aussagen machten.
Beispiel: In Bezug auf die Torrentbahnen stellte der kantonale Wirtschaftsexperte
fest, dass diese kein Sanierungsfall seien. Mit dieser Aussage im Bericht
der Geschäftsprüfungskommission wurde ein 1. Sanierungsanlauf jäh gestoppt.
Trotzdem mussten wir die Torrentbahnen — in der Folge unter erschwerten
Bedingungen - von 37 auf 20 Millionen Ertragswert sanieren. Oder weiter
im Blick auf die heutige Situation des Beirates Coradi, der kürzlich den
quasi Totalverlust von Krediten und Aktienkapital auf der Ebene der Munizipalgemeinde
erklären musste — der an uns gerichtete Vorwurf hat sich nun dramatisch
zulasten des Staates und seiner Akteure gedreht. Mir fehlt heute immer
mehr das Verständnis für die Art, wie wir vom Staat Wallis blockiert wurden,
ohne dass eine Lösung aufgezeigt worden ist.
Versteckt
der Kanton etwas oder ist es eine persönliche Abrechnung mit Ihnen?
P.
F.: Das ist weder ein Verstecken noch eine persönliche Abrechnung
mit mir. Tatsache ist sicher, dass der Kanton vor einem Problem stand:
Anerkennt er eine gewisse Verantwortung in Leukerbad und ist er zu einem
finanziellen Beitrag zur Sanierung bereit oder nicht. Der Kanton entschied
sich für die Variante "keine Verantwortung" und damit gegen eine gemeinsame
Lösung mit den Finanzgläubigern, mit dramatischen Konsequenzen für die
übrigen Walliser Gemeinden und den Tourismus.
Die da wären?
P. F.: Das eherne Prinzip der "Gemeindegarantie" ist zerschlagen
und der Imageschaden für den Kanton und die Walliser Gemeinden ist riesig.
Gemeinden erhalten nur noch unter erschwerten Bedingungen neues Geld von
den Banken. Bestehende Kredite werden mit höheren Zinsen belastet, weil
das Vertrauen in viele Gemeinden verloren gegangen ist und das Wallis
in Sachen Kreditwürdigkeit irgendwo zwischen Sizilien und dem Sudan eingereiht
wird. Diese Zinsen bedeuten für die Gemeinden jährlich Millionen von Mehrkosten.
Hätte
also die Walliser Regierung in Leukerbad eine Verantwortung anerkannt
und hätte in den Geldsack gegriffen, wäre dies für die öffentliche Hand
billiger gewesen als die heutige Situation?
P. F.: Im Rückblick trifft dies sicher zu. Zumindest hätte eine
offene Diskussion mit den Banken nicht blockiert werden dürfen. Wir haben
früh genug auf die nationale Dimension des Problems Leukerbad hingewiesen.
Wichtig ist aber nun, wie das Bundesgericht auf die Verantwortlichkeitsklagen
der Finanzgläubiger reagieren wird. Sieht das Bundesgericht beim Kanton
Wallis im Fall Leukerbad eine Mitverantwortung, wäre das ein "Supergau"
für die Walliser Politik. Denn dann ginge durch das Verhalten der Walliser
Regierung nicht nur ein Sanierungskonzept zu Bruch sondern auch die Gemeindegarantie
den Bach runter und die Gemeinden und touristischen Leistungsträger würden
mit höheren Zinsen zur Kasse gebeten. Hinzu kommt dann noch, dass der
Kanton Teile der Finanzlöcher in Leukerbad stopfen müsste. Ich hoffe für
das Wallis, dass dies nicht geschieht.
Was
geht heute in Ihnen vor, wenn der Dorfplatz von Leukerbad für ein Butterbrot
an Ausländer geht?
P. F.: In erster Linie bin ich froh, dass wir in Leukerbad professionelle
Partner erhalten, woher die auch immer kommen. Aber als Walliser blutet
mir mein Herz, dass wir als Tourismuskanton, in dem wir uns Tourismusprofis
nennen, nicht im Stand sind, dieses Problem selber zu lösen. Das zeigt
mir, dass unser Walliser Tourismus unter extremen Strukturproblemen leidet.
Auf der anderen Seite ist es zumindest eine Genugtuung, dass jetzt diejenigen
Betriebe, welche nach unserem Modell saniert wurden, eigenständig wieder
in Fahrt kommen, während die übrigen in Konkurs sind, oder kurz davor
stehen.
Die
Rede ist von der LLB...
P. F.: ...wo wir bereits im Herbst 1998 ein Modell vorlegten, das
auch zuerst abgelehnt, dann aber doch umgesetzt wurde. Hier mussten die
Aktiven nicht wie in anderen Gesellschaften veräussert werden. Das Aktienkapital
blieb der Burgergemeinde und den übrigen Kleinaktionären vollumfänglich
erhalten. Der Betrieb wurde restrukturiert und heute ist man auf guten
Wegen.
Für laute Nebengeräusche sorgen die ebenfalls sanierten Torrentbahnen.
P. F.: Die Torrentbahnen sind ein weiteres Beispiel für einen Betrieb,
wo wir nicht gezwungen werden konnten, die Bilanz zu deponieren. Und heute
kann ich sagen, dass alle Unterschriften unter einem Sanierungsvertrag
stehen. Das Aktienkapital musste zwar gesenkt werden. Aber kein Aktionär,
auch nicht die Gemeinde, musste über die Klinge springen. Was mich aber
persönlich schmerzt ist die Tatsache, dass eine Hotel- und Bädergesellschaft
in den Konkurs gehen muss und deren Aktiven veräussert sind und damit
die Aktionäre alles verlieren, obwohl der Sanierungsbedarf um einiges
geringer war als bei den Torrentbahnen. Der Untergang der Hotel- und Bädergesellschaft
als älteste Schweizer Tourismus-Aktiengesellschaft ist eine bittere Niederlage
für den Walliser Tourismus.
Zurück
zur Torrentbahn und der Kritik aus Albinen...
P. F.: Das Beispiel Leukerbad hat nach aussen das Signal gesetzt,
dass wir im Wallis anscheinend nicht in der Lage sind, derart grosse Betriebe
zu führen. Daher müssen wir nun dafür sorgen, dieses Vertrauen bei den
Geldgebern, die viel Geld verloren haben, wieder zurück zu gewinnen. Wir
müssen sicherstellen, dass wir unsere Bergbahnen aus eigener Kraft erhalten
und wirtschaftlich betreiben können. Berappten früher noch die Gemeinden
Defizite, Sanierungen und Investitionen, sind diese Zeiten vorbei. Das
heisst, dass die Leistungen der Bahnen zumindest kostendeckend sein müssen.
Was beim Sommerbetrieb Flaschen und Maressen nicht der Fall ist. Ohne
Massnahmen häuft sich hier wieder ein Defizit an, das denjenigen Recht
gibt, die dem Wallis in Sachen wirtschaftlichem Führen von Betrieben nicht
mehr vertrauen. Ein Teufelskreis, der übrigens nicht nur bei den Torrentbahnen
so funktioniert, sondern auch bei anderen Bergbahnen im Wallis.
Damian
Bumann spricht als Vizepräsident der Walliser Bergbahnen davon, dass Bergbahnen
fusionieren müssen?
P. F.: Ich bin derselben Meinung. Ich selbst habe zum Beispiel
die drei Bahnen des Saastals eingeladen, eine engere Zusammenarbeit, eine
Fusion anzustreben. Denn es ist doch sinnlos, drei Direktionen, Verwaltungen
und technische Dienste auf so engem Raum zu betreiben. Die Lösung dieser
Strukturprobleme ist eine gewaltige Aufgabe für die Zukunft. Wenn wir
im Wallis nicht in der Lage sind, diese Strukturprobleme selbst zu lösen,
werden wie in Leukerbad fremde Vögte diese Arbeit für uns übernehmen.
In diesem Sinn kann Leukerbad positive Auswirkungen haben, so schmerzlich
die Erfahrung auch ist.
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