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"Das Spiel mit Grenzerfahrungen ist faszinierend"

Zermatt / Wer aufs Matterhorn will, kommt an ihm nicht vorbei. Kurt
Lauber, Hüttenwart der Hörnlihütte, nimmt Stellung zum Berg der Berge,
zu Risiken, Erlebnissen und Tragödien im Alltag des Wächters vom Matterhorn.
Von Tamara Locher
und Waldemar Schön
Der
Berg ruft: Ist das für Sie Schlagwort oder sind Sie süchtig nach dem Berg
der Berge?
Kurt Lauber: Fels ist Fels und Schnee ist Schnee - darin ist jeder Berg
gleich. Was das Matterhorn speziell macht, sind die unterschiedlichsten
Leute, die diesen Berg besteigen. Wenn man als Hüttenwart täglich mit
Menschen aus der ganzen Welt zu tun hat, ist das eine besondere Aufgabe,
die ich dem Berg zu verdanken habe.
Dieser
Berg hat eine gewaltige Anziehungskraft, auf gute und weniger gute Bergsteiger.
Hüttenwarte müssen einen Bart haben und mächtige Unterarme, um den Suppenlöffel
schwingen zu können. Sie scheinen nicht diesem Urtyp zu entsprechen...
K. L.: ... und bin auch froh drum. Denn nicht jeder Bergler und Naturmensch
muss gleich dem Almöhi oder irgendwelchen Filmgestalten gleichen.
Das Hüttenleben stellt man sich romantisch vor. Ist das auch ein
Fehlurteil?
K. L.: Wenn die Hörnlihütte mit rund 180 Gästen voll ist, bleibt die Hüttenromantik
schon auf der Strecke. Und auch sonst hat Hüttenwart in erster Linie mit
Arbeit zu tun. Von halb vier Uhr in der Früh bis abends um 22 Uhr ist
man in der Hochsaison ständig auf den Beinen, weckt die Leute, organisiert
die Mahlzeiten, nimmt Reservationen entgegen, unterhält sich mit den Bergsteigern
und gibt auf alle möglichen Fragen Auskunft. Wir sind zwar sieben Leute
auf der Hörnlihütte, aber Verschnaufpausen sind in der kurzen Saison von
Juli bis im Herbst eher selten und die Nächte sind sehr kurz.
Was halten Sie vom Stau am Matterhorn, von dem ungebrochenen Run
auf diesen Berg?
K. L.: Wenn man von 350 Matterhornstürmern pro Tag spricht, ist dies eine
Fantasiezahl. Aber für die meisten Bergsteiger führt eben kein Weg am
Matterhorn vorbei und irgendwann will man hinauf. An Spitzentagen stehen
dann 130 Personen auf dem Gipfel. Die Verhältnisse sind allerdings auf
dem Hörnligrat ziemlich eng und man kann nur schlecht ausweichen oder
überholen. Aber von Stau am Matterhorn kann kaum die Rede sein.
Haben
Sie als Zermatter nicht das Gefühl, das Matterhorn werde fürs Geschäftemachen
missbraucht?
K. L: Natürlich wird der Berg vermarktet und auch oft für Dinge missbraucht,
die mit Bergsteigen nichts zu tun haben. Das sehen auch wir Bergführer
mit einem unguten Gefühl. Durch die ganzen Werbeauftritte geht der Respekt
vor dem Matterhorn verloren. Man muss sich bewusst sein: Seit der Erstbesteigung
haben sich viele Tragödien an diesem Berg ereignet, vor denen man als
Bergsteiger die Ehrfurcht nicht verlieren sollte. " Der Respekt vor dem
Matterhorn geht verloren" Tausende Touristen, berggängige und weniger
berggängige, werden pro Saison auf das Matterhorn geschleppt.
Es heisst auch, das beliebteste Wort der Bergführer am Matterhorn
sei "hüh und hopp", weil man möglichst viele raufbringen will?
K. L.: Rund ein Drittel der Matterhornbesteiger macht dies mit einem Bergführer,
der Rest ist alleine unterwegs. Aber weil der Raum auf dem Grat beschränkt
ist, hat die Eile nicht mit dem Geschäft, sondern mit der Sicherheit zu
tun. Denn am Berg ist die Zeit ein Sicherheitsfaktor. Wer ohne Führer
unterwegs ist, kommt sehr schnell von der Route ab und kann einen Steinschlag
verursachen. Daher beeilen sich die Bergführer am Morgen, um mit ihren
Gästen dieser Gefahr aus dem Weg zu gehen. Ob dies allerdings mit "hüh
und hopp" geschieht, wage ich zu bezweifeln.
Acht bis zwölf Menschen verlieren pro Jahr am Matterhorn ihr Leben.
Gibt Ihnen das manchmal zu denken?
K. L.: Natürlich gibt mir das zu denken. Es ist tragisch, wenn ich mit
einem Bergsteiger am Morgen rede und am Nachmittag wird er tot aus der
Wand geflogen. Aber man muss sich als Hüttenwart mit der Zeit daran gewöhnen,
dass nicht alle vom Berg zurückkommen. Trotz aller Vorsicht bleibt ein
Restrisiko, dass jeder selbst tragen muss. Neben den Todesfällen gibt
es pro Saison zwischen 40 und 50 weitere Unfälle. Ob ein Unfall tödlich
ist, hat dann oft nur noch mit Pech oder Glück zu tun.
Ist das Matterhorn ein Killerberg?
K. L.: Viele Leute sagen, das Matterhorn sei ein gefährlicher Berg. Dadurch,
dass er oft bestiegen wird, gibt es auch viele Unfälle. Denn nicht der
Berg ist das Problem, sondern die vielen Bergsteiger machen den Berg gefährlich.
Bergunfälle sind auch oft ein gefundenes Fressen für die Medien?
K. L.: Mit Journalisten habe ich auf der Hörnlihütte oft zu tun. Da gibt
es zwei Sorten: Diejenigen, die sich ernsthaft mit dem Alpinismus auseinandersetzen
sind kein Problem. Wer aber nur auf einen Unfall wartet, um möglichst
blutige Sensationsbilder zu machen, bereitet mir Sorgen. Solchen Journalisten
fehlt der nötige Respekt vor einem tragischen Schicksal.
Geben
Sie den Leuten als erfahrener Bergsteiger auch Tipps mit auf den Weg?
K. L.: Gute Bergsteiger hören eher auf meine Tipps. Aber unerfahrenen
Bergsteigern den Aufstieg auszureden, bringt nichts. Wenn die auf der
Hütte sind, wollen sie auch auf den Berg. Mit der Zeit habe ich es aufgegeben,
solchen Leuten Ratschläge zu erteilen.
Beispiele?
K. L.: Die Seilhandhabung ist am Matterhorn sehr wichtig . Und wenn man
diese nicht beherrscht, wird es prekär. Trotzdem gibt es Leute, die in
der Hütte am Morgen zuerst den Bergführern zusehen, wie sie sich und ihre
Gäste anseilen, um zu wissen wie es funktioniert. Da muss ich mich zurückhalten,
sie nicht selbst anzuseilen. Sonst würde ich mich schuldig fühlen, wenn
etwas passiert. Denn wie gesagt: Trotz aller Unkenntnis lassen sich diese
Leute den Aufstieg nicht ausreden.
Wie sieht es mit den ‘Turnschuhalpinisten’ aus?
K. L.: Das war früher ein grösseres Problem als heute, weil viele, auch
erfahrene Alpinisten, das Gefühl hatten, das Matterhorn sei über den Hörnligrat
auch mit Wander- oder Turnschuhen leicht zu erreichen. Das stimmt bei
weitem nicht. Das Problem heute ist, dass unerfahrene Bergsteiger ihre
Unkenntnis hinter einer Top Ausrüstung verstecken. Turnschuhalpinisten
habe ich in den letzten Jahren keine mehr gesehen.
Sie sind auch erfahrener Bergretter: Ärgert es Sie nicht, wenn sich
Retter in Gefahr begeben müssen, um den Leichtsinn einiger Bergsteiger
auszulöffeln?
K. L.: Es ist sehr ärgerlich, wenn man jemandem von der Nordwand abrät,
und diese Person später unter Gefahr aus einer misslichen Lage befreit
werden muss. Aber mit der Zeit lernt man, die Bergrettung als Job zu sehen,
der gemacht werden muss. Zudem ist man ja freiwillig bei der Bergrettung.
Sie
selbst sind ja auch Wandler zwischen Leben und Tod mit Himalajaerfahrung.
Was ist der Kick, sich am Berg an der Schwelle von Leben und Tod zu bewegen?
K. L.: Durch Grenzsituationen lernt man sich am besten kennen. Nur so
kann man erfahren, wie weit man gehen kann. Das Spiel mit Grenzerfahrungen
ist faszinierend. Was aber noch lange nicht heisst, dass man hirnlos Kopf
und Kragen riskiert. Wissen muss man eines: Bergsteigen ist ein Risiko.
Der Mensch bewegt sich in einem Gelände, für das er nicht geschaffen ist.
Die Gefahr lässt sich nur bis auf ein Restrisiko reduzieren - damit muss
ein Bergsteiger an jedem Berg leben.
Möglichst viele Acht-tausender, möglichst viele Viertausender an
einem Tag, die höchsten Berge aller Kontinente besteigen: Was halten Sie
von dieser Rekordjagd?
K. L.: Ein Skifahrer oder ein Läufer schauen auf die Zeit und vergleichen
diese mit andern Skifahrern und Läufern. Ähnlich ist es auch beim Bergsteigen.
Ich persönlich habe nichts gegen dieses Wettrennen um die meisten Gipfel
und anderes mehr. Man muss selbst wissen, wie weit man gehen will.
Sind Sie dieser Rekordjagd auch verfallen?
K.L.: (nachdenklich) Ich glaube nicht ... obwohl ... wenn ich die Nordwand
des Matterhorns durchsteige, schaue ich vielleicht auch auf die Zeit und
freue mich, wenn ich nicht länger brauche als einer meiner Kollegen. Es
ist halt schwer zu sagen, wo die Rekordjagd beginnt. Entscheidend ist,
dass man sich und andere dadurch nicht unnötig in Gefahr bringt.
Haben
Sie am Berg schon einmal Todesangst ausgestanden?
K. L.: Todesangst nicht unbedingt. Aber ich habe Situationen erlebt, bei
denen es verdammt knapp war. Und ich habe Kollegen, die nach solchen Erlebnissen
den Beruf des Bergführers an den Nagel gehängt haben.
Sind Sie auch geflüchtet, denn Sie sind ja seit fünf Jahren Hüttenwart
...
K. L.: ... führe aber trotzdem noch regelmässig und besteige das Matterhorn
oft. Aber natürlich nicht mehr so oft wie früher. Eine Flucht ist das
sicherlich nicht. Ausserdem ist Bergführer ein sehr harter Job. Und je
älter man wird, desto anstrengender wird das Ganze. So gesehen ist Hüttenwart
für mich eine ideale Kombination, wo ich der Natur und den Bergen nahe
sein kann.
Gibt
es für Sie eine Alternative zum Berg der Berge?
K. L.: Ich sage nie, dass das Matterhorn der schönste Berg im Wallis ist.
Jeder Berg ist für sich faszinierend und hat seine speziellen Reize. Weisshorn,
Zinalrothorn oder Bietschhorn sind wunderbare Gipfel, die dem Matterhorn
in nichts nachstehen. Wenn Sie mit den Bergen meine Beziehung zur Natur
ansprechen, so ist klar, dass ich kaum in einer Stadt leben könnte. Ich
brauche die Natur um mich - dass können die Berge sein, gegen das Meer
hätte ich aber auch nichts einzuwenden.
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