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"Wer Aids hat, stirbt nicht an Alterschwäche"

Oberwallis
/ 38 Jahre alt, Oberwalliser, klug, attraktiv, lacht viel, ist schwul
- und hat jeden Tag Schmerzen. Denn er hat seit zwölf Jahren Aids. Das
sind die Angaben zu dem Mann, der unter Zusicherung von Anonymität Stellung
nimmt zu Ausgrenzung und Feindlichkeit, die ihm im Oberwallis begegnen.
Ein Schicksal, das aufrüttelt und zu denken gibt.
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zum Thema Aids
Von
Waldemar Schön
Du willst anonym bleiben. Weshalb diese Vorsicht?
Damit sind wir schon mitten im Thema. Wenn es nur um mich ginge, würde
ich meine Identität sofort preisgeben. Aber meine Familie würde grosse
Probleme bekommen, wenn ich mit Gesicht und Namen in der Zeitung unter
dem Titel ‘Schwul und Aids-krank’ erscheinen würde.
Inwiefern?
Meine Familie hat Angst vor den Reaktionen der Leute auf der Strasse,
wenn bekannt wird, dass es da einen schwulen und Aids-kranken Bruder gibt.
Meine Brüder würden sich sogar von mir abwenden und mich ausgrenzen. Sie
schämen sich meiner. Damit die Gesellschaft mich und meine Familie nicht
mit Verachtung straft, halte ich meine Krankheit unter dem Deckel. Ich
weiss nicht, ob alle Leute im Wallis so denken, wie unser Skias Pirmin
Zurbriggen, der Aids als Strafe Gottes ansieht. Denn wer sich so äussert,
ist in meinen Augen ziemlich krank. Aber Tatsache ist, dass die Leute
so gut wie nichts über das Thema Aids wissen - oder nicht wissen wollen.
Du wirst nicht direkt auf Deine Krankheit angesprochen?
Leider praktisch nie. Denn erstens verdrängen die Leute mich und meine
Krankheit aus ihrem Leben. Und zweitens entspreche ich wohl nicht dem
Bild eines Aids-Kranken, der sich abgemagert und voller roter Flecken
durchs Dorf schleppt. Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Leute förmlich
auf diese Krankheitszeichen warten, um sich zu überzeugen, dass ich wirklich
Aids habe. Vielleicht gehe ich auch nicht offen genug auf die Leute zu.
Aber da muss ich eben Rücksicht auf meine Familie nehmen. " Die Ablehnung
des Dorfpfarrers ist für mich etwas sehr Grausames"
Das
heisst, dass Dir im erzkatholischen Wallis nicht gerade viel Nächstenliebe
entgegenkommt?
Ich habe das Gefühl, dass der Glaube für viele Leute im Umgang mit Aids
und Schwulsein ein grosses Problem ist. Die Ablehnung des Dorfpfarrers
ist für mich etwas sehr Grausames. Obwohl ich sehr gläubig erzogen worden
bin und diesen Glauben bis heute nicht verloren habe, darf ich mich in
der Messe kaum blicken lassen. Und das nur, weil ich schwul oder krank
bin. Und ein anderer Priester im Oberwallis schickte mich im Pfarrhaus
von Zimmer zu Zimmer, nur um nicht mit einem Schwulen und Aids-Kranken
gesehen zu werden. Ohne sich für mich Zeit zu nehmen sagte er am Schluss:
‘Kommen Sie, wenn es soweit ist. Sterbehilfe werde ich Ihnen schon gewähren.’
Die Kirche lehnt uns offen ab und der gute Samariter ist dort noch keinem
von uns begegnet.
Das
tönt nach Einsamkeit?
Die Einsamkeit ist das Schlimmste und bringt mich fast um. Denn ich habe
hier kaum Freunde und ich gehe kaum aus dem Haus. Der Kontakt zu den Kollegen
in Zürich wird auch immer weniger. Einzig mit zwei oder drei Frauen habe
ich hier engen Kontakt. Denn die Leute verstehen nicht, dass ich mir das
Schwulsein nicht ausgewählt habe, sondern dass dies eine Laune der Natur
ist. Man kann dies nicht unterdrücken - eines Tages will die Natur ihr
Recht. Ich kenne Männer im Oberwallis, die Frau und Kinder haben und schwul
sind. Diese Männer richten grosses Leid an, nur um den Ansprüchen der
Gesellschaft gerecht zu werden.
Die Gesellschaft gibt Dir deutlich zu verstehen, dass sie Dich nicht
will und dass Du nur Ballast bist. Kann man das überhaupt lange aushalten?
Ausgegrenzt zu werden ist sehr hart. Ich bin doch nicht weniger wert als
ein anderer Mensch. Denn ich war immer ehrlich zu den Leuten und habe
nie etwas zu verstecken versucht. Ich möchte doch nur als das akzeptiert
werden, was ich bin: Ein Mensch wie jeder andere auch. Aber ich habe lernen
müssen, dass dies nicht der Fall sein wird. Also verdränge ich es.
Und das gelingt auch?
Manchmal ja, manchmal nein. Als ich mich vor zwölf Jahren mit Aids infizierte
und nach einem Test davon erfuhr, habe ich mich gehen lassen, weil ich
nirgends einen Halt hatte und keinen Ort hatte, wo ich verstanden wurde.
Drogen, Alkohol - ich habe gelebt wie ein Schwein. Erst mit der Zeit musste
ich einsehen, dass es so nicht geht. Aber es gibt immer wieder Tage, wo
ich still für mich weine und mich nach dem Sinn meines Lebens frage. Dann
wünsche ich mich am liebsten auf den Mond. Ich habe auch zweimal versucht,
mich mit Tabletten umzubringen. In solchen Phasen braucht man die Hilfe
eines Psychiaters. Ohne das wäre ich nicht mehr aus dem Loch gekommen.
Du
warst lange in Zürich, wo mit Aids anders umgegangen wird. Weshalb kommst
Du zurück ins Wallis, in ein kleines Bergdorf?
Das ist eine gute Frage, die aber schnell beantwortet ist. Der Grund dafür
ist meine Mama, mit der mich eine sehr enge Beziehung verbindet. Ohne
meine Mama könnte ich nicht sein. Als mein Vater starb, war für mich der
Fall klar, dass ich im Oberwallis bleibe, solange sie lebt. Sie ist eine
wunderbare Frau. Für Mama würde ich durchs Feuer laufen.
Und wie denkt sie über Deine Krankheit?
Meine Mama akzeptiert, dass ich Aids habe. Sie weiss über die Krankheit,
über die Ansteckung und über die Folgen Bescheid. Sie macht sich halt
sehr viele Sorgen um mich.
Dein
Äusseres entspricht nicht dem Bild, dass man von einem Aids-Kranken hat.
Wie äussert sich die Krankheit bei Dir?
Direkt nach der Ansteckung hat es mich ziemlich erwischt, konnte zum Teil
fast nicht mehr laufen. Aber mit der Zeit, so in den ersten acht Jahren,
benötigte ich keine Medikamente. Ich war zwar anfällig für alle möglichen
Infektionen. Aber das war nicht weiter schlimm. Erst vor vier Jahren haben
sich die Symptome gehäuft, die ich am Anfang hatte. Seither nehme ich
Medikamente gegen Aids. Aids sucht sich immer die schwächste Stelle im
Körper aus und schlägt dort zu. Bei mir ist das der Darm. Hinzu kommen
Migräneanfälle und Infektionen in den Füssen. Ich erlebe keinen Tag ohne
Schmerzen.
Du
siehst gesund aus und erhältst eine Rente ...
... für die ich zwei Jahre lang hart kämpfen musste und die für die meisten
Leute im Dorf ein Problem ist. Denn hinter meinem Rücken wird gemunkelt,
dass ich nur simuliere, um zu profitieren. Für die Leute im Dorf müsste
ich mit Krücken herumlaufen, damit sie meine Krankheit begreifen. Es ist
doch fast pervers, einen Aids-Kranken wegen seiner IV-Rente zu beneiden.
Ich wünsche mir manchmal, meinen Körper mit jemand anderem tauschen zu
können, nur um ihm zu zeigen, wie ich mich fühle und mit welchen Schmerzen
ich lebe.
Und
was erhält Dich bei all diesen Problemen am Leben?
Meine Mutter hält mich am Leben. Sie ist mein ein und alles. Sie hat schon
so viel durchgemacht. Nach dem zweiten Selbstmordversuch habe ich meiner
Mutter versprochen, so etwas nie mehr zu tun. Was ich verspreche, das
pflege ich zu halten. So schnell lasse ich mich nicht mehr unterkriegen.
Kommen
wir zurück zu Aids. In der Schweiz scheint dies kein Thema zu sein und
die Leute haben das Gefühl, Aids sei besiegt?
Das ist ein gewaltiger Trugschluss. Im Oberwallis gibt es 20 bis 30 Aids-Kranke.
Das scheint wenig zu sein. Aber die Walliser mit Aids in der Ausserschweiz
und die unerfassten Fälle sind darin nicht enthalten. Millionen von Menschen
sind in den letzten zehn Jahren weltweit an Aids gestorben. Was viele
nicht wahrhaben wollen: Aids ist keine Schwulenkrankheit mehr. Das Aids-Virus
wird heute in der Schweiz unter heterosexuellen Partnern häufiger übertragen
als unter Schwulen und Drogenabhängigen. Und das Wichtigste: Aids ist
eine tödliche Krankheit und nicht heilbar. Mit Aids stirbt man nicht an
Altersschwäche. Mit Medikamenten kann der Tod durch Aids nur hinausgezögert
werden. Diese Medikamente sorgen für eine falsche und tödliche Sicherheit.
Inwiefern?
Junge Leute schützen sich nicht mehr beim Sex, weil sie das Gefühl haben,
Aids sei mit Medikamenten heilbar oder nur Schwule und Drögeler würden
Aids-krank. So ein Quatsch. Aids ist heute in allen Gesellschaftsschichten
und Gruppen verbreitet. Kommt hinzu, dass es auch Menschen gibt, die Aids
aus Rache oder Verzweiflung wissentlich weitergeben. Nicht jeder denkt
wie ich. Denn für mich ist seit meiner Ansteckung klar: Kein Sex mehr!
Denn ich hätte Angst, jemand trotz geschütztem Sex anzustecken.
Du hast das Gefühl, über Aids werde zuwenig gesprochen? Genau!
Und die Leute wissen auch zuwenig darüber. Als ich mit der Aids-Hilfe
Oberwallis Kontakt hatte, fragte ich auch nach Oberwalliser Selbsthilfegruppen,
wie sie in Bern oder Zürich und auch im Unterwallis bestehen. Das Resultat
war gleich Null. Es gibt keinerlei Aufklärungskampagnen im Oberwallis,
die den Leuten erklären, was Aids ist und vor allem den Jungen eine Botschaft
vermitteln: Schützt euch um Himmels Willen mit Parisern beim Sex. Denn
wie gesagt: Aids ist überall und die Folge ist immer der Tod. Ich habe
das Gefühl, dass Aids im Oberwallis totgeschwiegen wird. Im Moment sind
die Ansteckungen in der Schweiz rückläufig. Aber das kann sehr schnell
ändern. Wenn die Leute sich nicht mehr schützen, kann Aids auch bei uns
sehr schnell epidemische Ausmasse annehmen.
Welche
Rolle spielt die Aids-Hilfe Oberwallis?
(nachdenklich) Die hat mir zwar finanziell etwas geholfen. Aber in Sachen
Selbsthilfegruppen und Aufklärung läuft gar nichts. Es gibt Stimmen innerhalb
der Aids-Hilfe Oberwallis, die es auf den Punkt bringen: Man müsste dort
ein paar Köpfe auswechseln.
Was
hast Du für einen Wunsch, wie Dir die Leute im Oberwallis begegnen sollen?
Einfach normal, wie jedem anderen Menschen gegenüber auch: Mit mir reden,
über meine Krankheit mit mir sprechen, mich nicht schneiden und mir den
Rücken zudrehen. Kurz gesagt: Lasst mich einfach Mensch sein!
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