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"Vielleicht bin ich als Pfarrer ein bunter Hund"

Saas Grund / Er jodelt, predigt auch schon mal mit Clownpuppe und grünen
Haaren. Jean-Pierre Brunner ist ein etwas anderer Pfarrer - und stösst
damit bei Bischof und Priesterschaft nicht immer auf Gegenliebe. Der Pfarrer
von Saas Grund spricht offen über Unehrlichkeit, Ausgrenzung und Priesterneid
in der Kirche.
Von Waldemar Schön und
German Escher
Sie haben betroffen auf das letzte RZ-Interview mit einem aidskranken
Oberwalliser reagiert. Weshalb?
Jean-Pierre Brunner: Das ganze Interview hat bei mir starke Betroffenheit
ausgelöst. Und vor allem der Satz, dass Schwulen und Aidskranken der gute
Samariter in der Kirche noch nicht begegnet sei, hat mich schockiert.
Denn eine Kirche, die Menschen wegen ihrer Andersartigkeit ausgrenzt,
ist nicht meine Kirche. Einen Priester, der Aidskranke und Schwule ablehnt,
kann ich nicht verstehen. Wer von Barmherzigkeit und Nächstenliebe predigt,
ist unehrlich, wenn er dann persönlich Menschen, die Hilfe benötigen,
zurückweist. Das ist nicht mein Bild des Priesterseins.
Das da wäre?
J.-P. B.: Eben nicht ein Idealbild zu sein, eine Person, die alles weiss
und für jedes Problem eine Lösung hat, sondern mit den Menschen zu leben
und sie zu begleiten. Ich versuche als Priester in erster Linie Mensch
zu sein, mit allen Leuten meiner Pfarrei mitzugehen und sie mit religiöser
Hilfe zu unterstützen. Dabei setze ich mich nicht bloss für die ‘etablierten
Gläubigen’ ein, was meinen Mitbrüdern nicht immer gefällt. In ihren Augen
sitze ich wohl zu wenig im Pfarrhaus und kümmere mich zu wenig um die
weissen Schafe.
Krankheiten wie Aids werden ja auch als Strafe Gottes aufgefasst?
J.-P. B.: Aids ist hundertprozentig keine Strafe Gottes. Krankheiten und
Unfälle haben mit ‘Strafe Gottes’ nichts zu tun. Das sage ich den Menschen
in meiner Pfarrei immer wieder. Ich selbst hatte vor zwei Jahren einen
schweren Autounfall, vor dem mich das Priesteramt auch nicht zu schützen
vermochte. Damals habe ich erlebt, wie wichtig es ist, wenn man von anderen
Menschen durch diese schwierige Zeit getragen wird. In meinem Fall waren
das die Pfarrkinder und meine Verwandten. Als Priester ist es meine Aufgabe,
anderen auch zur Seite zu stehen - ob dies nun Ungläubige, Gläubige oder
Aidskranke sind. Mein Auftrag als Pfarrer geht weiter, als mich nur auf
Predigt, Spenden der Sakramente und Religionsunterricht zu beschränken.
Sie
haben schon mit grünen Haaren und Clownpuppe gepredigt und haben in einer
Bar als Barkeeper gewirkt. Damit sind Sie kaum auf der Linie der meisten
Priester?
J.-P. B.: Nicht unbedingt. Aber jeder Priester ist in seiner Pfarrei ziemlich
frei. Und bis sich der Bischof oder die anderen Priester einschalten,
braucht es sehr viel. Jeder hütet sich, im Revier des anderen zu wildern.
Mir wurde einmal gesagt, Pfarrer seien wie Bauern: Wenn auf dem Hof des
anderen die Viehseuche ausbreche, freue man sich. Selbst hingegen lasse
man nur die besten und schönsten Kühe auf die Weide. Und hier liegt wohl
auch eines der Probleme unter den Pfarrern verborgen. Man schaut zu fest
auf die Arbeit des anderen und vergisst dann manchmal, dass man die Arbeit
nicht für sich selbst, sondern für Gott macht. Natürlich ist es ein Lob
für mich, wenn meine Kirche voll ist. Aber in erster Linie arbeite ich
für Gott und die Menschen und nicht für mich. A propos Barkeeper: Es war
eine gute Erfahrung, war aber eindeutig ein Schritt zu weit.
Sie
sind ein Vertreter der jungen Kirche, der gegenüber Reformen aufgeschlossen
ist. Hatten Sie niemals Probleme mit der Akzeptanz in Ihrer Gemeinde?
J.-P. B.: Ich habe meine Ecken und Kanten. Dazu stehe ich. Ich will nicht
allen nur lieb Kind sein. Ich muss manchmal anderen auf die Zehen stehen.
Die Menschen hier mussten sich an meine Art gewöhnen. Aber wenn ich sehe,
dass viele Leute wieder mit Freude ihren Glauben leben, so ist das für
mich ein Zeichen, die Pfarrei richtig zu führen. Vielleicht bin ich als
Pfarrer ein bunter Hund, weil ich Samariterlehrer bin, im Jodlerklub mitmache
und Snowboard fahre. Aber aufgepasst: Ich nable mich nicht von der Tradition
ab. Denn meine Wurzeln sind die selben wie die von jedem anderen Pfarrer.
Ich gestalte nur den Baum, der aus den Wurzeln wächst, etwas anders. Ich
bin auch nicht der einzige Pfarrer im Oberwallis, der einen neueren Stil
pflegt. Ich bin nicht der letzte Mohikaner der Oberwalliser Priester.
Ich fordere nicht, dass alle es so machen wie ich. Jeder soll seinen Seelsorgestil
leben, solange er persönlich voll dahinter stehen kann. Sie haben einmal
in einer Predigt gesagt, der Wolf fresse die Schafe aus den Kirchenbänken.
Woran
liegt es, dass der katholischen Kirche die Leute weglaufen?
J.-P. B.: Die Menschen suchen nicht mehr unbedingt eine alte Institution
wie die Kirche, die leider etwas verrunzelt und verknorkst daherkommt.
Zudem ruhen wir Pfarrer uns oft zu sehr auf unseren Lorbeeren aus. Es
genügt nicht, Pfarrer zu sein und auf den damit verbundenen Respekt zu
pochen. Denn diesen Respekt muss ich mir in der Gemeinde jeden Tag neu
verdienen. Ich darf der Gemeinde zeigen, dass ich nicht alles weiss und
auch selbst manchmal an mir und der Kirche zweifle. Die Leute müssen aber
spüren, dass ich den wunderbaren christlichen Glauben lebe, der mich trägt
und durch schwierige Zeiten begleitet. Ich versuche, der Pfarrei einen
Glauben vorzuleben, der sich nicht nur auf die Sonntagsmesse konzentriert.
Denn ich habe das Gefühl, die Kirche lebe zu oft an der Zeit vorbei. Nach
dem Motto: Das hat man immer so gemacht, basta!
Sind
Sie demnach ein kirchlicher Slalomfahrer, der um einige der ungeschriebenen
Kirchengesetze rumkurvt?
J.-P. B.: Ich sehe mich nicht als kirchlichen Slalomfahrer. Ich glaube
eher, dass ich schnurgerade durch die Hindernisse will und dabei auch
öfters mal den Kopf anschlage. Das ist das Risiko und man muss aus solchen
"Kopfstössen" auch die Lehre ziehen.
Der
Bischof hat Ihnen untersagt, in Rom Psychologie zu studieren. War das
so ein Kopfstoss?
J.-P. B.: Dies zu akzeptieren war für mich nicht einfach. Aber ich habe
dabei gelernt, dass man auf das Herz mehr hören muss als auf den Verstand.
Denn als ich den Pfarreien mitteilte, dass ich bleibe und nicht studieren
gehe, haben mir die Reaktion der Leute in den Pfarreien und mein eigenes
Herz gezeigt, dass mir die Seelsorge näher liegt als der Wunsch nach mehr
Wissen.
Bis
vor kurzem waren Sie der jüngste Priester im Oberwallis. Sind Sie stolz,
diesen Weg gegangen zu sein?
J.-P. B.: Ich müsste lügen, wenn ich nicht stolz oder besser gesagt erfreut
bin, Pfarrer zu sein.
Sie
haben es bisher nicht bereut, Priester zu sein?
J.-P. B.: Nie darf ich nicht sagen. Aber unter dem Strich war das Resultat
bisher immer positiv. Wer mit all den Machtkämpfen und Intrigen in der
Kirche als junger Mensch Pfarrer wird, "ischt en fertigä Eschel". Aber
ich bin gerne ein Maulesel, der seine Schafe vor dem Wolf zu beschützen
versucht. Denn ich bin mit Leib und Seele Priester.
Morgens eine Beerdigung, nachmittags eine Hochzeit oder eine Taufe:
Wie gehen Sie als junger Mensch mit diesem enormen Wechselbad der Gefühle
um?
J.-P. B.: Man muss lernen, eine gewisse Distanz zu wahren. Ich kann nicht
jede Freude und jede Trauer voll an mich ranlassen. Sonst laufe ich Gefahr,
mich selber zu verlieren. Zudem brauche auch ich als Pfarrer meinen Seelsorger,
mit dem ich Probleme besprechen kann. Das kann zum Teil auch meine Familie
sein oder mein Freundeskreis, wo ich dann einfach abschalten kann. Auch
ein Pfarrer braucht ein Beziehungsnetz, das ihn auffangen kann. Gerade
weil ich ja ehelos lebe, ist ein solches Beziehungsnetz sehr wichtig und
ich muss mir Schwächen und Probleme eingestehen können.
Ist das ein Problem für Priester?
J.-P. B.: Ich denke, jemand ist ein schlechter Arzt, wenn er bloss Diagnosen
stellt, dann aber keine Heilmittel anzubieten hat. Aber dennoch denke
ich, dass die Bereitschaft bei Priestern, sich Probleme einzugestehen,
sehr klein ist. Ein Priester hat in den Augen der Leute fehlerlos zu sein
und darf keine Probleme haben. Ich bin der Meinung, dass auch ich als
Priester das Recht habe, meine Wunden zu lecken und mir Probleme einzugestehen.
Stichwort
Zölibat: Wie gehen Sie mit Sexualität um?
J.-P. B.: Ich lebe und daher ist Sexualität für mich keine tote Masse.
Die Frage ist nur, ob ich diese Sexualität ausleben muss oder sie sonst
auffangen kann. Es gibt Zeiten, da geht das gut und es gibt Zeiten, wo
die Sexualität zum Problem wird.
Dann sollte man doch das Zölibat abschaffen. Die Priester stünden näher
am richtigen Leben und es gäbe wieder mehr Priester?
J.-P. B.: Ich glaube nicht, dass es ohne Zölibat mehr Priester geben würde.
Aber ohne Zölibat gäbe es vielleicht ehrlichere Priester, die glücklicher
und mit mehr Freude durchs Leben gehen könnten. Denn in der Kirche läuft
auch ein Doppelspiel. Sexuelle Verfehlungen von Priestern werden stillschweigend
als Fehltritt toleriert, wenn diese nicht publik werden. Ich bin der Meinung,
dass man in den höchsten Kreisen der Kirche erneut ernsthaft über die
Freistellung des Zölibats diskutieren muss.
Stichwort
Karriere: Sie verfügen über einen gewissen Ehrgeiz. Oder bleiben Sie 40
Jahre Priester in einer Gemeinde und dann wars das?
J.-P. B.: Das frage ich mich auch manchmal. Ich habe jahrelang geplant
und musste dann schmerzlich erfahren, dass Studium, mehr Wissen und damit
Karriere nicht alles ist. Jetzt weiss ich: ‘Ich bi lieber Heer va Saas
als Papst in Rom.’ Weil hier kann ich Mensch sein und habe eine schöne
Aufgabe, ohne auf der Karriereleiter länger wie mehr Verpflichtungen einzugehen
und raufzuklettern.
Ihr
persönlicher Wunsch für Ihre Zukunft?
J.-P. B.: Dass ich weiterhin versuchen kann, meinen Glauben zusammen mit
andern Menschen so zu leben, dass sie diesen Glauben auch an die nächste
Generation weitergeben, ob mit oder ohne Priesternachwuchs. Und mit Blick
auf den aidskranken Interviewpartner: Ein Priester muss nicht nur für
jene da sein, die eh schon sicher auf seiner Seite stehen, sondern in
erster Linie denen helfen, die es am nötigsten haben.
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