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"Ich wünsche mir Polizisten, die Gefühle zeigen"

Brig-Glis / Während Vorgänger Franziskus Escher ein forsches Vorgehen an den Tag legte, tritt der neue starke Mann in der Oberwalliser Polizei mit leiseren Tönen auf. Carlo Kuonen ist seit drei Wochen der neue Chef der Gendarmerie im Oberwallis. Er nimmt Stellung zu Gewalt, Verbrechen, Alkohol und der Belastung der Polizisten.

Von German Escher und
Waldemar Schön

Sie waren bisher Info-Chef der Walliser Polizei. Was reizt Sie am Chefsessel im Oberwallis?
Carlo Kuonen: Ich habe die ganze Palette der Polizeiarbeit durchlebt und mich faszinierte die Vielfältigkeit der verschiedenen Aufgaben. Genau so reizt mich die neue Betätigung als Chef der Oberwalliser Gendarmerie. Ich freue mich darauf, Leute zu führen und mit ihnen ein Betriebsklima zu schaffen, mit dem jeder zufrieden ist. Denn das Ziel der Polizei ist, für die Bevölkerung da zu sein und dies gern zu tun.

Bisher waren Sie in einem Dreimann-Team. Fehlt Ihnen nicht die Führungserfahrung für den neuen Job?
C. K.: Das ist ein Kritikpunkt, der mir immer vorgeworfen wurde. Aber wenn mir die Chance nicht gegeben wird, Leute zu führen, kann ich auch nicht den Beweis erbringen, es zu können. Tests haben ergeben, dass ich Leute führen kann. Jetzt freue ich mich darauf, das umzusetzen.

Ihr Vorgänger war als Hardliner verschrien und stieg durch verschärfte Kontrollen mit Pauken und Trompeten in den Job ein. Was können wir von Ihnen erwarten?
C. K.: Ich bevorzuge einen Einstieg ohne Paukenschlag. Mein Ziel ist, der Polizei im Oberwallis Stabilität zu geben, das Vertrauen der Bevölkerung in den Polizisten zu stärken und die gesetzlichen Vorgaben mit Vernunft anzuwenden. Ich werde in die gleiche Richtung gehen wie mein Vorgänger - jedoch mit einem etwas anderen Stil. Doch auch für mich ist Alkohol am Steuer kein Kavaliersdelikt. Mit Alkohol ist soviel Unglück und Schicksal verbunden, dass es in dieser Beziehung kein Pardon gibt. In Sachen Alkohol, Geschwindigkeit und auch Gurtentragen gibt es klare Vorschriften, die der Sicherheit des Einzelnen dienen. Wir Polizisten sind verpflichtet, diese Vorschriften umzusetzen. Aber es bereitet mir keine Freude, den Bürger zu strafen. Das ist bei allen Polizisten der Fall.

Vom Info-Chef zum Chef der Gendarmerie - ändert sich dadurch auch die Informationspolitik im Oberwallis?
C. K.: Die Stelle für Informa-tion und Prävention in Sitten wird auch weiterhin bestehen bleiben und koordiniert die Informationen der Polizei. Aber es ist schon so, dass ich in den letzten sieben Jahren einen grossen Teil meiner Zeit damit verbrachte, polizeiinterne Überzeugungsarbeit zu leisten, dass man beim Wort Journalist nicht gleich ein rotes Tuch sieht, sondern die Zusammenarbeit sucht. Die Medien geben der Polizei die Möglichkeit, sich der Öffentlichkeit besser zu verkaufen. Natürlich kann die Polizei nicht taktisches Vorgehen und laufende Untersuchungen an die grosse Glocke hängen. Aber wir können unsere Arbeit erklären, können anhand von Unfallstatistiken darlegen, dass Geschwindigkeitskontrollen Sinn machen, können dem Bürger die Arbeit der Polizei näherbringen. Denn die Kommunikation ist ein wichtiger Bestandteil der Polizeiarbeit.

Die Drogenproblematik hat sich an den Schulen verschärft. Was werden Sie dagegen unternehmen?
C. K.: Tatsache ist, dass Drogenkonsumenten immer jünger werden. Wer in unserem Wissen gegen das Gesetz verstösst, wird beim Jugendrichter angezeigt. Aber wir wollen nicht den Polizisten im Schulhof. Unsere Absicht ist, mit den Schulen zusammen zu arbeiten und unsere Hilfe anzubieten, wenn dies von der Schulleitung erwünscht ist. Zum Teil läuft das im Oberwallis schon recht gut. Besteht ein Problem an der Schule, seien es jetzt Drogen oder auch Gewalt, setzen wir uns zusammen und suchen nach Lösungen.

Rennt man zu stark den Joints hinterher und vergisst dabei die harten Drogen und neuen Designerpillen?
C. K.: Wir müssen als Polizei die vorliegenden Gesetze in Bezug auf die Drogenbekämpfung umsetzen. Und dazu gehört auch die Bestrafung von Cannabiskonsum. Oft führt die Anhaltung eines sogenannten "kleinen Fisches" zur Verhaftung eines grösseren.

Sind die Walliser Polizeiagenten als Drogenfahnder nicht überfordert?
C. K.: Die Polizei ist mit dem Drogenproblem nicht überfordert. Tatsache ist, dass es im Oberwallis eine Gruppe mit drei Kriminalbeamten gibt, die sich ausschliesslich der Drogenfahndung widmet. Diese Spezialisten sind sehr gut informiert und stehen der Gendarmerie mit Rat und Tat zur Seite.

Ein weiteres Problem ist die steigende Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen. Vandalismus, Schlägereien, Messerstecherei?
C. K.: Die Jugendlichen sind bei ihrem Tun auf der Suche nach Grenzen. Aber wenn die Polizei oder die Justiz den Jugendlichen Grenzen setzen muss, ist es oft schon zu spät. Dies müsste viel früher in der Familie passieren. Denn ohne klare Grenzen verliert man als junger Mensch schnell die Orientierung. Klar ist, dass Jugendliche heute so oder so mit Drogen und Gewalt in Kontakt kommen. Daher müssen sie frühzeitig auf diese Kontakte vorbereitet werden, damit sie wissen, wie sie sich zu verhalten haben. Dem jungen Menschen muss geholfen werden, ein gesundes Selbstvertrauen aufzubauen. Junge müssen fähig sein, Nein zu sagen.

Auch Alkohol ist eine Jugenddroge?
C. K.: Der Alkoholkonsum unter Jugendlichen hat markant zugenommen. Und die Kontrolle des Alkoholausschanks an Minderjährige darf nicht vernachlässigt werden.

Sind Sie für eine konsequente Ausweiskontrolle in Sachen Alkohol?
C. K.: Grundsätzlich ja. Schon heute ist es verboten, Alkohol in Mengen, welche die Gesundheit gefährden kann, an Personen unter 16 Jahren zu verabreichen. Nur wird dieses Alkoholverbot von Einkaufsläden und Beizern nicht nachgelebt. Hier müssen wir vermehrt tätig werden. Aber es gilt: Es nützt nichts, weltfremde Auflagen zu machen, die dann kein Mensch umsetzt.

Nach Föhn und Neid tönt dies nach dem drittältesten Walliser: dem ‘Mu-sellti’?
C. K.: (lacht) So kann man es auch sagen. Bei Kontrollen zum Schulschluss in Visp haben wir festgestellt, dass Jugendliche unter 16 Jahren problemlos an Alkohol herankommen. Das ist nicht in Ordnung. Das Problem Jugend und Alkohol liegt mir am Herzen. Aber ich kann nicht von heute auf morgen Ausweiskontrollen zum Ausschank von Alkohol im Oberwallis einführen. Das wäre nicht realistisch, denn oft tätigen ältere Kollegen den Einkauf und das Verbot verliert die Wirkung. Noch einmal, der Jugendliche muss selber Nein sagen können.

Die RZ hat früh das Thema Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus aufgegriffen. Was tun Sie dagegen?
C. K.: Das Problem ist, dass wir nur dann intervenieren können, wenn Vorfälle in der Öffentlichkeit stattfinden, wir davon erfahren oder wenn Anzeige erstattet wird. Ohne das sind wir machtlos. Ich verstehe, wenn Leute Angst haben, Schlägertypen anzuzeigen. Eines ist sicher: Polizei und Justiz können Anonymität und im Notfall auch Schutz gewähren. Natürlich kennen wir Namen von Oberwallisern, die regelmässig an Skinhead-Treffen in der Deutschschweiz teilnehmen. Doch man muss wissen, dass es im Oberwallis zurzeit keine Rechtsextremen gibt, die bei der Bundespolizei oder bei unseren Ermittlungsbehörden in offene Verfahren verwickelt sind.

Trotz Informationsstelle hört man im Wallis wenig von Raub, Mord und Vergewaltigung?
C. K.: Im Vergleich zu Zürich oder Genf haben wir weniger Straftaten. Aber wir sind kein weisser Fleck in Sachen Schwerverbrechen. Im Wallis kommen alle Gewaltverbrechen vor. Nur ist man im Wallis mit der Information zurückhaltender, weil das Oberwallis ein Dorf ist und jeder jeden kennt. Der Opferschutz ist dabei sehr wichtig.

Zurück zu Ihrer Person: Was fällt Ihnen bei der Polizeiarbeit besonders schwer?
C. K.: Das Überbringen von Todesnachrichten und das Erleben von Gewalt gegenüber Wehrlosen ist für mich das Schwierigste. An Unfallbilder und Blut kann man sich als Polizist mit der Zeit gewöhnen. Aber lernen, mit Unglück und hartem Schicksal von Betroffenen umzugehen, ist sehr schwierig.

Haben Sie Beispiele?
C. K.: Das Drama der Sonnentempler war sicherlich schlimm. Aber es belastet mich weniger als eben ein einzelnes Schicksal eines jungen Gewaltopfers. Auf Einzelheiten möchte ich jedoch nicht eingehen. Polizisten sehen häufig Schwerverunfallte, Tote etc.
Werden Polizisten eigentlich nachbetreut? C. K.: Es gibt Fachstellen, an die man sich jederzeit wenden kann, wenn man als Polizist psychologische Hilfe in Anspruch nehmen will. Man muss vom Polizisten aber auch erwarten können, seinen Job zu tun, ohne nach jedem Einsatz zum Psychologen rennen zu müssen.

Der Polizist als ‘harter Hund’?
C. K.: Nein, der Polizist ist kein harter Hund. Es gibt polizeiintern ausgebildete Leute, mit denen man sich unterhalten kann, wo man sein Erlebnis mitteilen und sich durch die schwierige Situation führen lassen kann. Denn wenn ein Polizist seine Arbeit aus Gefühlsgründen nicht mehr richtig erledigen kann, wird es schwierig. Aber auch ein Polizist kriegt bei bestimmten Situationen feuchte Augen. Das Image des stahlharten Polizisten ist Vergangenheit. Schon in der Ausbildung wird den Aspiranten gesagt, dass sie zu Gefühlen stehen sollen. Und ich wünsche mir Polizisten, die Gefühle zeigen, die mitten im Leben stehen und sich in die Bürger hineinversetzen können. Dann kann ein Polizist seine Arbeit, dem Bürger zu helfen, erst richtig erledigen.

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