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"Brig wird nicht zum Rangierbahnhof von Visp"

Bern / Er ist Natischer, ist Chef der Division Personenverkehr der
SBB und an seinem Tisch wird ein Teil der Oberwalliser Zukunft entschieden.
Paul Blumenthal nimmt Stellung zur Qualität der SBB, zur NEAT am Lötschberg
und meint zum Bahnhofseilziehen zwischen Brig und Visp: "Beide Orte machen
sich zurecht Gedanken um ihren Bahnhof."
Von German Escher und
Waldemar Schön
Herr Blumenthal, sind Sie heute schon Zug gefahren?
Paul Blumenthal: Nein, heute noch nicht. Doch von den rund 40’000 Reisekilometern,
die ich pro Jahr mache, lege ich 25’000 bis 30’000 Kilometer im Zug zurück.
Ich bin beruflich und privat ein eifriger Zugfahrer.
Dann
können Sie aus erster Hand Qualität und Angebot der SBB beurteilen. Wie
stehts damit?
P. B.: Damit steht es nicht immer so gut, wie ich es als Chef gerne
hätte. Der Zweck unserer Arbeit besteht ja darin, das Angebot gegenüber
dem Kunden ständig zu verbessern. Wer in unserem Geschäft tätig ist, muss
sich bewusst sein, woher das Geld kommt: vom Kunden nämlich und dieser
muss im Mittelpunkt stehen. Das muss jeder Mitarbeiter leben. Qualitätsanspruch
auf der einen, Bahnhofschliessungen auf der andern Seite.
Kein
Widerspruch?
P. B.: Bahnhöfe werden bei uns nicht geschlossen, sondern sie werden automatisiert.
Der Kunde kann dort nach wie vor ein- und aussteigen. Natürlich geht der
persönliche Kundenkontakt verloren, wenn man die Leistungsfähigkeit durch
Automatisation erhöht. Und in einem Dienstleistungsbetrieb ist das zum
Teil ein Widerspruch. Dessen sind wir uns bewusst. Aber Tatsache ist:
Seit dem 1. Januar 1999 werden wir knallhart nach finanziellen Ergebnissen
geführt. Das heisst, die SBB müssen Teile der Infrastruktur und den Betrieb
selbsttragend erhalten und auch einen Gewinn ausweisen, um sich weiterentwickeln
zu können. Da müssen alle Möglichkeiten analysiert werden, Kosten zu sparen.
Die Frage stellt sich: Ist die Art und Weise, wie wir dies im Moment tun,
die gescheiteste. Im Moment wird Linie für Linie geprüft, in welcher Form
der Kunde noch besser bedient werden kann. Übrigens werden wir in den
nächsten Jahren sogar 50 neue Bahnhöfe quer durch die Schweiz schaffen.
Die Bahnhoflandschaft Oberwallis wird durch die NEAT verändert...
P. B.: ...und damit stellt sich die Frage, ob jetzt Visp oder Brig der
Bahnknotenpunkt im Oberwallis wird. Aus Kundensicht macht es wenig Sinn,
zuerst nach Brig zu fahren, um Sitten zu erreichen. Auf der anderen Seite
können wir auf die Bahnhofinfrastruktur in Brig nicht verzichten. Diese
Infrastruktur ist in Visp nicht ohne weiteres baubar.
Also
wird Brig zum Rangierbahnhof von Visp?
P. B.: Brig wird nicht zum Rangierbahnhof von Visp. Es braucht einfach
aus betrieblichen Gründen eine Infrastruktur, wie sie in Brig vorhanden
ist.
Ist
denn das Seilziehen um den Bahnhof zwischen Visp und Brig in den Augen
der SBB müssig?
P. B.: Sicher nicht. Denn sowohl Brig wie auch Visp machen sich zurecht
Gedanken um ihren Bahnhof. Denn es geht um Umsteigebedingungen und um
konkrete Angebote. Doch solange man nicht weiss, mit welchem Rollmaterial
und in welcher Zeit der neue Lötschbergtunnel befahren wird, ist es müssig,
zu diskutieren. Sicher ist, dass der Bahnhof Visp in Zukunft eine grössere
Rolle spielen wird als heute. Dass aber deshalb gleich der Bahnhof Brig
verschwinden soll, ist doch reine Spekulation.
Es
besteht Zeitdruck. Wenn 2007 der Basistunnel aufgeht, muss Visp bereit
sein?
P. B.: Das stimmt. Doch ich gehe nicht davon aus, dass es in Visp einen
gewaltigen Umbau mit langen Plangenehmigungsverfahren und Bauzeiten geben
wird. In meinen Augen ist der angesprochene Zeitdruck vor allem politisch
bedingt und selbstgemacht.
Gibts
ein neues Visper Bahnhofgebäude?
P. B.: Auf die Frage, ob es ein zusätzliches Perron braucht, hätte ich
klar mit Ja geantwortet. Alles andere ist im Moment offen. Unsere Leute
sind an der Planung einer Variante. Aber im Moment kann ich dazu keine
Aussagen machen.
Mit dieser Haltung der SBB ist man aber in Brig und Visp nicht glücklich?
P. B.: Mit unserer Haltung kann man weder glücklich noch unglücklich sein,
denn wir haben unsere Karten nicht auf den Tisch legen können. Noch kann
mir niemand sagen, wie lange die effektive Fahrzeit von Bern nach Brig
ist. Und genau diese Angaben sind für die SBB kriegsentscheidend, wenn
es darum geht, Visp oder Brig zum Knotenpunkt im Oberwallis zu machen.
Denn was nützt uns jetzt ein Entscheid, wenn später die Züge der Lötschberg-
und Simplonlinie aneinander vorbeifahren und die Anschlüsse nicht stimmen?
Zuerst müssen die Grundlagen sauber erarbeitet werden. Das Ganze zu verpolitisieren
ist wirklich ins Blaue hinaus geredet.
Im Wallis wird mit dem West-Ast eine direkte Anbindung ans Mittelwallis
gefordert. Haben die SBB diese Pläne schon ad acta gelegt?
P. B.: Ad acta gelegt wurde noch gar nichts. Nur wenn Kundennutzen und
wirtschaftliches Potenzial genügend gross sind, wird der West-Ast realisiert.
Aber auch hier gilt: Es müssen zuerst klare Entscheidungsgrundlagen her.
Und daran sind einige unserer Leute sehr intensiv am arbeiten.
Die SBB übernehmen den Fernverkehr der BLS: Das eröffnet dem Oberwallis
Perspektiven, weckt aber auch Ängste. Konkret: Wird die Lötschberg-Linie
nach Inbetriebnahme des Gotthards zur Güterstrecke?
P. B.: Die Frage ist, wie sich langfristig die Verkehrsteilung auf Gotthard
und Lötschberg regeln lässt. Fakt ist: Wenn sich die Verkehrsplanung an
Gotthard und Lötschberg nicht gegenseitig konkurrenziert, wird das Resultat
besser sein, als wenn hier ein harter Konkurrenzkampf zwischen den zwei
Strecken ausbricht. Es bringt doch nichts, wenn in Basel innert zehn Minuten
zwei Züge Richtung Mailand abfahren, der eine via Gotthard, der andere
via Lötschberg. Denn in zehn Jahren werden Personen- und Güterverkehr
um die knappen Zufahrtsstrecken zu den Alpentransversalen kämpfen. Da
bringt es doch nichts, diese knappen Ressourcen noch zusätzlich zu belasten.
Die
Angst im Wallis, als Güterrennstrecke zu enden, will trotzdem nicht schwinden?
P. B.: Ein wenig Angst dürfen auch die Walliser haben. Auch ich habe Angst.
Zum Beispiel, dass wir länger wie mehr Personentransitverkehr an den Brenner
verlieren, den wir jetzt mit Preismassnahmen zum Teil wieder auf den Gotthard
zurückgeholt haben. Aber die Tatsache, dass der Lötschberg die schnellste
Verbindung Basel - Mailand sein wird, ist doch eine Chance für das Wallis
und sollte den Wallisern die Angst nehmen. Wieso sollte ich noch ein Parallelangebot
durch den Gotthard für den Personenverkehr einrichten. Denn der Güterverkehr
wird so viel Kapazität wegnehmen, dass man gar nicht mehr schnell via
Gotthard nach Mailand kommt.
Die Lösung: Güter durch den Gotthard, Personen durch den Lötschberg?
P. B.: Das versuche ich mit meinen Aussagen auszudrücken. Der Gotthard
wird vor allem den Güterverkehr aufnehmen und der Lötschberg den Personenverkehr.
Die Strategie muss in diese Richtung gehen. Wenn aber zwei verschiedene
Unternehmen, BLS und SBB, mit eigenen Interessen an die Sache ran gehen,
dann ist das Ganze zum Scheitern verurteilt. Denn auch die BLS will ja
am Güterverkehr partizipieren.
Mit der NEAT rückt das Oberwallis als Wohngebiet und Tourismusregion
in Pendlerdistanz zum Mittelland. Da eröffnen sich doch auch den SBB neue
Perspektiven?
P. B.: Durch die NEAT wird das Wallis zu einer noch direkteren Konkurrenz
für das Berner Oberland. In eineinhalb Stunden kann man dann von Bern
aus auf den Skipisten des Oberwallis sein. Und es gibt nur wenige Oberländer
Stationen, die das von sich behaupten können.
Kommt daher das Interesse am Tourismusverkehr im Oberwallis, das die
SBB durch die Unternehmerofferte für das LLB-Netz an den Tag legen? Steigt
der Bähnler auf die Strasse um?
P. B.: Schauen Sie, wir leben in erster Linie vom Bahnverkehr. Wir stellen
aber fest, dass die Hauptlinien sterben, wenn wir uns nicht auch den Zubringern
in den Regionen widmen. Im Regionalverkehr geht es den Politikern heute
nicht darum, möglichst viele Kunden auf den öffentlichen Verkehr zu bringen,
sondern um die Frage, wie tief dass Bund und Kanton in den Geldsack greifen,
um den Regionalverkehr zu finanzieren. Wir benötigen aber in unseren Zügen
Kunden. Wenn wir uns im Bereich der regionalen Zubringer engagieren, sichern
wir die Zufahrt zu den SBB und können diese Strecken natürlich mit einer
viel grösseren Marketingpower bewerben.
Gilt
dieses Engagement nur für Busbetriebe oder schielen die SBB auch auf BVZ
Zermatt-Bahn oder FO?
P. B.: Wenn Sie jetzt von mir erwarten, dass wir als nächstes auf die
BVZ losgehen, muss ich Sie enttäuschen. Die Schmalspurbahnen sind im Moment
für uns mit Sicherheit kein Thema - vor allem wenn sie gut gemanagt sind.
Sowohl mit FO wie mit BVZ arbeiten wir heute gut zusammen und beide machen
ja genau das gleiche, wie wir mit den LLB planen - die Kombination Schiene
und Strasse.
Die SBB haben ja noch andere Pläne im Oberwallis — beispielsweise ein
Callcenter in Brig. Wie stehen die Chancen im Vergleich zu den Konkurrenzstandorten?
P. B.: In erster Linie suchen wir einen Standort, der an der Sprachgrenze
liegt. Da kommen die Regionen Freiburg, Biel, Solothurn und natürlich
das Wallis in Frage. Jetzt interessiert uns, wie sich diese Standorte
verkaufen. Die Chancen sind für alle gleich - es kommt jetzt darauf an,
wie sich die Kantone verkaufen und welche Standortvorschläge sie uns bringen.
Denn im Endausbau geht es um 300-400 Arbeitsplätze, die wir in diesem
einzigen Callcenter schaffen wollen. Ob jetzt dieses in Brig, Siders,
Freiburg oder Biel stehen wird, wird sich zeigen.
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