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"Ich spiele den Polizisten in einem Lötschentaler Dorf"

Zermatt/Visperterminen/
Die einen kennen ihn als Sänger, der eine neue CD auf den Markt gebracht
hat, die anderen sehen in ihm den Schauspieler aus "Fascht e Familie"
oder "Lüthi und Blanc". Gemeint ist Martin Schenkel, der von seinem Krebsleiden
geheilt, nun voller Tatendrang vorwärts schaut. Ein Promi, der in den
vergangenen Wochen in fast jedem Medienprodukt aufgetaucht ist, - und
in Zermatt wohnt. Im Oberwallis hat er seine Liebe gefunden und hier sieht
er auch seine Zukunft — privat und beruflich.
Von German Escher und
Denise Jeitziner
Das
wievielte Interview geben Sie jetzt?
Martin Schenkel: Mein Manager hat mir gestern erst eine Zusammenstellung
gemacht. Ich glaube, es waren bisher 54 Interviews. Aber ich versuche
in jedem Interview noch etwas Neues zu erzählen... (lacht)
Können Sie Radiostudios und Journalisten nicht mehr sehen?
M.S.: Doch. Ich finde die Schweizer Medienszene sehr freundlich und interessiert.
Bis auf einige wenige Ausnahmen fand ich die Gespräche eigentlich auch
immer spannend und amüsant. Das tönt recht versöhnlich.
Zu
Beginn Ihrer Krankheit waren Sie auf die Medien nicht so gut zu sprechen...
M.S.: Das stimmt. Aber auch hier sind die Schweizer Medien anders. Damals
habe ich ganz klar gesagt: Bitte lasst mich in Ruhe. Und das wurde akzeptiert.
In Deutschland hätte das nicht geklappt. Deshalb habe ich mich mit den
Medien auch versöhnt.
Ihre Krankheit, genauer gesagt Ihr Hirntumor, hat nicht nur Ihr Verhältnis
zu den Medien verändert. Auch Sie selber haben sich vermutlich verändert?
M.S.: Auf jeden Fall. Diese Veränderung findet aber sehr langsam statt,
eine allmähliche Aufarbeitung der Situation. Zuerst sind das Äusserlichkeiten:
Man räumt zunächst in der Wohnung und später auch im persönlichen Umfeld,
also im Freundeskreis, auf. Da geht auch die eine oder andere "Freundschaft"
über Bord. Und ich hab immer mehr zu dem gefunden, was ich wirklich will
und bin.
Aber
man setzt sich auch mit dem Tod auseinander?
M.S.: Am Anfang hatte ich extreme Angst vor dem Sterben. Da tauchten Schuldfragen,
aber auch positive Dinge auf. Krebs sei der Botschafter der Liebe, habe
ich irgendwo gelesen. Und das stimmt. Die Menschen sind mir freundlicher
begegnet. Trotz dieser Erlebnisse bleibt natürlich eine gewisse Angst.
Ich wurde zweimal operiert und mehrmals bestrahlt. Aber erst in acht Jahren
weiss ich, ob ich wirklich geheilt bin.
Reden
wir vom Positivem: Wie sind Sie eigentlich ins Wallis gekommen?
M.S.: Mein Weg ins Wallis begann am Filmfestival in Cannes. In einer dieser
Hotelhallen hat mich ein Unbekannter angesprochen, sich aber sofort entschuldigt,
weil er mich mit einem bekannten Schweizer Schauspieler zu verwechseln
glaubte. Er hielt mich für Flip — und das war ich ja auch. Dieser Unbekannte
war Heinz Julen. Mit ihm und seinen Kollegen hatten wir dann eine tolle
Zeit, so dass ich später regelmässig nach Zermatt kam.
Und wie kams zur grossen Liebe mit einer Walliserin?
M.S.: Das war in den Skiferien hier in Zermatt. Lucie, eigentlich eine
ausgebildete Apothekerin, hat auf der Fluhalp zum Ausgleich als Serviceangestellte
gearbeitet. Dort haben wir uns kennengelernt — und sofort hats gefunkt.
Schon damals habe ich mit dem Gedanken gespielt, mich aus der Hektik des
Unterlands zurückzuziehen und meine Papiere nach Zermatt zu verlegen.
Die Liebe gab aber letztlich den Ausschlag.
Haben
Sie es nie bereut, Ihren Wohnsitz nach Zermatt verlegt zu haben? Fühlen
Sie sich im Matterhorndorf mittlerweile zuhause?
M.S.: Absolut. Zermatt ist ein sogenanntes Weltkaff. Hier gibt es alle
Nationalitäten — und auch einige Basler. Da habe ich weniger schnell Heimweh
(lacht).
Selbst
für die übrigen Oberwalliser ist Zermatt eine Welt für sich, in der Clans,
Beziehungen und Geld eine andere Rolle spielen. Ergeht es Ihnen nicht
auch so?
M.S.: Mit diesen Clans habe ich eigentlich nichts zu tun. Ich finde das
Zermatter Geklatsch amüsant. Es wird ja in jedem Dorf "grätscht" — aber
in Zermatt eben besonders viel. Aber als "Grüezi" in Zermatt den Anschluss
zu finden, das habe ich aufgegeben. Ich habe zwar einige Bekannte hier
im Dorf, mit denen ich gut auskomme. Doch als echter Zermatter werde ich
wohl nie akzeptiert, obwohl ich sogar entfernte Verwandte in Zermatt habe.
Die Grossmutter von mir und Max Julen waren sich irgendwie verwandt. Und
meine Grosseltern haben sich auch schon in Zermatt kennen gelernt. Also
habe ich schon ein wenig Zermatt in den Genen.
Zermatt
ist derzeit stark in den Schlagzeilen. Beschäftigt Sie das auch, oder
sagen Sie sich: Zermatt ist mein Rückzugsgebiet. Hier will ich meine Ruhe
haben.
M.S.: Die Schuldenthematik beschäftigt mich schon. In erster Linie interessieren
mich aber die Menschen — und zwar nicht nur hier in Zermatt. Wir sind
ja häufig auch in Visperterminen oder Visp. Ich mag die Oberwalliser.
Sie sind direkter und ehrlicher in der spontanen Begegnung als die Menschen
im Unterland. Ich liebe die Mentalität der Bergler. Sie ist rauer, direkter,
aber auch unpersönlicher. Es gibt nicht so ein Gefühlsgesülze — ausser
sie haben zuviel gesoffen... (lacht)
Wieso wohnen Sie nicht in Visperterminen?
M.S.: Das wird früher oder später zum Thema. Aber es gefällt mir in Zermatt,
wo man sich zurückziehen und doch das Angebot einer Kleinstadt nutzen
kann.
Wie
nehmen Sie die Zermatter wahr — als Einheimischen oder als Prominenter,
der hier wohnt?
M.S.: Schon eher als Prominenten. Sie freuen sich, wenn Sie mich sehen,
aber man lässt mich auch in Ruhe. Den "Mattini" muss ich nicht täglich
irgendwo ein Autogramm geben. Aber vor den "Grüezini" muss ich mich ab
und zu schon verstecken.
Also
der Bahnhofstrasse weichen Sie aus?
M.S.: (lacht herzhaft) Wenn ich gut drauf bin, laufe ich durch die Bahnhofstrasse
und sonst gehe ich durch die Seitengassen.
Wir
stellen mit einem Schmunzeln fest, wie sich Walliser Ausdrücke mit dem
Basler Dialekt durchmischen.
M.S.: Mit meinem Kind und meiner Frau versuche ich, möglichst gut "Walliser
Titsch" zu reden. Aber in der Interviewsituation verwende ich den Dialekt,
den man von mir kennt. Es ist trotzdem schon vorgekommen, dass mir bei
einem Radio- oder TV-Auftritt plötzlich ein Walliser Dialektausdruck hinausgerutscht
ist.
Wenn
Sie sich schon so bemühen, Walliser Dialekt zu lernen. Sehen Sie Ihre
Zukunft im Wallis?
M.S.: "Uf Lengi üs welle wär sicher epis buwe in Visperterbinen." Aber
mein Interesse am Walliser Dialekt hat auch einen beruflichen Hintergrund.
Ich werde im Januar und Februar in einem Fernsehfilm eine Hauptrolle spielen,
der im Lötschental auf Walliser Titsch gedreht wird. Der Film heisst voraussichtlich
"Im Namen der Gerechtigkeit". Mit dabei sind auch Matthias Gnädiger und
Annemarie Blanc. Es ist eine spannende Geschichte mit Lawinen und Mord.
Ich werde den Polizisten in einem Lötschentaler Dorf spielen. Allerdings
werde ich die Haare ganz kurz schneiden müssen. Zweites Problem: Alle
Schauspieler müssen Walliser Titsch lernen. Zu diesem Zweck ist vorgängig
ein Hörspiel mit der Oberwalliser Hörspielgruppe geplant. Diese Kassette
erhalten wir dann, um das Walliser Titsch zu üben. Wir haben jedoch ein
grosses Problem: Uns fehlen noch 450`000 Franken. Jetzt sind wir auf Sponsorensuche.
Auch sonst benötigen wir die Unterstützung der Oberwalliser. Für den Film
wird es sehr viele Statisten brauchen. Ich habe vorgeschlagen, diese aus
dem ganzen Oberwallis zu holen.
Heida ist das bekannteste Produkt aus Visperterminen. Wird der Martin
Schenkel jetzt zum nächsten Exportschlager aus Visperterminen?
M.S.: (lacht) Ich mache heute schon Werbung für den Heida, Visperterminen
und Zermatt. Aber ich habe gelernt, mein Leben nicht weit voraus zu planen
— nur schon berufsbedingt: Wenn ich ein Angebot aus dem Ausland bekäme,
müsste ich wohl gehen. Nach Möglichkeiten will ich aber möglichst oft
im Oberwallis sein.
Ihnen sind Familie und Freunde wichtig. Jetzt werden Sie ständig auf
Achse sein. Ist das kein Widerspruch?
M.S: Meistens bin ich eine Woche oder so im Raum Zürich und dann wieder
einen Monat in Zermatt. Hier arbeite ich am Internet, erhalte meine neuen
Texte für "Lüthi und Blanc" zugemailt, die ich dann hier lerne, oder ich
komponiere meine Musik und meine Texte. Übrigens: Meine Band war eine
Woche im "Vernissage" in Zermatt. Hier sind zum Beispiel zwei Titel der
neusten CD, nämlich "Nothing" und "Jerk", entstanden.
A
propos CD: Warum erfolgt der Tourneestart ausgerechnet in Visperterminen?
M.S.: Erstens ist es der Geburtsort meiner Frau und zweitens hat sie es
mir auch eingebrockt — was ich ja auch toll finde. Jemand aus ihrem Heimatdorf
hat meine Frau angefragt und sie hat sofort zugesagt. Ich finde es lustig,
wenn dann auf den T-Shirts stehen wird: Tourneestart: Visperterminen.
Ich hoffe, dass auch viele Leute kommen werden. Aber ich hab mir sagen
lassen, dass die Feste in Visperterminen immer sehr gut besucht sind.
Ich jedenfalls freue mich.
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