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"Die grosse Zeit der Verbände ist vorbei"

Ausserberg / Er gilt als lauter und unbequemer Querdenker. Schon früh
setzten er und seine Frau Liliane erfolgreich auf die Karte Biolandbau
und Direktvermarktung. Biobauer Orlando Schmid nimmt Stellung zu Biolandbau,
Gemeindepolitik und Verbänden. Zitat: "Die grosse Zeit der Verbände ist
vorbei."
Von Waldemar Schön und
German Escher
Sie galten früher als politischer Draufgänger und Querdenker. Jetzt
ist es um Sie ruhiger geworden. Alles im Griff oder resigniert?
Orlando Schmid: Bin ich wirklich ruhiger geworden? Vielleicht schon. Denn
vor ein paar Jahren gründeten meine Medienpräsenz und mein Querdenkertum
vor allem auf der Landwirtschaftspolitik. Die ist heute mehr oder weniger
abgeschlossen und ist kaum ein Thema mehr. Zugegeben: Ich liebe den Pulvergeschmack
in politischen Auseinandersetzungen. Ich mag Situationen, in denen Querdenker
auch eine Rolle spielen können. Aber alles im Griff habe ich sicher nicht
(lacht).
Also
fertig lustig mit Ruhe?
O. S.: Oh, ich habe in den politischen Auseinandersetzungen gelernt, auch
mal auf den Mund zu hocken. Denn ich habe als Querdenker auch gewaltig
eins auf den Deckel gekriegt. Zudem haben meine Frau Liliane und ich uns
vor allem auf den eigenen Biohof konzentriert, haben uns nicht mehr gefragt,
was andere tun sollten, sondern was wir selber umsetzen können. Diesbezüglich
ist es mit der Ruhe nicht weit her.
Sie
waren einer der Vordenker in Sachen Biolandwirtschaft und Direktvermarktung
im Oberwallis?
O.S.: Die Bauern haben sich jahrelang durch Jammern über Wasser gehalten.
Das bringt doch nichts. Man muss als kleiner Betrieb selbst etwas unternehmen,
um immer einen Schritt voraus zu sein. Und das versuchen wir mit unserem
Biohof in Ausserberg. Liliane Schmid-Heynen: Man darf nicht vergessen,
dass wir bereits vor 15 Jahren auf die Karte Biolandbau und Direktvermarktung
unserer Produkte gesetzt haben. Das ermöglicht uns ja heute die Existenz
als Bauern. Doch die Existenzsicherung ist nur eine Seite. Es geht auch
darum, immer wieder etwas Neues zu probieren, auch wenn es mit Sorgen
und sehr viel Arbeit verbunden ist. Sonst wird das Leben langweilig.
Es
gibt noch viele Bauern, die von staatlichen Abnahmegarantien und festen
Preisen und Löhnen träumen.
O.S.: Das ist ein mentales Problem der Bauern und viele werden daran noch
20 Jahre zu knabbern haben. Bis vor wenigen Jahren musste sich doch kein
Bauer mit dem Markt befassen. Was er produzierte, wurde ihm vom Väterchen
Staat zu festen Preisen abgekauft. Die Bauern stehen heute neuen Rahmenbedingungen
gegenüber, deren Handhabung sie auch nie gelernt haben. Ein Bauer hat
Düngepläne im Kopf, weiss, wie man die Produktion steigern kann. Aber
der Bauer hat Mühe, sich auf dem freien Markt zu bewegen und Kunden zu
erreichen, weiss nicht, wie er seine Preise festsetzen soll. Und der Bauer
weiss oft nicht, ob der Markt überhaupt das Produkt will, das er produziert.
Aber jeder kann doch nicht auf Bio umstellen und seine Produkte selber
vermarkten?
O.S.: Ich bin der Meinung, dass jeder Bauer seine Stärken feststellen
muss. Das ist die Grundlage. Und erst dann kann er sich daran machen,
diese Stärken umzusetzen. Aber Tatsache ist: Es werden einige neue Bauernbetriebe
in den nächsten Jahren entstehen und es werden viele alte Betriebe verschwinden.
L.S.:
Hier muss gesagt werden, dass es heute natürlich ungleich schwieriger
ist, diesen Schritt zu tun. Wir waren Pioniere und hatten eigentlich leichtes
Spiel. Wir haben uns einen treuen Kundenstamm aufgebaut und sind daher
besser abgesichert, als jemand, der gerade neu beginnt, seine Produkte
selbst zu vermarkten.
O.S.:
Aber auch unsere Marktanteile gehen zurück. Denn mittlerweile bewegen
sich viele andere auf dem Biomarkt. Die Preise werden zum Teil stark gedrückt.
Ein Spiel, bei dem wir nicht mitmachen, weil es in die Sackgasse führt.
Wir haben die Tierbestände reduziert und produzieren nur soviel, wie der
Markt verlangt. Auf der anderen Seite versuchen wir, mit einem neuen Projekt
Fuss zu fassen.
Das
da wäre?
O.S.: Das nennt sich "Projekt Tourismus Landwirtschaft". Wir Bauern pflegen
die Landschaft, in der sich die Touristen bewegen, und wir Bauern müssen
lernen, uns ein Stück vom Kuchen im Tourismus abzuschneiden. Wir versuchen,
den Erlebniswert auf unserem Hof zu steigern, Leute zu uns zu bringen.
Dabei nutzen wir natürlich auch den einzigen Standortvorteil unseres Hofes,
den uns der Wanderweg der Lötschberg Südrampe bringt, der direkt an unseren
Hof vorbei führt. Das gibt uns die Möglichkeit, Wandersleute mit unseren
eigenen Produkten direkt zu versorgen. Wir haben ein Patent zur Bewirtung
und bieten vom Brunch bis zum Apéro alles an.
Das
tönt nach Schaffenskraft und Freude an Ihrer Arbeit?
L.S.: Wir haben auch Grenzen erfahren. Grenzen, die uns viel Substanz
und auch einen Teil Gesundheit gekostet haben. Uns flogen die Tauben auch
nicht gebraten in den Mund, sondern es war einfach beinharte Arbeit. Ehrlich
gesagt: Wenn wir nochmals anfangen würden, ich würde nicht mehr alles
mitmachen.
O.S.:
(lacht) Ich gehe noch weiter und sage: Ich würde gar nicht mehr anfangen.
Wir haben durch Erfahrung gelernt. Wenn wir jetzt wieder etwas Neues probieren,
ist eines klar abgemacht: Die Gesamtbelastung für den Betrieb darf nicht
steigen. Denn ein Bauer ist 365 Tage im Jahr gebunden - da ist kein Raum
für Ferien und Wochenende. Wir müssen daher auch Zeit für uns und für
Kontakte nach aussen haben. Sonst drehen wir uns im Kreis.
Zurück zum Biolandbau: Der Markt wird von Labels überschwemmt. Bioknospe,
Agrinatura, Naturaplan, Gourmet mit Herz, Porco Fidelio etc.: Da verliert
doch der Konsument die Übersicht?
O.S.: Im Moment herrscht noch ein Labelsalat. Aber auch hier wird der
Markt dafür sorgen, dass sich die besten Labels durchsetzen werden. In
der Tat ist es heute noch so, dass Bioprodukte vom Konsumenten verlangen,
sich stärker mit dem Thema Bio zu befassen. Ich sage meinen Kunden immer:
Kommt her und schaut euch auf unserem Hof um. Denn die direkte Kontrolle
ist immer noch das Beste.
Morgen
Samstag wird die Oberwalliser Landwirtschaftskammer gegründet. Braucht
es in Ihren Augen solche Organisationen noch?
O.S.: Es ist möglich, dass es derartige Organisationen braucht, um die
ganzen Funktionäre noch irgendwo beschäftigen zu können (lacht). Ich glaube,
die grosse Zeit der Verbände ist vorbei. Vor fünf Jahren konnte man sich
doch noch nicht vorstellen, dass es den Oberwalliser Bauernverband in
dieser Form nicht mehr geben wird. Die Bindung der Bauern an den Verband
war sehr gross. Aber ich frage mich, was für Aufgaben die neue Oberwalliser
Landwirtschaftskammer wahrnehmen wird. Ich hoffe, dass sich die Verantwortlichen
das überlegen, bevor sie die ganze Administration ins Leben rufen.
L.S.: Ich finde, dass ein Bauernverband, in welcher Form auch immer, schon
seine Berechtigung hat. Er funktioniert als Auffanggefäss für diejenigen,
welche sich eben dem Markt nicht kompromisslos stellen können. Vor allem
für ältere Bauern ist ein solcher Verband noch wichtig, die fühlen sich
dort zuhause.
O.S.:
Aber die Zukunft der Landwirtschaft wird von innovativen Bauern geprägt
sein. Nur wenn die Verbandstätigkeit in die Richtung geht, die Bauern
auf den Markt auszurichten, sehe ich einen Sinn darin, sonst nicht. Agronomen
sollen engagierten Betrieben zur Seite stehen und sie beraten, ihnen neue
Möglichkeiten aufzeigen. Es ist nicht Aufgabe der Verbände, die Zeit aufzuhalten.
Der Strukturwandel in der Landwirtschaft wird stattfinden. Die Frage ist
nur, ob dies auf Kosten der kleinen Bauernbetriebe geht oder nicht.
Zu
Biobetrieb und Landwirtschaftspolitik gesellt sich bei Ihnen noch eine
weitere Aufgabe: die Ortspolitik. Sie sitzen auch im Gemeinderat?
O.S.: Und manchmal stehe ich dort auch (lacht). Eigentlich wollte mich
das Volk am Anfang gar nicht. Ich rutschte vor sechs Jahren nach und "mittlerwilu
het mich ds Volch gäru".
L.S.:(lacht) "Weli Plaggetta"! Ich dachte immer, die Arbeit im Gemeinderat
habe dich vom Querdenken etwas weggeholt, zurück auf den Boden der Realität,
hin zur Kompromissfähigkeit?
O.S.: Ich habe in den sechs Jahren Gemeinderat viel dazugelernt, das stimmt.
Kompromissfähiger wäre ich aber sicherlich auch ohne dieses Amt geworden.
Was ich vor allem erfahren musste ist, wie schwierig es ist, ein solches
Gemeinwesen zu führen. Es ist einfach, als Grüner ein paar lockere Sprüche
loszuwerden. Aber im Gemeinderat von Ausserberg reicht es nicht, grüne
Gedanken zu predigen. Hier geht es auch um das Umsetzen. Ich musste lernen,
dass dies weniger schnell geht als mit Kritik um sich zu werfen. Die Arbeit
im Gemeinderat ist komplizierter, als ein kleines Unternehmen zu führen.
Man muss mit allen eine Lösung finden und nicht einfach seinen sturen
Schädel durchboxen.
Ausserberger sind ein äusserst debattier- und politfreudiges Völkchen.
Wie siehts bezüglich Gemeinderatswahlen aus?
O.S.: Wir werden die selben Probleme haben wie viele andere Bergdörfer
auch: Geeignete Kandidatinnen und Kandidaten für den Gemeinderat zu finden.
Nur geht man jetzt in Ausserberg andere Wege. Alle Parteien haben sich
gemeinsam an einen Tisch gesetzt, um Lösungen für das Dorf zu finden,
um unter Umständen vom Proporz zum Majorz zu wechseln. Es ging nicht mehr
unbedingt um Köpfe und Parteisitze, sondern darum, wie man in Ausserberg
auch in Zukunft einen fähigen und aktiven Gemeinderat erhalten kann. Das
war eine historische Sitzung für Ausserberg, wenn man bedenkt, welche
tiefen Spuren und Schäden die hiesige Familienpolitik hinterlassen hat.Das
Dorf öffnet sich und zeigt, dass es wieder zu einem gesunden Querdenker
wird.
Bleiben Sie im Gemeinderat ein Querdenker?
O.S.: Nein! Sechs Jahre sind genug und die Macht soll breit verteilt bleiben.
Ich brauche jetzt ein neues Hobby.
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