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"Die Spitalfrage ist ein Prestigekampf unter Ärzten"

Brig
/ Er wirkt eher unscheinbar, lacht gerne und manch einer hat ihn schon
unterschätzt. Dabei war er früher Chefredaktor des "Volksfreund" und heute
ist er nichts Geringeres als der Herr der Preise im Walliser Gesundheitswesen.
Heinrich Heinzmann (64), Verwalter des Kantonalverbandes der Walliser
Krankenversicherer, nimmt Stellung zu Gesundheitswesen, CSP-Politik, Pressemonopolen
und sagt: "Die Spitalfrage ist ein Prestigekampf unter Ärzten."
Von German Escher und
Waldemar Schön
Bricht bei Ihrem Hausarzt eigentlich der Angstschweiss aus, wenn Sie
bei ihm aufkreuzen?
Heinrich Heinzmann: (lacht) Was denken Sie denn für Sachen? Ich habe seit
30 Jahren denselben Hausarzt und der braucht nun gewiss keine Angst vor
mir zu haben. Natürlich gibt es zwischen uns zum Thema Gesund-heitskosten
Diskussionen. Aber da ist meine Meinung klar: Ein Arzt, der richtig arbeitet,
nagt gewiss nicht am Hungertuch!
Sie leben in einer Welt der Zahlen. Wie steht es mit dem Kontakt zum
Menschen hinter den Gesundheitskosten?
H. H.: Meine Aufgabe war und ist noch bis Ende Jahr, die Krankenkassenprämien
in den Griff zu kriegen. Ich war mir aber immer bewusst, dass hinter all
diesen Zahlen viel Schmerz und menschliches Leid steckt, und dass viele
Familien mit der hohen Prämienbelastung Mühe haben. Wenn jemand denkt,
dass der Heinzmann von den Krankenkassen nur die Zahlen sieht, liegt er
falsch. Mein Job muss nun mal getan werden.
Sie
sind seit 18 Jahren Geschäftsführer der Walliser Krankenversicherer. Was
hat sich seither geändert?
H. H.: Vor 18 Jahren hatte das Wallis die siebthöchste Prämienbelastung
der Schweiz, und das mit dem tiefsten Bevölkerungseinkommen unseres Landes.
Grund: Der Staat hatte damals am Laufmeter Spitäler gebaut, ohne sich
gross um deren Finanzierung zu kümmern. Die Schulden wurden einfach auf
die Versicherten der Krankenkassen abgewälzt. So konnte es nicht weiter
gehen. Als ich die Geschäftsführung des Verbandes übernahm, lancierten
wir direkt eine Initiative, die 50 Prozent der Kosten und der Investitionen
der Spitäler dem Kanton übertragen sollte. Wir einigten uns schliesslich
bei 40 Prozent. Zehn Jahre später setzte das neue Krankenversicherungsgesetz
unseren Ansatz in der ganzen Schweiz durch. Heute liegen wir in Sachen
Höhe der Krankenkassenprämien in etwa an fünfzehnter Stelle in der Schweiz.
Das ist anständig, könnte aber im Vergleich zum Einkommen noch besser
werden.
Um wie viel sind die Prämien seit ihrem Einstieg eigentlich gestiegen?
H. H.: Die Prämien haben sich in 18 Jahren von 750 Franken auf 1738 Franken
mehr als verdoppelt.
Von
den Prämienzahlern kritisiert, von Ärzteschaft und Spitäler unter Druck:
Wie fühlt man sich in dieser Sandwich-Position?
H. H.: Natürlich bin ich in einer Sandwich-Position. Meine Hauptaufgabe
war aus diesem Grund immer, den Leuten zu sagen, dass jede Kostensteigerung
im Gesundheitswesen zu Prämienerhöhungen führt. Wenn die Walliser Krankenschwestern
demnächst für 12 Millionen mehr Lohn demonstrieren, müssen sie sich bewusst
sein, dass davon sechs Millionen die Versicherten zu bezahlen haben. Für
eine Familie, die knapp nicht mehr subventionsberechtigt ist, wird das
zu einer Existenzfrage.
Thema
Subventionen: Rund 130 Millionen geben Bund und Kanton im Wallis für die
Subventionierung der Krankenkassenprämien aus.
H. H.: Ein sehr guter Wert. Es hat aber auch Nachteile. Es wird in nächster
Zeit kaum möglich sein, eine Revision des Krankenversicherungsgesetzes
durchzubringen. Denn die untersten 30 Prozent der Versicherten erhalten
Subventionen und sind zufrieden und die obersten 30 Prozent stehen so
gut da, dass sie keine weiteren Interventionen des Staates wollen. Unter
die Räder geraten dabei die mittleren 30 Prozent - das sind in erster
Linie Familien.
Die Lösung?
H. H.: Anstatt weniger Steuern durch die geplante Steuersenkung im Wallis
einzunehmen, könnte man doch auch direkt einem grösseren Teil der Versicherten
die Prämien subventionieren. Dann würden nicht die Besserverdienenden
weniger Steuern zahlen, sondern die Mittelschicht weniger Krankenkassenprämien.
Aber so ein Modell hat vor dem Volk leider keine Chance.
Wenn ich Sie als Arzt für das Walliser Gesundheitswesen betitle: Wie
sieht Ihre Diagnose aus?
H. H.: Die Kosten steigen in sehr hohem Masse an. Die obligatorische Grundversicherung
hat im Wallis im letzten Jahr fast eine halbe Milliarde Franken gekostet.
Eine Analyse zeigt: Bei den Arztkosten sind wir unter dem Durchschnitt
der Schweiz, bei den Spitälern sind wir eindeutig zu hoch in den Kosten
und bei den Medikamenten ebenfalls. Andererseits werden günstigere Varianten
der Gesundheitsversorgung zu wenig genutzt. Die Spitex braucht nur etwa
die Hälfte des Geldes, das ich ihr geben würde. Fazit: Vor allem bei der
Struktur der Spitäler muss jetzt im Wallis vorwärts gemacht werden.
Trotzdem
ist es still geworden um die Spitalfusion: Braucht es diese wirklich?
H. H.: Gegenfrage: Würde sich ein privates Unternehmen mit zwei Geschäften
in Brig und Visp, zwei vollständige Verwaltungen, zwei Unterhaltsdienste
oder zwei Küchen leisten? Ganz sicher nicht, das Unternehmen würde Pleite
machen. Die Spitäler tun dies aber. Und noch mehr: Es werden in beiden
Spitälern Abteilungen betrieben, die einfach zu klein sind und viel zu
viel kosten. Um eine Intensivstation korrekt und effizient betreiben zu
können, braucht es mindestens 20 Personaleinheiten. Ausser Sitten kann
sich dies aber kein Spital im Wallis leisten. Trotzdem gibt es in Brig
und in Visp Intensivstationen mit je zehn oder zwölf Personaleinheiten.
Beispiel Geburtenabteilung: Es gibt einfach zu wenig Geburten, um in Brig
und in Visp je eine solche Abteilung zu betreiben. Es geht doch nicht,
wenn mehr Frauenärzte im Spital sind als Betten!
Diese Einsicht ist doch nicht neu...
H. H.: ...aber trotzdem machen ja die Spitäler nicht vorwärts. Am Stillstand
in der Spitalfrage sind Eitelkeit und Prestigedenken der beteiligten Partner
- Gemeinden, Spitaldirektionen und Ärzte - Schuld. Eigentlich ist die
Spitalfrage Sache des Staatsrates. Aber ob dieser die Courage hat, vor
den Staatsratswahlen vom kommenden März einen klaren Entscheid zu treffen,
bezweifle ich. Denn die Chefärzte werden sowieso machen, was sie wollen.
Ich
habe das Gefühl, Ihr Anliegen kurz gesagt: Jedes Spital soll das machen,
was es am besten kann?
H. H.: Eine gewisse Grundversorgung wird jedes Spital anbieten. Aber wenn
ich bei einer schwierigen Operation die Wahl habe zwischen einem Chirurgen,
der diese Operation fünfmal oder einem Arzt, der diesen Eingriff 200-Mal
pro Jahr macht - was wähle ich? Doch den Arzt mit mehr Erfahrung. Daher
bringt es nichts, wenn zum Beispiel Lungenoperationen in Montana, Sitten,
Visp und auch in Brig angeboten werden. Welche Leistungen nun wo angeboten
werden, ist mir persönlich egal.
Spitalpolitik
droht zum Thema der Staatsratswahlen zu werden?
H. H.: Die Gefahr ist gross. Aber klar ist: Mit Politpalaver kommt man
in der Spitalfrage keinen Schritt weiter. Denn wer heute als Politiker
dem Volk in Sachen Spital Versprechungen macht, muss auch sagen, wer die
Zeche zu bezahlen hat - und das wird der Versicherte mit der Prämie sein.
Themenwechsel:
Viele OberwalliserInnen haben Sie noch als Chefredaktor des damaligen
"Volksfreund" in Erinnerung. Trauern Sie der zweiten Tageszeitung noch
nach?
H. H.: Für eine zweite Tageszeitung ist der Oberwalliser Wirtschaftsraum
einfach zu klein. Klar ist aber: Monopolstellungen sind immer schlecht,
auch in der Presselandschaft. Daher habe ich viel Freude an neuen Produkten
wie der RZ. Ich bin aber der Meinung, dass sich auch Gemeindeanzeiger
politischen Meinungen und Ansichten öffnen und sich nicht nur auf "plutti
Gmei- und Vereinsinformationä" beschränken sollten.
Die
Medienlandschaft Oberwallis hat sich ja auch verändert: WB, Radio, RZ?
H. H.: Das erste Konzessionsgesuch für den Betrieb eines Privatradios
wurde von Odilo Guntern und mir eingereicht. Unsere Meinung war, dem gedruckten
Wort das gesprochene Wort gegenüberzustellen. Daraus wurde dann nichts,
weil wir uns zum Teil aus dem Radiogeschäft zurückgezogen haben. Aber
nochmals: Monopole sind immer schlecht. Wettbewerbe begrüssen ich immer.
Denn ohne Wettbewerb geht die Wirtschaft und auch die freie Meinung den
Bach runter.
Ihre journalistische Arbeit war damals stark parteipolitisch motiviert.
Wie stehen Sie heute zur CSP?
H. H.: Trotz meiner ideologischen Nähe zur CSP bin ich nicht Parteimitglied.
Ich musste in meiner Funktion neutral bleiben. Ich habe zu meiner grossen
Überraschung auch mit Peter Bodenmann, mit dem ich als Journalist Jahrzehnte
im Clinch stand, sehr gut zusammenarbeiten können und mit seinem Nachfolger
habe ich gar keine Probleme. Zur CSP: Was ich bedauere ist, dass die Vertreter
der Arbeiterschaft in der CSP immer wieder unter die Räder kamen und zu
Wasserträgern degradiert wurden.
Man
spürt noch Ihr politisches Temperament. Können Sie sich ein politisches
Engagement im Rentenalter vorstellen?
H. H.: (lacht) Sicher nicht als Kandidat auf einer Liste. Aber ich könnte
mir vorstellen, dass ich im Bereich des Konsumentenschutzes tätig sein
könnte. Denn eine strukturierte Konsumentenvertretung fehlt im Wallis.
Eine solche Institution wäre auch nötig und laut Gesetz vorgeschrieben,
um die Verträge im Gesundheitswesen von Konsumentenseite her zu prüfen.
Immerhin geht es dabei um eine halbe Milliarde Franken im Jahr. Ich bin
mir aber bewusst, dass ich dies nicht alleine tun kann und dass dies gegen
Gottes Lohn geschehen wird. Aber als Pensionär würde ich ab dem nächsten
Jahr ja genügend Zeit haben, um meine Erfahrungen für die Versicherten
im Wallis einzusetzen.
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