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"Ich
hoffe nicht, dass Steinhaus zum Geisterdorf wird"

Steinhaus
/ Vor sechs Jahren wurde sie zur jüngsten Gemeindepräsidentin der Schweiz
gewählt - in einer der kleinsten Gemeinden der Schweiz, in Steinhaus.
Im Frontal Interview nimmt Sandra Briw (28) Stellung zu Lust und Frust
der Gemeindepolitik, zu Fusionen und Alleingängen und zur politischen
Zukunft des Goms.
Von Waldemar Schön und
German Escher
Damals mit 22 jüngste Gemeindepräsidentin der Schweiz und nach sechs
Jahren schon fast ein alter Politfuchs...
Sandra Briw: ...was man sicher nicht sagen kann. Ich rutschte nach dem
Tod meines Vaters, der damals Gemeindepräsident war, in die Politik nach
und wusste eigentlich nicht, was mich erwartet. Heute kann ich ein paar
Dinge etwas lockerer angehen. Aber ein Politfuchs bin ich deshalb noch
lange nicht.
Ihr Fazit als Gemeindepräsidentin: Lust oder Frust?
S. B.: Ich konnte oft nicht verstehen, dass Kleinigkeiten zu Streitereien
und Uneinigkeit führen können. In solchen Situationen war manchmal auch
Frust im Spiel, weil mich der Ärger packte. Aber der verflog meistens
sehr schnell. Im Grossen und Ganzen war die Lust an der Politik grösser
als der Frust.
Jung,
eine Frau und erst noch die einzige Gommer Gemeindepräsidentin — wurden
Sie von den übrigen Politikern sofort akzeptiert?
S. B.: Damit hatte ich keine Probleme. Denn ich stiess immer auf offene
Ohren, wenn ich in einer Frage Rat brauchte oder wissen wollte, wie dies
oder jenes in anderen Gemeinden gehandhabt wird. Aber es lag an mir, den
ersten Schritt zu tun. Denn es ist nicht Brauch, sich in die Geschäfte
einer anderen Gemeinde einzumischen. Und zum Thema Frau in der Dorfpolitik:
Ich bin ja nicht die einzige Frau in unserem Gemeinderat. Steinhaus ist
wohl die einzige Oberwalliser Gemeinde, in der die Frauen die Mehrheit
haben (lacht).
Wie
geht man damit um, als so junge Person plötzlich derart exponiert zu sein?
S. B.: In einer Gemeinde müssen die Sachgeschäfte erledigt werden. Da
geht es nicht darum, sich in den Vordergrund zu stellen. Übrigens: Mit
37 Einwohnern kann man nicht von "exponieren" reden. Denn früher oder
später trifft es da fast jede und jeden, in der Gemeinde Verantwortung
zu übernehmen.
Sie
sind eher zurückhaltend, vorsichtig. Sie sind nicht die Frau der grossen
Töne und trauen den Sie Befragenden nicht so richtig über den Weg. Trügt
dieser Eindruck?
S. B.: (lacht) Dieser Eindruck täuscht nicht - auch wenn ich nicht von
Misstrauen reden würde. Ich stelle mich eben nicht gerne auf die Bühne
und schwinge grosse Reden. Zudem steht man ja in einer kleinen Gemeinde
wie Steinhaus nicht alle Tage im Rampenlicht der Medien. Ich muss allerdings
zugeben, dass es ab und zu Situationen gibt, in denen ein offensives Auftreten
nicht schaden würde. Aber ich erledige lieber im Hintergrund meine Arbeit.
In
der Nachbargemeinde Niederwald ist der Gemeindepräsident Opfer seiner
Jugend geworden. Ihnen ist das nicht passiert?
S. B.: Nein, denn vor allem am Anfang meiner Amtszeit fühlte ich mich
von der Gemeinde stark getragen. Die Urversammlungen waren gut besucht
und ich wurde unterstützt. Obwohl ich manchmal auch das Gefühl hatte,
dass die Leute in die Versammlungen kamen, um zu sehen "wie schich die
Sandra metzget". Mit der Zeit kam auch Kritik dazu. Aber das gehört in
der Politik dazu. Das Fell wird mit der Zeit dichter und der Rücken breiter,
um Kritik ertragen zu können. Aber vor allem in einer kleinen Gemeinde
mit 37 Einwohnern ist es wichtig, dass die Einheit erhalten bleibt und
alle am selben Strick ziehen. Und das war bei uns meistens der Fall.
Thema
Frauenpolitik: In einer Untersuchung des Gleichstellungsbüros kam zum
Ausdruck, dass sich die meisten Frauen eine breitere Unterstützung von
Partei und Volk wünschen. Wie sind Ihre Erfahrungen?
S. B.: Ich glaube, dass dies nicht nur auf Frauen in der Politik zutrifft.
Denn in den letzten zwei oder drei Jahren hätten wir uns im Gemeinderat
manchmal etwas mehr Unterstützung erhofft. Denn mit weniger als 100’000
Franken Steuereinnahmen und 170’000 Franken Finanzausgleich sind wir in
Steinhaus auf die Mithilfe der Leute angewiesen. Aber auch in unserem
kleinen Dorf merken wir, dass sich die Leute eher auf die eigene Familie
und die Freizeit konzentrieren, als sich für das Gemeinwesen einzusetzen.
Ein Problem, mit dem sich jetzt vor den Wahlen viele Gemeinden konfrontiert
sehen.
Was
halten Sie von Frauenförderung, Frauensolidarität und Frauenlisten?
S. B.: (lacht) Bei uns ist das sicherlich kein Thema, denn die Frauen
haben ja schon die Mehrheit im Gemeinderat. Dass es Frauen in der Politik
schwerer haben, ist keine neue Erkenntnis. Aber in erster Linie muss eine
Frau selber etwas bewirken wollen. Auf Gemeindeebene sollte es aber diesbezüglich
keine Probleme geben, gewählt zu werden. Denn hier herrscht ja offensichtlich
ein Mangel an Kandidaten. Als Notnagel sehe ich die Frauen in der Gemeindepolitik
jedoch nicht. Denn nur weil Männer das Amt nicht erledigen wollen, heisst
dies noch lange nicht, dass jetzt die Frauen in die Bresche zu springen
haben. Denn nur als Kosmetik hat eine Frau auf einer Liste nichts verloren.
Sie
wollen als Gemeindepräsidentin zurücktreten?
S. B.: Der Hauptgrund für den Rücktritt ist meine Familie. Ich habe zwei
kleine Kinder, zweieinhalb Jahre und zwei Monate alt. Und ohne meine Mutter,
die sich oft um die Kinder kümmert, wäre es mir nicht möglich gewesen,
Gemeindepräsidentin zu sein. Das Problem ist auch, dass sich viele Sitzungen
vom Abend auf den Tag verschieben, was das Ganze zusätzlich erschwert.
Eigentlich hätten Sie die vom Volk gutgeheissenen Fusion mit Ernen,
Mühlebach und Ausserbinn zu Ende bringen können?
S. B.: Diese Fusion ist zwar beschlossene Sache. Aber bis diese vollzogen
ist, werden noch drei oder vier intensive Jahre ins Land ziehen - eine
lange Zeit für mich als Mutter.
Kommen
wir zur Fusion, die ja laut RRO eine "Grossgemeinde" entstehen lässt.
S. B.: Von Grossgemeinde kann kaum die Rede sein. Aber wir erhoffen uns
schon, dass wir die bestehenden Ressourcen besser nutzen können, nicht
nur im Bereich der Gemeinderäte. Schon heute arbeiten wir in Sachen Schule
oder Feuerwehr eng mit Ernen zusammen. Diese Zusammenarbeit wird jetzt
noch intensiver werden. Aber ehrlich gesagt: Vor sechs Jahren hätte ich
mir nicht träumen lassen, dass wir 2000 einer Fusion zustimmen würden.
Hier ist in den Köpfen der Leute ein grosser Wandel über die Bühne gegangen.
Keine Angst, dass Ernen zur Übermacht wird und dann Kritiker die dunkle
Zeit des Erner Galgens wieder heraufbeschwören?
S. B.: (lachend) Da wir in Steinhaus mit überwältigendem Mehr der Fusion
zugestimmt haben, hoffe ich schon, dem Genuss des Galgens entgehen zu
können. Aber im Ernst: Natürlich bestehen Ängste, das Resultat von Binn
hat dies ja deutlich gezeigt. Aber es liegt nun an uns, in einer Gemeindeordnung
festzulegen, wer in welcher Form im künftigen gemeinsamen Gemeinderat
vertreten sein wird. Tatsache ist: Wir wollten die Fusion noch zu einer
Zeit durchziehen, in der wir in den Gemeinden ein Mitspracherecht haben
und die Spielregeln mitbestimmen können. Ein kleines Beispiel: Wenn der
Kanton die Strasse zwischen Ernen und Steinhaus zur Gemeindestrasse umklassiert,
können wir dies doch nicht finanzieren. Jetzt können wir noch unsere Forderungen
dazu einbringen. In ein paar Jahren wird dies vielleicht anders aussehen
und der Kanton wird dann sagen, wie eine Fusion über die Bühne zu gehen
hat.
Aber
ehrlich gesagt: Das Fusionsprodukt Grafschaft ist nach wie vor eine Kleinstgemeinde
und auch Ernen wird ja dadurch nicht zum Manhatten des Goms.
S. B.: Ich bin auch der Meinung, dass der Fusionsgedanke weiter gefasst
werden muss...
...also
eine Gemeinde Untergoms?
S. B.: Das wäre eine Möglichkeit. Wie gesagt: Wir haben uns entschlossen,
die Fusion durchzuführen, solange wir noch mitbestimmen können. Denn der
Druck zu grösseren Fusionen wird kommen, auch wenn sich im Moment der
Kanton diesbezüglich zurückhaltend gibt.
Und wo steht das Goms in zehn Jahren?
S. B.: Auch in zehn Jahren wird das Goms mehr als zwei oder drei Gemeinden
haben - wenn sich der Druck zur Fusion nicht plötzlich erhöhen sollte.
Aber es werden sicher noch weitere Fusionen folgen.
Von
der Politik zum Tourismus: Eine engere Zusammenarbeit oder gar Fusion
würde sich doch auch in Bereich der Skianlagen aufdrängen. Stichwort Erner
Galen?
S. B.: (nachdenklich) Wir hoffen darauf, dass der Erner Galen Zukunft
hat. Die Gemeinden engagieren sich jetzt vermehrt, auch wenn das im Vergleich
zu anderen Skigebieten noch ein kleiner Anteil ist. Der Verwaltungsrat
des Erner Galens sieht auch die Notwenigkeit einer engeren Zusammenarbeit.
Aber leider sind die Verhandlungen mit der Luftseilbahn Fiesch Eggishorn
gescheitert. Doch auf die Dauer wäre eine Fusion wichtig, um weiter bestehen
zu können. Jetzt werden die Gemeinden stärker gefordert sein und wir müssen
umdenken und das Tourismusbewusstsein fördern. Denn mit dem Skigebiet
Erner Galen ginge uns eine wichtige Trumpfkarte verloren.
Und wie steht es mit der Zukunft von Steinhaus: Droht das Geisterdorf?
S. B.: Im Moment zählen wir 37 Einwohner, davon sind zehn Kinder. So schlecht
sieht es also nicht aus. Aber wir können nur wenig Anreize schaffen, um
Leute zusätzlich nach Steinhaus zu bringen. Deutschschweizer Familien,
die sich hier mit ein wenig Landwirtschaft und einem Nebenverdienst über
Wasser halten wollten, haben auch erfahren müssen, dass es auch in einem
Bergdorf mehr zum Leben braucht. Trotzdem: Ich hoffe nicht, dass Steinhaus
zum Geisterdorf wird. Und mit zwei kleinen Kindern gehe ich ja mit gutem
Beispiel voraus (lacht).
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