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"Vielleicht
bin ich noch zu einer politischen ‘Schandtat’ bereit"

Turtmann
/ Er hockt nicht gerne auf dem Mund und weiss seinen harten Kopf durchzusetzen.
Trotzdem nimmt Lukas Jäger als Turtmänner Gemeindepräsident den Hut. Gegenüber
der RZ nimmt er Stellung zu Motivationskillern, Polit-Clans, Gemeindefinanzen
und meint: "Ich bin stolz darauf, Präsident zu sein."
Von German Escher und
Waldemar Schön
Nach
acht Jahren treten Sie als Gemeindepräsident von Turtmann zurück. Ist
es ein schwieriger Entscheid oder fällt Ihnen jetzt ein Stein vom Herzen?
Lukas Jäger: Es war sicherlich ein schwieriger Entscheid. Aber ich wollte
nie länger als acht Jahre Präsident sein. Ich bin der Meinung, dass es
nun wieder unverbrauchte Kräfte braucht, die das Dorf mit neuer Motivation
weiterbringen. Und ein Stein, der vom Herzen fällt? Ja und nein. Ja, weil
das Gemeindepräsidium eine sehr zeitintensive Angelegenheit ist; nein,
weil heute die Gemeinde so gut organisiert ist, dass die Arbeit leichter
fällt als noch vor acht Jahren.
Sie
wollen für motivierte Leute Platz machen, haben also ein Motivationsproblem?
L. J.: Es wäre gelogen, würde man nach acht Jahren nicht von einem Nachlassen
der Motivation sprechen. In erster Linie ist das Präsidentenamt für mich
ein zeitliches Problem. Vor acht Jahren war mein Beruf als Betreibungs-
und Konkursbeamter weniger umfangreich als heute. Waren wir damals drei
Leute, stehen heute deren sieben auf meiner Lohnliste und es reicht noch
immer nicht. Mein berufliches Engagement lässt sich nicht mehr mit dem
Präsidentenamt verbinden.
Trotzdem
wollen Sie vom Gemeinde- in den Burgerrat?
L. J.: Im Burgerrat ist der Arbeitsumfang ungleich kleiner. Wenn ich in
den Burgerrat will, so geht es mir in erster Linie um die Fortführung
einiger Projekte, die ich als Gemeinde- und Burgerpräsident angerissen
habe und die mir am Herzen liegen. Zudem wird der Burgerrat neu geschaffen
und ich bin der Meinung, dass ein "Altgedienter" für Kontinuität sorgen
kann.
Gemeinderäte haben viel zu leisten - werden aber kaum honoriert. Hier
muss man doch über die Bücher gehen?
L. J.: Tatsache ist, dass in den Gemeinden oft ehrenamtlich oder gegen
bescheidenen Lohn gearbeitet wird. Der Lohn eines Gemeindepräsidenten
stimmt mit Aufwand und Leistung nicht überein. Schon oft ist über andere
Modelle diskutiert worden. Aber Patentlösungen habe ich auch keine anzubieten.
Wer gut arbeitet, ist zu schlecht bezahlt, wer schlecht arbeitet zu gut.
Vielleicht könnte man durch die Reduktion der Mitglieder des Gemeinderates
dafür sorgen, dass leistungswilligere Leute gewählt würden. Dadurch könnten
diese auch besser entlöhnt werden. Aber ehrlich gesagt: Das ist eine Utopie!
Was waren in den letzten acht Jahren die grössten Motivationsbrecher
als Gemeindepräsident?
L. J.: "Wemme ab und züö ufu Grind verchunt oder al-leinzig gägu die Meinig
vam Rat isch." Wenn die Unterstützung der Ratskollegen fehlt, ist das
wenig motivierend. Aber ich bin seit 25 Jahren in der Politik, wusste,
was auf mich zukommt und habe versucht, gute Arbeit zu leisten.
Die
Ratskollegen sind nur die halbe Wahrheit.Denn
der Bürger kann auch ganz heftig kritisieren?
L. J.: Das hat sich in den letzten 25 Jahren stark verändert. Früher galt
der Gemeindepräsident noch etwas, wurde respektiert und auf der Strasse
von uns Schulkindern mit Respekt gegrüsst. Heute wird man oft angepöbelt,
bevor gegrüsst wird. Und das zeigt mit der Zeit seine Wirkung.
Sie sprechen die Forderungsmentalität an...
L. J.: ...und man vergisst, das im Gemeinderat Menschen sitzen, die Gefühle
haben, sensibel sind und auf Angriffe auch menschlich reagieren können.
Aber der Bürger bezahlt ja für die Dienstleistungen und fordert daher
auch mehr.
Frei
nach dem Motto: "Ich zahle Stiirä und dü müesch spuru"?
L. J.: (lacht) Als Journalist können Sie das so sagen, ich als Politiker
nicht. Aber Sie treffen damit den Nagel ziemlich auf den Kopf.
Zeitlich
starke Belastung, schlechte Entlöhnung, Blitzableiter des Bürgers: findet
man denn noch Leute, die ein solches Amt wollen?
L. J.: Zum Glück gibt es solche Leute noch. Aber die kommenden Wahlen
zeigen, dass es immer schwieriger wird, überhaupt jemanden auf die Listen
zu bringen, vergiss denn, diese zu füllen und dem Bürger eine echte Auswahl
zu präsentieren. Ich habe noch mitbekommen, dass es eine schöne Aufgabe
ist, der Gesellschaft etwas von dem zurückzugeben, das man von ihr erhalten
hat. Ich bin stolz darauf, Gemeindepräsident zu sein. Das ist die Grundlage,
um ein öffentliches Amt zu übernehmen. Und diese Haltung geht zusehends
den Bach runter.
Ist
ein Wechsel von Proporz zu Majorz die Lösung?
L. J.: Der Wechsel von Proporz zum Majorz ist ein heisses politisches
Eisen. Denn die Minderheitsparteien werden sich mit Händen und Füssen
dagegen wehren. Aber vor allem in kleineren Gemeinden, vielleicht unter
1000 Einwohnern, drängt sich der Wechsel zum Majorz auf. Das würde auch
die Möglichkeit des Amtszwangs wieder öffnen und auch Leuten in den Gemeinderat
verhelfen, die sich nicht einer Partei zuordnen lassen wollen, indem sie
auf eine Liste gehen. Aber: Seit ich in der Politik bin, habe ich erlebt,
dass man immer wieder Leute dazu vergewaltigen muss, auf eine Liste zu
gehen. Doch wenn sie gewählt sind, bereuen es die wenigsten, den Schritt
getan zu haben.
Wenn der Proporz entfällt, verlieren die Ortsparteien doch an Bedeutung
und die Clans gewinnen wieder die Oberhand?
L. J.: Ob Proporz oder Majorz: Die Clanpolitik bleibt in kleineren Gemeinden
dieselbe. Denn im Normalfall sind es nur eine Hand voll Leute, welche
Kandidaten suchen und die Listen füllen. Es gibt Leute, die meinen, dass
man bei Grossrats- und Staatsratswahlen immer mehr vom Parteidenken wegkommt.
Aber gerade in diesen Wahlen und bei den Gemeinderatswahlen sieht man
ja, dass die Parteien noch eine grosse Rolle spielen, auch wenn sie von
Clans beherrscht werde. Sonst würden doch nicht 90 Prozent und mehr an
Gemeinderatswahlen teilnehmen?
Ein
weiterer Lösungsansatz: Gemeindefusionen müssen vorangetrieben werden?
L. J.: Wenn Fusionen kleiner Gemeinden geografisch sinnvoll sind, soll
man diese Möglichkeit prüfen. Die Gemeinden sind in der Regel sehr selbständig
und gut organisiert. Ich sehe eher, dass man die Gemeinden politisch unabhängig
belässt, aber dass man gewisse Dienste wie Zivilschutz, Polizei, Rechnungsstelle
und anderes mehr gemeinsam führt und dadurch Geld spart. Vielleicht könnte
man auch halbamtliche oder vollamtliche Präsidenten einführen. Nur werden
da erneut die Finanzen strapaziert. Denn die Finanzlage der Gemeinden
ist mit wenigen Ausnahmen katastrophal und ich weiss nicht, wie die Gemeinden
von den riesigen Schuldenbergen wegkommen sollen. Klar ist: Das heutige
Gemeindesystem befriedigt nicht vollumfänglich und man muss dieses überprüfen.
A propos Gemeindefinanzen: Einer ihrer Rücktrittsgründe ist die Doppelbelastung
mit ihrer Arbeit als Betreibungs- und Konkursbeamter — auch in Leukerbad.
Muss der Turtmänner Gemeindepräsident wegen Leukerbad zurücktreten?
L. J.: Um Himmels Willen nein, nein! Natürlich führt der Fall Leukerbad
zu einem Mehraufwand in meinem Büro. Aber die Arbeit im Betreibungs- und
Konkursbereich hat sich massiv erhöht. Wir verschicken heute zum Beispiel
mehr als doppelt so viele Zahlungsbefehle wie noch vor zehn Jahren.
Mehr
als verdoppelt: Das lässt nichts Gutes ahnen. Wie beurteilen Sie die Wirtschaftssituation?
L. J.: Wenn ich sehe, wie viele Betriebe in den letzten Jahren dem sogenannten
Strukturwandel zum Opfer gefallen sind, muss ich schon sagen, dass jetzt
bald einmal Schluss sein muss. Ich habe einen guten Einblick ins Kleingewerbe,
in den Tourismus und in die Landwirtschaft. Und ich glaube, dass es wieder
langsam bergauf geht — allerdings mit kleinen Schritten.
Und
wie sieht es mit betrügerischen Konkursen aus?
L. J.: Es gibt sicher mehr Straffälle, als tatsächlich geahndet werden.
Natürlich ist es schwierig zu verstehen, wenn jemand morgen weiter geschäftet,
der heute Konkurs geht. Aber auch Unternehmer müssen ja weiterleben. Und
wer versucht, sich selbst wieder aus der Affäre zu ziehen, liegt nicht
der Öffentlichkeit auf der Tasche.
Thema Privatschuldner: Sind wir mit Kleinkrediten, Kreditkarten etc.
verschwenderischer geworden?
L. J.: Die Generation meiner Eltern handelten nach dem Prinzip: Gib nur
aus, was du schon verdient hast. Heute ist das mit den Kreditkarten anders:
Da wird heute ausgegeben, was morgen verdient wird. Im Vergleich zu allen
Konkursen haben Privatkonkurse zwar nicht zugenommen. Aber die Tendenz,
sich schneller zu verschulden, ist heute mit Leasing, Abzahlung und Kleinkrediten
klar erkennbar. Und wer einmal im Teufelskreis der Schuldenfalle sitzt,
kommt aus eigner Kraft fast nicht mehr heraus.
Zurück zur Politik: Sie sind Politiker mit Leib und Seele. Wird man
Sie als CVP-Politiker wieder irgendwo sehen?
L. J.: Im Moment habe ich genug von der Politik und werde mich vermehrt
meiner Familie und meinem Hobby, den Ringkühen, widmen. Was aber nicht
heisst, dass mich die Politik kalt lässt. Leider kann ich wegen meinem
Beruf nicht Grossrat werden. Aber wer weiss: (lacht) Vielleicht bin ich
noch zu der einen oder anderen politischen "Schandtat" bereit.
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