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"Ich
will Brig nicht von oben herab führen"

Brig-Glis / Sie ist die erste Stadtpräsidentin des Wallis überhaupt,
hat mit erst 38 Jahren einen amtierenden Präsidenten aus dem Sattel gekippt
und bezeichnet sich als Mitglied der neuen CVP-Generation. Viola Amherd
zu Schadenfreude, Machtgerangel und dem Führungsanspruch der Stadtgemeinde
Brig-Glis im Oberwallis.
Von German Escher und
Waldemar
Schön
Viola
Amherd, an den Tagen nach der Wahl — folgt da auf die Würde schon die
Bürde?
Viola Amherd: (lacht) Eine Bürde zeigt sich schon: Und zwar die Tatsache,
dass sich die Interviewtermine häufen. Im Ernst: Im Moment herrscht ganz
klar die Freude über den Wahlsieg vor. Links und rechts wird mir zur Wahl
gratuliert und das ist schön. Aber eine alte Weisheit sagt: Das Schönste
für die Gewählten ist die Zeit von der Wahl bis zum Amtsantritt. Ich bin
mir bewusst, dass mit dem Stadtpräsidium eine schwierige Aufgabe auf mich
zu- kommt.
Sie
haben als erste Stadtpräsidentin des Wallis am letzten Wochenende Geschichte
geschrieben.
V. A.: Es ist ein schönes Gefühl und wir hatten in der Partei nach dem
Wahlerfolg eine Bombenstimmung. Wir konnten aufatmen, dass uns der Erfolg
gelungen ist und die Freude über den Erfolg war sehr gross.
Was
herrscht denn vor: Genugtuung über die geleistete Arbeit oder Schadenfreude,
es der gegnerischen Partei gezeigt zu haben?
V. A.: Schadenfreude wäre ganz klar Fehl am Platz. Es herrscht eine ehrliche
Freude vor, dass der Arbeitseinsatz aller Leute in der Partei reife Früchte
getragen hat.
Denkt
man in den Momenten des Triumphs auch an die Gefühlslage des Verlierers?
V. A.: Natürlich denkt man auch an den Verlierer. Denn für Peter Planche
ist es eine harte Sache, abgewählt zu werden. Eine Abwahl kann aber jeden
Politiker treffen, das ist Teil des Spiels. Ich selbst habe bei den Staatsratswahlen
erfahren, wie hart es ist, nicht gewählt zu werden. Und eine Abwahl ist
noch um einiges härter.
Der Stadtrat wird wohl einige Zeit brauchen, bis er wieder Tritt gefasst
hat. Die zwei gescheiterten Mitbewerber ums Präsidium,Peter Planche
und der interne Konkurrent Louis Ursprung, werden sich vorerst wohl zurückhalten?
V. A.: Ich glaube nicht, dass der Rat durch die Wahlen den Tritt verloren
hat. Erstens wurde mein Resultat erst durch das faire Verhalten von Louis
Ursprung möglich. Die zwei Lager der CVP, die von allen Seiten heraufbeschworen
wurden und sich scheinbar bis aufs Blut bekämpfen sollten, haben sich
nicht bewahrheitet. Zweitens habe ich mit Peter Planche immer gut zusammen
arbeiten können. Und das wird sich durch diese Wahl nicht ändern. Im Briger
Stadtrat wird sachlich diskutiert und auch ab und zu um die Sache gestritten,
wenn dies nötig ist. Ein Stadtrat bietet nur ein kleines Feld, um ideologische
Parteistreitigkeiten auszufechten.
Die CVP ist mit der CSP eine Wahlallianz eingegangen.Dominiert
jetzt wieder die C-Mehrheit im Schloss?
V. A.: Es ist doch naheliegend, dass man sich unter sogenannten Schwesterparteien
gegenseitig unterstützt? Ich glaube aber nicht, dass jetzt die C-Parteien
die anderen im Schloss erdrücken werden. Selbst als die CVP noch sechs
Sitze aufwies, konnte ich nie feststellen, dass diese zahlenmässige Übermacht
ausgenutzt wurde. Ein Ziel als Präsidentin ist es, die Zusammenarbeit
im Rat weiter zu stärken. Ich will nicht einen Stadtrat fördern, der polarisiert,
sondern der sachlich argumentiert. Jeder soll unabhängig von seiner Partei
seine Meinung frei äussern, ohne sich vor jeder Aussage mit den Parteikollegen
zu beraten.
Naters
wird von einer CVP-Frau präsidiert, Brig auch. Kommt jetzt eine neue Ära
der Zusammenarbeit zwischen Brig und Naters?
V. A.: Mein Ziel ist ganz klar, die Zusammenarbeit mit den umliegenden
Gemeinden voranzutreiben. Der gute Draht, den ich zu Edith Nanzer habe,
wird diese Zusammenarbeit erleichtern. Aber ich bin auch bemüht, den Link
zu Visp zu finden. Denn nur eine enge Zusammenarbeit kann uns im Oberwallis
weiterbringen.
Haben Sie einen anderen Politstil als Ihr Vorgänger?
V. A.: Ich politisiere anders als Peter Planche. Ich habe eine andere
Persönlichkeit, ein unterschiedliches Auftreten und auch nicht den selben
Umgang mit den Leuten. Zudem arbeite ich gerne im Team, bin gerne mit
anderen Leuten zusammen. Ich höre mir die Meinungen anderer Leute an,
auch wenn sie nicht meiner Idee entsprechen. Denn oft sind es gerade diese
Dinge, die uns weiterbringen. Das Wichtigste für mich ist ein korrekter
und anständiger Umgang mit den Leuten. Ich will Brig nicht von oben herab,
sondern partnerschaftlich führen.
Als erstes steht die Ressortverteilung an. Übernehmen Sie auch die
Planungsdossiers von Peter Planche?
V. A.: Das kann ich heute noch nicht beantworten. Erst jetzt wird man
mit den anderen Fraktionen im Gemeinderat das Gespräch suchen. In Brig
ist es so, dass sich der Rat untereinander arrangiert, ohne das Streitereien
ausbrechen. Zudem regelt sich das Ganze neben Präsident und Vizepräsident
nach dem Prinzip des Amtsalters. Die zwei Jüngsten werden die Ressorts
nehmen müssen, die übrig bleiben.
Die Lust am Regieren wurde in den letzten Jahren in Brig vermisst.
Sie haben doch sicher eine Ressortvorliebe, wo ihnen das Regieren mehr
Spass macht?
V. A.: Das ist für mich ganz klar das Präsidialamt. Denn die Gemeinde
wird nach aussen mit der Präsidentin identifiziert. Lust haben am Regieren
heisst für mich, Brig-Glis mit Stolz zu vertreten und sagen zu können,
dass wir eine tolle Gemeinde haben, stolz darauf sind und das nach aussen
auch zeigen. Mit Blick auf die letzten Jahre besteht da ein Nachholbedarf.
Ich freue mich darauf, Brig-Glis zu vertreten. Wir dürfen nicht bloss
verwalten, was wir schon haben. Das wäre eine Rückschritt. Meine Aufgabe
wird es sein, klare Ziele festzusetzen und diese gemeinsam mit dem Rat
zu erreichen. Welches Ressort auch immer am Präsidium hängt, ist bei der
Lust am Regieren nicht so entscheidend.
Die
Verwaltungsreform ist auch in Brig-Glis im Gang ...
V. A.: ... und davon verspreche ich mir sehr viel. Diese Reform soll
dafür sorgen, dass der Stadtrat nicht im Alltagskram erstickt, sondern
Zeit hat, voraus zu blicken, sich auch mal mit Visionen zu befassen. Meine
Stossrichtung ist, dass die Weichen frühzeitig gestellt werden. Nicht
warten, bis etwas kommt und es dann vielleicht vorbei gehen lassen, sondern
Ziele suchen und dann drauf los. Dazu gehört auch die Redimensionierung
des Stadtrates auf sieben Mitglieder in vier Jahren.
Wie steht es denn mit dem Führungsanspruch von Brig-Glis als Zentrum
des Oberwallis?
V. A.: Brig-Glis muss seine Verantwortung als Zentrum des Oberwallis wieder
stärker wahrnehmen, ohne allen anderen die Butter vom Brot zu nehmen.
Brig war seit jeher ein Zentrum des Oberwallis und ich sehe keinen Grund
darin, diese Funktion aufzugeben. Brig-Glis muss den Führungsanspruch
für das Oberwallis stärker wahrnehmen. Aber mit Mittelmass oder gar Untätigkeit
werden wir nichts erreichen.
Tönt gut. Aber wie soll das erreicht werden?
V. A.: In erster Linie muss ein Stadtentwicklungskonzept auf den Tisch,
in dem unsere Stärken und Schwächen aufgelistet werden und das die Entwicklungsrichtung
aufzeigt.
Entwicklungskonzept tönt nach vielen Planern, die viel Geld verbrauchen
und nichts Konkretes leisten?
V. A.: Wir brauchen keinen weiteren Papiertiger. Das ist nicht meine Art
der Arbeit, denn ich bin sehr pragmatisch: nicht viele Worte verlieren,
sondern es direkt tun. Stadtkonzept heisst für mich, dass sich die Leute
an dessen Entwicklung beteiligen, die davon betroffen sind. Es gibt Städte
in Deutschland, die aus diesem Grund eine eigene Gesellschaft gegründet
haben, um Stadtentwicklungskonzepte auf die Beine zu stellen und umzusetzen.
Also
einen Citymanager für Gewerbe und Tourismus?
V. A.: Das geht jetzt etwas stark in die Details. Was nutzt es, wenn ich
Ihnen sage, dass wir einen Citymanager anstellen werden, wenn ich dessen
Pflichtenheft noch nicht kenne? Ich habe diesbezüglich keine Patentlösungen
bereit. "Ich wei en gottlosi Luggneri, wen ich das bhöiptu."
In Sachen Gewerbe und Tourismus wollen Sie das Ganze mit Fingerspitzengefühl
angehen. Was heisst das?
V. A.: Dass die Arbeit der Leute in den Vorständen von Gewerbe und Tourismus
Ernst genommen wird und deren Ideen nicht einfach den Bach runter geschickt
werden. Dasselbe gilt übrigens auch für die Kommissionen in Brig-Glis,
die sich viel Mühe geben, gute Arbeit und gute Ideen zu liefern.
Zur CVP, die im Bezirk Brig gut abschnitt und in Siders das Präsidium
zurückerobert hat: Läuft da die CVP nicht Gefahr, wieder gleich
übermütig zu werden?
V. A.: Das Risiko, jetzt übermütig zu werden, ist gering. Denn auch die
CVP hat schon andere Zeiten durchgemacht. Zudem bin ich oder auch der
neue Stadtpräsident von Siders, Manfred Stucky, eine andere Generation
als die alten Parteistrategen. Wir politisieren und arbeiten anders.
Mit welchen Gefühlen schauen Sie vorwärts auf die Wahlen im März?
V. A.: Die Partei muss versuchen, den Schwung aus den Gemeinderatswahlen
in die Grossratswahlen mitzunehmen. Zum Thema Staatsratswahlen: Die CVPO
wird sich gut überlegen müssen, was sie tut. Denn ich persönlich bin der
Ansicht, dass die CVPO alleine erneut keine Chancen haben wird, einen
Staatsratssitz zu gewinnen. Mit einer gesamtkantonalen CVP-Liste stehen
die Chancen besser. Für mich sind die Staatsratswahlen im März aber sicher
kein Thema. Ich konzentriere mich auf das Stadtpräsidium.
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