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"Äs
git e hüfe Lit, was vorena und hinnena nit längt!"

Ernen / Sie war eine der ersten politisch engagierten Frauen im Oberwallis,
hat ein grosses Herz für andere Menschen und ist seit zwei Jahren Präsidentin
der Winterhilfe Oberwallis. Martha Schmid (66) aus Ernen nimmt Stellung
zu Armut, Hilflosigkeit, der Zukunft von Ernen und sagt zur Politik: "Frauen
werden bei den Bürgerlichen zu sehr verheizt."
Von
Waldemar Schön und
German Escher
Ist Weihnachten für Sie eine Zeit der Freude oder der Bedenken, weil
sich nicht alle Weihnachten leisten können?
Martha Schmid: Es ist sicher Grund zur Freude, auch weil wir eben wieder
ein Enkelkind gekriegt haben. Aber Weihnachten zeigt mir auch immer wieder,
dass es im Oberwallis Familien gibt, für welche die Weihnachtszeit nicht
freudig, sondern trist daherkommt. Nicht jeder kann sich Weihnachten leisten.
Sie
sind als Präsidentin der Winterhilfe eine Art Christkind?
M. S.: Gerade zur Weihnachtszeit steigen die Anfragen, um von der Winterhilfe
Geld und anderes zu erhalten. Als Christkind würde ich mich aber nicht
bezeichnen, denn wir sind das gesamte Jahr über für Menschen in Not da.
Doch die Arbeit erledige ich als Präsidentin nicht alleine. In jedem Bezirk
haben wir freiwillige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Vorstand. Zudem
arbeiten wir daran, in möglichst vielen Orten Vertrauensleute aufzubauen,
an die wir uns bei Fragen über Hilfsbedürftige wenden können und die uns
auch die Not in den Dörfern melden, so dass wir direkt dort helfen können,
wo es am nötigsten ist.
Und
wie finanziert sich diese Organisation?
M. S.: Ein Teil finanziert sich aus dem Geld, das uns aus der Stiftung
zufliesst, die durch den Verkauf eines Ferienheims im Goms entstanden
ist. Der Rest kommt von Beiträgen der Gemeinden, der Lotterie Romande,
aus Zuwendungen von Erbschaften und aus Spenden. Die diesjährige Spendenaktion
haben wir auf den Februar verschoben, weil wir jetzt durch die Unwetter
schon sehr viele Spendenaufrufe im Oberwallis haben. Bei der Unwetterkatastrophe
hat übrigens auch die Winterhilfe schnell und unbürokratisch durch Vertrauensleute
mit grösseren Beträgen ausgeholfen. Und diese Hilfeleistungen gehen natürlich
weiter.
Und wie hilft die Winterhilfe?
M. S.: Die Leute wenden sich direkt mit einem Schreiben um Hilfe an uns,
andere kommen über die Gemeinden und die Sozialdienste in den Genuss unserer
Hilfe. Den meisten Leuten fehlt das Geld: Zahnarztrechnungen, Schulden
oder es reicht schlicht nicht, um die Familie durchzubringen. Vor allem
Alleinerziehende wissen nicht, wo sie das Geld fürs Essen hernehmen sollen.
Oft geben wir nach reiflicher Überprüfung der Gesuche Geld. In letzter
Zeit geben wir auch vermehrt Lebensmittelgutscheine ab. Zudem vermitteln
wir Betten mit Bettzeug. Kleider gehen nicht mehr über uns, sondern über
die Caritas.
Es gibt also Leute im Oberwallis, die nach wie vor auf die Unterstützung
der Winterhilfe angewiesen sind?
M. S.: "Äs git e hüfe Lit, was vorena und hinnena nit längt!" Vor allem
Arbeitslose, Alleinerziehende oder Familien, die unter Alkoholsucht leiden,
wissen oft nicht wo ein und aus. Was ich auch feststelle: Depressionen
im Zusammenhang mit der Armut nehmen zu. Glauben Sie mir: Vor allem Weihnachten
ist für diese Leute eine schwere Zeit. Die anderen können sich alles leisten
- aber wenn man arm ist, ist das in einer reichen Gesellschaft doppelt
so schlimm. Wir sind dazu da, um in akuten Notlagen zu helfen. Pro Jahr
sind das insgesamt rund 50’000 Franken, die wir im Oberwallis verteilen.
Trotzdem
hatte die Winterhilfe ein Imageproblem, weil nicht immer diejenigen die
Unterstützung bekommen, die sie nötig haben?
M. S.: Fehler sind auch in Zukunft nicht auszuschliessen. Es gibt Menschen,
die ihre Hilfsbegehren systematisch an alle Hilfswerke stellen und die
Hilfe gar nicht nötig hätten. Daher haben wir mit Fragebogen und der Zusage,
auch finanzielle Auskünfte bei den zuständigen Stellen einzuholen, zusätzliche
Riegel gegen den Missbrauch vorgeschoben. Aber wir haben ein grosses Problem:
Wie kommen wir an die Leute ran, die unsere Hilfe dringend benötigen,
sich aber schämen, die Winterhilfe anzufragen? Das Netz der Vertrauenspersonen
in den Gemeinden soll dieses Manko abschaffen.
Armut
ist bei uns ein Tabu?
M. S.: Es ist schlimm, unter Reichen arm zu sein. Kinder aus armen Familien
werden bei uns zu Aussenseitern. Sie können wegen fehlender Ausrüstung
nicht an Skitagen, Lagern oder Ausflügen teilnehmen und müssen gegenüber
den Schulkameraden lügen oder werden wegen der Armut gehänselt.
Sie
sind auch sonst sehr sozial engagiert.Woher
kommt dieser Einsatz für andere Menschen?
M. S.: In die Arbeit mit der Winterhilfe bin ich rein gerutscht, weil
ich von meiner Mutter wohl eine soziale Ader geerbt habe. Es sassen oft
fremde Leute am Mittagstisch meiner Eltern. Entscheidend ist aber ein
anderes Erlebnis. Als ich im Lehrerinnenseminar war, gab es eine Schwester,
die sich für die Arbeit in den Missionen entschied. Der Gedanke, dass
diese Schwester ohne Lohn Tag und Nacht für arme Menschen am Arbeiten
war, hat mich ungeheuer beeindruckt. Daher bin ich überzeugt, dass man
etwas für andere Menschen tun kann, wenn man die nötige Zeit und die nötige
Gesundheit hat.
Dann sind Sie in der heutigen Zeit eher eine Ausnahme?
M. S.: Wir leben in einer egoistischen Zeit. Aber zum Glück bin ich nicht
die Einzige, die sich sozial engagiert. Es gibt noch viele andere, die
sich täglich sozial einsetzen. Aber gerade bei der jüngeren Generation
stelle ich oft fest, dass eine gewisse Gemütlichkeit herrscht. Konsumieren:
ja; aber selber etwas in die Wege leiten: lieber nein. Eigentlich schade,
denn ich mache die Erfahrung, dass soziales Engagement auch einem selber
sehr gut tut. Zudem: Ich kann mich nicht in die Beiz hocken und über andere
Leute herziehen, sondern muss etwas sinnvolles unternehmen.
Recherchen
ergaben, dass Sie sich auch politisch für Oberwalliser Verhältnisse weit
aus dem Fenster gelehnt haben und eine der ersten Frauen in der Politik
waren.
M. S.: (lacht) Das war wohl 1974, als ich mich "hä la verwitsche", auf
die Nationalratsliste der CVP zu gehen. Ich habe aber erst später begriffen,
dass wir zwei Frauen auf der Liste wohl nur Kanonenfutter waren und der
reinen Zierde der Männerliste dienen sollten (lacht herzlich).
Was
beim Nationalrat nicht ging, klappte in der Gemeinde?
M. S.: Ich war in der Tat ein paar Jahre im Erner Gemeinderat, bis ich
etwas unsanft rausflog (lacht). Und ich freue mich riesig, dass jetzt
in Ernen wieder zwei Frauen im Rat sitzen. Aber Politik ist für Frauen
nach wie vor ein hartes Pflaster. Auf der einen Seite engagieren sich
die Frauen zu wenig. Auf der anderen Seite fürchten die Männer um ihren
Platz in der Politik. Es dauert Jahrzehnte, bis die Gleichberechtigung
in den Männerherzen angekommen ist. Es gibt nicht viele Parteien, die
frauenfreundlich sind. Frauen werden in der Politik oft abgesägt und verheizt.
Da gibt es genügend Beispiele.
Würden
Sie sich als Feministin bezeichnen?
M. S.: Nein, das sicherlich nicht. Ich will nicht Gleichberechtigung um
jeden Preis. Ich bin auch gegen eine Quotenregelung. Gleichberechtigung
können Frau und Mann nicht erzwingen, das braucht Zeit.
Und
was sagen Sie zur Fusion Ernen, Mühlebach, Ausserbin und Steinhaus?
M. S.: Ich bin nicht 100prozentig davon überzeugt, glaube aber, dass man
damit auf einem gangbaren Weg ist. Ich kann die Binner sehr gut verstehen,
die ihre Eigenständigkeit gefährdet sahen und die Fusion den Bach runter
schickten. Beispiele in der Wirtschaft zeigen auch, dass Fusionen nicht
immer zum gewünschten Ziel führen. Andererseits: Gerade wenn es um Wahlen
geht, verspreche ich mir nach der Fusion eine erleichterte KandidatInnensuche.
Es ist doch nicht normal, dass 50 Personen in Ernen angegangen werden
mussten, um fünf Leute für den Gemeinderat zu finden.
Es
wird gesagt, dass man Sie in Sachen Ernen fragen kann, was man will. Sie
wüssten immer eine Antwort?
M. S.: (lacht) Das Resultat ist, dass Journalisten und andere Interessierte
zu meinem Mann und mir geschickt werden, weil wir uns für die Geschichte
von Ernen interessieren und auch für viele andere Sachen. Aber schon in
der Bibel steht geschrieben: "Martha, Martha, du kümmerst dich um viele
Dinge." So gesehen ist es wohl nicht verwunderlich, dass ich mich für
Geschichte, Dorfleben, Vereine, Literatur und Musik interessiere.
Und
wie sehen Sie die Zukunft von Ernen?
M. S.: Ein gesundes Vereinsleben ist wichtig für ein Dorf. Ich mache mir
schon Sorgen, dass durch das mangelnde Interesse an den Vereinen das Dorfleben
leidet. Denn ohne Vereinsleben stirbt das Dorf. Heute ist jeder mobil,
die Auswahl an Freizeitbeschäftigungen ist riesig ... was will man da
machen? Ernen ist ein wunderschönes Dorf, aber der Dorfkern ist nicht
mehr stark bewohnt.
Haben
Sie Angst, dass Ernen zum Freilichtmuseum wird?
M. S.: Die Tendenz, nicht mehr den Dorfkern zu bewohnen, sondern neue
Häuser zu bauen, ist schon da. Und es beschäftigt mich, dass vor allem
die Jungen nicht mehr ins Dorf zurückkehren. Zum Freilichtmuseum: Angst
davor habe ich nicht und das schöne Dorfbild von Ernen ist eine Chance
für uns. Wenn das auch die Jungen so sehen und versuchen, vor Ort Arbeitsplätze
zu schaffen, hat Ernen gute Chancen in der Zukunft.
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