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"Ich bin auch nur ein Mensch und keine Maschine" Lax / Seit Jahren ist sie die Nummer Eins im Schweizer Langlauf. Karrieretiefs und ein schwerer Unfall machten sie nur stärker. Aber ausgerechnet in der Saison, in der sie im Goms vor eigenem Publikum ein Weltcuprennen laufen kann, harzt es mit Gesundheit und Form. Brigitte Albrecht zu Leiden, Erfolg, Ruhm, dem Leben nach dem Langlauf und zu Freundschaft. Von
Waldemar Schön In rund zwei Wochen steigt im Goms das nordische Weltcuprennen. Wie ist Ihre Form? Brigitte Albrecht: Die Form ist bescheiden, weil ich einen schlechten Sommer hatte und mit der Gesundheit zu kämpfen hatte. Zudem ist mein Selbstvertrauen im Moment eine Berg- und Talfahrt. Aber trotzdem freue ich mich auf das Rennen im Goms. Ihre bisherige Saison war etwas verknorzt. Woran lags? B. A.: Erstens wollte ich einfach zuviel und zweitens war ich unvorsichtig. Früher war ich nie krank. Der Sport hat mich aber anfälliger gemacht und es ist nicht immer einfach, das zu akzeptieren. Ich habe nach Krankheiten immer zu früh mit dem Training angefangen und einmal habe ich auf Medikamente verzichtet, wo ich sie besser genommen hätte. Zudem habe ich in den letzten Jahren im Frühling zu wenig Pause gemacht. Jetzt ist mein Körper ausgelaugt. Aber so ein "Zwischenjahr" hat auch gute Seiten und man kann viel lernen. Wie bitte? B. A.: Als ich im Herbst nicht an die Rennen konnte, breitete sich in mir eine Art Hilflosigkeit aus. Ich bin sehr ungeduldig. Und gerade in diesem Bereich habe ich viel gelernt. In der letzten Saison wurden Sie über alle Massen gelobt und jetzt werden Sie in den Medien kaum noch erwähnt. Wurmt Sie das? B. A.: Ich mache den Langlauf für mich selbst und nicht für die Medien. Aber es wurmt mich schon. Denn die fehlende Medienpräsenz ist der Spiegel meiner Leistungen, die einfach nicht stimmen. Die Journalisten müssen ihr Medium verkaufen und das lässt sich nun mal nur durch erfolgreiche Sportler erreichen. Sie sind die Nummer eins des Schweizer Langlaufs. Wie gehen Sie mit diesem "Ruhm" um? B. A.: Ich bin stolz, wenn in den Medien meine Leistungen gelobt werden. Ich nehme auch das ganze Drumherum wahr. Wenn ich den Engadiner gewinne, habe ich meinen Job gemacht, habe die Sponsoren zufrieden gestellt und eine tolle Leistung gezeigt. Aber wenn ich zuhause bin, bin ich wieder Brigitte und lasse mir den Rummel nicht zu Kopf steigen. Wer sich sehr hoch tragen lässt, fällt um so tiefer. Denn wenn du einmal nicht gut läufst, interessiert das keine Sau. Mit Mitleid verkauft ein Journalist keine Zeitungen. Sie tragen als einziges Mitglied der Damennationalmannschaft eine grosse Verantwortung. Zuviel Druck? B. A.: Ich laufe in erster Linie für mich und lass mich nicht derart unter Druck setzen. Klar, wenn überall erzählt wird, wie schlecht es um den Schweizer Langlauf steht, bringt das schon einen gewissen Druck mit sich. Aber wie gesagt: Ich laufe für mich. Sind Sie ein Egoist? B. A.: Im Wettkampf muss man Egoist sein. Und ich glaube, dass ich für den Spitzensport manchmal zuwenig egoistisch bin. Fehlen die Resultate, murren die Sponsoren und Goms Tourismus hat sich ja als Sponsor zurückziehen müssen. Wie sieht es an der Sponsoringfront aus? B. A.: Sowohl vom SSV, den Trainern wie auch von Seiten Hauptsponsor KPT wurde ich nie unter Druck gesetzt. Im Gegenteil, alle stehen voll hinter mir, auch wenn es einmal nicht gut läuft. Diese Haltung schätze ich sehr. Das Goms ist ein Langlaufeldorado mit optimalen Voraussetzungen. Und trotzdem ist vor allem auf Seiten Frauen keine Gommer Nachfolgerin für Sie vorhanden... B. A.: Vielleicht geht es uns einfach zu gut. Eine russische Läuferin muss hart kämpfen, um im Ausland Rennen bestreiten zu können und nimmt alles in Kauf, um dieses Ziel zu erreichen. Bei uns hingegen wird oft schon wegen Kleinigkeiten gemeckert. Wenn es im Trainingslager zweimal hintereinander Spaghetti gibt, wird reklamiert. Wir haben uns als Juniorinnen über jedes Paar Handschuhe gefreut, die wir gratis bekommen haben. Heute ist es normal, dass man alles geschenkt kriegt. Zudem ist es für viele Junge nicht mehr interessant, "das hüöre Geknorze mit Namme Langlöif ds betriebe". Die Gesundheit hat Ihnen in Ihrer Karriere immer wieder ein Bein gestellt. Jetzt sind sie 30 Jahre alt. Haben Sie noch nie ans Aufhören gedacht? B. A.: In dieser Saison habe ich schon ans Aufhören gedacht. Aber es ist nicht mein Charakter, so schnell aufzugeben. Ich musste mich in Russland von sehr jungen Leuten schlagen lassen und das war sehr hart für mich. Aber dazu muss ich stehen. Und wenn ich diese Phase durchstehe und wieder Selbstvertrauen gewinne, werde ich stärker sein als vorher. Aber diese Saison war hart. Zum Glück habe ich eine wunderbare Familie, die mich stützt und haben einen Freund, in dem ich einen Menschen gefunden habe, der mir hilft und mir Selbstvertrauen gibt. Aber ich bin eben sehr ungeduldig und will schnell Resultate. Ich muss akzeptieren, dass ich eben auch nur ein Mensch bin und keine Maschine. Also sind noch Ziele vorhanden: Welche genau? B. A.: Mein Fernziel heisst Olympia 2002 in Salt Lake City. Und natürlich auch die WM im nächsten Jahr. Kommen wir zum Weltcup im Goms. In Davos und Engelberg waren Sie nicht am Start. Was bedeutet es für Sie, im Goms ein WC-Rennen zu bestreiten? B. A.: Das Weltcuprennen im Goms ist eine grosse Motivation für mich. Ich muss versuchen, in den nächsten Rennen Selbstvertrauen zu tanken. Aber ich darf mich nicht unter Druck setzten lassen. Jede Kleinigkeit frisst Energie, die mir dann im Wettkampf fehlt. Denn zu 70 Prozent entscheiden sich Rennen im Kopf. Doch das Goms ist meine grosse Motivation in diesem Winter. Das Rennen im Goms haben Sie als grosses Saisonziel beschrieben. B. A.: Das habe ich. Aber ich muss aufpassen. Denn mein Körper ist im Moment einfach nicht so belastbar, wie in den letzten Jahren. Wenn ich im Goms gut laufe, ist das fein. Wenn ich schlecht laufe, werde ich vielleicht verrissen. Trotz allem ist es mein grosses Ziel und der Gedanke an dieses Rennen hat mich immer wieder aufgebaut. Sie sind ein stilles Wasser, hören am liebsten Musik. Was interessiert Brigitte neben dem Langlauf sonst noch oder anders gesagt: Wobei kann Brigitte ausflippen? B. A.: Oh là là! Ich bin nicht so geeignet für flippige Discobesuche und rauschende Feste. Ich bin eben eher ruhig und zurückgezogen. Ich schätze ein gutes Essen und eine Diskussion. Ich liebe es, lange Gespräche zu führen, mit meinem Freund, mit Bekannten. Dass dann nicht unbedingt der Sport Thema sein muss, ist klar. Bei einem Essen und einer Diskussion kann ich mich entspannen und den ganzen Rummel um meine sportliche Tätigkeit vergessen. Denken Sie auch an das Leben nach dem Langlauf? B. A.: Ich bin jetzt bald 30 Jahre alt, werde also nicht mehr so lange im Weltcup laufen. Natürlich mache ich mir da Gedanken, wie es weitergeht. Ich bin überzeugt, in meinem Freund Gilbert (Red.: Gilbert Loretan, Varen) den Mann fürs Leben und für Kinder gefunden zu haben. Und ich kann mir auch vorstellen, dass ich als Langlauflehrerin tätig sein werde oder in meinen Beruf als Sportartikelverkäuferin zurückkehre. Ich sehne mich nach einem normalen Leben, das nicht nur aus Koffer packen und Reisen besteht. Die Olympiade in Salt Lake City wird voraussichtlich mein Karriereende sein. Sie sind viel unterwegs. Sie müssen einen sehr verständnisvollen Freund haben? B. A.: Das stimmt Wort für Wort. Gilbert stützt mich und motiviert mich, nicht jetzt einfach aufzuhören, sondern meine Arbeit fortzusetzen. Er steht voll hinter mir und das schätze ich sehr. Ihre Mutter Marie muss Sie jetzt teilen? B. A.: Es ist für sie sicher- lich nicht einfach, dass ich jetzt noch weniger zuhause bin. Denn sie war immer für mich da und wir haben sehr viel Zeit miteinander verbracht. Sie will nur das Beste für mich und meine sechs Geschwister. Sie hat jahrzehntelang alles in uns investiert. Loslassen muss für eine Mutter immer hart sein. Zukunft, Kinder, loslassen: Wie lange heissen Sie noch Albrecht? B. A.: Hmm ... tja ... wer weiss das schon. Die Zeit wird sicherlich kommen. Der Rest bleibt verborgen (lacht). |