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Zum 150. Geburtstag von Cäsar Ritz: Heinrich Mutter über den Hotelpionier aus Niederwald

"Die Ritz-Ideen waren grandios"

Niederwald / Am 23. Februar jährt sich zum 150. Mal der Geburtstag von Cäsar Ritz, der von Niederwald auszog und als Hotelpionier Weltruhm erlangte. Zu den besten Ritz-Kennern gehört der frühere Gemeindepräsident Heinrich Mutter.

RZ: Sie gelten als Kenner von Cäsar Ritz. Wieso eigentlich?

H.M.: Während der Amtszeit als Gemeindepräsident habe ich nach Unterlagen von Cäsar Ritz gesucht. Ich musste damals feststellen, dass praktisch keine verlässlichen Dokumente über Cäsar Ritz vorhanden sind. So habe ich angefangen, alles zusammenzustellen, was man als wahr anschauen kann.

RZ: Sie waren auf Einladung von Frau Ritz sogar in Paris.

H.M.:Das habe ich mit allen Fasern meines Wesens genossen. 1952 wurde der damalige Gemeinderat von Madame Ritz nach Paris eingeladen. Ich werde nie vergessen, was uns Madame Ritz alles geboten hat. So hat sie uns beispielsweise die ganze Woche ihren Privatchauffeur mit Limousine zur Verfügung gestellt. Ihren Chauffeur, Alexandre, kannten wir bereits von ihren Besuchen in Niederwald.

RZ: Wie häufig kam Madame Ritz nach Niederwald?

H.M.: Madame Ritz weilte vor allem in den 30er Jahren im Sommer in Niederwald. Der Marien-Feiertag im August war für Sie — ihr Vorname war Marie-Louise — immer etwas besonderes. Und so hat sie jedes Jahr für das ganze Dorf ein Fest gegeben. Auch sonst hat sie sich regelmässig an öffentlichen Werken im Dorf beteiligt. So hat sie beispielsweise Beiträge an die Wasserversorgung , den Friedhof, die Kirche usw. bezahlt.

RZ: Madame Ritz wollte in Niederwald auch ein Kinderheim bauen ?

H.M.: Madame Ritz kannte das Leben in einem Bergdorf anfänglich kaum. Deshalb kamen ihr die Dorfkinder offenbar zu wenig gepflegt vor. So hat sie der Gemeinde vorgeschlagen, ein Kinderheim zu bauen. Später hat sie dann eingesehen, dass die Kinder hier normal aufwachsen und auch gut erzogen werden. Statt des Kinderheims gründete sie schliesslich die Ritz-Stiftung, mit deren Erlös die Ausbildung der Jugend aus Niederwald unterstützt wird.

RZ: Madame Ritz wurde in Niederwald begraben.

H.M.: Marie-Louise Ritz ist 1961 in Paris gestorben. In ihrem Vermächtnis hat sie ausdrücklich festgehalten, dass sie in Niederwald beerdigt werden möchte.

RZ: Gemeinsam mit ihrem Mann?

H. M.: Die letzten 16 Jahre seines Lebens verbrachte Cäsar Ritz in einer Klinik in Küssnacht. Als er im Sterben lag, reiste Madame Ritz von Paris an. Wegen Einreiseschwierigkeiten kam sie aber zwei Tage zu spät. Cäsar Ritz starb allein; einzig eine Krankenschwester war bei ihm. Madame Ritz nahm den Leichnam ihres Mannes nach Paris. In ihrem Vermächtnis hat sie später festgehalten, in Niederwald gemeinsam mit Cäsar und René Ritz beerdigt zu werden. Und so sind im Januar 1961 zwei Särge in unserem Dorf eingetroffen. Im einen lag der Leichnam von Marie-Louise Ritz, im andern befanden sich die Gebeine von Cäsar und René Ritz.

RZ: Was hat Sie am Leben von Cäsar Ritz am meisten beeindruckt?

H.M.: Er hat innert 12 Jahren ein imposantes Lebenswerk geschaffen. In ganz Europa hat er Hotels saniert und aufgebaut. Sein Rezept war grandios. Er hat dem Gast wirklich jeden Wunsch erfüllt: ausgeklügelte Architektur, grenzenloser Luxus und eine raffinierte Küche. Für seine Hotels war er ständig unterwegs. Ohne Flugzeuge, Eurocities oder schnelle Autos reiste er von einer Wirkungsstätte zur nächsten. Das erklärt auch, dass Cäsar Ritz 1903 zusammenbrach. Der Mann war aufgebraucht. In dieser Hektik hatte er auch keine Zeit, etwas aufzuschreiben. Dafür hatte Cäsar Ritz ein aussergewöhnliches Gedächtnis.

RZ: Andere sagen, er habe nicht schreiben können?

H.M.: Das sind Anekdoten. Tatsache ist, dass Cäsar bis 1865 in Niederwald gelebt und hier sicher nicht die grösste Schulbildung genossen hat. Später sollte Cäsar ins Kollegium nach Sitten, aber er wollte nicht studieren. Anschliessend kam er ins Hotel Couronne in Brig, wo er mit der Bemerkung, er sei fürs Hotelfach überhaupt nicht geeignet, entlassen wurde. Die Weltausstellung lockte ihn 1867 nach Paris, wo er als Küchenbursche ins Hotelfach einstieg. Von da an haben sich viele Dinge ereignet, die heute kaum mehr belegbar sind. Es entstanden die verschiedensten Theorien, aber auch Anektoden. Unklar ist auch, wie er sein Imperium finanziert hat. Sicher haben ihm seine zahlreichen Beziehungen mit einflussreichen Personen, vor allem mit dem englischen Hochadel, viele Türen geöffnet.

RZ: Eigentlich schade, dass das Goms von Cäsar Ritz nicht stärker profitieren konnte?

H.M.: Nach seinem Nervenzusammenbruch besuchte Cäsar Ritz nochmals Niederwald. Es wird erzählt, er habe er hier ein Hotel bauen wollen. Später als Madame Ritz in ihrem schwarzen Cadillac mit Chauffeur Niederwald besuchte, hat sie nie gross über ihre Hotels gesprochen. Einzig der Schweizerische Hotelierverein hat sich interessiert und deshalb Madame Ritz hier besucht. Der Hotelierverein veranlasste, dass am Geburtshaus und bei der Dorfeinfahrt Hinweistafeln angebracht wurden. Walliser Tourismuskreise haben sich für Ritz damals wenig interessiert. Auch das Goms hat sich bis vor wenigen Jahren kaum um Cäsar Ritz gekümmert. Wohl veranstaltet jetzt Goms Tourismus eine Feier zum 150. Geburtstag. Aber wenn man heute Cäsar Ritz als Promotor einer modernen Hotellerie feiert, nützt das wohl kaum jemandem. Die heutige Hotellerie ist keine Ritz-Hotellerie.

RZ: Die Hotellerie könnte doch von Ritz lernen?

H. M.: Ein Hotel nach den Vorstellungen von Cäsar Ritz wäre heute zu aufwendig. Als wir 1952 in Paris waren, zählte das Hotel Ritz mit seinen 250 Betten rund 500 Angestellte. Das ist heute unvorstellbar. Goms Tourismus versucht jetzt, gemeinsam mit verschiedenen Gommer Köchen, den Gedanken von Cäsar Ritz aufleben zu lassen. Aber auch sie können nicht auf Dokumente von Cäsar Ritz zurückgreifen.

RZ: Deshalb gibt es kein Ritz-Museum in Niederwald?

H.M.: Darin besteht in der Tat die Schwierigkeit. Auch Bilder gibt es sehr wenige und die meisten davon sind in Privatbesitz. Aber es ist möglich, das diese Idee im Rahmen der Gedenkfeier zum 150. Geburtstag von Cäsar Ritz am 23. Februar hier in Niederwald wieder aufgegriffen wird. Die Festansprache soll Monique Ritz aus Genf, die Schwiegertochter von Cäsar Ritz, halten. GER

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