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"Mein Herz schlägt durch und durch für den Tourismus" Ried-Brig / Er ist der neue Mister Wallis und soll dafür sorgen, dass möglichst viele Gäste ihren Weg zu uns finden. Urs Zenhäusern zu Kritik, Entwicklungschancen des Walliser Tourismus und zu einer Politik, die den Tourismus vernachlässigt. Von
German Escher Seit anfangs Monat sind Sie Mister Wallis: Wie sind die ersten Erfahrungen? Urs Zenhäusern: Der erste Eindruck ist, dass ich ein motiviertes Team mit viel Kompetenz, Motivation und Selbständigkeit angetroffen habe. Ich verschaffe mir im Moment einen Überblick darüber, wie man dieses Potential am besten Nutzen kann, um einer guten Zukunft entgegen zu blicken. Es hat wenig Sinn, zu diesem Zeitpunkt bereits von Strategien und Strukturänderungen zu sprechen. Die Tourismusbranche hat mit Skepsis auf Ihre Ernennung reagiert? U. Z.: Glauben Sie, dass ein "animal touristique" mit weniger Skepsis empfangen worden wäre? Es ist doch so, dass jeder auf diesem wichtigen und ausgesetzten Posten mit Skepsis und Kritik empfangen worden wäre, nicht nur Urs Zenhäusern. Die Leute sorgen sich zu Recht darum, wer jetzt Direktor wird, denn der Tourismus hat einen enormen Stellenwert für unseren Kanton. Ich bin mir dieser Verantwortung bewusst und werde mich für den Walliser Tourismus an allen Fronten einsetzen. Man muss mir jetzt einfach die Zeit lassen, um zu zeigen, was ich zu leisten im Stand bin. Eines ist sicher: Wie auch immer meine Arbeit und meine Entscheidungen ausfallen werden, immer wird es Zufriedene und Kritiker geben. Mit dieser Situation musste ich rechnen und ich kann gut damit leben. Aber Quereinsteiger haben Mühe: Das Beispiel von François Hutter zeigt ja, dass Branchenfremde offenbar etwas länger brauchen... U. Z.: Erstens will ich diesen Fall nicht kommentieren und zweitens sehe ich mich nicht als absoluten Quereinsteiger. Mein Herz schlägt durch und durch für den Tourismus. Ich bin im Tourismus aufgewachsen, habe mich im Aufbau der Marketinggemeinschaft "Rund um Visp" beteiligt, war beim SAB für den Tourismus tätig und hatte auch in meiner Funktion als RAV-Leiter sehr oft mit der Tourismusbranche zu tun. Ebenso zähle ich zu den Mitbegründern des Marketingprojektes "LaNaTour". Schon als Junge habe ich in Zermatter Hotels gearbeitet und den Tourismus ebenfalls als aktiver patentierter Walliserskilehrer kennengelernt. Bereits während meines Marketingsstudiums an der Universität Fribourg war für mich klar, dass ich in dieser wichtigen Branche arbeiten möchte. Was aber nicht heisst, dass ich betriebsblind in den Tourismus einsteige. Gerade die Tatsache, dass ich aus einer anderen Branche komme, ist eine Chance, den Tourismus mit anderen Augen zu sehen als jemand, der schon 20 Jahre darin tätig ist. Keine Angst vor dem "Haifischbecken" Tourismus, in dem die Führungsköpfe häufig wechseln? U. Z.: Nein, denn der Tourismus ist kein Haifischbecken, sondern eine riesige Herausforderung. Ich bin in der Region verwurzelt und will auch meinen Kindern eine Zukunftschance in diesem Kanton bieten. Der Tourismus ist diese Chance. Und das Beste: Wir können ja die Entscheide in unserem eigenen Kanton fällen. Nicht wie in der Industrie. Dort ist die Unberechenbarkeit so gross, dass Werke ohne Rücksicht auf Land und Leute mit einer Unterschrift verkauft, geschlossen oder verlagert werden. Wie lange werden Sie benötigen, um ihre Visionen zu Papier zu bringen? U. Z.: Es ist bereits sehr viel Gutes aufgegleist. Es ist also bei weitem nicht so, dass jetzt eine völlige Richtungsänderung nötig ist. Was nicht heisst, dass wir auf immer und ewig auf diesem Geleise fahren werden. Denn um uns herum verändert sich sehr viel und da müssen wir ständig bereit sein, zu reagieren. Sobald ich mir genügend Einblick geschaffen habe, werde ich mit meinem Team die notwendigen Anpassungen vornehmen. Sie referieren heute Freitagabend in Brig bereits über die Standortbestimmung im Walliser Tourismus. Ihr Fazit? U. Z.: Wir sind die Leader im Schweizer Tourismus, das steht für mich fest. Was nicht heisst, dass wir uns auf diesen Lorbeeren ausruhen können. Denn es gibt Handlungsbedarf. Ich möchte in diesem Zusammenhang aber nicht von Problemen sondern viel mehr von Chancen reden. Die da wären? U. Z.: Es gibt Prognosen, die in Zukunft eine Verdopplung des weltweiten Tourismus vorhersagen. In Europa soll die Branche jährlich um rund drei Prozent wachsen. Und wir sprechen hier im Wallis bloss vom Halten der Marktanteile. Tourismus heisst nicht, den Besitzstand zu wahren. Wir müssen jede Chance packen, an diesem Wachstum teilzuhaben. Wo ist das grösste Wachstumspotential? U. Z.: Die europäischen Stammmärkte wie Deutschland müssen noch intensiver bearbeitet werden. Aber dann liegt sicher auch im Fernen Osten, zum Beispiel Korea, China, Japan oder Südostasien, ein riesiges Potential zur Verlängerung der Saison im Sommer und Herbst. Hier liegt ein wertschöpfungsstarkes Potential brach. Aber sind dafür nicht unsere Hotels viel zu klein strukturiert, zum Beispiel im Goms? U. Z.: Die Grösse allein ist nicht entscheidend. Das Familiäre im Walliser Tourismus ist ein Vorteil. Von Nöten ist nicht eine gewaltige Infrastruktur, sondern ein Umdenken bei den Leuten. Die Zusammenarbeit im Tourismus muss besser werden. Und vor allem müssen die Produkte besser werden. Es reicht eben nicht mehr, auf der Loipe mal rauf und mal runter zu blochen und die schöne Gegend zu geniessen. In Sachen Animation muss vor Ort noch viel geschehen. Und zu den kleinen Hotels: Gerade in diesen Betrieben ist es notwendig, dass vermehrt die Zusammenarbeit untereinander gesucht wird. Ihr Vorgänger hat erst kürzlich die Strukturen von Wallis Tourismus kritisiert: Werden Sie Wallis Tourismus neu organisieren? U. Z.: Es nützt mir nichts, die Strukturen zu kritisieren. Diese sind heute gegeben und sind nicht von heute auf morgen veränderbar. Wenn sich alle in dieser Struktur auf ihre Aufgaben konzentrieren, d.h. klare Trennung von strategischer und operationeller Ebene, lässt es sich damit sicherlich arbeiten. Kommt hinzu, dass der Tourismus in der Walliser Politik einen Stellenwert nahe Null hat. U. Z.: Der Stellenwert des Tourismus in der Walliser Politik ist sehr mager. Zwei Zahlen sagen alles: Während die Wirtschaftsförderung GEWAG 40 Millionen pro Jahr zur Verfügung hat, muss Wallis Tourismus mit knapp fünf Millionen pro Jahr auskommen. Auch wenn unsere Mittel verdoppelt würden, wäre das im Vergleich noch nicht zuviel. Immerhin lebt rund jeder zweite oder dritte Walliser direkt oder indirekt vom Tourismus. Und woran liegt das? U. Z.: Der Walliser Tourismus hat sich offensichtlich schlecht verkauft. Zudem hat die Bevölkerung immer noch das Gefühl, dass es jedem Hotelier und Wirt sehr gut gehe. Wenn man in die Betriebe reinschaut, stehen einem oft die Haare zu Berg. Es ist jetzt wichtig, dafür zu kämpfen, dass der Tourismus im Wallis einen höheren Stellenwert erhält. Geldmangel, fehlendes Tourismusverständnis: Wäre es denn aber nicht besser, wenn gleich eine flächendeckende Tourismusförderungstaxe eingeführt würde? U. Z.: Eine gesamtkantonale Tourismustaxe wäre die beste Lösung. Nicht nur für die Finanzen, sondern auch für das Tourismusbewusstsein. Denn wenn jeder seinen Teil zum Tourismus beitragen muss, kümmert er sich auch mehr um dessen Anliegen. Zudem würde man sich dann bewusst, wie stark das Wallis vom Tourismus abhängig ist. Denn es ist für mich unverständlich, dass ein Schreiner in Brig nicht einsehen will, wo er sein Brot verdient. Ein Sorgenkind ist Valais Incoming — eine absolute Totgeburt. U. Z.: Es wird sich zeigen, ob dies eine Totgeburt ist. Sicher ist, dass es in der bisherigen Weise nicht mehr weitergehen kann. Ich kann mir vorstellen, dass Valais Incoming ein Teil von Wallis Tourismus wird und seine Dienstleistung weiterhin anbietet. Die kommerzielle Tätigkeit von Wallis Tourismus scheint mir sinnvoll. Über die Form kann man sich streiten. Welchen Rat geben Sie dem Walliser Tourismus? U. Z.: Sich nicht schlechter zu machen, als man ist. Kein anderer Schweizer spricht über seinen Kanton so negativ wie wir Walliser. Wir sind vielleicht nicht besser, aber ganz sicher nicht schlechter als all die anderen. Das Beispiel Olympia hat ja gezeigt, dass man den ganzen Kanton für ein Ziel begeistern kann. So schlecht, wie wir uns selber darstellen, sind wir also nicht. Mein Rat: Weg vom Problemdenker hin zum Chancendenker. |