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"Es ist nicht meine Art, auf den Mund zu hocken"

Zermatt / Die Zermatter Burgergemeinde ist angeschlagen. Mitten im Kreuzfeuer der Kritik befindet sich Burgerpräsident Erwin Aufdenblatten. Im RZ-Interview nimmt er Stellung zu fremden Vögten, wenig nützlichen Beratern, neuen Projekten und seiner Zukunft als Burgerpräsident.

Von Waldemar Schön
und German Escher

Die Umstrukturierung der mit einem 97 Mio. grossen Schuldenberg verschuldeten Burgergemeinde nimmt konkrete Formen an. Ist die Burgergemeinde damit gerettet?

Erwin Aufdenblatten: Erstens hat bei der definitiven Ausgestaltung dieser Umstrukturierung die Burgerversammlung das letzte Wort. Sie wird über das weitere Vorgehen entscheiden. Zweitens ist es etwas hoch gegriffen, von einem Schuldenberg zu sprechen. Denn im Gegensatz zu anderen Orten liegen hier in Zermatt ja die konkreten Gegenwerte vor. Wir haben das Geld nicht in Paläste investiert. Und ich kann Ihnen eines sagen: Die Banken hätten damals der Burgergemeinde Zermatt auch das doppelte an Geld gegeben, wenn wir dies gewollt hätten. Erst die Geschichte rund um Leukerbad hat das Blatt zu unseren Ungunsten gewendet. Auch wenn es uns sehr schlecht gegangen ist, haben wir unsere Zinsen immer bezahlt. Wir sind weit von der Situation Leukerbads entfernt.

Geplant ist die Gründung der Zermatterhof AG, der Gastro AG und der Bergbahnen AG. Ist das die Problemlösung?

E. A.: Eine Problemlösung mit Hilfe der Holdingstruktur ist in meinen Augen nur gut, wenn diese mit Zermatter Geldgebern aufgebaut werden kann. Unsere Berater gehen davon aus, dass sich die Burgergemeinde für fremde Investoren öffnen soll. Ich bin gegen eine derartige Öffnung. Denn das Beispiel von der Téléverbier AG zeigt, dass der Einfluss von aussen nicht gut ist.

Also kein Geld von Fremden?

E. A.: Was heisst da Fremde? Immerhin verdienen wir mit diesen Fremden, die ich aber schon lieber als gute Gäste bezeichnen würde, unser Geld. Das Problem stellt sich anders. Es gilt zu verhindern, dass uns von aussen diktiert wird, wie wir unser Geschäft zu führen haben. Denn die Burgergemeinde hat nicht nur die Aufgabe, mit ihren Betrieben möglichst hohe Gewinne zu erzielen. Natürlich könnten wir die Matterhornbahnen während der Nebensaison schliessen und damit Geld sparen. Aber im Interesse der Station Zermatt garantieren wir einen 365tägigen Skibetrieb. Das wird oft vergessen. Die öffentliche Aufgabe der Burgergemeinde muss im Vordergrund bleiben. Denn wenn nur noch Gewinn und Shareholder value zählen, wird ganz Zermatt darunter zu leiden haben.

Zermatter Investoren, die dann nichts zu sagen haben?

E. A.: Das stimmt doch nicht. Denn Entscheide werden in einer künftigen Holding der Burgergemeinde auch nicht von einzelnen getroffen, sondern von einem Verwaltungsrat, der sich ja aus Aktionären zusammensetzt. So sind alle an der Führung des Unternehmens beteiligt.

Also bestätigt sich das Vorurteil, dass es die "Nicht-Mattini" am Horu schwerer haben?

E. A.: Die haben es doch viel einfacher als wir. "Nicht-Matteni", wie Sie es nennen, "chennend die Nidla cho reichu und wier anneru hei der Grind dar". In dieser Hinsicht verstehe ich gar keinen Spass.

Sie glauben also nicht, dass Zermatt heute auf die Hilfe von Aussen angewiesen ist?

E. A.: Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Natürlich muss man die Möglichkeit prüfen, ausserhalb von Zermatt Geld zu holen. In welcher Form dies geschehen soll, muss aber reiflich überlegt werden. Ich möchte eines sagen: Unsere gegenwärtigen Berater sind nicht in allen Wirtschaftsbelangen sehr, sehr gut auf dem Laufenden.

Das ist hart! Dann müssen Sie diese doch einfach in die Wüste schicken?

E. A.: Nein, absolut nicht. Aber man kann nicht nur einer Seite zuhören. Es braucht auch die Darstellung anderer Ideen und Möglichkeiten. Dass wir uns im Moment nur auf einem Gleis bewegen, passt mir nicht. Bevor wir die Burgergemeinde Zermatt in fremde Hände geben, muss den Zermattern die Gelegenheit geboten werden, ihr Geld hier zu investieren. Erst wenn diese Möglichkeit ausgeschöpft ist, kann an auswärtige Investoren gedacht werden. Den Verkauf der Aktien der Burgergemeinde in fremde Hände kann und werde ich nie befürworten.

Was hat man eigentlich falsch gemacht? Zuviel Politik und zu wenig Business?

E. A.: "Das isch doch alls i Chabis." Wir haben doch nicht Politik betrieben. Der Zermatterhof musste renoviert werden, um nicht Sterne zu verlieren. Die Hotels Riffelberg und Gornergrat hatten eine Rennovation aus Komfort- und Sicherheitsgründen dringend nötig. Die Restaurants der Burgergemeinde in den Skigebieten rund um Zermatt mussten ebenfalls saniert werden. Der Kauf von Baugrund in Zermatt durch die Burgergemeinde schob Spekulanten den Riegel vor, etc., etc. Wenn wir das alles nicht gemacht hätten, stände die Burgergemeinde heute auch besser da.

Die Matterhorn Bahnen AG, die ja auch der Burgergemeinde gehört, plant bereits neue Bahnprojekte für 13 Millionen Franken. Der Aussenstehende könnte meinen: Lektion nicht gelernt?

E. A.: Wer rastet, der rostet. Wir müssen uns weiterentwickeln. Wann genau solche Projekte realisiert werden, steht noch nicht fest. Aber in den nächsten Jahren muss dies im Sinn einer Qualitätsverbesserung sicherlich geschehen.

Stösst Zermatt nicht allmählich an seine Grenzen. Jährlich neue Hotels und eine dichtere Völkerwanderung an der Bahnhofstrasse?

E. A.: Diese Frage hätte man sich schon lange stellen können. Aber die neuen Hotels wie "In to the Hotel" oder "Riffelalp Ressort" sprechen neue Gäste an, die wiederum dafür sorgen, dass ganz Zermatt profitiert. Aber ich bin überzeugt, dass Zermatt auch zusätzliche Gäste gut aufnehmen kann, ohne einen Kollaps zu erleiden.

Zur Top-Qualität gehört ein guter Zubringer. Was halten Sie vom Top-Terminal Täsch?

E. A.: Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich für eine offene, wintersichere Strasse bis zum Eingang von Zermatt bin. Wir brauchen sowohl die Bahn wie auch die Strasse. In Täsch kann man bauen was man will: Wer als Automobilist bis zum Hotel oder einem Parkhaus vor Zermatt fahren kann, wird dies als Erleichterung empfinden. Denn der Zugang zu unserem Ort ist nicht gut gelöst und ist das grösste Problem von Zermatt.

Sie können sich also mit dem 100 Millionen Projekt der BVZ Zermatt-Bahn und der Parkgenossenschaft nicht anfreunden?

E. A.: Ich sähe diese 100 Millionen viel lieber in der Strasse statt im Top Terminal. Eine befriedigende Lösung ohne Strasse werden wir in Zermatt niemals haben.

Und wie sehen Sie eine Verbindung der Skigebiete Saas Fee und Zermatt? Realistisch oder nicht?

E. A.: Man darf dabei nicht vergessen, dass wir von einer hochalpinen Region sprechen und nicht von irgendwelchen Hügeln in den Voralpen. Zwischen Saas Fee und Zermatt sind nicht nur Berge, sondern auch ein Tal, die Täschalpe. Eine derartige Verbindung ist sicherlich wünschenswert. Aber ein solch gigantisches Projekt ist in absehbarer Zeit nicht realisierbar.

Wie steht es mit dem Zermatter Golfplatzprojekt?

E. A.: Golf wäre für Zermatt sehr gut. Die Burgergemeinde hat ein fertiges Golfprojekt auf der Sunnegga mit einer Neun-Loch-Anlage. Wir würden den Boden zur Verfügung stellen und ein Club oder eine AG würde den Golfplatz bauen und betreiben. Ich hoffe, dass dieses Projekt in den nächsten Jahren realisiert wird.

Und was macht Erwin Aufdenblatten, wenn er mal nicht in Sachen Burgergemeinde unterwegs ist und jegliche Projekte wälzt oder sich gegen Banken und Medien zur Wehr setzt?

E. A.: (lacht) Im Grunde genommen bin ich Skilehrer und Bergführer und habe auch als Pensionär grossen Spass an der Natur. Verschiedene private Projekte sorgen dafür, dass mir auch ausserhalb der Burgergemeinde nicht langweilig ist. Zusätzlich hatte ich das Glück, sehr prominente Gäste führen zu können, zu denen ich nach wie vor einen regen Kontakt pflege..

...die da wären?

E. A.: Ich werfe nicht mit grossen Namen um mich. In dieser Hinsicht schweige ich eisern (schmunzelt).

2000 ist ein Wahljahr. Treten Sie nochmals als Burgerpräsident an?

E. A.: Nein. Mit 70 Jahren werde ich mir dies nicht mehr antun. Natürlich werde ich mich in Sachen Zermatt auch in Zukunft einsetzen und mich zu Wort melden. Denn es ist nicht meine Art, auf den Mund zu hocken - ob als Burgerpräsident oder als Privatmann.

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