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"Politik ist kein besonders dankbares Geschäft"

St. Niklaus / Er ist 87 Jahre alt und wird nicht müde, sich mit Politik zu beschäftigen. "En hertä Grind" wurde ihm nachgesagt, dem St. Niklaus einiges zu verdanken hat. Edmund Fux blickt im RZ Frontalinterview zurück: "Die Politik hat mich mit vielen Sorgen zugedeckt!"

Von German Escher
und Waldemar Schön

Edmund Fux, Sie machen trotz Ihrer 87 Lenze einen erstaunlich rüstigen Eindruck. Ist das die Luft in St. Niklaus?

Edmund Fux: Die ist zwar besser als ihr Ruf. Aber wichtiger ist wohl die Vererbung. Denn schon mein Vater wurde 88 und meine Mutter gar 97 Jahre alt. Zudem habe ich im Leben nie grossartig übertrieben. "Und ab und züe es Ballon Rotä tüet ses oi".

Sie waren und sind politisch sehr interessiert. Was reizt Sie an den politischen Ränkespielen?

E. F.: Es sind nicht diese Ränkespiele, die mich reizen, sondern die Arbeit in der Politik selbst. Aber ich muss eines sagen: Ich habe die verschiedenen Ämter nie gesucht. Ich war in den Vereinen tätig und habe da ein paar mal ja zu Aufgaben gesagt. Da war es naheliegend, dass ich irgendwann in der Politik landen würde und auch da nicht nein sage. Die rege Vereinstätigkeit hat meine politische Laufbahn stark beeinflusst und gefördert: Gemeinderat von 1949 bis 1957, Gemeindepräsident von 1961 bis 1973 und Grossrat von 1969 bis 1981.

Und wo nehmen Sie heute noch Einfluss. Denn die Katze lässt doch das Mausen nicht einfach sein?

E. F.: Das lasse ich schön bleiben. Denn seit meinem Rücktritt aus der Politik bin ich mit einer Ausnahme den Urversammlungen fern geblieben. Ich verfolge zwar das politische Geschehen in der Gemeinde und im Wallis auch kritisch und bin ab und zu auch ‘fux tiefelsch wiltä’. Aber ich will nicht derjenige sein, der an Versammlungen das Wort ergreift und sagt: Früher haben wir das so oder so gemacht. Die Jungen sollen heute die Probleme lösen, ohne dass wir Alten ständig dreinreden. Ich geniesse es auch, die Politik mit einem gewissen Abstand zu betrachten.

Politik in St. Niklaus ist in erster Linie Verkehrspolitik. Jetzt wird nach langem Kampf die Dorfumfahrung gebaut...

E. F.: ...nach sehr langem Kampf. Denn schon 1972 wurde mir zugesichert, dass die Strasse bald gebaut werde. In Spitzenzeiten ist der Verkehr die Geissel von St. Niklaus. Für mich ist es eine persönliche Befriedigung, dass die Umfahrung jetzt endlich gebaut wird. Auch wenn mein Projekt auf der anderen Talseite besser gewesen wäre (lacht) - "die Hoiptsach isch, dass die Strass chunt". Kommen muss aber sofort die Verbesserung der Strasse von Stalden nach St. Niklaus, wo es schon zu viele Todesfälle gegeben hat. Diesbezügliche Begehren hat es schon viele gegeben, auch von mir.

Sie verfügen über 60 Jahre Politerfahrung: Wurde früher die Politik anders betrieben als heute, zum Beispiel mit weniger harten Bandagen?

E. F.: Einen Wahlkampf gab es damals zwar auch, aber er wurde mit faireren Mitteln geführt. In St. Niklaus gab es ja damals nur die CVP und die CSP. Aber nach den Wahlen war der Streit vorbei und man befasste sich mit der Aufgabe, die Gemeinde zu leiten. Die politischen Fronten waren damals klarer als heute. Man konnte von jeder Familie sagen, wo sie politisch steht. Was aber in den letzten Jahren in der Politik ablief, macht mir schon zu schaffen. So etwas wäre damals nicht denkbar gewesen.

Sie denken an die Querelen in der CVP Oberwallis?

E. F.: Ja, und diese Vorgänge tun mir als altem CVP-Menschen weh. Aber mit diesen Streitereien in der Partei musste es soweit kommen. Angefangen mit dem ewigen Streit um die Autobahn in Visp zwischen Furger und Schmidhalter bis hin zu den Problemen mit Otto G. Loretan: Die CVPO hat sich selbst das Wasser abgegraben. Die Uneinigkeit in der Partei ist ein schlimmes Übel. Ich wünsche den heutigen Politikern die Grösse, über diesen Streitereien zu stehen und sich für die Sache einzusetzen.

Es geht in Ihren Augen also zu stark um Personen und weniger um die Sache?

E. F.: Das kann man so sagen. Wenn Politiker anfangen zu streiten, hören sie heute eben nicht mehr damit auf. Über Kleinigkeiten wird jahrelang debattiert und gestritten. Die Autobahnfrage ist das beste Beispiel und jetzt gehts mit der leidigen Spitalpolitik genau gleich los. Wir haben damals im Grossen Rat in Sachen Spitalpolitik einen verdammten Blödsinn gemacht. Wir waren zu weich und haben zu viele Spitäler bewilligt. Jede Region wollte plötzlich ein noch besseres Spital. Heute haben wir die Quittung mit dem Grabenkampf zwischen Brig und Visp. Und keines von beiden wird zurückkrebsen.

Das tönt eher resigniert: Würden Sie nochmals in die Politik einsteigen, wenn sie jung wären?

E. F.: Nein, in dieser Form würde ich nicht mehr in die Politik einsteigen. Denn durch die Politik hat meine Familie auf vieles verzichten müssen und hat darunter auch gelitten. Als meine erste Frau 1956 starb, stand ich mit fünf Kindern da und stieg direkt aus der Gemeindepolitik aus. Und kaum war ich wieder verheiratet, ‘häni mich zum zweitu Mal la vertwitschu’. Die Politik hat mir zwar viel gegeben, hat aber auch viel gefordert - vor allem von meiner Familie.

St. Niklaus hat ein ungeahntes Wachstum hinter sich. Woran liegt das?

E. F.: Dieser Erfolg hat einen Namen: Scintilla. Die Scintilla ist das Herz und der Motor von St. Niklaus. Aber eines ist sicher: Die Scintilla hat mir zahllose schlaflose Nächte beschert.

Es wird gesagt, dass Sie einer der Hauptverantwortlichen waren, um die Scintilla ins Dorf zu bringen?

E. F.: Nein, nein! Ich war zwar damals im Gemeinderat. Doch die Lorbeeren überlasse ich gerne dem damaligen Gemeindepräsidenten Rudolf Bittel. Er hat die Scintilla hergeholt. Ich bin erst später in Erscheinung getreten, als es hiess, die Scintilla wolle St. Niklaus verlassen. Damals bin ich nach Stuttgart gefahren, um mich zu überzeugen, dass dies nur ein Gerücht war. Ein Direktionsmitglied von Bosch hat mir versichert: Die Scintilla bleibt, wo sie ist. Mit dieser Botschaft kam ich zurück nach St. Niklaus an die Urversammlung, wo die Erleichterung natürlich gross war.

Alle waren aber nicht glücklich über die Scintilla?

E. F.: Die Widerstände waren am Anfang gross und sogar der Staatsrat war gegen die Fabrik. Die Kritiker beklagten die hohen Kosten und redeten im Zusammenhang mit der Fabrik von einer Eintagsfliege, die schnell wieder verschwinde. Es muss gesagt werden: In den ersten 20 Jahren hatte St. Niklaus nichts von der Scintilla. Aber heute steht die Gemeinde dank dieser Steuereinnahmen und der Arbeitsplätze gut da. Man weiss in St. Niklaus um die grosse Bedeutung der Fabrik.

St. Niklaus wird allmählich zur kleinen Stadt. Haben Sie nicht Angst, dass dadurch der Dorfcharakter verloren geht?

E. F.: Der Zusammenhalt im Dorf ist nach wie vor sehr gross und auch die Vereine funktionieren gut. Etwas anderes macht mir mehr Sorgen: Der alte Dorfkern hat stark gelitten. Die Leute ziehen es vor, ausserhalb des Dorfes in neue Wohnungen und Häuser zu ziehen, anstatt die alten Häuser im Dorfkern zu bewohnen. Das alte Dorf hat sich stark entvölkert und mancher Weiler von St. Niklaus hat heute mehr Einwohner als der Dorfkern. Aber zum Glück gibt es die Gruppe Dorfkern, die grosse Anstrengungen unternimmt, um diesen wunderschönen Dorfteil zu erhalten. Man stelle sich nur vor, wenn damals der Turm abgerissen worden wäre. Dieser konnte zum Glück gerettet werden und ist heute das Wahrzeichen des Dorfes.

Ihre Stubenwände sind vollgepackt mit Ehrenurkunden, Ernennungen zum Ehrenpräsidenten und Vereinsgeschenken. Sind Sie noch immer in den Vereinen tätig?

E. F.: Nicht mehr aktiv. Aber 60 Jahre Musikgesellschaft und zahllose Einsätze als Schauspieler und Regisseur im Theaterverein haben mich geprägt. Die Vereine waren mein Leben und machen mir noch heute viel Spass. Ich nutze jede Gelegenheit, ins Theater zu gehen. Den ‘letzten Sander’ in Brig werde ich mir sicher nicht entgehen lassen. Ich habe zwar selber kein Auto. Aber dann bettle ich eben um eine Mitfahrgelegenheit (lacht schelmisch).

Haben Sie ihr Schauspieltalent auch als Politiker genutzt?

E. F.: Mein Grundsatz auf der Bühne war immer ‘leben und nicht spielen’. Man muss voll in der Rolle aufgehen und nicht künstlich etwas schaffen. So ist es auch in der Politik. Mit Ehrlichkeit, Energie und Gewissenhaftigkeit kommt man auch dort am weitesten. So gesehen war ich eigentlich nicht für die Politik geschaffen.

Politik als undankbares Geschäft?

E. F.: Politik ist kein besonders dankbares Geschäft. Es gab Leute, die mich hart attackierten. Aber diese waren in der Minderzahl. Im Rückblick bin ich aber mit meiner Arbeit zufrieden. Denn wir haben mit wenig Geld grosse Werke realisiert. Und manch ein Kampf hat sich zu meinen und zu Gunsten der Gemeinde St. Niklaus entschieden. Das ist der schönste Dank für mich.

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