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"Ich habe mein Tief überwunden!"

Riederalp / Vor einem halben Jahr wollte sie den Bettel hinschmeis- sen und mit dem Skirennsport aufhören. "Ich war am Boden, kaputt", sagt Lilian Kummer. Vor Monatsfrist fuhr sie in Semmering in die Weltspitze und sicherte sich so die Fahrkarte für die WM in St. Anton. Die 25-jährige, sympathische Sportlerin über ihre Durststrecke, ihre Hoffnungen, WM-Chancen und Zukunftspläne im RZ-Frontal.

Von Walter Bellwald und
German Escher

Lilian Kummer, auf Ende der letzten Saison wollten Sie eigentlich zurücktreten. Dank der Top-Resultate der letzten Rennen sind sie auf einmal in der Riesenslalom-Weltspitze anzutreffen. Was ist passiert?
Lilian Kummer: Vor der Schweizermeisterschaft im Aletschgebiet war ich in einem grossen Tief. Ich hatte genug vom Skirennsport und wollte tatsächlich zurücktreten. Ich zweifelte nicht nur an mir selbst, sondern auch an meinem Material. Meine Skifirma Rossignol wollte den laufenden Vertrag nicht mehr verlängern. Aber dank Gregor Furrer konnte ich bei Völkl einsteigen. Die Tests liefen hervorragend und die Freude am Skifahren kehrte zurück. Zudem war glücklicherweise auch mein Sponsor Ovomaltine bereit, mich weiter zu unterstützen. Schliesslich konnte ich auch wieder mit dem A-Team trainieren und so habe ich mich entschlossen, zumindest noch eine Saison anzuhängen.

Der Start in die neue Saison mit dem Ausfall in Sölden war aber auch nicht gerade vielversprechend?
L.K.: Das stimmt. In den Trainings lief es zwar ganz gut. In den Rennen konnte ich die Trainingsresultate aber nicht umsetzen. Ich wollte mich aber nicht gleich wieder unnötig unter Druck setzen und bin einfach weiter drauflosgefahren. In Semmering und in Cortina sind Sie jeweils nach einem verpatzten ersten Durchgang voll durchgestartet und haben im zweiten Lauf die Bestzeit erzielt.

Wie erklären Sie sich das?
L.K.: Das ist schwer zu sagen. Früher habe ich jeweils den ersten Lauf gut hingekriegt und bin dann im zweiten Durchgang schlecht gefahren. Jetzt ist es umgekehrt. Da spielen viele Faktoren mit. Sowohl in Semmering wie auch in Cortina konnte ich im zweiten Durchgang als vierte Rennläuferin starten. Das war sicher ein grosser Vorteil, weil die Pistenverhältnisse noch ideal waren und ich nichts zu verlieren hatte. Natürlich wäre es schön, zwei gute Läufe ins Ziel zu bringen. Aber leider fahre ich momentan noch zuwenig konstant.

Jetzt gehts an die Ski-WM nach St. Anton. Was haben Sie sich vorgenommen?
L.K.: Ich will ganz einfach ein gutes Rennen fahren. Die Platzierung ist für mich nicht so wichtig. Sicher ist auch die Tagesform mitentscheidend. Ich glaube, dass ich unter die ersten Fünfzehn fahren kann.

Warum so bescheiden?
L.K.: Natürlich ist es der Traum von jedem Sportler, bei einem Grossanlass auf dem Podest zu stehen. Aber die Realität sieht anders aus. Die Konkurrenz aus dem eigenen Lager mit Sonja und Corinne ist unheimlich stark. Auch die ausländische Konkurrenz fährt ein Top-Niveau. Es ist sicher vermessen, von einem Podestplatz zu sprechen. Ich werde mein Rennen fahren und am Schluss werden wir sehen, wo ich stehe.

Hinter Ihren Teamkolleginnen Sonja Nef und Corinne Rey-Bellet sind Sie jetzt die Nummer drei im Riesenslalom. Wie gehen Sie mit diesem Druck um?
L.K.: Kein Problem. Sonja und Corinne stehen momentan wesentlich mehr im Rampenlicht als ich. Von mir erwartet niemand eine WM-Medaille.
Corinne und Sonja zählen aber klar zum Favoritenkreis für den WM-Titel im Riesenslalom.

Wer wird Weltmeisterin?
L.K.: Ich tippe auf Sonja Nef. Die Resultate in dieser Saison sprechen für sich. Sonja ist in dieser Saison die beste und ausgeglichenste Läuferin im Riesenslalom. Ich hoffe, dass sie mit der grossen Belastung klarkommt.

Wie ist die Stimmung im Schweizer Frauen-Team eine Woche vor Beginn der WM?
L.K.: Die Stimmung könnte nicht besser sein. Wir verstehen uns alle prima. Das ist sicher auch ein Verdienst der Trainer. Wichtig ist, dass die Trainer alle Rennläuferinnen gleich behandeln. Und das ist momentan der Fall.

Sonja Nef ist zwar in der A-Mannschaft integriert, hat aber einen eigenen Trainer. Bringt das nicht eine gewisse Unruhe in die Mannschaft?
L.K.: Nein! Sonja versteht es ausgezeichnet, sich immer wieder voll in die Mannschaft zu integrieren und zeigt überhaupt keine Starallüren. Sie ist eine Klasse-Sportlerin. In ihrer Karriere wurde sie schon oft durch Verletzungen zurück geworfen, hat sich aber immer wieder an die Spitze zurückgekämpft. Mit Rücksicht auf ihre Gesundheit hat ihr Trainer ein eigenes Programm zusammengestellt, das optimal auf sie abgestimmt ist.

Können Sie sich vorstellen, auch einmal mit einem eigenen Trainer zu arbeiten?
L.K.: Warum nicht? Letztes Jahr habe ich meine Trainer angefragt, ob ich eine Zeit lang mit Sonja trainieren könnte, um verschiedene Ski- und Materialtests durchzuführen. Leider bekam ich eine Absage. Allerdings hatte ich Verständnis dafür. Wir waren nur fünf Fahrerinnen im Sommertraining und konnten auch so viel profitieren.

Auch Sie wurden nicht von Verletzungen verschont. Innerhalb eines Jahres haben Sie sich an beiden Knien das Kreuzband gerissen. Wie baut man sich nach solchen Tiefschlägen wieder auf?
L.K.: Das ist gar nicht so einfach. Ich musste jeweils ein halbes Jahr lang pausieren. Aber es hat sich gelohnt. Seit über drei Jahren habe ich keine Schmerzen mehr. Früher wollte ich den Erfolg erzwingen. Heute nehme ich es, wie es kommt. Ich fahre viel lockerer und unbeschwerter.

Haben Sie eine spezielle Rennvorbereitung?
L.K.: Ich habe es schon mit mentalem Training versucht. Leider ohne Erfolg. Das Ganze war für mich zu theoretisch. Ich konnte die guten Tipps nicht umsetzen. Vielfach habe ich schon bei der Besichtigung der Strecke ein gutes oder mulmiges Gefühl. Dementsprechend fahre ich auch mein Rennen.

Wie gehen sie mit Kritik um?
L.K.: Früher habe ich viel sensibler auf Kritik reagiert als heute. Ich kann inzwischen sehr wohl zwischen berechtigter und unberechtigter Kritik unterscheiden. Unseriöser Journalismus lässt mich aber kalt. Vielfach werde ich auch auf der Strasse auf meine Leistungen und den Skirennsport angesprochen. Mit konstruktiver Kritik kann ich leben. Ich lasse mich aber nicht durch irgendwelche Leute fertigmachen. Sie wohnen noch bei Ihren Eltern auf der Riederalp.

Wie wichtig ist Ihnen Ihre Familie?
L.K: Mein Vater war früher mein grösster stiller Förderer. Aber auch meine Mutter und mein Bruder sind für mich sehr wichtig und haben grossen Anteil an meiner Sportkarriere. Es ist immer wieder ein schönes Gefühl, wenn ich von den Rennen heimkomme und meine Familie erwartet mich. Ich kenne viele Rennkolleginnen, die daheim keine grosse Unterstützung finden oder einem grossen Leistungsdruck ausgesetzt sind. Das finde ich schade, denn das kann auch blockieren.

Sie sind eher ein nachdenklicher Typ, der viel zuhause anzutreffen ist. Sind Sie eine "Stubenhockerin"?
L.K.: (lacht) Als "Stubenhockerin" würde ich mich nicht gerade bezeichnen. Aber es stimmt schon: Die wenige Zeit, die mir zwischen den " Als Stubenhockerin würde ich mich nicht bezeichnen" Rennen bleibt, verbringe ich meistens zu Hause. Zurzeit kann ich mir noch keinen eigenen Haushalt leisten. Kommt dazu, dass mich meine Eltern daheim verwöhnen, das gefällt mir ganz gut. Wenn aber im elterlichen Hotelbetrieb viel Arbeit anfällt, helfe ich natürlich tatkräftig mit. Nach meiner Sportkarriere will ich aber baldmöglichst selbstständig werden.

Wie lange bleiben Sie dem Skirennsport erhalten?
L.K.: Nach dem Absturz in der letzten Saison dachte ich eigentlich ans Aufhören. Nach den recht guten Resultaten in dieser Saison sieht die ganze Angelegenheit wieder anders aus. Ich werde diese Saison auf alle Fälle zu Ende fahren und dann sehen wir weiter. Ich plane nicht mehr langfristig, sonder werde mich von Saison zu Saison entscheiden.

Was machen Sie beruflich nach Ihrer Rennkarriere?
L.K.: Mir stehen viele Türen offen. Durch den Skirennsport habe ich jede Menge dazugelernt. Viele RennfahrerInnen profitieren später davon, dass Sie die verschiedenen Sprachen und Mentalitäten kennen gelernt haben. Vielleicht werde ich auch noch eine Lehre absolvieren. Ich halte mir alle Optionen offen und werde mich entscheiden, wenn ich nicht mehr weiterfahre.

Wie siehts privat aus?
L.K.: Auch da ist mir das Glück hold. Mein Freund heisst Erich Morger und arbeitet als Journalist beim Blick. Er ist berufsbedingt bei vielen Skirennen mit dabei. Dadurch sehen wir uns regelmässig. Ich kann mir vorstellen, nach meiner Skikarriere eine Familie zu gründen. Ob ich auf der Riederalp meinen Wohnsitz nehmen werde oder in die Deutschschweiz ziehe, steht noch nicht fest. Ihr Lebensmotto heisst "Carpe Diem" - geniesse den Tag.

Wie zeigt sich das?
L.K.: Nach dem sportlichen Tief im letzten Jahr war ich am Boden zerstört. Ich zog mich immer mehr zurück und konnte mich über nichts mehr freuen. Zum Glück bin ich weitergefahren. Ich habe mein Tief überwunden und bin wieder ein fröhlicher, optimistischer Mensch. Ich lebe wieder viel bewusster und kann mich auch über Kleinigkeiten freuen. Das Leben ist zu kurz, um sich darüber zu grämen!

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