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"Die
SP und FDP sind derzeit geschwächt"

Brig-Glis / Er bezeichnet sich selbst lachend als "Auslaufmodell" und
tritt wie weitere 18 Oberwalliser Grossräte nicht mehr zu den Wahlen an.
Charly Zurbriggen, CVPO-Grossrat von Brig, nimmt Stellung zu Parlamentsreformen,
der Zukunft des Grossen Rates und sagt: "Das Wallis will keine übermächtige
C-Partei mehr."
Von German Escher und
Waldemar Schön
Sie sassen 12 Jahre im Grossrat, wo Sie als reformfreudiger Politiker
aufgefallen sind. Eine aussterbende Spezies in diesem Gremium?
Charly Zurbriggen: Wenn sie damit meinen, dass die Reformfreudigkeit des
Walliser Parlaments zu wünschen übrig lässt, haben sie recht. In diesem
Sinn bin ich ein Auslaufmodell (lacht). Die tiefgreifenden Vorschläge
der Reformkommission wurden vom Grossen Rat leider nicht alle in die Tat
umgesetzt.
Das heisst?
Ch. Z.: Wir haben unter anderem vorgeschlagen, die Wahlbezirke in der
heutigen Form aufzulösen und den Wirtschaftsregionen gleichzusetzen und
die Anzahl Grossräte zu reduzieren. Das Wallis hat mit 130 Grossräten
und 130 Suppleanten das grösste Parlament der Schweiz. Da wäre eine Reduktion
durchaus im Rahmen des Möglichen gewesen. Dies hat man aber rundweg abgelehnt.
Es handelt sich dabei um historisch gewachsene Strukturen, denen nicht
so leicht beizukommen ist.
Das Interesse der Parlamentarier an der Reform war von Anfang an äusserst
bescheiden?
Ch. Z.: Da ist schon etwas Wahres dran. Denn die Rücklaufquote lag bei
der schriftlichen Befragung der Parlamentarier bei rund 35 Prozent. Manchmal
war ich als Kommissionspräsident schon frustriert, dass die Reformfreudigkeit
des Parlaments so bescheiden ist.
Ist
damit die Parlamentsreform gescheitert?
Ch. Z.: Die Parlamentsreform ist keineswegs gescheitert. Sie ist nur bescheidener
ausgefallen, als ich und meine KommissionskollegInnen dies gewünscht haben.
Auch nach zwölf Jahren Grossrat wird mir ein politischer Grundsatz immer
wieder vor Augen geführt: Politik ist die Kunst des Machbaren und nicht
des Wünschbaren. Schliesslich stiessen ja einige Vorschläge auf offene
Ohren und was sehr wichtig ist: Eine zweite Kommission kümmert sich um
die Fortsetzung der Reform. Die Parlamentsreform ist in meinen Augen ein
unumkehrbarer Prozess und verläuft nicht im Sand.
Was ist zu erwarten?
Ch. Z.: Die wichtigste Änderung besteht im Wechsel des Sitzungsrhythmus.
In Zukunft wird der Grosse Rat nicht mehr mehrmals im Jahr eine ganze
Woche tagen, sondern die Tendenz geht in Richtung einmal im Monat an zwei
Tagen. Dies bringt schon eine grosse Verbesserung der Arbeit im Grossen
Rat. Denn zwei Tage im Monat kann man der eigenen Arbeit leichter fernbleiben,
als eine ganze Woche. Die Sitzungen können auch besser vorbereitet werden,
weil nicht eine endlos lange Traktandenliste mit kiloweise Papier durchzuarbeiten
ist. Zudem kann damit der Rat schneller reagieren und seine Kompetenzen
besser ausschöpfen. Weiter sollen die Parlaments- und Übersetzungsdienste
verbessert werden. Einiges verspreche ich mir auch von der Informatisierung
der Infrastruktur des Parlaments.
Und wie steht es mit der Entlöhnung des Rates?
Ch. Z.: Zur Zeit erhält jeder Grossrat pro Sitzungstag 180 Franken inklusive
Vorbereitungszeit. Mit durchschnittlich 17 Sitzungstagen ergibt dies gerade
mal 3060 Franken. Für Sitzungen in den verschiedenen Kommissionen gilt
der selbe Tagessatz. Im Rahmen einer Professionalisierung des Parlaments
müssen auch die Tagessätze angepasst werden. Wenn knapp die Spesen gedeckt
sind, werden kaum noch fähige Leute bereit sein, die Arbeit als Grossrat
zu leisten.
Wie sehen Sie die Zukunft des Parlaments?
Ch. Z.: Das Wallis braucht kein Berufsparlament. Aber die Professionalisierung
der Arbeit des Grossen Rates muss vorangetrieben werden. Wenn die thematischen
Kommissionen einmal eingeführt sein werden, steigt neben der besseren
zeitlichen Verfügbarkeit auch die Sachkompetenz der Parlamentarier. Schnellere
Entscheide müssen möglich sein, um den raschen Veränderungen in Wirtschaft
und Gesellschaft gewachsen zu sein. Dass die Zahl der Grossräte reduziert
wird, ist in nächster Zeit unwahrscheinlich. Die regelmässigeren Sitzungen
des Grossen Rates stellen aber die Notwendigkeit der Suppleanten in Frage.
Wünschenswert wäre eine Verlängerung der Legislatur auf fünf oder sechs
Jahre. Damit würden die Politiker weniger dem Wahldruck ausgesetzt und
könnten sich länger der Sachpolitik widmen.
Und
wie stehts mit der Zukunft des Staatsrates: Aufstocken, damit alle Parteien
in die Regierung eingebunden werden?
Ch. Z.: Auf der einen Seite abbauen, um auf der anderen Seite auszubauen?
Zudem geht ja die Tendenz in Richtung schlankere Strukturen - auch in
der Politik. Und eine Aufstockung des Staatsrates aus reinen parteipolitischen
Gründen sehe ich zur Zeit nicht. Anderseits sind die Staatsräte stark
überlastet und die Departemente riesig. Eine Erhöhung der Anzahl Departemente
könnte eine Erleichterung bringen und den regionalen und politischen Gegebenheiten
besser Rechnung tragen. Eine andere Möglicheiten wäre die Einführung von
Generalsekretären, um den Staatsrat zu entlasten.
Stichwort
Staatsrat: Sie traten für eine CVPO-Kandidatur bei den kommenden Wahlen
ein. Wieso?
Ch. Z.: Die Resultate anlässlich der Nationalratswahlen und der Gemeinderatswahlen
und die Tatsache, dass die CVPO die stärkste Oberwalliser Partei ist,
bestärkten uns im Bezirk Brig darin, eine CVPO-Staatsratskandidatur anzustreben.
Zudem hat die FDP bei den Nationalrats- und Stadtpräsidentenwahlen Sitze
verloren und die ganze Spitalplanung unter der Verantwortung der SP stösst
auf starken Widerstand. Das heisst, dass FDP und SP geschwächt sind. Bei
einer möglichen Kandidatur galt es aber abzuwägen, ob es besser ist, einen
Kandidaten oder eine Kandidatin jetzt ins Rennen zu schicken mit dem Risiko,
ihn oder sie zu "verheizu", weil die bestehende Staatsratsformel im Wahlvolk
verankert zu sein scheint. Oder für die Wahlen in vier Jahren jemand aufzubauen
und mit besseren Chancen ins Rennen zu schicken. Die Parteimitglieder
sind aber der Meinung des CVPO-Vorstandes gefolgt, jetzt nicht anzutreten,
was die Auswahl für das Volk leider vermindert und damit die Formel "drei
eins eins" zusätzlich festigt.
Eine
CVPO-Kandidatur hätte sich nicht nur gegen die SP sondern auch gegen Wilhelm
Schnyder richten können?
Ch. Z.: Eine CVPO-Kandidatur hätte sich in erster Linie gegen die SP gewandt.
Ob dies auch in vier Jahren so sein wird und ob das Wallis eine SP-Vertretung
in der Regierung haben will, wird sich an der Leistung der SP in der kommenden
Legislatur zeigen. Wird diese Leistung besser als in der vergangenen Periode,
könnte die CSP-Kandidatur durch eine CVPO-Kandidatur bedrängt werden.
Es stellt sich aber eher die Frage, wie lange das Oberwallis zwei Staatsratssitze
halten kann.
Ein Szenario waren auch getrennte Wahllisten im Ober- und Unterwallis?
Ch. Z.: Unser Ziel war es, je eine schwarze und gelbe Staatsratsliste
im Ober- und Unterwallis, ergänzt durch eine blaue und rote Liste zu haben
und dadurch eine viel breitere Auswahl vor das Wahlvolk zu bringen. Auch
wenn viele Wähler enttäuscht sind, dass die Beteiligung der SP an der
Regierung nicht die erhoffte Öffnung gebracht hat und der Rücktritt Bodenmanns
diese Enttäuschung noch verstärkt hat, muss man sich bewusst sein: Das
Volk will offenbar keine übermächtige C-Partei mehr.
Wie
sehen Sie die Zukunft der CVPO. Im Spagat zwischen Opposition und Regierungspartei
fühlt sich die mächtigste Oberwalliser Partei sichtlich nicht wohl?
Ch. Z.: Die CVPO ist keine Oppositionspartei und unser Spagat war niemals
so gross, wie derjenige der SP, die Regierungs- und Oppositionspartei
sein will.
Aber die CVPO macht im Moment die Faust im Sack?
Ch. Z.: Natürlich ist es hart, als grösste Oberwalliser Partei aus verschiedenen
Gründen nicht kandidieren zu können. Wir machen allerdings nicht die Faust
im Sack, sondern beteiligen uns aktiv im Parlament und am Aufbau unseres
Kantons.
Das Resultat ist eine kleine Auswahl an Staatsratskandidaten?
Ch. Z.: Es ist mir bewusst, dass dies eher langweilige Staatsratswahlen
sein werden. Alles wird auf eine Bestätigungswahl hinauslaufen. Wir haben
in den letzten Jahren drei KandidatInnen gestellt. Jetzt ist es an den
Minderheitsparteien, diesem Beispiel zu folgen.
Sie
sind noch immer politbegeistert und trotzdem verabschieden Sie sich aus
der Politik?
Ch. Z.: Ich habe noch immer Freude an der Politik und bin kein bisschen
ausgebrannt. Ich gehe nicht, weil ich genug von der Politik " Zwölf Jahre
Grossrat sind für mich genug" habe, sondern weil zwölf Jahre Grossrat
für mich genug sind. Irgendwann muss auch auf Beruf und Familie Rücksicht
genommen werden. Zudem gibt dies auch Platz für jüngeres Blut in der Politik.
Ich habe bis zuletzt viel gearbeitet und habe die grundlegenden Vorschläge
der Reformkommission durchgebracht. Das ist für mich eine Genugtuung und
Bestätigung dafür, dass es Zeit ist, abzutreten.
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