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"Fasten
heisst keinesfalls Hungern!"

Ausserberg
/ Sie ist als "Fastenpäpstin" bekannt und lebt ihre Natur-Philosophie.
Seit zwei Jahren wohnt sie in Ausserberg, führt ein eigenes Unternehmen
und organisiert Fastenwanderungen und Seminare zum Thema Gesundheit. Regi
Brugger über das Fastenwandern, gesunde Ernährung und ihre Arbeit als
Hobby-Winzerin.
Von Walter Bellwald und
Tamara Locher
Sie waren in der letzten Woche im Aletschgebiet (Riederalp) auf einer
Fasten-Wanderung. Wie fühlen Sie sich?
Regi Brugger: Ich fühle mich ausgezeichnet. Eine Fasten-Wanderung ist
sowohl für Körper und Geist wohltuend und entspannend. Wir haben auf unserer
Wanderung auch schon erste Vorboten des Frühlings entdeckt. Es ist eine
wichtige Erfahrung auf den Fasten-Wanderungen, die Natur mit offenen Augen
zu sehen und zu geniessen.
Beim Wort "Fasten" denkt man sofort an Hungern. Ist Fasten auch mit
Selbstquälerei verbunden?
R.B.: Überhaupt nicht. Zwischen dem Fasten und dem Hungern besteht ein
wesentlicher Unterschied. Hungern ist erzwungen und Fasten ist freiwillig.
Der Wille allein ist ausschlaggebend. Wenn jemand fasten will, entschliesst
er sich, freiwillig nichts zu essen. Somit hat er ein ganz anderes Empfinden
als jemand, der hungern muss. Das ist der grosse Unterschied. Die Einstellung
ist alles.
Wie
sind Sie eigentlich zum Fasten gekommen?
R.B.: Ich litt seit meiner Kindheit an Rheuma und musste schon früh in
die verschiedenen Rheuma-Badekuren. Schon früh hatte ich auch Magen-Darmprobleme.
In Afrika holte ich mir auch noch eine Amöbenruhr (Darm-Infektion). In
der Schweiz wurde ich medikamentös gegen die tödliche Krankheit behandelt.
Daraufhin habe ich meine Lebensgewohnheiten Schritt für Schritt umgestellt.
Heute fühle ich mich wieder gesund und beweglich.
Was
verstehen Sie unter Fasten?
R.B.: Fasten heisst, nicht nur aufs Essen zu verzichten. Fasten heisst,
in sich zu gehen und sich auf den eigenen Lebensweg zu besinnen. Auch
" Mein prominentester Wandergast war alt-Bundesrat Arnold Koller" das
Gebet kann dabei hilfreich sein. Das Äussere wird nicht mehr so wichtig
genommen. Fastende lernen wieder auf die innere Stimme zu hören. Das kann
ich am besten in der Natur, indem ich viel zu Fuss unterwegs bin.
...also
mit Fasten-Wandern?
R.B.: Richtig! Wandern ist eine ruhige Bewegungsart. Während dem Fasten
wird die Energie langsam aus den Reserven im Körper freigesetzt. Von schweren
und schnellen Arbeiten oder gar Extremsport ist abzuraten. Das ruhige
und langsame Wandern in frischer Bergluft ist heilsam: Also eine ideale
Kombination zum Fasten. Ich nehme all die Kräfte in mich auf, die von
der Natur kommen, wie z.B. Sauerstoff, Sonnenlicht, Regen etc. Vor allem
Städter sehnen sich nach der Bewegung in der freien Natur.
Was
für Menschen kommen zu Ihnen?
R.B.: In meine Kurse kommen Leute aus allen Alters- und Berufsschichten.
Mein prominentester Wandergast war alt-Bundesrat Arnold Koller. Die meisten
Kursbesucher wollen sich körperlich und mental erholen und entspannen.
Aber auch viele "kranke" Menschen nehmen an den Fasten-Wanderwochen teil.
Rheumatiker oder Menschen mit Kreislaufproblemen ebenso wie Allergiker
oder Leute, die an Bluthochdruck leiden.
Ist
das nicht gefährlich?
R.B.: Vor Beginn einer Fasten-Wanderwoche werden die Kursteilnehmer auf
mögliche Risiken und Gefahren aufmerksam gemacht. Im Zweifelsfall muss
der Arzt entscheiden. Prinzipiell übernimmt jede/r WanderteilnehmerIn
die Verantwortung für ihre/seine Gesundheit selbst.
In
Ihrem Buch "Fastenwandern" schreiben Sie, dass man in einer Woche drei
bis zehn(!) Kilo abspecken kann. Ist das überhaupt gesund?
R.B.: Drei Kilo Gewichtsverlust sind absolut normal und an der unteren
Grenze. In erster Linie wird viel Wasser ausgeschwemmt. Das hat eine reinigende
und lösende Wirkung und beeinflusst das Gleichgewicht des Menschen positiv.
Zehn Kilo Gewichtsabnahme in einer Woche bleibt natürlich die Ausnahme.
Besteht
nicht auch die Gefahr, dass mit sogenannten Alternativ-Methoden vielfach
Schindluderei betrieben wird?
R.B.: Es gibt auf jedem Gebiet Scharlatane.
Sie
sind zurzeit in Ausbildung zur Naturheilpraktikerin. Wie stehen Sie der
Schulmedizin gegenüber?
R.B.: Ich bin gegen die Schulmedizin, die sich nur auf die Behandlung
der Krankheitssymptome konzentriert und nicht nach der Krankheitsursache
sucht. Der wesentliche Unterschied zwischen der Schul und Alternativ-Medizin
ist, dass die Alternativ-Medizin die Abwehrkräfte des Organismus stärkt
und die Schulmedizin gegen Krankheiten kämpft. Der Mensch ist als Ganzes
zu betrachten, im Einklang mit der Natur. Körper, Geist und Seele sollen
aufeinander abgestimmt sein und miteinander harmonieren. Das bedeutet
für mich Gesundheit. Schulmedizin und Alternativ-Medizin müssen sich ergänzen.
Die Bezeichnung "Fastenpäpstin" gefällt Ihnen nicht besonders gut.
Wie wär`s mit "Naturheil-Guru"...?
R.B.: (schmunzelt) Der Ausdruck tönt ganz lustig. Im Ernst, ich sehe mich
weder als "Fastenpäpstin" noch als "Naturheil-Guru". Ich bin ganz einfach
"z`Regi"...
Sie
haben ein Buch über das "Fastenwandern" geschrieben. Nach eigenen Aussagen
ist es ein praktischer, philosophischer und medizinischer Ratgeber. Wie
verbinden Sie Fasten und Philosophie?
R.B.: Ich will möglichst mit der Natur im Einklang leben. Dazu gebe ich
mir Mühe, die Umwelt zu schonen. Auch die Tiere sind meine engen Vertrauten.
Ich verzichte grundsätzlich auf jeglichen Fleischgenuss und achte auf
eine ausgewogene und leichte Ernährung. Auch Milchprodukte wie Käse, Butter
oder Quark stehen selten auf meinem Speiseplan. Ich ernähre mich hauptsächlich
von Früchten und Gemüse. Das ist auch umweltschonend.
Sind Sie ein Genussmensch?
R.B.: Ich schlemme gerne. Das will aber nicht heissen, dass ich übermässig
viel trinke oder viel esse. Aber ich geniesse die Mahlzeiten (Rohkost
und Früchte) und trinke nur wenig Alkohol.
Sie
haben auch einen kleinen Rebberg...
R.B.: Ich besitze in St. German rund zweihundert Rebstöcke. Die Trauben
werden nicht mit irgendwelchen chemischen Pestiziden behandelt. Auch hier
achte ich auf eine möglichst naturgerechte Bewirtschaftung. Im Herbst
lade ich jeweils alle Kursteilnehmer ein, die vollreifen Trauben zu geniessen.
Was noch übrigbleibt, wird zu Wein verarbeitet. Aber ohne irgendwelche
chemischen Zusätze. Der Wein soll ein Naturprodukt bleiben. Er mundet
ganz ausgezeichnet.
Sie
sind ein sehr vielseitiger Mensch?
R.B.: Das kann man so sagen. Mehr als zehn Jahre war ich als Kommunikations-Trainerin
in verschiedenen Dienstleistungsfirmen tätig. Ursprünglich lernte ich
den Beruf der Regieassistentin im Radio Zürich, dann war ich Redaktorin
einer Gesundheitszeitschrift. Heute leite ich ein eigenes Unternehmen,
welches Fastenwandern und Seminare zum Thema Gesundheit durchführt. In
meiner Freizeit bin ich oft in meinem Rebberg anzutreffen und dank meinem
Chorleiterdiplom kann ich in Kirchenchören aushelfen. Auch als Organistin
bin ich zwischendurch tätig. Nach aussen hin wirken Sie sehr ausgeglichen
und ruhig.
Gibt
es auch die festfreudige Regi Brugger?
R.B.: Es ist mir nie langweilig und ich geniesse das Leben hier in Ausserberg.
Vor wenigen Tagen habe ich mich verkleidet und bin an die Fasnacht gegangen.
Nicht einmal meine engsten Freunde haben mich erkannt (lacht). Dabei konnte
ich wieder mal so richtig abheben, tanzen und festen.
Nach
der turbulenten und fröhlichen Fasnacht steht die besinnliche und ruhige
Fastenzeit ins Haus. Wie sehen Sie die kirchliche Fastenzeit?
R.B.: Fasten gehört zu allen Religionen und wird sehr unterschiedlich
gehandhabt. Für viele gehört der Verzicht von Fleisch zum Fasten, andere
nehmen nur Flüssigkeit zu sich. Ich finde, jeder muss seine Grenzen selber
herausfinden. Wichtig ist, das eigene Bewusstsein zu stärken und durch
Verzicht eine körperliche und geistige Erneuerung herbeizuführen. Fasten
heisst nicht nur Gewicht verlieren, sondern auch das innere Gleichgewicht
zu finden.
Was
halten Sie von strengen Fastenkuren?
R.B.: Eine allzu strenge Fastenkur über einen längeren Zeitraum lehne
ich ab. Das ist ungesund und schadet mehr, als es nützt. Das Geniessen
gehört genauso dazu wie das Entbehren. Wir Menschen müssen zu uns selbst
finden und lernen, bewusster zu leben. Wie heisst es so schön: Wer das
Essen nicht ehrt, ist des Fastens nicht wert.
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