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"Priester
sind auch nur Zweibeiner und keine Supermänner"

Ried-Mörel
/ Auf den ersten Blick gehört er eher in die Kategorie "wilde Hunde"
und Motorradclique. Sein Chef ist allerdings der Liebe Gott und sein Beruf
ist Priester. Pfarrer Charly Weissen passt kaum in ein Schema und sagt:
"Ich liebe das Leben und zeige dies auch!"
Von Waldemar Schön und
German Escher
Was
war heute Morgen Ihr erster Gedanke?
Charly Weissen: Als ich nach vier Uhr erwachte, war der erste Gedanke,
dass ich Besuch von zwei Journalisten kriege und dass ich dadurch eine
Chance zur Begegnung erhalte, mich diesen im Interview aber auch ausliefere.
Der zweite Gedanke gehörte meinem Chef da oben, dem ich sagte: "So, ich
bin bereit und guten Willens, den Tag anzugehen. Sei Du es bitte auch!"
Auf
den ersten Blick würde man Sie eher in eine Motorradclique einreihen statt
auf die Kanzel?
Ch. W.: Natürlich ist mir das bewusst. Aber wer mich kennt, weiss, dass
ich meinen Beruf und meinen Glauben immer sehr intensiv zu leben versuche.
Ich gestatte mir aber auch, mich selbst zu sein und mein Leben zu leben.
Mir wurde schon als Kind sehr oft gesagt, wie ich zu sein und wie ich
mich zu verhalten habe. Ich habe aber gelernt, dass zu viele verdrängte
Wünsche und Erlebnisse grossen Schaden anrichten im Leben und im Wirken
eines Menschen. Daher lebe ich auch ausserhalb meines Berufs als Priester
und freue mich an den schönen Dingen des Lebens. Ich liebe das Leben und
zeige dies auch.
Aber
aus Klein-Charly hätte durchaus auch etwas anderes als ein Priester werden
können?
Ch. W.: Das Priestertum wurde mir nicht in die Wiege gelegt und ich wäre
eigentlich gerne Tierarzt geworden. Auch Musik oder Kunst wären Richtungen
gewesen, in denen ich mich wohlgefühlt hätte. Als Jugendlicher habe ich
mein Leben gelebt, war bei weitem nicht immer der brave Junge und wurde
auch mal von der Polizei heimeskortiert, weil ich mich an einem Ort aufgehalten
hatte, für den ich noch zu jung war (lacht). Ich hatte und habe in keinem
Bereich Berührungsängste. Ich hätte auch schon die Partnerin fürs Leben
gehabt. Aber für das Priestertum habe ich mich im letzten Moment entschieden.
Und
warum?
Ch. W.: (denkt lange nach) Keiner von uns könnte in einem Satz sagen,
warum er jetzt Priester oder Journalist geworden ist. Der Grund war wahrscheinlich,
dass ich ein ungeheures Interesse für den Menschen habe und ihn mit samt
seinen Ecken und Kanten, seinen Höhen und Tiefen von ganzem Herzen liebe.
"Ich hä dr Mänsch gäre wiener isch und nit eso, wie ich ne wellti hä!"
Die alten Menschen haben mit mir genauso wenig Probleme wie die jungen.
Stopp: Sie sind doch kein arttypischer Pfarrer und provozieren auch
mal?
Ch. W.: Ich provoziere nicht willentlich. Es ist für mich selbstverständlich,
mich so zu kleiden, wie ich mich fühle und wie ich mich gerne ausdrücke.
Nur die Kombination meines Wesens mit meinem Beruf führt dazu, dass ich
nicht in das Bild passe, das die Menschen von einem katholischen Priester
haben. Aber ich weiss, dass die Menschen nicht meine Hülle sehen, sondern
genau wissen, dass dahinter mehr steckt, als es den Anschein macht. Ich
werde nicht daran gemessen, wie ich daherkomme, sondern was ich bewirke
und wie ich meinen Job erledige. Und ich habe in meinem Beruf nie gepfuscht
oder den Menschen in der Pfarrei etwas genommen, das in meinen Augen gerade
nicht mehr "In" war. Ich fühle mich in einem lateinischen Hochamt genau
so wohl wie in einer Rockmesse. Eine alte Frau in Ried-Mörel hat mir einmal
gesagt, als ich mit roten Jeans daherkam: "Gältet Herr Pfarrer, öi us
de rote Hose löift nä die Priesterwihi nit derva."
Sie
sind ein sehr charismatischer Typ. Keine Angst, dass sich eine persönliche
Anhängerschaft um Sie als Guru scharrt?
Ch. W.: Die Leute wissen, was ich alles erlebt habe - im Guten und im
Schlechten. Und ich bin einer, der nie sagt "Ihr sollt" und "Ihr müsst",
sondern immer "wir sollten". Die Leute wissen, dass auch ich mein Kreuz
zu tragen habe und nicht perfekt bin. Und wenn sie es mal vergessen, dann
sage ich es ihnen. Meiner Karriere als Guru ist damit schnell der Riegel
vorgeschoben.
Sie verstellen sich also nicht?
Ch. W.: Um Himmels Willen, nur das nicht! Denn ich erlebe immer wieder,
dass Menschen Dinge, die sie eigentlich gerne tun würden, nicht machen
aus lauter Angst davor, was der Nachbar oder sonst wer dazu sagen oder
darüber denken könnte. Einer der Hauptgründe, dass wir heute sehr viele
Menschen mit psychischen Problemen haben, ist doch, dass sie sich verstellen
und nicht ihr Leben leben. Meine Grossmutter hat immer gesagt: "Du kannst
alles erreichen und haben. Aber denk daran: Wenn du nicht in einem Hosensack
das Kindsein und im anderen den Kinderglauben bewahrst, kommst du nicht
durchs Leben."
Ein Problem, mit dem ja vor allem auch Priester zu kämpfen haben, weil
sie der Würde ihres Amtes gerecht werden müssen?
Ch. W.: Viele Priester scheitern an den sehr hohen Erwartungen der Umgebung
und gehen zu Grunde im Dienste des Herrn. Es ist aber ungerecht, von einem
Priester mehr zu fordern, als von einem anderen Menschen. Denn Priester
sind auch nur Zweibeiner und keine Supermänner. Es gibt auch kaum eine
andere Berufsgattung, in welcher der Neid auf die Arbeit des anderen und
die mangelnde Zusammenarbeit untereinander so ausgeprägt ist, wie unter
Priestern. Mobbing unter Priestern ist weit verbreitet.
Und
wo holen Sie sich Ihre Seelsorge?
Ch. W.: Selten bei Berufskollegen! Ich rede mir sehr viel im Gespräch
mit Gott von der Seele. Zudem verfüge ich über einen Freundeskreis, bei
dem ich über meine Sorgen und Ängste reden kann. Ohne das könnte ich meinen
Beruf als Priester nicht ausüben. Und wichtig: Ich lebe eben mein Leben
auch neben dem Beruf und verschaffe mir so richtig Luft beim Motorrad
fahren und geniesse es, mein südländisches Temperament als "halbs Tschinggi"
auszuleben. Das wirkt befreiend und gibt mir die Kraft für die Seelsorge!
Denn Priester ist ein sehr einsamer Beruf, wenn man nicht aufpasst.
Ihre
Aussagen führen zu einer provokativen Frage: Was verbindet Sie eigentlich
neben dem gemeinsamen Hobby Motorrad noch mit Bischof Brunner?
Ch. W.: Sehr viel, denn wir haben miteinander in Freiburg und Innsbruck
studiert (lacht). Sie könnten aber auch anders fragen: Wieso haben Sie
der Firma noch nie gekündigt? Und ich hätte Grund dazu gehabt. Aber es
ist nun mal im Leben so, dass Menschen überall die Hände im Spiel haben.
Das ist bei der Zeitung nicht anders als in der Kirche. Und wo Menschen
handeln, bestehen unterschiedliche Meinungen, wie was zu tun ist. Aber
ich kann sagen, dass ich noch mit keinem Bischof deswegen Schwierigkeiten
hatte - auch mit Bischof Brunner nicht. Dafür kennen wir uns zu gut.
Wie schätzen Sie die Reaktion des Bischofs auf die Gayparade in Sitten
ein?
Ch. W.: Es ist die offizielle Meinung und die Reaktion ist in unserer
Kultur verständlich. Denn nichts ist schwieriger, als traditionelle Denkweisen
aus den Köpfen der Menschen zu verdrängen. Sie selbst stehen dafür ein,
sein Leben zu leben ohne sich zu verstellen.
Das
gilt also auch für Schwule und Lesben, die sich auf der Strasse zeigen
wollen?
Ch. W.: Das sehe ich auch so. Als ich mich einmal ziemlich bunt gekleidet
ins Auto von Kardinal Schwery setzte, schaute mich dieser vom Scheitel
bis zur Sohle an und sagte: "Ich könnte nicht so wie du. Aber du kannst
es. Dann tu es auch!" Diese Toleranz ist mir eingefahren und sie gilt
für alle Menschen. Denn ich weiss aus der Seelsorge, wie schwierig der
Weg ist, den Homosexuelle in unserer Gesellschaft zu gehen haben und wie
oft sie daran zerbrechen. Aber der Herrgott sieht Schwule und Lesben als
Menschen, wie alle anderen auch. Den Unterschied machen nur wir Menschen.
Haben
Sie nicht das Gefühl, dass die offizielle Kirche den Anschluss an die
heutige Zeit verloren hat? Tabuthemen wie sexuelle Ausbeutung oder Gewalt
in der Familie müssten doch aktiver angegangen werden?
Ch. W.: Die Kirche tut sich damit tatsächlich sehr schwer. Auch Themen
wie Zölibat oder Priesterweihe für Frauen gehören in dieses Kapitel. Aber
es ist eine alte Wahrheit, dass die Führungsspitzen in allen Gremien immer
langsamer voranschreiten, als dies das breite Fussvolk gerne hätte. Nicht,
weil sie nicht anders könnten, sondern weil sie verhindern wollen, dass
alles aus dem Ruder läuft und überbordet. Das soll keine Entschuldigung
sein, sondern es ist einfach eine Tatsache.
Und
wie arbeiten Sie unter diesen Umständen?
Ch. W.: Ich bin weder Bischof noch Papst. Ich muss für diejenigen da sein,
die bei mir sind. Ich brauche meine ganze Energie für die Arbeit vor Ort
in der Gemeinde und kann nicht meine Kraft verbrauchen, indem ich gegen
Mauern in der Kirche anrenne. Aber nur weil ich mit einer Ansicht nichts
anfangen kann, heisst das doch noch lange nicht, dass sie für mich keine
Bedeutung hat. Ich bin nicht Dogmatiker, sondern Pragmatiker. Und sehen
Sie: Der Herrgott wird bald für einen Wechsel in Rom sorgen. Und dann
werden viele Dinge wieder in einem neuen Licht erscheinen.
Ostern,
das Fest der Auferstehung steht vor der Tür. Was geht Ihnen bei dem Gedanken
an Ostern neben Osterhasen noch durch den Kopf?
Ch. W.: Ich mag Schoggi-Osterhasen, obwohl sie meiner Leber nicht gerade
gut bekommen (lacht). Im Ernst: Ich ertrage den ständigen Versuch der
Menschen, andere vollkommen zu machen, in der Hoffnung, dass ich eines
Tages zur Osterzeit mein Aha-Erlebnis erfahren werde, in dem ich erkenne,
weshalb wir Menschen so sind wie wir sind. Das Aushalten dieser Spannungen
und die Hoffnung auf Erkenntnis sind die Treibfeder meines Lebens.
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