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"Die SP ist insgesamt zu brav geworden“

Naters / Er ist nicht bequem, blieb bürgerlichen Politikern als Redaktor der „Roten Annelise“ hartnäckig auf den Fersen und lässt sich auch von Wahlniederlagen nicht unterbuttern. Ab dem 1. Mai wird SP-Mann German Eyer der neue GBI-Sekretär. Im Frontal nimmt er Stellung zu Sinn und Zweck der Gewerkschaften und ist der Meinung, dass die SP wieder bissiger werden muss.

Von German Escher und Waldemar Schön

Haben Sie die 1. Mai-Ansprache als neuer GBI Sekretär schon geschrieben?

German Eyer: Ich habe mir schon ein paar Gedanken dazu gemacht und im Kopf steht die Rede. Thema an der 1. Mai-Feier des OGB im Tünnel in Naters wird die AHV-Initiative sein.

1. Mai-Feiern erinnern an klassenkämpferische Parolen, die eigentlich kaum ins 21. Jahrhundert passen?

G. E.: Der Gedanke der Solidarität hat auch im 21. Jahrhundert nicht ausgedient. Die Solidarität ist das Kernelement der 1. Mai-Feiern und ist heute wichtiger denn je. Das heisst auch, dass den Gewerkschaften die Arbeit nicht ausgeht.

Es gibt aber viele Stimmen, die den Nutzen der Gewerkschaften bestreiten?

G. E.: In den Neunzigern hatten auch Lohnempfänger das Gefühl, dass der Lohn nicht mehr das zentrale Thema ist, sondern dass auch Arbeitnehmer an der Börse satte Gewinne einfahren könnten. Das hat sich geändert, nachdem sich die Börse als gefährliche Seifenblase entpuppt hat. Denn Börsengewinne stecken nicht Ende Monat in der Lohntüte des Arbeitnehmers, sondern sind meist nicht real.

Wenn es denn die Gewerkschaften tatsächlich braucht: Was sind Meilensteine der GBI im Oberwallis?

G. E.: Da ist in erster Linie der Kampf der GBI in der Lonza in Visp zu nennen. In den 16 Jahren Kampf haben sich die Arbeitsbedingungen und die Löhne der Lonzaarbeiter massiv verbessert. Das hat auch eine Signalwirkung auf die übrigen Oberwalliser Betriebe. Denn wenn es den Arbeitern in der Lonza gut geht, hat dies direkte Auswirkungen auf die restlichen Betriebe im Oberwallis.

Werden wir konkret: Die GBI ist in der Lonza stark vertreten. Was sind hier die Forderungen?

G. E.: Zentral ist und bleibt die Lohnfrage. In der Lonza gibt es vor allem Leute mit mittleren Einkommen. Und gerade die mittleren Einkommen geraten länger wie mehr unter die Räder. Sie zahlen hohe Steuern, erhalten keine Subventionen, fallen aus den Stipendien und erhalten auch keine Reduktion der Krankenkassenprämien. Wie hoch unsere Lohnforderung im nächsten Jahr sein wird, steht aber noch nicht fest. Der zweite Punkt ist die Reduktion der Arbeitszeit bei gleichem Lohn. Denn die Produktivität steigt ständig, ohne das die Arbeiter davon profitieren. Selbst ein hochprofitables Unternehmen wie die Lonza lässt sich von Aktionären nicht wie eine Zitrone ausquetschen.

Blocher sitzt nicht mehr im Verwaltungsrat der Lonza. Ist Ihnen jetzt wohler?

G. E.: Blocher ist jemand, der nur an der Gewinnsteigerung der Aktionäre interessiert ist. So gesehen ist der Abgang von Blocher kein Verlust für die Lonza. Man muss sich bewusst sein: Die Gewinne der Lonza sind nicht das Werk irgendeines Börsianers, sondern das Werk der Arbeiter im Betrieb.

Tatsache ist, dass die Schliessung eines Werkes wie der Lonza nur einen Federstrich eines Managers braucht. Sind Sie sich dieser Gefahr bewusst?

G. E.: Diese Gefahr ist ständig da und vor ein paar Jahren war es ja fast soweit. Doch die Lonza ist ein Paradepferd der Chemiebranche und wenn die Arbeiter durch gute Arbeitsbedingungen, geschaffen durch den Kampf der Gewerkschaften, motiviert sind, nutzt dies der Lonza am meisten.

In der Lonza ist die GBI mit 800 Mitgliedern stark. Im Dienstleistungssektor hapert es?

G. E.: Das Problem im Gastgewerbe ist, dass die Personalwechsel enorm hoch sind und pro Betrieb nur wenig Personal vorhanden ist. Das führt dazu, dass in diesem Bereich der Druck der Arbeitnehmer auf die Arbeitgeber klein ist und der Organisationsgrad zu wünschen übrig lässt. Doch gerade im Gastgewerbe und Verkauf sind tiefe Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen Gang und Gäbe und die Gewerkschaftsarbeit ist dringend nötig.

Gewerbevereine und das neue Gesetz wollen die Ladenöffnungszeiten liberalisieren. Nur die Gewerkschaften sind dagegen?

G. E.: Eine Umfrage ergab, dass sowohl das Verkaufspersonal wie auch die Kunden selbst nicht viel von längeren Ladenöffnungszeiten halten. Und selbst die Geschäftsinhaber wünschen keine flexibleren Öffnungszeiten. Tatsache ist: Ob freigestellt oder nicht – die Geschäfte werden auch in Zukunft zur selben Zeit geöffnet sein wie heute.

Die GBI muss den Gürtel enger schnallen. Welches Büro, Visp oder Brig, muss über die Klinge springen?

G. E.: Eine Arbeitsgruppe klärt jetzt ab, wo der sinnvollste Standort für das GBI-Büro ist. Da werden Einzugsgebiet, verfügbare Räumlichkeiten u.a.m. eine Rolle spielen. Aber ein Entscheid ist noch nicht gefallen. Ich bin aber klar der Meinung: Ein GBI-Standort im Oberwallis reicht.

Stop: Eine Gewerkschaft, die sonst gegen Betriebszusammenlegungen zu Felde zieht und das teuflische Fusionsgespenst an die Wand malt, geht jetzt selbst den Weg der geringen Kosten?

G. E.: Ich glaube, dass es auch für die RZ wenig sinnvoll wäre, ein Büro in Brig und eines in Visp zu haben. Auf einem so kleinen Raum wie dem Oberwallis stellt sich doch diese Frage gar nicht. Es ist einfach eine Frage der Vernunft, sich auf ein Büro zu beschränken.

Wie sieht es aus mit der Konkurrenz zwischen linken und christlichen Gewerkschaften?

G. E.: (denkt lange nach) Dazu kann ich noch nicht so viel sagen, weil ich dieser Konkurrenz bisher nicht ausgesetzt war. Aber sicher ist, dass der Konkurrenzgedanke auch innerhalb der Gewerkschaften spielt, dass diese Konkurrenz Vorteile bringt und dafür sorgt, dass man nicht stehen bleibt.

Wie sieht denn Ihre Zielsetzung als neuer GBI Sekretär aus?

G. E.: Meine Haupttätigkeit wird die Lonza sein. Neben Lohnfrage und Arbeitszeitverkürzung werde ich sicherlich auch das Thema Weiterbildung ins Zentrum stellen. Denn gerade die Weiterbildung ist heute im Beruf wichtiger denn je. Das ist ein Feld, das die Gewerkschaften besetzen müssen.

Kommen wir zu Ihrer bisherigen Tätigkeit als leitender Redaktor der Roten Anneliese. Was geschieht jetzt mit dem SP-Kampfblatt?

G. E.: Ich hatte die Leitung der Roten Anneliese mit 30 Prozent Arbeitsaufwand und Kurt Marty besorgte die restlichen 20 Prozent. Kurt wird meine Aufgabe jetzt übernehmen. Zusätzlich wird Patrick Zehnder von der JUSO mit 20 Prozent einsteigen, so dass mein Abgang nahtlos überbrückt werden kann.

Hand aufs Herz: Die RA wird kaum mehr beachtet – selbst von SP-Wählern.

G. E.: Diese Ansicht teile ich nicht. Denn wir haben steigende Abonnentenzahlen, zur Zeit rund 2500. Zusätzlich werden 1500 Zeitungen am Kiosk verkauft. Wir sind auch eine der wenigen linken Zeitungen in der Schweiz, die nicht um ihre Existenz bangen muss.

Der Ton wurde aber sanfter?

G. E.: Was der Roten Anneliese in den letzten Jahren abhanden kam, war die Konzept- und Dossierarbeit, die ein Peter Bodenmann oder ein Beat Jost früher geleistet haben. Aber die Rote Anneliese zeigt nach wie vor Biss. Ich habe mich immer bemüht, aufmüpfig, frech und kritisch zu bleiben, die Täter beim Namen zu nennen und dies auch in Themenwahl und Schreibstil auszudrücken. Ich bin der Meinung, dass es trotz des Aufkommens der RZ die Rote Anneliese als Oppositionsblatt nach wie vor braucht.

Bei der SP in der Schweiz und im Oberwallis zeigt die Tendenz nach unten. Die Wahlen auf Gemeinde- und Kantonsebene zeigten dies?

G. E.: Peter Bodenmann hat damals die SP Schweiz sehr gut geführt. In der Zwischenzeit hat sich die SP mehr in internen Streitereien aufgerieben, statt die Energie für die politische Debatte zu verwenden und wichtige Felder zu besetzen. Wenn eine Partei wächst, verstärken sich auch die Flügelkämpfe. Die Folge: Die SP ist insgesamt zu brav geworden. Das ist eine sehr gefährliche Entwicklung. Denn ich bin überzeugt, dass SP-Wähler Leute wollen, die den anderen auf die Finger klopfen, kontrollieren und sich mit ihrer Politik klar von den bürgerlichen Parteien abgrenzen. Sobald die SP-Politik schwammig wird und zwischen links und rechts schwankt, wissen die Wähler nicht mehr, wieso sie SP wählen sollten. Vor allem auf Gemeindeebene muss es unseren Leuten gelingen, wieder auf Oppositionskurs zu gehen und wieder eine radikale Linie zu fahren. Aber Opposition auf Gemeindeebene ist ein hartes Geschäft. Doch gerade in den grossen Gemeinden ist es die Aufgabe der SP, Schweinereien ans Tageslicht zu bringen.

Sie sind ja selbst ein Opfer der Gemeinderatswahlen. Da wurde der linke „Fundi“ durch den linken „Softie“ ersetzt. Gehen der SP die radikalen Linken aus?

G. E.: Ich fiel dem allgemeinen Stimmenverlust der SP in Naters zum Opfer und wurde nicht als „Fundi“ abgewählt. Die Gemeinderatswahl war eine harte und bittere Erfahrung. Grundsätzlich stellte sich mir die Frage, ob ich den Bettel hinschmeissen will oder nochmals in die politische Arena steige. Ich entschied mich für das Zweite und wurde in den Grossen Rat gewählt. Die Abwahl als Gemeinderat war für mich die Chance zum Neuanfang. Zum Parteinachwuchs: Wir haben in der SP ein Problem mit der Altersklasse zwischen 25 und 40 Jahren, wo man es verpasst hat, Leute nachzuziehen. Ich setze aber grosse Hoffnungen auf die JUSO, die sehr aktiv ist und die Zukunft der Partei darstellt.

Was macht German Eyer, wenn er nicht gerade Politiker ist und den „bösen Bürgerlichen“ auf die Finger klopft?

G. E.: (lacht) Es gibt auch nette Bürgerliche. In der Freizeit bin ich mit den Skiern oder zu Fuss in den Bergen unterwegs und widme mich meiner kleinen Imkerei im Hegdorn. Dort kann ich abschalten.

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