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„Mein Muttertagswunsch ist, dass meine Söhne gefunden werden“

Zwischbergen / Der Unwetter-Oktober traf sie knüppeldick. Zwei ihrer Söhne wurden von den Schlammassen in Gondo mitgerissen und werden immer noch vermisst. Ihr jüngster Sohn, Roland Squaratti, leistete bei der Katastrophenbewältigung grossartige Arbeit. Genoveva Squaratti aus Zwischbergen zwischen Hoffnung, Trauer, Stolz und Bangen.

Von Walter Bellwald und German Escher

Der Muttertag steht vor der Tür. Wie feiern Sie?

Genoveva Squaratti: Ich lasse mich überraschen. Meine Kinder und Enkelkinder kommen immer vorbei und bringen Geschenke, „nummu viel z`viel“ (lacht). Alle meine Lieben verwöhnen mich.

Was hat sich denn am Muttertag gegenüber früher geändert?

G.S.: Früher hatte man kein Geld. Ob Muttertag oder ein einfacher Feiertag, da wurde kein grosser Unterschied gemacht. Früher wurde dem Muttertag keine besondere Beachtung geschenkt. Heute dagegen werden die Mütter oder Frauen mit Geschenken überhäuft.

Sie hatten fünfzehn Geschwister und sind in Simplon-Dorf aufgewachsen. Erinnern Sie sich noch an einen Muttertag?

G.S.: Als wir zum erstenmal den Muttertag gefeiert haben, waren wir schon alle gross. Das war anfangs der 50er Jahre. Mein Bruder, der auf dem Bau arbeitete, machte uns den Vorschlag, dass wir unserer Mutter ein Geschenk zum Muttertag kaufen sollten. Er gab uns Geld und wir kauften ein Present. Dann bastelten wir ein Herz und steckten viele Enzianblumen hinein. Nachdem unsere Eltern zu Bett gegangen waren, haben wir unsere Geschenke aufgestellt. Als der Vater am Morgen in die Küche trat, rief er: „Muäter, chu lotz, hiä ischt z‘Chrischtchindli cho.“ War das eine Freude! Meine Mutter war überwältigt. Das ist meine erste und schönste Erinnerung an den Muttertag.

Seit dem letzten Muttertag ist viel passiert. Ich denke an das schreckliche Unwetter vom Oktober. Zwei ihrer Söhne sind dabei ums Leben gekommen. Wie gehen Sie mit diesem schweren Schicksalsschlag um?

G.S.: Es fällt mir schwer, wenn ich daran denke. Aber man muss es annehmen, wie es ist. Man kann nichts daran ändern. Wenn es mir mal nicht so gut geht, dann bete ich einfach. Das ist die beste Hilfe. Vorallem meine Schwiegertöchter und Enkelkinder tun mir unheimlich leid. Es ist nicht einfach, als junge Frau und Mutter den Mann zu verlieren.

Haben Sie noch Hoffnung, dass man die sterblichen Überreste Ihrer Söhne findet?

G.S.: Nein, ich habe die Hoffnung inzwischen aufgegeben. Viele freiwillige HelferInnen haben ihr Möglichstes getan, um meine Söhne zu finden. Leider ohne Erfolg. Es müsste ein Wunder passieren, wenn man noch irgendwelche sterblichen Überreste auffinden würde.

Wäre es für die Bewältigung der Trauerarbeit wichtig, dass man ihre Söhne auffinden würde?

G.S.: Das wäre enorm wichtig und eine riesige Erleichterung für uns alle. Wenn meine beiden Söhne auf dem Friedhof begraben wären, wüssten wir endlich, wo sie sind. Ich habe für mich in der Stube eine Art Erinnerungsstätte mit Fotos und Blumen eingerichtet. Aber natürlich bleibt trotzdem eine grosse Ungewissheit und die stumme Frage nach meinen beiden Söhnen.

Gab es auch Momente, wo Sie mit dem Herrgott gehadert haben?

G.S.: Nein, ich bin ein gläubiger Mensch. Als meine beiden Söhne verunglückten, habe ich mir gesagt, der Wille Gottes geschehe. Schon meine Mutter hat uns immer gesagt, wenn Gottes Wille geschieht, dann geschieht dir recht. Der Herrgott wird wissen, warum meine beiden Söhne verunglückt sind.

Wie haben Sie die Schreckensbotschaft vernommen?

G.S.: Als ich den Hilferuf von meinem Sohn Roland (Gemeindepräsident von Gondo, die Red.) am Radio hörte, hat es mir fast das Herz gebrochen. Ich spürte instinktiv, dass jemand meiner Familie unter den Geröllmassen begraben war. Als Roland am Abend mit dem Helikopter eingeflogen wurde, hat er mir die schreckliche Botschaft überbracht.

Wie haben Sie reagiert?

G.S.: Das kann ich Ihnen nicht mehr sagen. Ich war wie versteinert. Es tut unheimlich weh, wenn man seine Söhne unter den Geröllmassen weiss und man kann nichts für Sie tun.

Dann wurden sie nach Simplon-Dorf evakuiert?

G.S: Ich wollte zuerst nicht mitfliegen. Aber da meine Enkelkinder ebenfalls evakuiert werden mussten, bin ich halt mitgeflogen. Ich hatte höllische Flugangst. Auch die Enkelkinder hatten Angst und mussten weinen. Schiesslich habe ich mich an einen Flughelfer geklammert und die Augen fest geschlossen. Nach kurzer Flugzeit sind wir in Simplon-Dorf gelandet.

Ihr jüngster Sohn Roland hat während und nach der Katastrophe grossartige Arbeit geleistet und wurde zum Schweizer des Jahres gewählt. Hat sie das mit Stolz erfüllt?

G.S.: Ich habe mich riesig darüber gefreut und bin mächtig stolz auf ihn. Es war sicher nicht einfach für ihn. Die Belastung während der ganzen Zeit war enorm, aber er hat seine Aufgabe grossartig gelöst.

Die ganze Sache ist ja noch nicht ausgestanden. Der Wiederaufbau steht an. Glauben Sie, dass in Gondo wieder Leben einkehrt?

G.S.: Ich weiss es nicht. Viele Einwohner wollen nicht mehr nach Gondo zurückkehren. Eine gewisse Angst und Unsicherheit herrscht immer noch vor. Viele sagen, nach dem Wiederaufbau werde Gondo viel schöner sein. Vielleicht bewegt das einige ehemalige Bewohner von Gondo, wieder zurückzukehren. Wichtig ist, dass die Schule wieder ins Grenzdorf zurückkommt. Dann sehe ich eine Zukunftschance für Gondo.

Jeden Sonntag gehen Sie nach Gondo zur Messe. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Unwetter-Spuren sehen?

G.S.: Es ist immer noch ein trauriger Anblick. Wenn ich sehe, wo die Häuser meiner Lieben gestanden sind, geht mir jedes Mal ein Stich durchs Herz. Die schrecklichen Momente kommen immer wieder hoch.

Sie wohnen im Zwischbergental, kommen aber ursprünglich von Simplon-Dorf. Wie schnell hatten Sie sich hier eingelebt?

G.S.: Als ich als junges Mädchen im Zwischbergental auf einer Wanderung war, habe ich gesagt „Hiä wellti ich nit tod sii, vergiss läbunds.“ Und jetzt bin ich schon 48 Jahre hier. So schnell vergeht die Zeit. Ich habe mich in Zwischbergen sehr schnell eingelebt und es gefällt mir immer noch ausgezeichnet.

Heute leben nicht mehr viele Leute in Zwischbergen. War das früher anders?

G.S.: Früher waren hier viele Einwohner. Auch eine Schule war in Betrieb. Das ist aber schon lange her. Heute leben nur noch wenige hier in Zwischbergen.

Sie leben hier sehr zurückgezogen. Fühlen Sie sich manchmal nicht ein wenig einsam?

G.S.: Überhaupt nicht. Der einzige Nachteil ist, dass ich auf fremde Hilfe angewiesen bin, wenn ich einkaufen oder sonst wohin will. Ich bin ja nicht mehr die jüngste und nicht mehr gut zu Fuss. Wenn ich noch einmal jung wäre, würde ich das Autopermis machen und würde Sprachen lernen. Hier kommen viele Italiener vorbei, die immer irgend eine Auskunft wollen. Da ist es halt schwierig, sich zu verständigen, wenn man der italienischen Sprache nicht mächtig ist (lacht).

Wie sehen Sie die Zukunft von Zwischbergen?

G.S.: Sehr schlecht. Zurzeit leben hier fast nur noch ältere Menschen. Es ist wohl nur mehr eine Frage der Zeit, bis Zwischbergen nicht mehr bewohnt ist.

Sie haben früher von der Landwirtschaft gelebt. Heute ist noch ein Sohn in der Landwirtschaft tätig?

G.S.: Früher war es hart, sich den Lebensunterhalt in der Landwirtschaft zu verdienen. Mein Mann war immer auf der Arbeit und musste Geld verdienen. Ich habe derweil das Vieh versorgt. Die Kinder mussten vielfach sich selbst überlassen werden.

Sie haben sieben Kinder und haben alle in Zwischbergen auf die Welt gebracht?

G.S.: Wir hatten eine gute Hebamme in Simplon-Dorf. Sie war mit dem Jeep unterwegs, mal zu Fuss oder auf den Skiern. Sie war immer ein guter Beistand. Ich hatte nie Bedenken, dass irgendetwas schief laufen könnte.

Heute gibt es fast keine Heimgeburten mehr....?

G.S.: Früher war halt alles ein bisschen anders. Der Weg ins nächste Spital war weit und beschwerlich und auch die Transportmittel waren beschränkt. Man hatte halt keine andere Möglichkeit, als zu Hause zu entbinden.

Wie sehen Sie die Rolle der Mutter von heute?

G.S.: Wie soll ich das sagen. Die Mütter von heute haben es viel zu gut. Sie werden versorgt und umhätschelt. Wir haben rund um die Uhr gearbeitet. Ich war die Älteste der Familie und musste schon früh „ga hirtu“. Das war schon hart. Wenn eine junge Frau von heute die Arbeit von dazumal verrichten müsste, „bhiätä Gott“. Die Zeiten haben sich halt geändert.

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