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Ich bin für
einen Vollausbau des Lötschbergs
Thun / Raron / Er
ist der Herr des Lötschberg-Basistunnels. Als Ingenieur hat er den
Tunnel mit geplant und jetzt baut er ihn als Unternehmensleiter der BLS
Alptransit AG. Die Rede ist von Peter Teuscher, der seit 1999 an der Spitze
der grössten Schweizer Baustelle, dem Lötschberg-Basistunnel,
steht. Er nimmt Stellung zu Terminen, Kosten und Auswirkungen dieses Jahrhundertprojektes.
Von German Escher
und Waldemar Schön
Das Interview
findet in Thun statt wie vorgesehen in Raron statt. Ist das ein Zeichen
von Zeitdruck?
Peter
Teuscher: Das ist so. Der Zeitdruck ist enorm hoch. Das Problem ist, dass
wir durch die Behörden stark fremdbestimmt und mit Terminen vollgepflastert
sind. Daher reicht es nicht immer, ins Wallis zu reisen.
Wie häufig
sind Sie eigentlich auf der Baustelle?
P. T.:
Ich bin jede Woche entweder im Wallis oder auf der Berner Seite auf den
Baustellen. Meistens ist dies aber abends der Fall, oder wenn ich Besucher
begleite.
Das heisst,
dass sich Ihr Job nicht auf den Schreibtisch beschränkt?
P. T.:
(lacht) Nein, ich bin absolut kein Bürohengst, der seinen Schreibtisch
nie verlässt. Wir sind sieben Tage in der Woche am Bauen. Da kommt
es oft vor, dass man am Wochenende oder spät abends an Besichtigungen
oder Treffen z.B. mit Gemeindebehörden ist.
Könnte man
sie als angefressenen Tunnelbauer bezeichnen?
P. T.: Bereits
1960 habe ich in einer Unternehmung gearbeitet, die im Tunnelbau tätig
war. Nach einem Abstecher in den Brückenbau kam ich anfangs 80er
Jahre wieder zum Tunnelbau, wo ich heute noch tätig bin. Der Tunnelbau
lässt einen nicht mehr so schnell los. Berge im Untergrund zu bezwingen
hat einen ganz besonderen Reiz. Den Lötschberg kenne ich in allen
Varianten. Denn bevor ich auf die Seite des Bauherren, der BLS Alptransit
AG, wechselte, war ich während der Planung des Lötschbergtunnels
Leiter der Ingenieurgemeinschaft. Daher kenne ich fast jedes Detail und
das hilft mir heute bei meiner Arbeit.
Mit anderen
Worten: Was sie damals als Ingenieur ausgetüftelt haben, müssen
Sie heute als BLS Alptransit-Chef auslöffeln?
P. T.:
(lacht) Das kann man so sagen. Aber ich bin der Meinung, dass wir dank
der langen Planungszeit bei diesem
Projekt einen sehr hohen Qualitätsstand erreicht haben. Deshalb stossen
wir heute sehr selten auf Probleme. Es gibt also nicht viel auszulöffeln.
Wie kommen
Sie mit den Arbeiten im Lötschberg-Basistunnel eigentlich voran?
P. T.:
Wir kommen sehr gut voran und liegen fast überall im Programm. Einzig
in Raron haben wir rund sechs Wochen Verspätung. Aber diese Zeit
können wir wieder aufholen.
Schliessen
Sie Überraschungen etwa im Bereich der Geologie aus?
P. T.:
Es gibt drei kritische Zonen, vor denen wir höchsten Respekt haben:
Die Karststrecke auf der Berner Seite, der Jungfraukeil im Los Ferden
und die Triaszone in Raron. Die Triaszone ist bewältigt, beim Jungfraukeil
kamen wir gut voran und sollten keine Überraschungen mehr erleben.
Bleibt nur noch die Karststrecke, die wir im November erreichen werden.
Wann wird der
erste Zug durch den Tunnel rollen?
P. T.:
Unsere Leistungsvereinbarung mit dem Bund besagt, dass wir den Lötschbergtunnel
im Mai 2007 fertiggestellt haben müssen. Ich gehe mit den heutigen
Kenntnissen davon aus, dass wir dies auch schaffen werden.
Die Neat gerät
immer
wieder wegen Kostenüberschreitungen in die Schlagzeilen. Sind Sie
beunruhigt?
P. T.:
Nein. Denn die ganzen Diskussionen entstehen nur, weil im Tunnelbau mit
sehr langen Fristen gerechnet wird. Die Preisberechnungen wurden 1991
gemacht. Die Vergabe der einzelnen Lose erfolgt aber jetzt. In diesen
zehn Jahren hatten wir eine Tunnelbau-Teuerung von mindestens 13 Prozent.
Der Bund hat rückblickend gesehen einen falschen Index verwendet.
Anstatt einen Teuerungsindex für den Tunnelbau zu berechnen nahm
man einfach den Zürcher Wohnbauindex. Dieser sank in den vergangenen
zehn Jahren und viele ausser wir selber waren der Meinung, dass die NEAT
eine Milliarde weniger kosten werde. Das ist aber falsch, denn die Kosten
im Tunnelbau sind gestiegen. Dies kann man den Bürgern fast nicht
mehr kommunizieren.
Mit was für
Endkosten rechnen Sie denn?
P. T.:
Wir arbeiten mit öffentlichen Geldern und daher informieren wir auch
immer offen, was genau wir mit dem Geld anfangen. Am Anfang ging man von
3,22 Milliarden
Franken aus. Mit der Indexteuerung hochgerechnet, werden wir Kosten von
rund 3,5 Milliarden erreichen. Hinzu kommen noch die Kosten, wenn Löhne
oder Material im Tunnelbau steigen. Wir müssen jetzt den Beschluss
abwarten, wie viel der Wert des Tunnelbauindexes ist und dann alle 1320
laufenden Verträge nochmals durchrechnen, um genaue Zahlen zu erhalten.
Man soll zwar den Tag nicht vor dem Abend loben, aber wir sind im Moment
mit den getätigten Vergaben voll auf Kurs.
Aus Spargründen
wurde damals der Vollausbau des Westastes in Richtung Mittelwallis gestrichen.
Jetzt fordert sogar der Walliser Staatsrat einen Vollausbau?
P. T.:
Ursprünglich hätten via Lötschberg pro Tag 30 Personenzüge
ins Unterwallis, 30 Eurocity ins Oberwallis, 132 Autozüge und 104
Güterzüge Richtung Italien fahren sollen. Die Züge ins
Unterwallis und die Autozüge wurden dann leider gestrichen. Denn
ich bin für einen Vollausbau des Lötschbergs. Das heisst, dass
der Westast ausgebaut werden sollte. Was man sich überlegen muss,
ist, ob bei einem Vollausbau nicht die Anzahl Autozüge reduziert
werden sollten. Denn wir haben einen sehr gut funktionierenden Verlad
im bestehenden Tunnel. Es reicht aber nicht, nur den Tunnel voll auszubauen.
Denn was nützt eine maximale Kapazität im Tunnel, wenn die Zubringer
auf der Nordseite und in Italien nicht gross genug sind? Tatsache ist,
dass wir in Sachen Vollausbau nicht aktiv werden dürfen, ohne einen
klaren Auftrag vom Bund. Und hier ist die Politik auf Berner und Walliser
Seite gefordert.
Die Politik
will aber den Vollausbau?
P. T.:
Da hört man verschiedene Sachen. Je weiter man das Oberwallis raufgeht,
desto mehr Leute sind gegen den Westast, weil man Visp und Brig als Bahnknotenpunkte
gefährdet sieht. Wir dürfen nicht selbst aktiv werden. Aber
wir vermitteln den
Politikern die Botschaft, jetzt zu entscheiden und den Vollausbau des
Lötschbergs voranzutreiben. Denn es ist doch Unsinn, zwar den Tunnel
nach Niedergesteln zu bauen, diesen aber nicht mit einem Gleis zu versehen.
Die Verzögerungen
beim Gotthard, weil sich Uri gegen die offene Linienführung wehrt,
kämen ja dem Lötschberg entgegen?
P. T.:
Kein Tunnelbauer kann einem anderen Tunnelbauer etwas Schlechtes gönnen.
Dafür sind die Kontakte untereinander zu gut. Der Machtkampf zwischen
Gotthard und Lötschberg war ein politisches Schlachtfeld. Aber Tatsache
ist, dass der Gotthard frühestens 2013 in Betrieb genommen werden
kann. Das heisst, dass wir heute schon wissen, dass die Kapazitäten
am Lötschberg kaum reichen werden. Daher ist unser Anliegen klar:
Die Politik muss jetzt Druck machen, damit der Vollausbau mit Westast
und voller Doppelspur realisiert wird. So günstig wie heute werden
wir dies nie mehr realisieren können. Denn die bauliche Infrastruktur
ist jetzt vorhanden und wenn wir direkt nach 2007 weiterfahren können,
sind wir 2010/2011 mit dem Vollausbau fertig.
Am Gotthard
ist die Opposition aus Lärmgründen gross. Im Wallis gabs
kaum Opposition: Aber wie man die Lärmbelastung mit 130 zusätzlichen
Zügen pro Tag in Visp und Brig-Glis lösen will, hat man bisher
nicht aufgezeigt?
P. T.:
Die Bahnlinie ausserhalb des Tunnels ist Sache der SBB und da mischen
wir uns nicht ein. Aber in allen Bereichen, die im Wallis neu gebaut werden,
ist der Lärmschutz fester Bestandteil.
Sie haben bereits
in Niedergesteln Widerstand erlebt, weil die Staubentwicklung die Grenzwerte
überschritt?
P. T.:
Das ist so. Die Firma, welche die Zelte bei den Baustellen errichtete,
hat Fehler gemacht, sodass der Staub nicht in genügendem Mass abgefangen
werden konnte. Der Fehler ist aber mittlerweile behoben. Wir sind wirklich
bemüht, die Staubentwicklung so gering wie möglich zu halten.
Schutzzelte, Waschanlagen, Schutthalden werden besprüht und weiter
Massnahmen werden ergriffen. Wir müssen uns aber bewusst sein, dass
derart grosse Baustellen immer zu Belästigungen führen können.
Und jede Gegenmassnahme verschlingt Geld. Da wir mit öffentlichen
Geldern arbeiten, sind wir gezwungen, uns auf wesentliche Massnahmen zu
beschränken und können nicht auf jede maximale Forderung eingehen.
Wo wir aber gesetzliche Vorgaben nicht einhalten, müssen und wollen
wir unseren Verpflichtungen nachkommen.
Das Thema Bahnhöfe
sorgt im Oberwallis auch für rote Köpfe. Brig oder Visp als
Knotenpunkt lautet die Frage?
P. T.:
Aus betrieblichen Gründen muss der Bahnhof Visp ausgebaut und auf
den Neat-Standard gebracht werden. Da ist eine Kommissionsgruppe mit allen
beteiligten Partnern seit geraumer Zeit an der Arbeit. Sollte der Westast
nicht kommen, wird die Bedeutung von Visp als Bahnhof sicher grösser
sein. Denn dort werden die Züge in Richtung Sitten wenden. Ansonsten
wird es wohl eine Aufteilung der internationalen Zughalte zwischen Brig
und Visp geben.
Eine Gefahr
macht den Walliser Sorgen: Weil der Lötschberg zuerst fertiggestellt
ist, wird man auf dieser Achse vor allem Güterzüge durchschleusen.
Der internationale Personenverkehr bleibt auf der Strecke?
P. T.:
Das ist nicht so. Bereits im jetzigen und im Vollausbau sind 30 Züge
für den Personenfernverkehr fest eingeplant. Im Transit wird es zusätzliche
Kapazitäten geben. Sobald der Gotthard, Brenner und der Mont Cenis
soweit sind, werden weitere Tunnels zur Verfügung stehen und den
Verkehr verlagern. Doch jede Verkehrsprognose, die ich bisher gehört
habe, wurde nach ein paar Jahren schon übertroffen. Da muss man ehrlich
sein und nicht den Bürgern etwas vormachen. Man kann hier nicht de
Föifer u ds Weggli ha. Denn wenn man die volle Anbindung an
den internationalen Personenverkehr will, muss man auch einen Anteil Güterverkehr
in Kauf nehmen.
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