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„Ein Gletscher lügt und vergisst niemals“

Saas Fee / Er kennt die weisse Kohle des Wallis wie kaum ein anderer, hat auf dem Mittelallalin eine riesige Eisgrotte in den Gletscher gehauen und sitzt seit kurzem im Gemeinderat des Gletscherdorfes: Im RZ-Frontalinterview spricht Benedikt Schnyder über Eigenart und Gefahren der Gletscher- und Politwelt.

Von Tamara Locher und German Escher

Sie sind der Vater der Eisgrotte auf dem Mittelallalin. Wie fühlen Sie sich, wenn Sie durch ihr eisiges Werk spazieren?
Benedikt Schnyder: Wenn ich dort durchlaufe, habe ich ständig das Gefühl, ich müsste den Bau erweitern, würde noch zuwenig zeigen. Deshalb baue ich seit Jahren den Eispavillon aus. In Zukunft sehe ich aber eher Wechselausstellungen, da der endgültige Ausbau in meinen Augen erreicht ist.

Wäre denn ein Ausbau von der Topographie des Gletschers her überhaupt noch möglich?
B.S.: Von der Gemeinde Saas Fee hab ich einen 25-jährigen Nutzungsvertrag und laut dem wäre es möglich, noch einen Stollen im Eispavillon zu machen. Ich sehe jedoch eher die Möglichkeit, einen zusätzlichen Stollen für einen Rundgang zu bauen.

Seit einer Woche ist der Eispavillon wieder offen. Mussten fürs elfte Jahr irgendwelche Vorbereitungen getroffen werden?
B.S.: Spezielle nicht. Einzig die Überdeckung schmolz in den letzten Jahren um 1.20 Meter ab. Dies wurde jedoch beim Bau berücksichtigt. Zusätzlich wirken wir diesem natürlichen Abschmelzen der Überdecke prophylaktisch mit einer zusätzlichen Schneedecke entgegen. Auch entstehen jedes Jahr kleinere Risse. Doch darauf sind wir vorbereitet und können dementsprechende Vorkehrungen treffen.

Für heisse Köpfe sorgte letztes Jahr das Glaciarium, in dem auch Hochzeitszeremonien durchgeführt werden können. Haben sich die Gemüter inzwischen abgekühlt?
B.S.: Ja, heisse Köpfe gab es. Dies beruhte aber eher auf Missverständnissen. Das Glaciarium ist keine Hochzeitskapelle, sondern ein Meditationsraum, der auch für Wechselaustellungen genutzt wird. Seit dem Angebot wurden elf Schauhochzeiten durchgeführt und für diesen Sommer habe ich bereits drei direkte Anfragen. Die Hochzeitszeremonien sind sekundär, für einen Tourismusort wie Saas Fee aber natürlich ein Aufhänger, der nun über diverse Reisebüros weltweit vermarktet wird.

Sie sind Glaziologe und zugleich Vermarkter der Gletscher: Kein Widerspruch?
B.S.: Überhaupt nicht. Die Leute sollen die Möglichkeit haben, einen Gletscher zu betreten und das Phänomen weisse Kohle zu erleben. In Europa gibt es acht solcher Grotten, fünf in der Schweiz, drei in Frankreich und die älteste davon ist der Rhonegletscher. Jede Grotte hat ihren Charakter. In meinem Eispavillon achte ich darauf, alle Leute anzusprechen. Deshalb finden sich in der Grotte die Themen Wissenschaft, Unterhaltung und Kunst.

Und die Gefahren eines Gletschers?
B.S.: Die Gefahren eines Gletscher werden selbstverständlich auch aufgezeigt. Dafür habe ich eine echte Gletscherspalte im Innern des Eispavillons erschlossen, in dem eine Rettung 1:1 mit Puppen dargestellt wird. Das ist ein wichtiger, erzieherischer Aspekt, der natürlich nicht fehlen darf.

Sie betreiben ein Büro für Glaziologie und haben sich auf Vermessungsarbeiten und Eistiefbohrungen spezialisiert. Man könnte Sie als Mister Eis des Oberwallis bezeichnen. Wie geht es unseren Gletschern?
B.S.: Sie meinen, ich sei ein eiskalter Typ? (lacht) Nein im Ernst, ich untersuche heute einige Gletscher für die Sektion für Naturgefahren des Kantons Wallis. In der neusten Studie wurden 51 Gletscher im Kanton Wallis als gefährlich taxiert, von denen 29 als sogenannte „heikle“ Fälle. Man darf aber nicht vergessen, dass wir im Wallis 676 Gletscher haben.

Warum wird ein Gletscher gefährlich?
B.S.: Einerseits durch die Geometrieänderung, wenn sich Gletscher zurückziehen. Ein Beispiel ist der Grubengletscher oberhalb Saas Balen. Durch den Gletscherrückzug entstehen Seen, die bei einem Hochwasser ausbrechen können. Hier wurden jetzt für 1.5 Millionen Franken bauliche Sanierungsmassnahmen getroffen. Eine andere Gefahr sind Eislawinen.

Es gab ja bereits solche Gletscherkatastrophen im Oberwallis.
B.S.: Ja. Am 30. August 1965 wurden 88 Menschen unterhalb des Allalingletschers durch eine Eislawine getötet. Um solche Katastrophen zu verhindern, werden heute gefährliche Gletscher überwacht. Ein Beispiel: Am Bidergletscher wurde vor zwei Jahren zweimal durch eine Eislawine vom Höhenweg nach Grächen die Brücke weggerissen. Darauf wurde der Höhenweg gesperrt und ist heute mit präventiven, baulichen Massnahmen gesichert.

Der Höhepunkt der letzten Eiszeit datiert um 15’000 v. Ch. Wann blüht uns die nächste Eiszeit?
B.S.: Im Oberwallis sind zirka zwei Gletscher im Vorstoss, wenn man bei einem rund fünf Kilometer langen Gletscher mit ungefähr fünf Meter Zuwachs pro Jahr überhaupt von Wachsen reden kann. Ansonsten sind die Gletscher im Oberwallis in einem Rückzugstadium. Die Tendenz weltweit lautet immer noch ganz klar: Gletscherschwund.

Was ist der Ausschlag für einen Vorstoss oder Rückzug der Gletscher?
B.S.: Entscheidend für diese Vorgänge ist nicht nur das Schmelzen. Niederschläge in fester Form sind für ein Wachstum verantwortlich, denn ein Gletscher lebt von Ein- und Ausnahmen. Hätten wir mehr Niederschläge in Form von Schnee gehabt, sähe die Situation anders aus. Glaziologen interessieren sich aber nicht nur für die Längenänderungen der Gletscher.

Sondern?
B.S.: Uns interessiert, ob er an Masse verliert. Dazu werden Massenbilanzmessungen gemacht. Dabei fand man heraus, dass heute schweizweit ein Drittel weniger Gletscherfläche vorhanden ist als noch 1850. Da diese Messungen jedoch zeit- und kostenintensiv sind, können sie nur an fünf bis sechs Gletschern durchgeführt werden. Die Längenmessung macht man im Herbst an 120 Gletschern. In meinen Augen ist eine Längenmessunge jedoch zu wenig aussagekräftig. Deshalb sollten vermehrt Massenbilanzmessungen durchgeführt werden.

Die Niederschläge in den letzten Jahren haben sich doch gehäuft. Theoretisch sollten doch die Gletscher wachsen?
B.S.: Richtig, doch die durchschnittlich bis überdurchschnittlichen Niederschläge in Form von Schnee beziehen sich auf die letzten Jahre. Man muss sehen, dass wir seit 1982 vorwiegend unterdurchschnittliche Niederschlagsmengen verzeichnen. Die Gletscherwelt reagiert mit einer Verzögerung von 10 bis 100 Jahren auf Klimaveränderungen. Stimmen die Wetterbedingungen, dauert es beim Aletschgletscher beispielsweise 100 Jahre und mehr, bis er wieder vorstösst. Die Reaktion eines Gletschers hängt mit seiner Länge zusammen. Je länger ein Gletscher, desto langsamer reagiert er.

Hypothetische Frage: Würde beispielsweise ein totales Abschmelzen der Schweizer Gebirgswelt den Weltmeeresspiegel drastisch anheben?
B.S.: Nein. Man darf nicht vergessen, das die Schweizer Gletscher nur 1/12 Tau-sentstel der Weltvergletscherung ausmachen. Schmel-zen all unsere Gletscher ab, wird der Weltmeeresspiegel um keinen Millimeter ansteigen. Zirka 95 Prozent der Globalvergletscherung liegen in der Antarktis, Arktis und Grönland.

Was fasziniert Sie am Thema Gletscher?
B.S.: Gletscher sind für mich tagtäglich eine Herausforderung. Ich befasse mich intensiv mit Literatur, Seminaren oder Ausstellungen, die mit Gletschern zu tun haben. Am meisten faszinieren mich die heutigen Messungen, vor allem Kernbohrungen und die damit verbundenen Zukunftsprognosen. Diese werden in meine Augen in der Schweiz zuwenig vorgenommen. Der Gletscher lügt und vergisst nie. Er ist ein Archiv, dass sich nicht betrügen lässt.

Mit den weltweiten Klimakonferenzen will man eine Verbesserung der Umweltsituationen erreichen und damit auch besserer Bedingungen für unsere Gletscher?
B.S.: Der Einfluss unserer momentanen Umweltsituationen trägt natürlich seinen Teil bei. Wie viel dies jedoch die Gletscherwelt beeinflusst, ist sehr schwer abzuschätzen. Sicher ist, ein grosser Einfluss rührt von der Vulkantätigkeit her, da dort viel Kohlendioxid ausgestossen und somit der Treibhauseffekt unterstützt wird. Vulkane können wir nicht stoppen. Unseren Dreck, den wir in die Luft schleudern schon.

Sie meinen, man sollte den amerikanischen Präsidenten Bush in den Eispavillion einladen?
B.S.: Ja, dann würde er vielleicht mal die Zusammenhänge erkennen. Es bringt global wenig, wenn überall Umweltvorlagen ausgearbeitet werden und die USA nicht mitmachen.

Somit wären wir beim Thema Politik angelangt. Sie selber sitzen nun seit einem Jahr im Gemeinderat. Was fasziniert sie an diesem Amt?
B.S.: Ich kam in die Politik, weil ich durch meine Arbeit viel mit Umweltfragen konfrontiert worden bin. Vor den Gemeinderatswahlen 2000 übernahm ich das Amt von Paul Bumann. Ich fühle mich aber erst seit den Wahlen als Gemeinderatsmitglied.

Als FDP-Mann sind Sie ein Oppositionspolitiker: Was würden Sie anders machen, wenn ihre Partei die Mehrheit hätte?
B.S.: Das ist wirklich ein Wenn. Ich finde die Konstellation 2:2:1 ein ideales Verhältnis. Für mich müsste es ein Management geben, das Munizipal- und Burgergemeinde sowie Bergbahnen und Tourismus steuert.

Saas Fee muss momentan rigoros auf der Sparbremse stehen. Herrscht Eiszeit im Gletscherdorf?
B.S.: (lacht). Ja, das ist provokativ, aber Saas Fee muss momentan auf die Sparbremse drücken. Ich sehe auch erst seit meinem Amt im Gemeinderat, was Sparen heisst. Früher machte man keine langfristigen Budgetpläne, haute auf die Pauke und das muss man jetzt ausbaden. Heute werden mittel- und langfristige Finanzpläne gemacht und die jährlichen Budgets müssen strikt eingehalten werden.

Keine Angst, dass Saas Fee der Ausverkauf droht? Die französische Compagnie des Alpes ist bereits bei den Bergbahnen Saas Fee eingestiegen.
B.S.: Ich sehe ausländische Investoren als Chance. Es ist nun mal so, wenn Gelder benötigt werden und lokale und regionale Geldgeber fehlen, müssen andere Wege gesucht werden.



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