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Mein Traumverein ist die AS Roma"
Steg / Er kennt die weisse Kohle des Wallis wie kaum ein anderer, hat auf dem Mittelallalin eine riesige Eisgrotte in den Gletscher gehauen und sitzt seit kurzem im Gemeinderat des Gletscherdorfes: Im RZ-Frontalinterview spricht Benedikt Schnyder über Eigenart und Gefahren der Gletscher- und Politwelt.
Von Walter Bellwald und German Escher
Nach einem spannenden Meisterschaftsfinish in Spanien bist Du für kurze Zeit auf Heimaturlaub im Wallis. Was machst Du?
Raphael Wicky: Ich habe keine festen Pläne. Ich bin fast das ganze Jahr über weg und freue mich immer wieder, wenn ich zurück zu meiner Familie und zu meinen Freunden kommen darf. Ich werde sicher einige Tage bei meiner Freundin verbringen, die in Basel arbeitet. Zwischendurch werde ich mich auch mit dem neuen Nati-Coach treffen. Ansonsten werde ich meine knappe Ferienzeit bei Freunden und Bekannten verbringen. Am 20. Juli beginnt wieder das Training in Madrid. Nach dreieinhalb Jahren bist Du Ende Januar von Bremen nach Madrid gewechselt. Wie hast Du Dich eingelebt?
R.W.: Ich habe mich bestens eingelebt. Mir gefällt es super in der spanischen Metropole. Die Stadt, die Menschen, die Mentalität, einfach Klasse. Die Lebensgewohnheiten der Spanier kommen mir sehr entgegen. Der ganze Lebensrhythmus wird auf die klimatischen Gegebenheiten abgestimmt. " Die spanische Mentalität gefällt mir super" Seit anderthalb Monaten beträgt die Durchschnittstemperatur 30 bis 35 Grad. Zwischen zwei und fünf Uhr nachmittags ist Siesta angesagt. Das Mittagessen verschiebt sich auf vier Uhr nachmittags und das Abendessen wird um zehn Uhr abends eingenommen. Entsprechend spät kommt man ins Bett. Dafür schlafe ich am anderen Morgen umso länger (lacht).
Wie schmeckt Dir die spanische Küche?
R.W.: Sehr gut. Ich liebe vor allem den einheimischen Schinken und die Tortilla. Natürlich trinke ich auch ab und zu ein Glas Sangria.
Du lebst in der spanischen Hauptstadt Madrid. Wohnst Du allein?
R.W.: Ja. Ich lebe in einer Wohnsiedlung in einem Aussenquartier, rund fünfzehn Minuten vom Stadtzentrum entfernt. Auch der Trainingsplatz und das Stadion sind ganz in der Nähe.
Was machst Du in Deiner Freizeit?
R.W: Nach dem ersten Training gehe ich meistens mit ein paar Spielern essen. Danach verbringe ich den Tag meistens daheim. Ich erhole mich, lese ein Buch oder geniesse einfach das Klima. In die Stadt gehe ich meist nur, wenn ich Besuch habe. Sonst ist es mir im Zentrum zu hektisch.
Neben Deutsch, Französisch und Englisch lernst Du jetzt auch noch eine vierte Sprache. Wie gut klappt es mit dem Spanischen?
R.W.: Anfangs war es nicht ganz einfach für mich, aber mittlerweile klappt es ganz gut. Wir haben zwar noch andere Spieler aus verschiedenen Staaten, die aber schon länger in Spanien sind und die Sprache beherrschen. Dadurch bin ich gezwungen, mich auf Spanisch zu verständigen. Die Spieler sind aber sehr kommunikativ und helfen mir, wenn ich irgendetwas nicht sofort verstehe.
Nach eigenen Aussagen hattest Du in Bremen starkes Heimweh. Hast Du auch in Spanien immer noch längi Ziit"?
R.W.: Mich plagt immer noch ein bisschen das Heimweh. Darum komme ich auch immer wieder gerne zurück und verbringe meine Ferien fast ausschliesslich zuhause. Die Meisterschaft in Spanien bringt es mit sich, dass ich nur während den Sommerferien zurückkommen kann. Das war in Bremen anders. Dort hatte ich auch im Winter ein paar Ferientage. Es wird sicher nicht einfach für mich, im Juli wieder für ein Jahr nach Spanien abzufliegen. Aber das ist mein Job und ich habe mich dafür entschieden. Zum Glück bekomme ich immer wieder Besuch von meiner Familie und meinen Freunden.
Für viele Fans und Kritiker war Dein Wechsel von der ersten Bundesliga in die zweite spanische Division zu Atlético Madrid unverständlich. War das nicht ein sportlicher Rückschritt?
R.W.: Von der Liga her ist es sicher ein Rückschritt. Es war aber immer schon mein Traum, bei einem Verein in Italien oder Spanien zu spielen. Ich hatte auch ein Angebot von Borussia Dortmund. Hätte ich angenommen, würde ich jetzt in der Champions League spielen. Als das Angebot von Atlético Madrid kam, habe ich nach kurzem Überlegen sofort zugesagt.
Was gab den Ausschlag für Deinen Wechsel zu Atlético Madrid?
R.W.: Atlético ist ein Topklub. Wir haben im Schnitt in jedem Spiel 55'000 Zuschauer(!). Nach Real Madrid und Barcelona hatte Atlético in der vergangenen Saison die meisten Zuschauer in der ersten und zweiten spanischen Division. Insgesamt besuchten fast eine Million Zuschauer unsere Heimspiele. " Atlético hat die besten Fans" Der Wechsel zu Atlético ist auch eine Chance, die ich vielleicht nie mehr bekomme. Damit habe ich mir einen Jugendtraum erfüllt. Schliesslich stimmte auch der finanzielle Rahmen für einen Wechsel nach Madrid.
Mit dem verpassten Aufstieg in die erste Division hat der Klub die sportlichen Ziele der vergangenen Saison nicht geschafft?
R.W.: Als ich im Februar nach Spanien kam, hatten wir vierzehn Punkte Rückstand auf den Tabellendritten. Damals habe ich mich damit abgefunden, dass ich anderthalb Jahre in der zweiten Division spielen werde. Dank einer fantastischen Rückrunde haben wir noch zu den besten Mannschaften aufgeschlossen. Am Schluss haben wir den Aufstieg verpasst, weil wir das schlechtere Torverhältnis hatten. " Es ist kein angenehmes Gefühl, angepöbelt zu werden" Das ist natürlich sehr hart, dementsprechend gross war die Enttäuschung innerhalb der Mannschaft und unter den Fans. Auch das Cup-Out im Halbfinale gegen Real Saragossa war unglücklich. Natürlich hätte ich in der nächsten Saison gerne in der obersten spanischen Liga mitgespielt. Aber ich glaube, trotz dem verpassten Aufstieg stehen uns in Zukunft alle sportlichen Optionen offen. Ich bin fest überzeugt, dass wir in der neuen Saison den Aufstieg in die Primera Division schaffen.
Wie bist Du persönlich mit Deinem Einstand bei Atlético zufrieden?
R.W.: Trotz meinem Verletzungspech kann ich eigentlich recht zufrieden sein. Ich habe mir in Bremen an der Wade einen Muskelfaserriss zugezogen, bevor ich nach Madrid transferiert wurde. Dann habe ich mich am Sprunggelenk verletzt. Nach meiner Verletzung probierte ich krampfhaft, den Anschluss zu halten. Dadurch habe ich mein Gelenk überstrapaziert. Die Folge: Ich musste längere Zeit pausieren. Seit Mitte April kann ich aber wieder schmerzfrei trainieren. Nach meinen anfänglichen Verletzungsproblemen konnte ich in den letzten Partien fast durchwegs spielen.
Während der letzten Runde der Serie A in Italien stürmten heissblütige Fans die Plätze in Turin und Rom. Sind die spanischen Fans genauso fanatisch?
R.W.: Auch unsere Fans sind sehr heissblütig. Im Cup-Halbfinale gegen Real Saragossa haben sogenannte Ultras mehrere Gegenstände auf den Platz geworfen. Das Spiel musste unterbrochen werden und konnte erst nach einer längeren Unterbrechung wieder aufgenommen werden. Ich erinnere mich auch an das Spiel gegen Murcia, das wir daheim mit 0:3 verloren haben. Die Stimmung war aufgeheizt und die Fans" rasteten völlig aus. Die Spieler wurden tätlich angegriffen und die Autopneus wurden aufgeschlitzt. Wir konnten uns in der ganzen Stadt nirgends mehr blicken lassen.
Hattest Du Angst um Deine Sicherheit?
R.W.: Es ist sicher kein angenehmes Gefühl, wenn Du von irgendwelchen Leuten angepöbelt und verbal attackiert wirst. Aber das gehört dazu. Man versucht dann, mit den Leuten zu reden. " Ich kann mir vorstellen, einmal nach Italien zu wechseln" Das ist allerdings nicht immer einfach. Zum Glück waren die Polizei und die Securitas anwesend. So hat sich der aufgebrachte Pöbel schnell wieder beruhigt. Es ist nun mal so: Wenn du gewinnst, bist du der König. Wenn du verlierst, bekommst du Probleme.
Es gibt sicher auch positive Momente?
R.W.: Absolut. Stell dir vor, wir sind in der zweiten spanischen Division und haben schon 42'000 Dauerkarten verkauft. Das ist der pure Wahnsinn! Wenn Du ins Stadion einläufst und 50`000 Zuschauer jubeln Dir zu, läuft es Dir eiskalt über den Rücken. Die Stimmung ist viel wärmer und herzlicher als in Bremen. Auch wenn ich um ein Autogramm gebeten werde, ist das sicher ein schöner Moment. Es zeigt dir als Fussballer, dass man deine Leistung schätzt und dass man dich akzeptiert.
Bei welchem Verein möchtest Du gerne einmal spielen?
R.W.: (überlegt lange) Die AS Roma wäre ein Traumklub. Die ewige Stadt gefällt mir super und darum möchte ich gerne einmal in Rom spielen. Die italienischen Gazetten überbieten sich momentan mit den neusten Transfergerüchten. Nur ich weiss von gar nichts.
Wie sieht Deine sportliche Zukunft aus?
R.W.: Obwohl ich einen
Dreijahresvertrag mit Atlético habe, kann ich nicht sage, wielange
ich in Madrid bleibe. Auf die neue Saison hin gibt es bei uns viele Umstellungen.
Der sportliche Direktor Paulo Futre hat mir aber zugesagt, dass man bei
Atlético weiter auf mich zählt. Ich hoffe, dass ich mich durchsetzen
kann und noch ein paar Jahre im Ausland weiterspielen darf. In Spanien
gefällt es mir ausgezeichnet, aber ich könnte mir auch vorstellen,
einmal nach Italien zu wechseln. Vielleicht kehre ich eines Tages auch
nach Deutschland zurück.
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