| Gampel / Zürich / Im Moment propällert
sie in den Schweizer Hitparaden umher, denn seit dem 30. Juli steht ihre
erste Single-Auskoppelung in den Plattenläden. Keine Frage: Sina meldet
sich zurück, zurück in den Musik-Charts, zurück auf der Bühne
und zurück ins Leben. Mit der RZ sprach Sie über ihre Anfänge,
ihre Musik, ihre Theatererfahrungen und sagt: Ich bin sehr glücklich
im Moment, privat und beruflich.
Von Tamara Locher und Walter Bellwald
Es war lange ruhig um Dich. Am 13. August kommt
Dein fünftes Album Marzipan auf den Markt, das am Open
Air Gampel seine Bühnen-Premiere feiert. Was können Deine Fans
erwarten?
Sina: Also ich bin jetzt neu auf Operngesang in Walliserdeutsch
umgestiegen. Ich hab mir gedacht, nach vier CDs muss ich mal den
Stil wechseln... (lacht). Nein, auf Marzipan wird natürlich
moderner, walliserdeutscher Pop zu hören sein. Mein Ziel war es,
gute Popsongs zu schreiben. Diesem Ziel bin ich zum Teil sehr nahe gekommen.
Ich finde, das Songmaterial auf Marzipan ist sehr gut gelungen.
Was war für Dich das Besondere an diesem
Album?
Sina: Ich wollte raus aus diesen gängigen Mustern,
die sich in meinen bisherigen CDs eingespielt haben und erlebte
dadurch viele Premieren. Es ist das erste Album, das nicht ausschliesslich
mit Studiomusikern aufgenommen wurde, sondern mit meiner Band. Ausserdem
sind zwei neue Musiker, Luca der Bassist und Pele der Gitarrist mit von
der Partie. Zum ersten Mal habe ich auch selber am Album mitproduziert.
Ausserdem habe ich mir mit dem Mix des seit 20 Jahren in New York lebenden
Schweizers Roli Mosimann einen persönlichen Wunsch erfüllt.
Das Album ist sehr gitarrenlastig geworden.
Also wieder vermehrt zurück zur Live-Begleitung?
Sina: Ja. Es wurde zum Teil auf Technik verzichtet.
Auch technoider Sound ist auf diesem Album sehr rar vertreten. Wir legten
mehr Wert auf Instrumente und Stimme. Jeder Song musste schon mit Gitarrenbegleitung
gut klingen.
Stichwort Gitarre: Was für Erinnerungen gehen
Dir durch den Kopf, wenn Du an 1983 zurückdenkst, als Du als 17-jährige
das Walliser Schlagerfestival gewonnen hast?
Sina: Ohww, viele, sehr viele... unvergesslich die
riesige Halle und ich ganz klein in der Mitte, mit zitternden Knien und
der Gitarre auf dem Schoss. Ja, dieser Auftritt war schon das erste Wahnsinns-Erlebnis,
das Sprungbrett zu meiner musikalischen Karriere. Ich lernte dort meinen
damaligen Manager kennen und bekam dann die Möglichkeit ins Showbusiness
einzusteigen.
Warum hast Du Dich für einen Künstlernamen
entschieden?
Sina: Ursula Bellwald ist jetzt nicht unbedingt ein
Name, den man sich in der Musikszene leicht merken kann. Ausserdem ist
ein Künstlername in dieser Branche üblich. Mein Manager schlug
mir dann auch verschiedene Namen vor, wie zum Beispiel Sina Bell.
Dieser Vorschlag hat mich dann aber doch zu stark an die Metzgerei Bell
erinnert. Schlussendlich kamen wir zu Campell.
Campell tönt noch logisch, wegen
Deines Heimatorts Gampel. Aber wieso Sina?
Sina: Von Ursula kamen wir auf den Bündner Frauennamen
Ursina. Dieser Name war mir aber zu lang. Wir haben dann gekürzt
und so blieb am Schluss Sina. Eigentlich identifiziere ich mich seit meinem
17. Lebensjahr mit diesem Namen. Freunde und Bekannte nennen mich Sina
und Ursula gehört schon fast der Vergangenheit an. Nur meine Familie
nennt mich noch so.
Reagierst Du noch, wenn man Dich auf der Strasse
Ursula ruft?
Sina: Da muss man dann schon dreimal rufen. Ausser
im Wallis, da reagiere ich schon eher. Aber in Zürich eigentlich
nicht und auf Konzerten sowieso nicht. Ich heisse Sina.
Du hast vor Deinem musikalischen Durchbruch beim
Schweizer Radio die Sendung Nachtclub moderiert. Inwiefern
hat diese Moderation Deinen Erfolg in der Musikbranche beeinflusst?
Sina: Null. Damals war die Sache mit der Plattenfirma
Musikvertrieb schon aufgegleist. Ich wählte den Radiojob, weil mich
das Medium sehr interessierte und ich freier in meiner Arbeitszeiteinteilung
war. Am Anfang hatte ich jedoch grosse Akzeptanzprobleme, da Walliser
in den Medien nicht sehr vertreten waren. Nachdem ich aber erfolgreich
den Nachtclub moderierte, bekam ich eine Morgensendung. Die
kam sehr gut an. Für mich persönlich, und auch als Walliserin,
war das ein grosser Erfolg. Ich konnte beweisen, dass wir Walliser zwar
hinter den Bergen wohnen, aber nicht hinter dem Mond. Ich musste den Job
dann aufgeben, weil die nächste Platte anstand.
Hast Du noch andere Jobs gemacht?
Sina: Früher war ich bei der SBG. Sogar in einer
Reissverschlussfabrik in Adliswil und in einer Unternehmungsberatung habe
ich gearbeitet. Trotz den verschiedenen Jobs, die ich gemacht habe, habe
ich den Traum nie aufgegeben, von meiner Musik leben zu können.
War der Traum, Sängerin zu werden, schon
in Deiner Kindheit vorhanden?
Sina: Ja, ich wollte immer Sängerin werden.
Aber ich traute mich nach einiger Zeit nicht mehr, diesen Berufswunsch
in die Fragebögen zu schreiben. Mein Lehrer meinte dann auch: Ursula,
jetz bisch doch öi scho 14. Chum doch ändlich ärwachsu.
Dann hab ich mir gedacht, ok, schreib ich halt Krankenschwester.
In Deutschland hast Du eine CD herausgegeben,
auf der Songs von Dir ins Hochdeutsche übersetzt wurden. Wie kam
die auf dem deutschen Markt an?
Sina: Nicht so gut. Ein Problem war, dass sich meine
Plattenfirma in Deutschland bei der Veröffentlichung gerade aufgelöst
hat. Ich hatte auch Pech, dass zu der Zeit Tic Tac Toe die Charts stürmten.
Eines meiner Lieder hiess Hau ab, sie sangen Verpiss
dich. Da war mein Song natürlich zu brav. Es sollte wohl nicht
sein. Trotzdem möchte ich die Erfahrung in Deutschland nicht missen.
Du singst auch auf Französisch.
Sina: Ich sang auf französisch, weil ich zu
der Zeit in Genf lebte und mir die Sprache liegt. Manche Lieder eignen
sich für die französische Sprache einfach besser. Auf der neuen
CD beispielsweise wird kein französischer Song vorhanden sein. Es
hat sich einfach nicht ergeben.
Mit jeder Deiner vier CDs hast Du es unter
die Top 7 der Schweizer Hitparaden geschafft. Wiiblich schoss
sogar auf Anhieb auf Platz 1. Was war das für ein Gefühl?
Sina: Das Gefühl war natürlich unbeschreiblich.
Wir hatten damals einen Auftritt im Restaurant Sindbad in Gampel. Auf
dem Weg von Zürich nach Gampel kam der Anruf von der Plattenfirma,
dass wir auf Platz eins seien. Meine Verwandten und Bekannten in Gampel
wussten das schon und empfingen mich mit Blumen. Es war für mich
etwas Besonderes, an diesem Tag im Wallis zu singen.
Mit welchem Song verbindest Du Dich persönlich
am meisten?
Sina: Das hängt immer von meinen Emotionen ab.
Lieder ersparen manchmal sogar den Psychiater (lacht). Auf der neuen CD
habe ich mich am meisten mit Geht in Fridu auseinandergesetzt.
Es ist ein Lied über den Glauben, das meine ambivalente Haltung gegenüber
der Kirche widerspiegelt. Speziell in dem Song ist die einminütige
Predigt von Pfarrer Franziskus Lehner aus Gampel. Er hat extra für
mich an einem Samstag Nachmittag in der Kirche einen wunderschönen
Psalm gepredigt, den ich mit Mikrofon aufgenommen habe und anschliessend
in den Song verpackt habe.
Du bist eine der erfolgreichsten Mundart-Rockerinnen
auf Schweizer Bühnen. Wie gehst Du mit dem Druck um?
Sina: Je älter ich werde, desto lockerer kann
ich mit diesem Druck umgehen. Es kommt wie es kommt. Ich gebe immer mein
Bestes und auch wenn Kritik angebracht wird, freut es mich. Denn da hab
ich etwas ausgelöst und bin nicht bloss die brave Sängerin.
Früher war ich oft kribblig, heute kann ich mehr ruhen, Sachen einfach
auf mich zukommen lassen. Also keine Magengeschwüre. Und Kopfweh
hab ich auch weniger als früher.
Im Herbst 2000 hast Du die Rolle des Todes in
Sibylle Bergs Helges Leben am Schauspielhaus Bochum gespielt.
Was war das für eine Erfahrung?
Sina: Ich muss vielleicht vorausschicken, ich bin
keine Schauspielerin und ich habe grossen Respekt vor den Leuten, die
diesen Beruf ausüben. Wir waren sechs Monate in Bochum. Ich hatte
also die Rolle des Todes und die Jazzsängerin Erika Stucky aus Mörel
spielte Gott - zwei Walliserinnen in Deutschland in den Hauptrollen. Es
war eine sehr schöne Erfahrung, einmal in einen anderen Bereich reinzuschauen.
Mein Zukunft aber sehe ich nicht dort.
Sondern?
Sina: In der Musik, in welcher Form auch immer. Ich
weiss aber eines sicher, dass ich nicht bis ins hohe Alter am Open Air
Gampel auftreten werde. Ich sehe mich nicht als 50-jährige Rocksängerin,
die mit engen Hosen auf der Bühne herumtanzt. Also wer mich noch
live am Open Air Gampel sehen will, der soll dieses Jahr kommen (lacht).
Jetzt habe ich noch eine Frage ...
Sina: Ja, ich bin verliebt, das wolltest du
doch fragen, nicht? Also: Ich bin sehr happy im Moment. Aber in wen ich
verliebt bin, werde ich an dieser Stelle nicht verraten.
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