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Emmy Fux-Summermatter im Frontal-Interviw
"Die Zahl der Psychischkranken ist im Wallis überdruchschnittlich hoch"


 
Brig / Randa / In der Politszene kennt man sie als langjährige SPO-Präsidentin. In Jagdkreisen ist sie als eine der ersten Oberwalliser Jägerinnen bekannt: Emmy Fux aus Randa. Gegenüber der RZ spricht sie über die Jagd, Politik und ihre Aufgabe als Geschäftsführerin der emera Oberwallis und sagt: „Die Situation bei den Psychischkranken hat sich verschärft.“

Von German Escher und Tamara Locher

In zehn Tagen beginnt die Jagd. Haben Sie Ihre Büchse bereits eingeschossen?

Emmy Fux: Nein. Ich habe dieses Jahr das Patent selber nicht eingelöst. Mein Schwiegervater ist 89jährig und möchte nochmals zur Jagd. Es wäre aber zu gefährlich, ihn allein auf die Jagd gehen zu lassen. Als Geburtstagsgeschenk habe ich ihm versprochen, ihn zu begleiten. Aber ansonsten ginge ich selbstverständlich selber auf die Jagd und meine Büchse wäre auch bereits eingeschossen.

Wo gehen Sie eigentlich auf die Jagd?

Meistens in der Region Randa, wo wir auch das Jahr hindurch das Wild beobachten. Ich selber ginge gerne auch mal ins Goms, Lötschen- oder Turtmanntal. Das ist gerade der Vorteil der Patentjagd, dass man im ganzen Kanton zur Jagd gehen kann.

Was fasziniert Sie an der Jagd?

Auf der Jagd kann ich abschalten. Ich geniesse die Stille und die Natur. Man kann die Gedanken fliessen lassen. Es werden Sinne wach, die im Alltag verschüttet sind. Wenn ich das Gewehr umhänge und durch den Wald pirsche, spüre ich regelrecht, ob irgendwo Wild in der Nähe ist.

Haben Sie diesen Jagdinstinkt in die Wiege gelegt bekommen?

Überhaupt nicht. Mit der Liebe kam die Jagd zu mir (lacht herzhaft). Mein Mann stammt aus einer eigentlichen Jägerfamilie. Als ich ihn einmal begleitete, sprang die Faszination über.

Aber die Jagd ist eigentlich eine Männerdomäne?

Nicht mehr so extrem wie früher. Im Jahr 2000 haben gemäss Auskunft der Jagdabteilung 85 Frauen das Jagdpatent gelöst. Im Verhältnis zu 2500 Jägern mag die Zahl bescheiden sein. 1972, als ich die Jagdprüfung absolvierte, gingen im Wallis fünf oder sechs Frauen zur Jagd. Die Situation hat sich also schon verändert.

Was sagen Sie den Kritikern, die Sie als Tiermörderin bezeichnen?

Ohne dass ein Tier sterben muss, kommt einfach kein Stückchen Fleisch auf den Teller. Häufig bedenken diese Kritiker nicht, dass sie selber auch Fleisch essen, Lederschuhe tragen, eine Ledertasche besitzen etc. Da frage ich mich schon, wie konsequent diese Kritiker im Alltag leben. Die Jagd ist etwas Ehrliches und Natürliches. Ich bin in der Lage, das Stück Fleisch auf meinem Teller selber zu besorgen. Ich weiss, wie das Tier erlegt wurde, und gebe mir auch Mühe, waidmännisch zu jagen. Ein Fehlschuss muss nach Möglichkeiten vermieden werden. Ich bin nicht so schiesswütig, dass ich Ende Jagd meine Gemsen und Hirsche stolz präsentieren muss.

Die Jagd ist das eine Hobby, die Politik das andere. Nur zur Jagdpolitik haben Sie bisher wenig gesagt?

Im Gegenteil: Bei der Beratung im Grossen Rat habe ich mich sehr intensiv zum Jagdgesetz geäussert. Ich war damals und heute der Meinung, dass der Luchs in unserer Region seine Berechtigung hat. Mag sein, dass der Luchs bei uns nicht mehr ein ideales Biotop vorfindet. Wenn sich dieses Tier hier aber wohl fühlt, soll es auch in unser Region leben können. Luchs und Wolf haben früher hier gelebt, also haben sie ihre Berechtigung. Diesen Punkt habe ich auch damals bei der Debatte zum neuen Jagdgesetz vertreten. Die Jagd wird in sozialdemokratischen Kreisen gerne als etwas Gutbürgerliches hingestellt. Das kann man so jedoch nicht sagen. Jagd ist angewandter Naturschutz. Das haben schliesslich auch meine Parteikollegen eingesehen und mich entsprechend unterstützt.

Sie haben während Jahren die SP Oberwallis präsidiert. Der einstige angriffige Stil, letztlich auch geprägt von den Figuren Bodenmann und Jost, ist Vergangenheit. Macht die SP jetzt Politik im Schongang?

Der SP-Stil hat sich gewandelt. Das ist zum Teil personenabhängig. Peter Bodenmann und Beat Jost sind Sozis von altem Schrott und Korn, eigentliche Kämpfernaturen. Das Wesentliche in der Politik ist aber der Inhalt. Und hier ist die SP ihrer Linie treu geblieben. Mit dem kämpferischen Stil erreicht man kaum mehr. Man erhält zwar gewisse Aufmerksamkeit. Aber wer ständig aneckt, erreicht nicht unbedingt mehr. Deshalb ist es kaum falsch, eine andere Tonart zu wählen. Die sachlichen Aussagen ändern sich dadurch nicht.

Aber die jüngsten Wahlergebnisse sind wenig berauschend?

Dieser Eindruck täuscht. Die SP Wallis hat prozentual den höchsten Mitgliederzuwachs aller SP-Sektionen der Schweiz. In meine Präsidialzeit fiel auch die Gründung der JUSO. Der Erfolg damals war überwältigend. Wir haben mit einer Hand voll Interessenten gerechnet. Und schliesslich war der Saal voll. Es macht Freude zu sehen, wie sich die jüngere Generation für Politik interessiert.

Hauptberuflich sind Sie Geschäftsführerin der emera. Was machen Sie genau?

Die emera ist eine kantonale Vereinigung, die Dienstleistungen für behinderte Menschen anbietet. Der Name ist neu, stammt aus dem Griechischen und bedeutet der Tag, Licht, Aufbruch. Das sind Begriffe, die für uns Symbolcharakter haben. Im stationären Bereich, also in den Bereichen Wohnen und Beschäftigung, arbeiten wir vor allem mit psychischkranken Menschen. Und hier sehen wir die Symbolik. Eine psychische Erkrankung oder Behinderung generell muss nicht etwas bleibendes sein. Es kann jeden irgendwann im Leben treffen. Es gibt aber auch die Möglichkeit, hier wieder herauszufinden. Emera bietet Hilfestellungen, diese Probleme in den Griff zu bekommen.

Emera befasst sich nur mit Psychischkranken?

Nicht ganz. Wir arbeiten wahrscheinlich als einzige Institution in der Schweiz sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich. Im ambulanten Bereich bieten wir für alle Behinderungsarten, körperlich, geistig und psychisch behinderten Menschen, Sozialberatung an. Für Geistigbehinderte gibt es den Oberwalliser Verein zur Förderung geistig Behinderter, der Wohnen und Beschäftigung anbietet. Für schwer körperlich Behinderte ist dies die Fux Campagna. Und dann gibt es emera, die Wohnen und Beschäftigung für psychischbehinderte Menschen anbietet. Wir arbeiten auch eng mit dem Psychiatriezentrum zusammen. Der Bereich Sozialberatung emera gewährleistet auch den Sozialdienst des Psychiatriezentrums in Brig.

Bei den Psychischkranken ist die Entwicklung alles andere als erfreulich?

Das stimmt leider. Die Situation bei den Psychischkranken hat sich verschärft. Die Tendenz ist steigend und das Durchschnittsalter sinkt. Waren früher vor allem über 30jährige betroffen, haben heute häufig schon Jugendliche im Schulalter psychische Probleme. Das bestätigen auch die Bundesstellen, gemäss deren Angaben die Zahl der Psychischkranken im Wallis überdurchschnittlich hoch ist.

Wie erklären Sie sich die steigende Zahl der Psychischkranken?

Aussagen dazu sind schwierig. Einen Einfluss mag die schlechte Konjunktur der letzten Jahre haben. Wichtig sind sicher auch die Familiensituationen, wo Eltern häufig nicht mehr genügend Zeit haben oder schnell einmal auch überfordert sind. Aber auch das Gegenteil ist möglich. Einzelne leben vielleicht in einer zu verwöhnten Gesellschaft oder Familie, die den Jugendlichen alle Steine aus dem Weg räumt. Treten dann wirklich Probleme auf, sind die Jugendlichen der Situation nicht gewachsen. Die Hintergründe sind wirklich vielfältig. Aber es ist eine Tatsache: Immer mehr Jugendliche und häufig auch junge Frauen sind mit psychischen Problemen konfrontiert.

Längst nicht alle werden von ihnen betreut?

Natürlich leben viele noch in ihrer gewohnten Umgebung. Das Umfeld, Familie oder Freunde, sind häufig auch die ersten, die reagieren. Aber wenn wirklich schwere psychische Schwierigkeiten auftreten, kann man diese nicht mehr ambulant behandeln. Dann ist ein Aufenthalt im Psychiatriezentrum oft unumgänglich. Teilweise können diese Personen später wieder nach Hause oder sie treten in eine unserer Wohnstrukturen oder ins Beschäftigungszentrum TILIA ein. emera bietet verschiedene Wohnstrukturen. Eine WG hat einen Durchgangscharakter, d.h. die betroffene Person lebt hier während zwei bis vier Jahren und wird von Fachleuten betreut. Es gibt aber auch andere WG‘s mit Dauerplätzen für psychischbehinderte Menschen, die wirklich nicht mehr alleine leben und wohnen können. Zur Zeit wird bei emera eine neue Dienstleistung aufgebaut, das ambulant begleitete Wohnen. Dies ist ein Angebot, das behinderten Menschen das Wohnen zu Hause ermöglicht. Die Sozialarbeiterinnen von emera suchen diese Leute regelmässig auf.

Die Betreuung von Psychischkranken ist äusserst anspruchsvoll. Finden Sie noch genügend Fachpersonal?

Emera ist es wichtig, für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gute Arbeitsbedingungen zu schaffen. Wir haben das Glück, dass MitarbeiterInnen emera in der Regel lange treu bleiben. Es trifft jedoch zu, dass die Arbeit in unseren Strukturen sehr anspruchsvoll und dazu auch noch unregelmässig ist. Viele MitarbeiterInnen arbeiten deshalb auch nur Teilzeit. Eine gute Erholung und die Abwechslung vom Beruf sind sehr wichtig. Zum jetzigen Zeitpunkt ist der Arbeitsmarkt ausgetrocknet. Es ist tatsächlich schwierig, qualifiziertes Personal zu finden. emera hat im Moment eine Stelle vakant.


 

 

      
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