| Gondo / Die Unwetterkatastrophe vom 14.
Oktober 2000 katapultierte ihn landesweit ins Rampenlicht: Roland Squaratti,
Gemeindepräsident von Gondo. Im RZ-Interview spricht er über die
Zeit danach, die Perspektiven von Gondo und seine politische Zukunft: Wenn
es seine berufliche Tätigkeit erlaubt, will er auf seinen Demissionsentscheid
zurückkommen und sich in den auf Dezember 2001 verschobenen Gemeinderatswahlen
nochmals zur Verfügung stellen.
Von German Escher und Walter Bellwald
Seit der Katastrophe von Gondo sind fast zwölf
Monate vergangen. Mit welchen Gefühlen blicken Sie dem Jahrestag
entgegen?
Mit unterschiedlichen Gefühlen. Zum einen mit
Trauer um die 13 Opfer sei es in der Verwandtschaft, aber auch
für alle anderen. Zum zweiten aber auch mit einer gewissen Genugtuung
für die ganzen Arbeiten, die seither geleistet wurden. Zum dritten
mit Hoffnung für die Zukunft.
Welche Bilder oder Emotionen kommen in Ihnen hoch,
wenn Sie an den Terroranschlag in den USA denken?
Der Terroranschlag in New York hat mich schwer getroffen.
Nachdem mir meine Schwester am Telefon erzählt hat, was sie am Fernsehen
gesehen hat, habe ich aufgehört zu arbeiten. Wer eine Katastrophe
wie Gondo erlebt hat, nimmt solche Ereignisse anders war. Es wühlt
auf. Man fühlt stärker mit.
Noch immer sind ihre beiden verunglückten
Brüder vermisst. Haben Sie noch Hoffnung?
Eine gewisse Hoffnung ist immer da. Aber ich muss
offen gestehen: Wenn man die Leichen jetzt fände, würden die
leicht verheilten Wunden wieder voll aufreissen. Wir haben kürzlich
unter den Geschwistern über das Thema gesprochen und alle waren der
Meinung: Es wäre fein, wenn man sie finden würde, aber gleichzeitig
würde man in der Trauerarbeit wohl wieder um einige Monate zurückgeworfen.
Sie haben während der Katastrophenbewältigung,
aber auch in den darauffolgenden Monaten enorme Ruhe ausgestrahlt. Von
wo nehmen Sie diese Kraft?
Vor der Katastrophe hätte ich mir das auch nicht
zugetraut. Aber plötzlich muss man in seinem doch so geordneten Leben
völlig neue Prioritäten setzen. Wenn man sieht, in welchem Elend
sich das Dorf und die Menschen befinden, war der Drang vorwärts zu
blicken einfach stärker. Die Kraft kam mit der Situation. Ich hätte
nie gedacht, dass ich solche Kräfte in mir habe. Diese Stärke
ist wahrscheinlich in jedem Menschen. Aber solange man sie nicht braucht,
wird sie nicht aktiviert.
Was hat Sie in den letzten zwölf Monaten
am meisten geärgert?
Da gab es einiges. Wir wurden von den Journalisten
überrannt. Aber es war weniger schlimm, als ich mir anfänglich
vorgestellt habe. Allerdings gab es auch Ausnahmen: Zum Beispiel die beiden
deutschen Journalisten, die sich als Retter verkleidet haben, um bei den
Räumungsarbeiten zu fotografieren. Aber auch gegenüber den Dorfbewohnern,
die schon während den Räumungsarbeiten zurück wollten,
musste ich halt auch mal ein ernstes Wort reden.
Und worüber haben Sie sich gefreut?
Die Solidarität, die wir spüren durften,
hat nicht nur mich, sondern die ganze Dorfbevölkerung gefreut. Wichtiger
als die vielen Spenden war die moralische Hilfe. Die Unterstützung
aus der ganzen Schweiz hat uns in dieser Situation den Rücken gestärkt.
Vor allem jene Menschen, die keine Zukunft in Gondo mehr sahen, spürten
plötzlich wieder Kraft, ja sogar eine Art Verpflichtung, ihr Dorf
wieder aufzubauen.
Bereits kurz nach der Katastrophe haben Sie optimistisch
vom Wiederaufbau gesprochen und gehofft, im Herbst 2001 mit den Arbeiten
beginnen zu können. Bis jetzt sieht man aber wenig?
Priorität hatten die Sicherheitsmassnahmen.
Und da wurde doch einiges geleistet, beispielsweise entlang der Doveria.
Von dieser Seite her ist das Dorf heute sicherer als früher. Im eigentlichen
Unglückshang sieht man bisher wenig. Zum einen waren verschiedene
Ämter involviert, zum andern drängten wir darauf, dass nicht
wieder ein Betondamm erstellt wird. Also mussten andere Lösungen
gesucht werden. Ende August hat der Bund das ausgearbeitete Projekt bewilligt.
Und jetzt sind die Bauarbeiten im Gang. Es entsteht ein Erddamm, eine
Art geologisches, vernetztes Gitter, das sich dem Hang anpasst. Für
ein solches Projekt haben die Bundesstellen zusätzliche Abklärungen
verlangt. Weder die Gemeinde-, noch die Bundesbehörden können
es sich erlauben, dass in diesem Hang noch mal etwas derart Schlimmes
geschieht.
Wie hat die Bevölkerung diesen neuartigen
Erddamm aufgenommen?
Wir alle, die Bevölkerung und die Verwaltung,
wurden in den letzten Monaten etwas ungeduldig. Bei den starken Regenfällen
im August floss plötzlich wieder Wasser und Geröll bis auf die
Strasse. Da werden die Leute verständlicherweise etwas nervös.
Heute sind wir froh, dass wir uns die nötige Zeit genommen haben
und ein gutes Projekt erarbeiten konnten. Hätte man einfach wieder
diese Schutzmauer gebaut, glaube ich nicht, dass die Bevölkerung
das notwendige Vertrauen in diesen Betondamm hätte.
Sie haben die Nervosität angesprochen. Wie
reagiert man auf die Schlagzeilen der Sonntagspresse, die Glückskette
schwimme im Spendengeld. Wieviel wurde in Gondo denn bereits verteilt?
Die Glückskette hat bisher rund 420000
Franken nach Gondo geschickt. In der ersten Phase erhielt jede Familie
pro Todesfall 10000 Franken für die Beerdigungskosten. Die
Gemeinde hat 70000 Franken an die Bevölkerung ausbezahlt, damit
die betroffenen Leute das Nötigste kaufen können. Dieses Geld
hat man uns zurückerstattet. Zudem hat die Glückskette einen
Teil der Kosten des Architekturwettbewerbs übernommen. Und ein Teil
war Direkthilfe an Betroffene beispielsweise Mietdifferenzen oder
Reisespesen für den längeren Arbeitsweg.
Wenn die unzähligen Spender diesen doch bescheidenen
Betrag hören, löst das schon ein Kopfschütteln aus?
Man muss sehen, dass wir mit dem eigentlichen Wiederaufbau
noch gar nicht begonnen haben. Hier werden die Kosten erst nächstes
Jahr anfallen. Wir haben nach den Gesprächen mit der Glückskette
schon die Hoffnung, dass unsere Projekte zum Wiederaufbau grosszügig
unterstützt werden, zumal die Glückskette für Gondo Rückstellungen
in der Höhe von 10 bis 12 Millionen Franken gemacht hat. Unterstützt
werden Sachen, die nicht versicherbar sind, aber auch neue Projekte wie
die Sanierung des Stockalperturms. Die Arbeiten, die bisher in Gondo ausgeführt
wurden, hat weitgehend die Nationalstrasse übernommen sei
dies die Räumung des Dorfes, die Bachbettsicherung und jetzt der
Erddamm.
Wie viele Bewohner sind bisher zurückgekehrt?
Heute leben wieder rund 90 der ingesamt 140 Personen
in Gondo. Das ist in erster Linie die einheimische Bevölkerung, die
hier verwurzelt ist. Andere Bewohner, die etwa auf der Grenzwacht arbeiten
und keinen so engen Bezug zum Dorf haben, sind noch nicht zurückgekehrt.
Diesen Leute wird im Moment noch die Fahrt zur Arbeit bezahlt. Sobald
der Wiederaufbau abgeschlossen ist und genügend Wohnraum zur Verfügung
steht, wird das nicht mehr der Fall sein. Dann wird die Zeit wieder für
uns spielen. Wir rechnen längerfristig wieder mit 120 Bewohnern in
Gondo. Vorher waren es 160 Personen. 13 Menschen sind verunglückt.
Mit einem gewissen Rückgang müssen wir also rechnen.
Und das nimmt man so hin?
Sicher nicht. Wir führen Gespräche zur
Ansiedlung eines Industriebetriebes. Das würde neue Arbeitsplätze
bringen. Mit der Annäherung an Europa hätten wir in zehn bis
fünfzehn Jahren früher oder später nach neuen Lösungen
suchen müssen. Jetzt ist diese Veränderung nicht in 10 bis 15
Jahren, sondern in 10 bis 15 Sekunden eingetroffen. Allerdings sind wir
jetzt nicht alleine, sondern haben Unterstützung auf breiter Basis.
Sie haben es angesprochen: Von den Durchreisenden
alleine wird das Grenzdorf wohl kaum mehr leben können. Also braucht
es neue Perspektiven?
Die Nähe zu Italien, zwei verschiedene Kulturen
das sind unsere Stärken. Aber wir haben auch ein touristisches
Potential, das bisher zu wenig genutzt wurde. Entweder war man Bundesbeamter,
Kraftwerkangestellter oder man hat ein Geschäft in Gondo, das vom
Benzintourismus oder von den Grenzgängern gelebt hat. Das erklärt
auch, dass die touristisch attraktiven Sachen, etwa das Canyoning, von
Leuten ausserhalb von Gondo angeboten wurden. Im Tourismus sehe ich durchaus
Chancen. Kommt hinzu, dass man dank der heutigen Telekommunikation ortsunabhängig
viel machen kann. Schliesslich müssen die Infrastruktur im Dorf und
die finanziellen Bedingungen stimmen. Wir werden weiterhin versuchen,
den Leuten, die in Gondo wohnen, spezielle Vorzüge zu gewähren.
Welche Rolle spielen künftig die Goldminen
oder der renovierte Stockalperturm?
Das hängt von der künftigen Nutzung des
Stockalperturms ab. Hier könnte beispielsweise Raum für kulturelle
Anlässe, aber auch Unterkünfte entstehen. Es fehlt heute ein
zeitgemässes Hotel. Gondo hat immer mit Hoch und Tiefs gelebt. Vor
über 100 Jahre hat die Goldmine im Zwischbergental rund 250 Personen
beschäftigt. Die plötzliche Schliessung war für die damalige
Dorfbevölkerung auch eine Katastrophe. Später kam der Kraftwerkbau,
der dem Dorf in den letzten Jahrzehnten doch einen gewissen Wohlstand
gebracht hat. Jetzt müssen wir wieder nach neuen Lösungen suchen
und vor allem das Positive sehen. Ein Beispiel: Die zahlreichen Spender
haben nicht nur Geld geschickt, viele sind auch interessiert, wie es in
Gondo weiter geht und werden uns und unser Dorf besuchen. Das stellen
wir bereits heute fest.
In Gondo werden noch dieses Jahr die letztjährigen
Gemeinderatswahlen nachgeholt. Werden Sie das Dorf in die Zukunft führen
oder halten Sie an ihrer Demission fest?
Ich wollte letztes Jahr demissionieren. Das stimmt.
Dann kam die Katastrophe und alle haben sich bereit erklärt, ein
Jahr weiter zu arbeiten. Ob ich auf meinen Demissionsentscheid zurückkomme,
hängt auch von meiner beruflichen Zukunft ab. Ich habe trotz der
Belastung als Gemeindepräsident während diesem Jahr auch die
Ausbildung zum eidgenössischen Treuhänder mit Fachausweis absolviert.
Ich werde anfangs November erfahren, ob ich die letzten noch ausstehenden
Prüfungen vom Oktober bestanden habe. Müsste ich nochmals während
einem Jahr jeweils Freitag und Samstags nach Bern zu den Kursen fahren,
müsste ich schon ernsthaft über die Bücher. Noch ein solches
Jahre wie das letzte erträgt meine Gesundheit auch nicht. Aber wenn
es der Beruf erlaubt, bin ich bereit, Gondo noch während drei Jahren
zu führen.
|