| Bern / Salgesch / Als Generaldirektor von
Sion 2006 hat er versucht, die Olympischen Winterspiele ins Wallis zu holen.
Jetzt managt er mit dem Schweizerischen Skiverband oder Swiss-Ski ein Unternehmen,
das rund 200 Athleten unter Vertrag und 127 Mitarbeiter auf der Lohnliste
hat: Jean-Daniel Mudry äussert sich zur neuen Wintersaison, Salt Lake
City, der Olympiakandidatur Bern-Montreux-Wallis 2010 und sagt: Das
Thema Olympische Spiele ist für mich erledigt.
Von German Escher und Walter Bellwald
In wenigen Wochen wird die neue Rennsaison eröffnet.
Was sind Ihre Erwartungen?
Die Trainings verliefen recht gut. Wir hatten relativ
wenig Verletzungen. Leider hat sich Lilian Kummer leicht verletzt. Aber
insgesamt sind die Voraussetzungen gut. Ich bin deshalb zuversichtlich,
dass die steigende Tendenz der letzten Saison anhält.
Eine Verletzung wie jene von Lilian Kummer drückt
schon auf die Moral.
Unsere Spitze ist sehr schmal. Da ist jeder Verlust
matchentscheidend. Wenn jetzt Lilian für längere Zeit pausieren
müsste, würde uns das schon treffen. Und das ist unser Hauptproblem:
Wir haben in den jüngsten Jahrgängen eine gute Basis. Zwischen
16 und 19 Jahre springen aber viele ab. Einer der Hauptgründe: Das
Verhältnis Sport und Schule ist bei uns unbefriedigend gelöst.
Hier müssen wir den Hebel ansetzen, damit die Spitze breiter wird.
Die Nachwuchsförderung ist also der Hauptgrund,
weshalb uns die Österreicher in den letzten Jahren um die Ohren gefahren
sind?
Ganz klar. Nach der WM 1987 in Crans-Montana haben
die Österreicher vorbildhafte Aufbauarbeit geleistet. Der hohe Stellenwert
des Skisports und die starke staatliche Unterstützung haben es den
Österreichern leichter gemacht. Eines meiner Ziele ist es, in der
Schweiz ähnliche Bedingungen für den Nachwuchs zu schaffen.
Wir wollen das soziale Umfeld des Athleten verbessern und zwar
vor, während und nach der Karriere. In den beiden Schweizer Skigymnasien
haben wir heute vielleicht 90 Schüler. Die Österreicher haben
in einem einzigen ihrer Skigymnasien über 280 Studenten. In Österreich
zahlen die Eltern ein jährliches Schulgeld von rund 5000 Franken.
Eine vergleichbare Schule in der Schweiz kostet die Eltern in etwa das
Siebenfache. Das geht nicht. Deshalb hat die Nachwuchsförderung für
mich Priorität im Wissen, dass das vielleicht weniger spektakulär
ist.
Und welche Bedeutung haben da die Regionalverbände?
Die sind sehr wichtig. Wenn ich an den Nachwuchs
denke, empfinde ich eine grosse Dankbarkeit gegenüber den Familien,
den Skiclubs und den Regionalverbänden, die ehrenamtlich sehr viel
leisten. Swiss-Ski übernimmt die Athleten ja schon auf einem Top-Niveau.
Hier darf ich als Walliser besonders stolz und dankbar sein, dass der
Walliser Skiverband so tolle Arbeit macht. Die gute Arbeit der Walliser
schlägt sich ja auch in unseren Kaderlisten nieder.
Zurück zum Spektakulärsten, den olympischen
Spielen: Wieviele Medaillen haben Sie budgetiert?
Es gibt keine Prognosen. Wir wünschen, dass
die Athleten die besten Voraussetzungen haben für Salt Lake City.
In den Bereichen Infrastruktur, Logistik, Forschung, etc. haben wir im
Rahmen unserer finanziellen Möglichkeiten alles getan, damit die
Athleten eine optimale Leistung erbringen können.
Seit dem Terroranschlag vom 11. September hat
sich einiges verändert. Wie beurteilen Sie als früherer Divisionär
die Sicherheit der Winterspiele in den USA?
Das IOC kam in seiner Lagebeurteilung klar zum Schluss:
Die Spiele werden durchgeführt. Aber das Organisationskomitee von
Salt Lake City wird seine Sicherheitsvorkehrungen intensivieren müssen.
Was in den nächsten Tagen und Wochen geschieht, wird ausschlaggebend
sein. Wenn die Terroristen auf einen Angriff der USA mit einem erneuten
Anschlag in Amerika oder Europa reagieren würden, dann stellt sich
die Frage nach der Durchführbarkeit wieder.
Salt Lake City 2002 sind für Sie ohnehin
besondere Spiele. Die Amerikaner erhielten damals den Vorzug gegenüber
Sion 2002. Mit welchen Gefühlen fahren Sie nach Salt Lake City?
Es ist eine meiner Stärken, dass ich ein Kapitel
abschliessen kann. Salt Lake City ist für mich in Zusammenhang mit
Sion 2002 kein Thema mehr. Als der Bestechungsskandal um die Vergabe der
Spiele nach Salt Lake City aufflog, war das kurz ein Thema. Damals hat
man uns die Frage gestellt, nötigenfalls für Salt Lake City
einzuspringen. Unsere Antwort war ein klares Nein. Es wäre nicht
seriös gewesen, kurzfristig die olympischen Spiele zu übernehmen.
Heute ist Salt Lake City für mich einfach der Austragungsort, an
dem wir unseren Sportlern optimale Voraussetzungen schaffen müssen.
Aber Hand aufs Herz: Irgendwann während der
Eröffnungsfeier muss doch der Gedanke kommen: Eigentlich müssten
diese Spiele im Wallis stattfinden?
Gut möglich, dass solche Gedanken auftauchen
werden. Aber ich unterscheide zwischen sachlichen Anliegen und den Emotionen.
Gefühle kann man nicht befehlen.
Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an den
19. Juni 1999 denken?
Die enorme Enttäuschung in der Bevölkerung.
In den selben Sekunden, als ich den Namen Turin hörte, war ich gedanklich
auf der Planta in Sitten. Mich hat der Entscheid des IOC wahnsinnig getroffen.
Aber meine erste Gedanken galten den Wallisern zuhause.
Auch die Nicht-Wahl Ogis zeigt doch, dass IOC-Wahlen
nach eigenen Gesetzmässigkeiten erfolgen?
Sport funktioniert immer nach eigenen Gesetzmässigkeiten.
Aber die angesprochenen Themen kann man nicht vermischen. Es war falsch,
Ogi fürs IOC kandidieren zu lassen. In China leben 1,4 Milliarden
Menschen. Die USA zählt 260 Millionen Einwohner. Beide Länder
haben je zwei IOC-Mitglieder. Die Schweiz mit 7 Millionen Einwohner hat
bereits fünf IOC-Mitglieder. Und jetzt sind wir enttäuscht,
dass kein 6. Mitglied gewählt wurde. Das hat nichts zu tun mit Adolf
Ogi. Das sind Gesetzmässigkeiten, für die man auch Verständnis
haben muss.
Aber war nicht einfach das internationalen Lobbying
zu schlecht? Das hat ja auch FIFA-Präsident Sepp Blatter kritisiert.
Und das war ja auch eine der Schwächen von Sion 2006.
Um gute Beziehungen aufzubauen, reicht es nicht,
einfach einige Telefonate zu führen und ein Geschenk zu überreichen.
Lobbying braucht Zeit. Das nationale olympische Komitee der Italiener
hat seit Jahrzehnten die Drittländerstaaten mit Sporthilfegelder
unterstützt. Dieses in so kurzer Zeit wett zu machen, ist sehr schwer
und wirkt schon fast plump. Es stimmt: Wir haben international ein schlechtes
Lobbying, aber die Schweiz hat international zu wenig Freunde. Obwohl
sich unser Land häufig solidarisch zeigt, sind wir eben doch ein
reicher Staat, der häufig im abseits steht oder nur dort mitmacht,
wos dann auch rentiert.
Blicken wir in die Zukunft: Was halten Sie von
der Olympiakandidatur Bern-Montreux-Wallis 2010?
Die Tatsache, dass die Schweiz nochmals kandidiert,
freut mich als Direktor des Skiverbandes natürlich. Dann ist der
Sport in der Wirtschaft und der Politik ein Thema. Selbst auf das Risiko
hin, erneut nicht gewählt zu werden, ist die Kandidatur richtig:
Wenn etwas nicht klappen sollte, wäre man allenfalls bereit einzuspringen.
Und schliesslich verbessern wir mit einer Kandidatur unser internationales
Lobbying.
Kurz nach der nationalen Ausmarchung zugunsten
der Berner war zu hören: Das Dossier der Berner sei bereits besser
als damals die Kandidatur Sion 2006.
Ein Vergleich der Kandidatur Sion 2006 mit der Berner
Bewerbung ist zurzeit gar nicht möglich. Noch liegt nur ein Grobkonzept
und kein eigentliches Dossier von Bern-Montreux 2010 auf dem Tisch. Aber
die beiden Kandidaturen sind sehr unterschiedlich. Ob die Sportler vom
Olympischen Dorf in Sitten oder vom Olympischen Dorf in Bern zu den Wettkämpfen
nach Montana oder Veysonnaz fahren, ist doch nicht ganz dasselbe.
Also müssten die Austragungsorte für
Bern 2010 zentralisiert werden? Auch im Berner Oberland gäbe es weltcuperprobte
Skistationen.
Ich will mich nicht zu Details äussern. Wir
haben unsere Hilfe angeboten. Sobald uns das Kandidaturkomitee kontaktiert,
werden wir diese Gespräche führen. Lauberhorn und Adelboden
sind Klassiker. Aber das ist nur der technische Aspekt. Die ganze Logistik
ist ein anderes Thema vor allem in Wengen, das nur über die
Bahn erreichbar ist.
Wenn die Kandidatur Bern-Montreux 2010 in die
Endphase kommt oder sogar den Zuschlag erhielte, würden Sie diese
Herausforderung als Mister Olympia nochmals annehmen?
Nein. Das Thema Olympische Spiele ist für mich
erledigt. Jetzt will ich mich auf meine Arbeit als Direktor von Swiss-Ski
konzentrieren. Ich bin von den Bündnern und den Berner angefragt
worden. Und ich habe in beiden Fällen klar Nein gesagt. Und das wird
auch in Zukunft so bleiben. Ich werde nicht Mister Olympia 2010.
Zurück zum Weltcup: Hier wären doch
neue Marketingideen gefragt, damit das Interesse nicht weiter nachlässt?
Das Produkt Ski als Show zu verkaufen, ist
nebst der Nachwuchsförderung mein Hauptanliegen. Mit Sachleistungen
und Bargeld haben wir heute ein Budget von beinahe 30 Millionen Franken.
Davon stammen bloss 2,5 Millionen Franken von den Mitgliedern. Der Rest
muss über Sponsoring eingebracht werden. Und deshalb muss das Produkt
Ski stimmen. Das ist abhängig vom Marktwert des Sports und dem konkreten,
möglichen Käufermarkt. Top-Einschaltquoten in der Schweiz freuen
uns zwar, aber unsere meist global tätigen Sponsoren wollen internationale
Beachtung. Wir wollen deshalb im Rahmen der FIS mit den Ländern,
die Weltcup-Anlässe durchführen und eine Weltcup-Mannschaft
haben, eine Interessengemeinschaft formieren, um so den Skisport besser
verkaufen zu können.
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