D i e   a u f l a g e s t ä r k s t e   Z e i t u n g   d e s   O b e r w a l l i s

      
Der Niedergang der Swissair hat auch Auswirkungen auf das Gästeaufkommen aus den USA, Japan und England
Walliser Tourimus erwartet massive Einbussen


Die Swissair über den Walliser Alpen
 
Zermatt / Saas Fee / Die Swissair gehört zum Tourismusland Schweiz wie das Matterhorn. Der Niedergang der einst stolzen Airline hat deshalb auch direkte Folgen auf den Walliser Tourismus. Aus den Herkunftsländern USA, Japan und England erwarten die Tourismusprofis „massive Einbussen“.

Von German Escher

Die Prognose von Roland Imboden, Direktor von Zermatt Tourismus, ist wenig verheissungsvoll: „Wir rechnen in unserem Amerika-Geschäft mit einem Rückgang von 50 Prozent.“ Zwei Drittel der rund 200`000 Logiernächte, die das Wallis pro Jahr dank den Gästen aus den USA verzeichnen kann, betrifft das Matterhorn-Dorf. Glücklicherweise sei im USA-Markt das Wintergeschäft schwächer als der Sommer. Und bis zum nächsten Frühling dürften viele Gäste das Swissair-Debakel wieder vergessen haben. Roland Imboden: „Andere Ereignisse werden die Swissair aus den Schlagzeilen verdrängen.“ Trotzdem meint auch der Zermatter Tourismusdirektor: „Der Imageschaden für die Schweiz ist enorm.“ „Wir werden nicht unbeschadet davon kommen“, beurteilt Simon Bumann, Tourismusdirektor von Saas Fee, die Situation. USA und Japan sind für das Gletscherdorf weniger wichtig. Negativfolgen befürchtet Bumann eher aus England - und aus der Schweiz: „Die Region Zürich ist für uns ein wichtiger Markt. Die steigenden Arbeitslosenzahlen der Swissair werden wir zu spüren bekommen.“ Auf den betroffenen Auslandmärkten USA, Japan (welche für Saas Fee allerdings weniger wichtig sind) und England rechnet Tourismusdirektor Bumann mit Einbussen von drei bis vier Prozent.

USA-Marketingreise abgesagt
Mit „massiven Rückgängen“ im Übersee-Geschäft rechnet auch Marcel Perren, Leiter Gästemarketing bei Wallis Tourismus (WT). Auch Gegenmassnahmen brächten da wenig, glaubt der WT-Vizedirektor. Im Gegenteil: „Eine für Ende Oktober geplante Marketingreise mit Vertretern aus Genf, Waadt, Wallis an die Westküste der USA wurde abgesagt.“ Die hierfür vorgesehenen Gelder möchte man für Marketingbemühungen innerhalb Europa verwenden. Marcel Perren hofft, dass als Folge der Terroranschläge die Europäer ihren Urlaub verstärkt innerhalb von Europa und somit vielleicht auch vermehrt in der Schweiz verbringen werden.

Swissair als Türöffner fehlt
Noch schlimmer könnten die mittelfristigen Folgen des Swissair-Niedergangs sein. Marcel Perren von Wallis Tourismus: „Wir haben auf den Übersee-Märkten eine enge Kooperation mit der Swissair.“ Vor allem auf den Zukunftsmärkten wie etwa in China habe Swissair für den Schweizer Tourismus eine wichtige Türöffnerfunktion gehabt, sagt Roland Imboden zur RZ. Er befürchtet, dass die Streichung vieler Langstreckenflüge gerade zulasten solcher Länder gehen könnte. Dann verlöre das Tourismusland Schweiz in diesen Märkten ein wichtiges Standbein.

Die Marktbearbeitung wird mit dem Niedergang der Swissair nicht nur schwieriger, sondern auch kostenintensiver. Bisher flogen Vertreter ausländischer Medien und Tour Operator auf Einladung von Schweiz Tourismus kostenlos mit Swissair in unser Land. Diese Unterstützung fällt künftig weg. Auch die Verkehrsdirektoren, die auf ihren Dienstreisen ins Ausland nur den halben Swissair-Tarif zu berappen hatten, müssen künftig die Budgets der örtlichen Verkehrsvereine stärker strapazieren. Und das ganze Werbematerial, dass die nationale Airline praktisch kostenlos um den halben Globus transportiert hat, dürfte künftig nur noch gegen Rechnung mitfliegen.

Optimistisch bleiben
Trotz der negativen Vorzeichen versucht man an der Tourismusfront optimistisch zu bleiben. Der Feer Tourismusmanager Simon Bumann: „Saas Fee ist für Weihnachten, Neujahr und Fasnachten bereits sehr gut ausgelastet.“ Dieselbe Einschätzung im Matterhorn-Dorf: „Wir hatten im September bedeutend mehr Anfragen als letztes Jahr. Der Buchungsstand ist bereits sehr gut“, stellt Tourismusdirektor Roland Imboden fest. „ Auch die Echos der Hotelliers sind sehr positiv. Die vielerorts erwarteten Annulationen blieben bisher weitgehend aus.“ Offen bleibt, wie sich die Gegenangriffe der Ameriker auswirken werden.

 

Grengiols / Zürich / Er ist seit zwei Jahren Linienpilot bei der Swissair. Der 29jährige Patrick Blatter aus Grengiols über die Gründe des Swissair-Kollaps.

Wer ist Schuld an der derzeitigen Misere der Swissair?
In erster Linie ganz sicher das frühere Management und der Verwaltungsrat der SAirGroup. Sie haben eine Strategie (die zu diesem Zeitpunkt vielleicht nicht einmal die falsche war) verfolgt, ohne sich jedoch regelmässig zu hinterfragen, ob man noch auf dem richtigen Kurs ist. Es ist bekannt, dass Moritz Suter (Verwaltungsratspräsident & Gründer der Crossair) schon seit langem versucht, Langstreckenflüge anzubieten. Er war Anfang dieses Jahres während 43 Tagen CEO der Swissair. Während dieser Zeit hatte er genügend Einblicke, um die Schwachstellen unserer Swissair auszuloten. Es reichte dann, nur noch den geeigneten Zeitpunkt für eine Übernahme abzuwarten. Und dieser Zeitpunkt war da, als am 11. September der Terroranschlag in den USA geschah und die Welt-Luftfahrtindustrie in eine Krise stürzte.

Sind Sie wütend auf die Schweizer Grossbanken UBS und CS?
Ich bin wütend auf die Schweizer Grossbanken. Der Präsident einer dieser Grossbanken sass jahrelang in unserem Verwaltungsrat und trägt somit zum Kollaps der Swissair seine Mitschuld. Sich jetzt als Retter der Schweizerischen Zivilluftfahrt aufzuspielen, finde ich persönlich sehr hinterhältig. Die Schuld jetzt aber allein den Grossbanken zu geben, finde ich nicht ganz richtig. Wütend bin ich vor allem auf das Crossair-Management. Es war eine stabsmässig geplante Aktion, die willkürlich zum Stillstand unserer Swissair-Flotte führte.

Haben Sie Angst um Ihren Arbeitsplatz?
Ja, ich habe Angst um meinen Arbeitsplatz. Ich weiss heute noch nicht, was nach dem 28. Oktober sein wird. Ich kann mir durchaus vorstellen, weiterhin als Linienpilot bei einer neuen Schweizer Fluggesellschaft zu arbeiten. Dies kann ich aber nur machen, wenn ich Vertrauen in den Verwaltungsrat und den operativen Leiter habe. Im Moment kann ich jedoch nichts aussagen, da noch vieles ungewiss ist.

 


Oberwallis / Die Schande der Schweiz mit dem Niedergang der Swissair hat weitreichende Folgen für Wirtschaft und Tourismus. Die Angst und Unsicherheit der Swissair-Angestellten ist gross: Fünf Oberwalliser Flight-Attendants zwischen Wut, Enttäuschung, Angst und Hoffnung.

Am Montag, 1. Oktober 2001, um 10 Uhr startet der Flug SR 106 planmässig von Zürich/Kloten nach Los Angeles. Mit an Bord die beiden Oberwalliser Flight-Attendants Eveline Kaufmann und Simone Salzmann. „Wir waren wohl ein bisschen beunruhigt über die prekäre Finanzsituation der Swissair“, erinnert sich Eveline. Trotzdem glauben die beiden an eine glückliche Wende. Weit gefehlt: Noch während des Fluges wird die Crew der MD-11 über die dramatischen Ereignisse informiert. Nichts geht mehr. „Wir waren schockiert.“ Simone wirkt immer noch ungläubig. „Das schlimmste war aber die grosse Ungewissheit, wie wir in die Schweiz zurückkommen.“

Nichts geht mehr
Nach der Landung in Los Angeles wird die Schweizer Bord-Crew angewiesen, als Passagiere mit der gleichen Maschine zurückzufliegen. In der amerikanischen Metropole treffen in der Zwischenzeit noch andere Swissair-Kollegen ein, unter ihnen auch Flight-Attendant Nadja Di Vincenzo. „Wir waren am Vortag nach L.A. geflogen und sollten eigentlich noch einige Tage bleiben“, erinnert sich die Natischerin. Die neue Devise: Zurück zur Basis. „Die ganze Situation war dermassen trostlos, dass wir uns alle umarmten und einfach drauflos geheult haben“, meint Eveline. Nach elf Stunden Flug landet die Maschine wieder auf Heimatboden. „Ein furchtbarer Moment.“ Simone schüttelt den Kopf. „Als ich die Swissair-Flotte fein aufgereiht am Boden sah, überkam mich eine endlose Hilflosigkeit. Erst jetzt realisierte ich das ganze Ausmass der Katastrophe.“

Endlose Warterei
Während ihre Kolleginnen auf dem Flug nach L.A. sind, macht sich Flight-Attendant Margot Gsponer an die Vorbereitungsarbeiten für den Flug nach Delhi. Die Gästeliste wird noch einmal durchgecheckt, das Essen wird warmgestellt und die Getränke gekühlt. Die Maschine nach Delhi soll um elf Uhr vom Zürich-Airport abheben. Aber: Der Abflug verzögert sich, weil die Maschine noch nicht vollgetankt ist. Die FlugbegleiterInnen werden angewiesen, das Essen zu servieren. „Die Stimmung an Bord war zwar leicht gereizt, aber keinesfalls hektisch“, erklärt Margot. Die Warterei geht weiter und zehrt an den Nerven. Der Kapitän vertröstet die Passagiere immer und immer wieder. Was weder Crew noch Passagiere wissen: Auf dem Flughafen geht nichts mehr. Der ganze Betrieb ist völlig ausser Kontrolle geraten. Über fünf Stunden werden die Insassen im Flugzeug festgehalten. Dann erst werden sie aus ihrem metallenen Gefängnis befreit. Die Reaktionen auf die Endlos-Warterei fallen unterschiedlich aus. Margot Gsponer: „Während einige der Passagiere auf die Swissair schimpften, haben uns andere getröstet und zugesprochen.“

Enttäuscht und frustiert
„Ich bin enttäuscht und wütend, dass man eine Firma derart hängen lässt“, schimpft Manuela Pacozzi-de Wit auf die Grossbanken. Die erfahrene Flight-Attendant war am 1. Oktober daheim, als die Swissair aus Kostengründen alle Flüge streichen musste. „Allerdings“, räumt sie ein, „die Banken sind nicht alleine Schuld an dem Desaster. Der frühere SAir-Verwaltungsrat hat mit Sicherheit auch Fehler gemacht.“ Nach der Millionen-Finanzspritze aus Bern wird die Swissair voraussichtlich noch bis zum 28. Oktober 2001 weiterfliegen. Wie die künftige Schweizer Flug-Airline aussieht, ist weiter offen. Ein Zusammengehen mit der Crossair bleibt abzuwarten. „Wir glauben an eine künftige Swiss-Airline und stehen auch weiterhin für die Swissair ein“, gibt man sich vorsichtig optimistisch. Eveline, Margot, Manuela, Simone und Nadja waren auch an den Kundgebungen in Zürich und Bern. „Wir haben eine grosse Solidarität unter der Bevölkerung gespürt“, meint Simone. „Die Swissair-Krise trifft ja nicht nur die Angestellten des Unternehmens, sondern die ganze Wirtschaft unseres Landes.“ Trotz der misslichen Situation und Unsicherheit geben sich die fünf Frauen selbstbewusst: „Wir arbeiten auch in Zukunft als Flight-Attendants.

 


 

 

      
Heute & morgen

/

/


RZ-Newsletter
Email-Adresse eingeben und Sie werden informiert:
Suchen


Have a look at: