| Oberwallis / Schwierige Zeiten für
die meisten Oberwalliser Bergbahnunternehmungen: Viele Gesellschaften sind
überschuldet, leiden unter veralteten Strukturen oder müssten
ihre Anlagen erneuern. Die Folge: Der Druck zu sparen, kooperieren und fusionieren
wächst.
Von German Escher
Peter Furger, Sanierer
in Saas Almagell, Zermatt und Crans Montana, sagt es offen: Das
Führungsdefizit in der Bergbahnbranche ist enorm. Seine Schlussfolgerung:
Die Strukturen müssen dringend angepasst werden. Oder etwas salopper
formuliert: Fachleute statt Dorfkönige müssen künftig über
das Schicksal der Bergbahnen entscheiden. Es steht zu viel auf dem
Spiel. Die Bergbahnen sind der Motor des Tourismus in den Alpen,
meint Furger und ergänzt: Wir haben die Konkurrenz zu wenig
analysiert. Diese Feststellung macht auch Hans-Peter Zeiter, Direktor
der Belalpbahnen und Vorstandsmitglied der Walliser Bergbahnen: Der
Nachfragedruck lässt nach. Die Schneeprobleme einiger Winter sind
ein möglicher Grund. Aber auch unsere Konkurrenz, etwa in Oberitalien,
hat massiv ausgebaut. Die Folge: Die Gäste aus Italien bleiben
immer häufiger aus. Der Trend zu Flugferien hat die Nachfrage weiter
gedämpft. Und noch ist nicht absehbar, wie sich Terror, Krieg und
Swissair-Misere auf die Branche auswirken.
Allerdings: Die Hauptursachen
sind hausgemacht und früher passiert. In einigen Orten sind
in den frühen 90er Jahren unvorsichtige und nicht betriebsnotwendige
Investitionen getätigt worden, stellt Hans-Peter Zeiter, Vorstandsmitglied
der Walliser Bergbahnen, allgemein fest. Doch während in den 70er
und 80er Jahren die Teuerung wesentlich zur Amortisation beigetragen hat,
fehlt heute diese Finanzhilfe. Die Folge: Die Schuldenberge
wachsen - und schon bald müssen die Bahnen und Lifte vielerorts wieder
erneuert werden.
Fusionen sind unumgänglich
Jetzt wächst der Druck auf die
Bergbahnen, enger zusammen zu rücken und zu sparen. In Zermatt
entsteht ein Modellunternehmen, ist Furger überzeugt. Das Spar-
und Synergiepotential ist enorm. Bei der fusionierten Zermatter Bergbahn
dürften es 4,5 Millionen Franken sein, rund zwei Drittel davon werden
beim Personal eingespart. Es werde zwar weniger, aber attraktivere Arbeitsplätze
geben, glauben die Fachleute. Von professionellerem Führungsmodell
und modernsten technischen Hilfsmitteln ist die Rede.
Tatsache ist: Die Fusion
der Zermatter Bergbahnen muss wohl wegweisend sein für die anderen
Bergbahnen im Oberwallis - beispielsweise fürs Aletschplateau. Hier
muss in einem ersten Schritt der Schulterschluss der Riederalpbahnen mit
den Verkehrsbetrieben Riederalp vollzogen werden. Luftseilbahndirektor
Martin Reusser: Die Gespräche - auch mit den Banken - sind
in der Schlussphase. Wir hoffen, noch dieses Jahr zum Abschluss zu kommen.
Gemeinsam mit dem Verkehrsbetrieben (in der nebenstehenden Tabelle nicht
aufgelistet) entstünde der viertgrösste Bergbahnbetrieb im Oberwallis
mit rund elf Mio. Franken Umsatz. Ein weiterer Schritt müsste konsequenterweise
aber folgen. Doch die Fusion aller Bahnen auf dem Aletschplateau ist laut
Anton König, Direktor der Verkehrsbetriebe Bettmeralp, im Moment
kein Thema.
Immer wieder sanieren?
Aus topografischen Gründen werden
Fusionen nicht überall möglich sein. Hier schwebt dem Fachmann
Furger eine engere Kooperation der grossen mit den mittleren Betrieben
vor - etwa im Bereich Buchhaltung oder EDV.
Allerdings bleibt Furgers
längerfristige Einschätzung wenig erfreulich: Mittlere und kleinere
Bergbahnen und Skiliftbetriebe sind in Zukunft kaum noch gewinnbringend
zu führen. In Zeitabständen von 20 bis 25 Jahren werden vielerorts
nicht nur die Transportanlagen, sondern auch die Finanzen saniert werden
müssen. Und da wirds ohne Hilfe der Gemeinden kaum gehen. Das Problem:
Auch für die Gemeinden sind die goldigen Zeiten endgültig vorbei.
Noch prekärer wirds in kleineren Skigebieten, wo ohne ständige
Zuschüsse der öffentlichen Hand und der Aktionäre bald
nichts mehr gehen wird.
Anlagen schliessen?
In kleineren Stationen, wo der Tourismus
keine enorme wirtschaftliche Bedeutung hat, stellt sich die Frage, ob
man Anlagen stilllegen will. Aus Rücksicht auf die Wohnqualität
und als Massnahme gegen die Entvölkerung sollte davon abgeraten werden,
meint auch Furger. Allerdings stellt sich die Frage der Betriebsschliessungen
auch in den grossen Kurorten. RZ-Leser wissen seit langem: das Stockhorn-Gebiet
wird teilweise geschlossen. Andere Anlagen dürften folgen. Jede
Beförderungsanlage sollte das Gebiet optimal erschliessen,
hält Hans-Peter Zeiter grundsätzlich fest. Die Ertrags-Kostenrelation
muss stimmen. Auch Peter Furger plädiert dafür, dass während
der Nebensaison nicht immer überall alle Bahnen in Betrieb sein müssen.
Weil zu dieser Zeit auch weniger Gäste unterwegs sind, kann nach
Ansicht Furgers auch nicht von Leistungsabbau gesprochen werden. Die Qualität
- etwa in bezug auf die Pistenpräparierung - müsse stimmen.
Angebot verbessern
Für die Branchenfachleute ist
klar: Nur optimale Betriebsgrössen und professionelleres Management
helfen den Bergbahnen aus der Krise. Dazu muss laut Furger allerdings
auch am Angebot gefeilt werden. Nicht jeder Gast ist Skifahrer oder Snowboarder.
Andere Erlebniswerte - sei es in der Gastronomie oder Attraktionen wie
Eisgrotten - sind notwendig, um Zusatzfrequenzen zu erzielen.
Zur Angebotsverbesserung gehört nach Ansicht
von Hans-Peter Zeiter auch die optimale Erschliessung. Für die Belalpbahnen
ist eine neue Zubringerbahn eine absolute Notwendigkeit: Wir sind
zur Vorwärtsstrategie verdammt. Ansonsten muss man den Mut haben,
Anlagen zu schliessen.
Finanzplanungsexperte Klaus Zurschmitten plädiert
für staatliche Hilfe zugunsten der Bergbahnen:
Brig / Klaus Zurschmitten als anerkannter, auf
Bergbahnen spezialisierter Finanzplanungsexperte plädiert für
Staatshilfe zugunsten der Bergbahnen.
Wie gehts der Bergbahnbranche?
Unterschiedlich. Rund ein Viertel der Betriebe haben gute Perspektiven.
Ein Drittel erhält in der Beurteilung ein Genügend. Dem Rest
gehts schlecht bis sehr schlecht und wird wohl ohne Hilfe von aussen
nicht mehr über die Runden kommen. Alle Experten sind sich heute
eigentlich einig: In zehn Jahren wird es einen Drittel der Bergbahnen
in der Schweiz nicht mehr geben. Diese Strukturbereinigung wird auch das
Oberwallis treffen.
Wie hoch schätzen Sie den Sanierungsbedarf
im Oberwallis ein?
Man darf nicht nur von den eigentlichen Sanierungen reden, sondern
muss die notwendigen Investitionen mitberücksichtigen. Fürs
Oberwallis dürfte dieser Finanzierungsbedarf für die nächsten
fünf Jahre bei mindestens 150 bis 200 Millionen Franken liegen. Doch
hier stellt sich das Problem, dass die Banken kaum mehr mitmachen. Also
muss das Eigenkapital erhöht werden, was aber immer schwieriger wird.
Sehen Sie andere Modelle ?
Ich sehe durchaus Parallelen zur Swissair. Nicht alle Probleme der
Branche sind hausgemacht. Einige Bahnen kämpfen trotz gutem Management
ums Überleben. Weil die Bergbahnen für die Schweiz ebenso wichtig
sind wie die Swissair, muss der Staat hier helfen.
Müssten sich Bergbahnen nicht stärker
auf Investoren statt auf Hilfe der Steuerzahler ausrichten?
Als Anlageobjekt sind die meisten Bergbahnen heute nicht interessant.
Um Investoren stärker anzulocken, müssen die Bergbahnen transparenter
werden und ihre Aktionäre pflegen. Kleinere und kompetente Verwaltungsräte
und ein gutes Management alleine genügen nicht immer. Kooperationen
- und wo dies geografisch sinnvoll ist auch Fusionen sind unumgänglich.
Einsparungen sind aber nur das eine. Die Bergbahnen müssen gleichzeitig
ihr Marketing verbessern. Letztlich helfen nur höhere Frequenzen
und Umsätze den Bahnen weiter.
Was geschieht mit den kleinen Bahnen?
Das ist ein politischer Entscheid. Will man die Bahnen in kleinen
Stationen am Leben erhalten, muss der Staat helfen. Die Gemeinden alleine
sind hier überfordert. Hier sind der Kanton und der Bund gefordert.
Oder es braucht den Mut zur Schliessung?
Das stimmt. Aber man kann sich auch fragen, warum soll die Bergbahn
für alles Mögliche aufkommen. Beschneiungsanlagen, der Unterhalt
der Wanderwege oder der Betrieb während der Vor- und Nachsaison sind
Dienstleistungen, die eigentlich von den übrigen Interessierten teilweise
abgegolten werden müssten. Eine Nutzniesserfinanzierung
würde mancher Bergbahn das Überleben vereinfachen.
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