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Frontal-Interview
"Das Wallis muss wegkommen vom Kantönligeist"


Gregor Furrer
 
Baar / Riederalp / Wer früher auf der Greicheralp noch Kühe gehütet hat, zählt heute zu den weltweit erfolgreichsten Skiproduzenten. Die Rede ist vom Greicher Gregor Furrer, der die Skimarke Völkl als Leiter und Mitbesitzer wieder zum Erfolg führte. Er nimmt Stellung zu Show, Querdenkern und Sesselklebern im Skisport und wirft einen Blick von aussen auf das Wallis.

Von Waldemar Schön

Der Winter steht vor der Tür: Warten Sie auf den ersten Schnee oder werden Ihre Skier so oder so gekauft?
Gregor Furrer: Ich glaube an das alte Sprichwort „dr Winter erwirft, wes ds fruo chunt cho schnije“. So gesehen ist mir Schnee im November lieber als mitten im Oktober. Aber für unsere Branche ist es sehr wichtig, dass der Winter zur rechten Zeit, also im November, kommt. Schnee im März ist für uns Nebensache.

Der Carvingski ist erfunden. Was hat man denn in diesem Jahr an Neuigkeiten zu erwarten?
Die grosse Krise der Skibranche anfangs der 90er Jahre, die durch den Snowboardboom ausgelöst wurde, ist zum Glück dank Carving beendet. Wir haben damals leider nicht an den Erfolg des Snowboards geglaubt und haben dafür gebüsst. Das Snowboard war der Ausbruch der Jugend aus der sturen, konservativen und schon fast militärisch organisierten Welt des Skisports. Auch ich wurde diesbezüglich vom Saulus zum Paulus. Carving hat sich aus dem Snowboard entwickelt und ist die Revolution des Skis in den letzten 30 Jahren. In den nächsten zehn Jahren wird keine derartige Revolution mehr stattfinden. Der Entwicklung sind hier technische und vor allem sicherheitsmässige Grenzen gesetzt. Was aber kommen wird und zum Teil schon läuft, ist die Entwicklung von Skisystemen.

Das heisst?
Ski, Platte und Bindung werden als System entwickelt, das perfekt aufeinander abgestimmt ist. Ein Autofabrikant stellt auch nicht nur Chassis und Motor zusammen, damit dann der Kunde den Rest besorgt. Der Erfolg gibt uns dabei recht. Denn von 450’000 Paar Skiern, die wir jährlich verkaufen, gehen 65’000 Einheiten schon auf das Konto unseres Systems „Motion“.

Da bleibt aber nur mehr Raum für die Grossen?
Ich gehe davon aus, dass weltweit noch fünf oder sechs grosse Skiproduzenten bestehen bleiben werden, die solche Systeme anbieten.

Kleinen Produzenten, wie es auch Sepp Bürcher von der Riederalp ist, prophezeien Sie also das Ende?
Nicht das Ende. Denn wo Grosse sich den Markt teilen, bleiben immer Nischen für spezielle Produkte. Das Risiko, in kleiner Stückzahl eigene Skis zu produzieren, ist wegen den hohen Produktionskosten enorm gross. Ich bewundere den Mut von Sepp. Aber mir ist lieber, er muss es machen statt ich.

Der Ski Weltcup beginnt jetzt in Europa schon Ende Oktober statt im Dezember. Ist das noch gesund?
Für uns Skiproduzenten ist ein früher Weltcupstart sehr wichtig. Aber ich bin gegen Rennen, die eine weisse Rennpiste in einer braunen Umgebung zeigen. Deshalb erfolgte ja der Start in diesem Jahr in Sölden auf dem Gletscher.

Es wird auch immer die Forderung nach mehr Show im Skisport laut. Wie soll man das anfangen?
Ich bin ein starker Verfechter von Nachtrennen, die in der Nähe von Städten stattfinden. Wieso nicht ein Slalomhang am Züribärg? In Österreich funktioniert dies sehr gut. Slaloms, aber auch Riesenslaloms könnten problemlos als Abendveranstaltungen über die Bühne gehen.

Sie stecken mit Fahrerinnen wie Sonja Naef sehr viel Geld in den Rennsport. Steht das in einem gesunden Verhältnis zum Rücklauf?
Ganz klar ja. Bei Völkl fliessen rund acht Prozent des Umsatzes ins Marketing, und das Skisponsoring ist ein Teil dieses Budgets. Neben der Publizität, die der Skirennsport schafft, ist für uns die Entwicklung des Materials unter Rennbedingungen enorm wichtig. Mit den Skirennfahrern haben wir Profis als Tester, die uns genau sagen können, wie sich ein Gerät bei welchen Bedingungen verhält und die unsere Produkte bis zum obersten Limit ausreizen.

Stars im Skisport sahnen zwar schwer ab. Aber es dünkt mich, dass dem Skisport im Moment die grossen Namen, die Rebellen mit eigenen Wegen, etwas fehlen?
Der Skisport braucht Ausnahmepersönlichkeiten wie Hermann Maier oder Alberto Tomba, die sich nicht in feste Strukturen einpassen lassen. Deshalb bedaure ich es auch sehr, dass Didier Plaschy nicht mehr mit dabei ist. Es braucht Leute wie ihn im Skisport: Er ist unkonventionell, intelligent, sehr talentiert aber eben nur schwierig führbar.

Im Skisport gibt es noch immer Nationalteams anstelle von Markenteams. Snowboard und vor allem die Formel 1 zeigen doch, dass dies veraltet ist?
Seit ich im Skisport dabei bin, und das sind jetzt immerhin 37 Jahre, ist dies ein Thema. Nur: Der Skisport hat sich völlig anders entwickelt als Snowboard oder die Formel 1. Der Skisport basiert auf den nationalen Verbänden, die sehr stark sind und auf ihre Stellung nicht verzichten wollen. Ich muss Bernhard Russi recht geben, wenn er sagt, dass der Skirennsport zu demokratisch aufgebaut ist. Aber es ist nun mal enorm schwierig, gewachsene Strukturen und Vorrechte aufzubrechen. Könnte man aber den Skiweltcup vermarkten wie die Formel 1, würde dies einen Boom auslösen, der unglaubliche Ausmasse annehmen würde.

Ihr Bruder Art Furrer wäre wohl im Zusammenhang mit den Verbänden etwas direkter. Er würde von Betonköpfen und Sesselklebern sprechen?
Wahrscheinlich hat Art damit sogar recht. Denn in vielen Verbänden gibt es „Ausgehockte“ und „Hochgediente“, die in der Regel nicht die Innovativsten sind. Selbstherrlichkeit findet sich in allen Verbänden wieder und man lässt sich nicht gerne sagen, wie man’s machen sollte. Das gilt übrigens auch für die Rennorganisatoren. Rennen wie in Val d’Isère oder Val Gardena, wo lediglich ein paar Funktionäre im Zielraum stehen, sind die „Teeter vam Schgirennsport“.

Ihre Sprache ist noch die eines Greichers. Sie sind regelmässig auf der Riederalp. Wie verbunden Sind Sie noch zum Wallis?
Meine Frau Anita ist aus Ried Mörel, wir haben ein Haus auf der Riederalp gebaut, unsere gesamte Verwandtschaft lebt hier und wir verbringen eigentlich regelmässig Zeit im Wallis. Zudem haben wir im Wallis sehr gute Kunden und pflegen enge Kontakte zu Sportlern wie Lilian Kummer oder Michaela Mattig. Uns verbindet sehr viel mit dem Wallis.

Der Werdegang von Ihrem Bruder Art ist bekannt. Sie hingegen sind zurückhaltender, stehen weniger in der Öffentlichkeit. Wie wird man vom Kuhhirten auf der Greicheralp zum Chef von einem Sportkonzern?
„Me muess eifach viel schaffe!“ Art und ich sind ähnlich im Denken, sind zielstrebig und hartnäckig, äussern dies aber anders. Art ist der Haudegen und ich bin eher der Diplomat, obwohl ich ein Jahr jünger bin. Angefangen habe ich als Vertreter bei Raichle, wechselte zu Marker, baute die Firma auf und konnte die Marker Schweiz vor 20 Jahren zusammen mit meinen engsten Mitarbeitern übernehmen. Später kamen die Vertretungen von Völkl, Uvex, Descente und Chervò dazu. 1992 haben wir dann die Firma Völkl weltweit mit ihren damals 530 Mitarbeitern übernommen.

Alles spricht von Rezession: Wie sehen Sie als Topshot der Wirtschaft dieses Problem?
Für den kommenden Winter habe ich um den Schweizer und Walliser Tourismus und damit auch um den Skisport keine Angst. Denn viele Leute werden nicht in die Ferne schweifen, sondern die Nähe in den Alpen suchen. Der nächste Sommer wird sicherlich härter, denn die Gäste aus Übersee und Asien werden ein Loch hinterlassen. Aber trotzdem muss sich im Wallis einiges ändern.

Was?
Das Wallis muss seine Infrastruktur und Organisation verbessern. Das Wallis muss lernen, sich straffer zu organisieren und muss wegkommen vom „Kantönligeist“ und von der Politik, die da heisst: „Eine Hand wäscht die andere“. Man muss lernen, grosszügiger zu denken und professioneller zu handeln.

Können Sie auch Beispiele geben?
Die Bergbahnen im Wallis machen zu wenig Gewinne und können sich nur schwer refinanzieren. Das liegt doch daran, dass die Möglichkeiten zur Kosteneinsparung nicht oder zu wenig genutzt werden. In der Aletschregion gibt es aber heute noch vier verschiedene Bahngesellschaften mit Direktionen und Verwaltungen, die Kosten verursachen. Hier liegt ein unwahrscheinlich grosses Einsparpotenzial. Diese Arbeit könnte mit weniger Kosten ungleich professioneller betrieben werden. In Zermatt ist man diesbezüglich auf dem richtigen Weg, und diesem Beispiel werden weitere folgen.

Wie steht es mit der Destinationsbildung, der Zusammenarbeit der Verkehrsvereine?
Ich werde mich hüten, zum Beispiel der Destination Aletsch zu sagen, was und wie sie es zu machen haben. Nur eines: Aletsch und auch das Wallis haben ein gewaltiges Potenzial an Naturschönheiten und Erlebniswerten. Nur wird dies zuwenig ausgenutzt. Der Grund: Man ist noch zu sehr im politischen und familiären Clan-Denken verstrickt. Die Probleme im Wallis sind eben zum grössten Teil hausgemacht.

Wie nehmen Sie von aussen die Diskussionen im Wallis wahr?
Trotz der vorher erwähnten Schwierigkeiten: Der Ruf des Wallis ennet dem Lötschberg ist viel besser, als es das Wallis selber wahrhaben will. Denn der Walliser hat einfach das Gefühl, er werde ausserhalb des Kantons nicht richtig wahrgenommen oder gar belächelt. Dies ist vielleicht Ausdruck eines mangelnden Selbstwertgefühls. Doch das Wallis und die Originalität des Wallis ist in der Deutschschweiz sehr beliebt. Zudem gibt es ja sehr viele Walliser, die ausserhalb des Kantons enorme Karrieren in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft machen. Sie sind eben nicht verbraucht und zu sehr angepasst und können eigene Wege gehen.

Ist das nicht der Prophet im eigenen Land, der sich einfach anderswo entfaltet?
Sehen sie: Je kleiner eine Region ist und je besser man sich kennt, desto ausgeprägter greift auch die Missgunst um sich. In der Stadt ist alles etwas anonymer und die Missgunst hat weniger Wirkung. Der Neid ist ein grosser Hemmschuh jeglicher Entwicklung. Zudem betrachtet der Walliser alles zuerst politisch und Menschen werden politischen Feldern zugeordnet. Das hat früher funktioniert. Doch die jungen Walliser von heute sind zu gut ausgebildet, um sich in verhärtete Strukturen einbinden zu lassen. Sie haben es mit ihrer Ausbildung nicht mehr nötig, sich hochzudienen, sondern verfügen viel schneller über die Fähigkeiten, Verantwortung in leitenden Positionen zu übernehmen. Wenn man es im Wallis schafft, den jungen und sehr gut ausgebildeten Wallisern die Möglichkeit zur Entfaltung zu geben, werden sie auch nicht mehr nach Zürich oder Lausanne abwandern.


 

 

      
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