| Mörel / Riederalp / Mit der Anerkennung
als UNESCO-Weltnaturerbe für das Gebiet Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn
ginge für ihn ein grosser Wunsch in Erfüllung: Laudo Albrecht,
Leiter des Pro Natura Zentrums Aletsch. Im grossen RZ-Interview spricht
er über die Chancen der Wahl, die Bedeutung des Labels und sagt: Die
vielzitierten Unesco-Vögte aus Paris werden uns keine Vorschriften
machen.
Von German Escher und Walter Bellwald
Nächste Woche fällt die grosse Enscheidung,
ob das Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn-Gebiet das Unesco - Label erhält.
Ihre Prognose?
Wir dürfen optimistisch sein. Gemäss Evaluationsbericht
der internationalen Naturschutzunion IUCN, dem Fachgremium der UNESCO,
sind drei der vier geforderten Kriterien erfüllt. Die IUCN hat aber
auch verlangt, dass im Falle eines positiven Entscheides innerhalb von
drei Jahren ein Managementplan für das Gebiet vorgelegt werden muss.
Mit der Charta vom Konkordiaplatz und weiteren Dokumenten
haben wir dafür in der Zwischenzeit bereits eine wichtige Basis gelegt,
die beim Entscheid des Welterbekomitees nächste Woche in Helsinki
mitberücksichtig wird.
Was würde das Unesco-Label für Sie persönlich
bedeuten?
Mit dem Schutz des Aletschwaldes hat das Gebiet bereits
1933 eine Auszeichnung erhalten, die man mit einer Bronzemedaille vergleichen
könnte. 1984 kam das BLN-Gebiet oder die Silbermedaille. Das UNESCO-Label
wäre jetzt die Goldmedaille. Im gleichen Atemzug wie Serengeti oder
Grand Canyon genannt zu werden, ist etwas Tolles. Das UNESCO-Label trägt
dazu bei, den heutigen Schutzstatus für dieses Gebiet längerfristig
zu sichern. Ein anderer Aspekt ist mir aber ebenso wichtig: Die Auszeichnung
kann nämlich dem Tourismus neue Impulse verleihen.
Aber jede Medaille hat zwei Seiten: Keine Angst,
dass das Aletschgebiet überrannt wird?
Natürlich schlagen da zwei Herzen in meiner
Brust. Aus der Erfahrung in anderen Gebieten weiss man, dass das Label
Weltnaturerbe zusätzlich Leute anzieht. In dieser Chance
für den Tourismus liegt auch eine gewisse Gefahr für die Natur.
Das UNESCO-Gebiet braucht deshalb ein gutes Besuchermanagement. Wir haben
im Aletschwald, der seit bald 70 Jahren ein Schutzgebiet ist, Erfahrungen
mit der Besucherlenkung. Von Juni bis Oktober besuchen 50000 bis
70000 Personen dieses Schutzgebiet. In den 70er Jahren waren es
auch schon bis zu 100000 Besucher. Also haben wir ein gewisses Potential
für zusätzliche Gäste, ohne das die Natur darunter leiden
müsste. Auf jeden Fall sind wir bereit, diese Herausforderung anzunehmen.
Wie muss man sich das Managen von
Touristen vorstellen?
Der Besucherstrom wird sich auf die erschlossenen
Gebiete konzentrieren. Diese Konzentration mag zwar gefährlich sein,
erleichtert aber die Information der Besucher und notwendige Lenkungsmassnahmen.
Neben der Villa Cassel und dem Jungfraujoch sind weitere Informationszentren
geplant. Ausserdem gibt es die Idee zum Aufbau eines Welterbezentrums,
das in diesem Projekt eine wichtige Rolle spielen wird. Weitere mögliche
Massnahmen sind das Wegegebot oder Parkwächter, wie wir sie im Aletschwald
bereits kennen. Diese und weitere Massnahmen sind im Management zu konkretisieren.
Man spürt in ihren Aussagen das innere Feuer.
Aber sind auch die Tourismusmanager für den Unesco-Schutzgedanken
genügend sensibilisiert?
Das UNESCO-Projekt ist eine Chance für Naturschutz
und Tourismus, für einmal am selben Strick in die gleiche Richtung
zu ziehen. Es ging zwar relativ lange, bis die Tourismuskreise die Idee
unterstützt haben. Jetzt beginnt man sich Gedanken um die Vermarktung
dieses Labels zu machen. Ich werde mich auch in Zukunft dafür einsetzen,
dass beide Aspekte berücksichtigt werden: der Tourismus und der Natur-
und Landschaftsschutz. In Bezug auf die Sensibilisierung haben wir noch
einige Hausaufgaben zu leisten.
Also muss künftig jeder Tourismusmanager
im UNESCO-Gebiet zunächst im Pro Natura Zentrum Aletsch geschult
werden?
Warum nicht? Es ist doch wichtig zu sehen, welche
Naturschätze wir vor unserer Haustüre haben. Das betrifft allerdings
nicht bloss die Kur- oder Bahndirektoren, sondern jeden einzelnen in diesem
Gebiet. Wir leisten in unserem Naturschutzzentrum vor allem Informations-
und Sensibilisierungsarbeit, dabei stammen 98 Prozent der Gäste von
ausserhalb des Kantons. Die Einheimischen arbeiten zum grössten Teil
im Tourismus, kennen aber das Gebiet, das sie verkaufen, kaum. Hier muss
unbedingt ein Prozess in Gang kommen. Der Managementplan und das geplante
Welterbezentrum werden dabei neben dem Naturschutzzentrum
eine wichtige Rolle spielen.
Wer erarbeitet den Managementplan?
Das ist noch unklar. Gegenwärtig laufen die
rechtlichen Abklärungen, wie sich die 15 betroffenen Gemeinden organisieren
werden. Denkbar ist ein Zweckverband. Dieser Verband müsste dann,
zusammen mit Bund und Kanton, ein Regionalmanagement aufbauen, das auch
diesen Plan erarbeiten müsste. Bei einem positiven Entscheid werden
die Arbeiten sofort in Angriff genommen.
Die Schweizer sind eigentlich gebrannte Kinder,
die oft schon zu euphorisch den grossen, internationalen Entscheidungen
entgegengefiebert haben.
Es ist tatsächlich ein starker Optimismus verbreitet
worden. Gleichzeitig hat man aber auch dieses Sion 2006-Syndrom
gespürt. So wie die Kandidatur bisher gelaufen ist, halte ich eine
Ablehnung allerdings für unwahrscheinlich. Drei der vier von der
UNESCO geforderten Kriterien sind erfüllt. Um in die Welterbe-Liste
aufgenommen zu werden, muss nur eines erfüllt sein. Also haben wir
gute Voraussetzungen. Bei einer Zurückweisung des Schweizer Antrages
durch das Welterbekomitee sind zwei Szenarien denkbar. Erstens: Das Dossier
wird zur Überarbeitung zurückgewiesen, weil man zuerst den Managementplan
sehen möchte. Zweiter Grund für eine Rückweisung: Die Italiener
vertreten gestützt auf eine internationale Konferenz im Juni 2000
in Österreich die Ansicht, dass die Alpenländer eine gemeinsame
Eingabe machen sollten.
Was wird aus dem Aletschgebiet, wenn man das Label
nicht erhält? Wird dann die Verbindungbahn Villa Cassel zur Belalp
wieder zum Thema?
Nein. Das Bahnprojekt hat mit der Unesco nichts zu
tun. Wenn wir diese Auszeichnung erhalten, gilt auch künftig das
nationale Recht. Die vielzitierten Unesco-Vögte aus Paris werden
uns keine Vorschriften machen. Ob die Bahnverbindung zwischen Aletschbord
und Riederfurka dereinst kommen wird, ist nationale Politik. Heute würde
ein solches Projekt klar nicht bewilligt. Vielleicht wird aber die Situation
in 20 oder 30 Jahren anders beurteilt.
Die Unesco-Vögte werden auch nicht den Schäfern
im Aletschji vorschreiben, was sie künftig tun dürfen?
Das wird im Managementplan festgehalten. Klar ist
aber bereits heute, dass eine nachhaltige Nutzung möglich bleibt
und zwar touristisch, landwirtschaftlich, forstwirtschaftlich und
jagdlich. Zur Schafhaltung: Ich könnte mir sogar vorstellen, dass
diese durch gezielte Massnahmen aufgewertet wird.
Wie konkret?
Es macht doch keinen Sinn, wenn ich beispielsweise
zu Ostern in einer Metzgerei in Naters praktisch nur Lammfleisch aus Neuseeland
kaufen kann. Hier müssen die Schafhalter aktiver werden. Diese zu
fördern ist eine Aufgabe des Managementplanes. Deshalb ist es wichtig,
dass Leute, die diese Region kennen und lieben, für den Managementplan
verantwortlich sind und gemeinsam mit den Betroffenen Projekte und Produkte
aufbauen.
Sie sind Leiter des Naturschutzzentrums in der
Villa Cassel, das vor allem im Sommer ein umfangreiches Programm anbietet.
Gehen Sie jetzt wie die Murmeltiere in den Winterschlaf?
Der Vergleich hinkt. Der Betrieb des Naturschutzzentrums
ist sehr intensiv, aber aus technischen Gründen auf das Sommerhalbjahr
beschränkt. Während dieser Zeit habe ich 15 Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter. Entsprechend aufwändig sind die Vorbereitungen.
Während dem Winter bin ich vor allem mit administrativen Arbeiten
und der Realisation von Projekten beschäftigt. Zudem unterrichte
ich an der Tourismusfachschule in Siders das Fach Umwelt.
Umweltschützer sind in Tourismuskreisen nicht
immer gern gesehene Leute. Welche Widerwärtigkeiten haben Sie erfahren
müssen?
Als ich 1989 die Leitung des Naturschutzzentrums
übernahm, habe ich mir gesagt: Das Zentrum muss nicht bloss eine
nationale Ausstrahlung haben, es muss auch regional verankert sein. Der
Kontakt zur Region war mir von Anfang wichtig. Aber das war nicht einfach.
Viele hatten das Gefühl: Jetzt kommt ein Einheimischer und dieser
wird uns dann bei der Realisierung von Bahnprojekten behilflich sein.
Und wie haben Sie reagiert?
Ich habe von Beginn weg meine Grundsätze klar
gemacht. Nördlich der Grenze Eggishorn-Bettmerhorn-Riederhorn ist
vor allem ein Naturraum. Das Gebiet südlich davon ist ein Kulturraum,
der folgedessen auch touristisch genutzt werden kann. Dazu braucht es
auch die entsprechende Infrastruktur. Mit dieser klaren Haltung haben
wir den Dialog gefunden.
Das tönt schon fast schönfärberisch?
Natürlich gabs auch Schläge unter die Gürtellinie.
In der Diskussion um das Bahnprojekt Riederfurka- Aletschbord oder in
der Frage der Grenzziehung des UNESCO-Gebietes hat man mir öffentlich
Unwahrheiten unterstellt. Man hat mich sogar als Wolf im Schafspelz bezeichnet.
Das tut weh, gehört aber irgendwo halt auch dazu.
Die Riederalp hat ein riesiges Freizeitangebot:
Hat es Sie nie gereizt, Golf zu spielen?
Sie werden überrascht sein. Ich war diesen Sommer
erstmals auf dem Golfplatz und habe Bälle umhergeschlagen. Mein Eindruck:
Golfspielen ist eigentlich ein toller Sport. Der Grund meines Golfplatzbesuchs:
Das Informationsteam, das wir im Sommer im Naturschutzzentrum beschäftigen,
wird in Ausbildungstagen auf seine Arbeit vorbereitet. Da gehen wir nicht
nur in den Aletschwald oder auf den Gletscher, sondern sprechen auch über
Landwirtschaft, Tourismus etc. Dieses Jahr haben wir im Rahmen des Tourismustages
den Golfplatz besucht. Mir ist es nämlich wichtig, dass meine MitarbeiterInnen
mit allen Aspekten des Gebietes konfrontiert werden, auch im Tourismus.
Wie sehen Sie die Zukunft der Riederalp?
Ich bin weder Kurdirektor, noch trage ich einen
Cowboyhut. Ich bin Zentrumsleiter in der Villa Cassel und vor allem jemand,
der hier aufgewachsen ist und dem dieses Gebiet sehr ans Herz gewachsen
ist. Deshalb muss diese einmalige Landschaft erhalten bleiben. Aber auch
unsere Nachkommen müssen hier ihr Auskommen finden. Darum setze ich
mich für das UNESCO-Label ein, da dieses im Tourismus neue Impulse
setzen kann.
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