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Frontal-Interview:
„Nicht der Wert, sondern der Gedanke ist das Wichtigste am Schenken“


Maria und Josef aus Betten
 
Betten / Sie wohnen in Betten, heissen zum Vornamen Maria und Josef und haben die RZ auf unsere Bitte hin empfangen. Im Weihnachts-Interview blicken Josef und Maria Franzen zurück, erzählen über ihre ersten Geschenke, die Veränderungen im Dorf und was ihnen Heilig Abend heute bedeutet und gestehen: „Weihnachten stimmt uns wehmütig.“

Von German Escher und Walter Bellwald

Weiss Josef schon, was er Maria schenken will?

Josef: Apa e so wie bis jetzu eu, niit gat viil.

Maria: Är isch en schlächte Scheicher (beide lachen herzlich).

Und umgekehrt?

Maria: Eigentlich besorge ich die meisten Geschenke in der Familie.

Welches Weihnachtsgeschenk hat Sie in den letzten Jahren besonders gefreut?

Maria: Meine Langlaufausrüstung war bisher das tollste Geschenk. Damit haben mir meine drei Töchter vor Jahren eine Riesenfreude bereitet.

Machen Sie heute noch Langlaufsport?

Maria: Ja natürlich. Wieso sollte ich nicht mehr gehen? Natürlich ärgere ich mich manchmal, wenn mich die jungen Sportler überholen... (schmunzelt)

Dann gehen Sie bis Oberwald?

Maria: Soweit ich mag. Aber so von Obergesteln bis nach Reckingen reicht die Kraft schon. Seit zwölf Jahren betreibe ich diesen Sport. Aber Skifahren – das konnte ich nie. Als wir jung waren, fehlten uns die Ausrüstungen. Langlaufsport hingegen ist leicht zu lernen.

Und Sie fahren dafür mehr Ski?

Josef: Nein, nein. Ganz früher war ich ab und zu auf den Skiern. Aber das ist schon lange her.

Was bedeuten Geschenke für Sie?

Maria: Nicht der Wert, sondern der Gedanke ist das Wichtigste am Schenken. Dann hat man eigentlich an jedem Geschenk, das man bekommt, seine Freude.

Josef: Ich habe doch alles. In meinen Alter brauche ich nicht mehr viel. Hosen und Pullover hab ich auch genug (lacht).

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Weihnachtsgeschenk?

Josef: Keine Ahnung. Ich kann mich nicht mehr erinnern.

Maria: Damals gabs keine grossen Geschenke.

Wie haben Sie als Kinder Weihnachten verbracht?

Maria: Zu unserer Kindheit war Weihnachten schöner als heute. Alles ging einfach zu und her. Am Heilig Abend gabs Cacao und ein Ringli-Brot zum Nachtessen. Daran kann ich mich gut erinnern. Als kleine Kinder hat man uns dann unter einem Vorwand nach draussen geschickt und als wir zurückkamen, war das Chrischindli da. Die Geschenke waren bescheiden. Eine Mütze, eine Schokolade und vielleicht einen Pullover – mehr gab es zu Weihnachten nicht. Aber wir waren zufrieden. Heute sind die Ansprüche schon grösser. Das kann man nicht mehr vergleichen.

Und bei Ihnen?

Josef: Der Davoserschlitten war damals das tollste Geschenk. Das war etwas besonderes. Wir gehörten zu den ersten im Dorf, die einen solchen Schlitten hatten – und waren natürlich auch entsprechend stolz.

Sie sind beide in Betten aufgewachsen – völlig abseits vom Rummel.

Maria: Als wir zur Schule gingen, gabs keine Strasse und keine Bahn nach Betten. Wenn man nach Brig wollte, musste man zuerst zu Fuss nach Mörel. Auch auf die Alpe ging man zu Fuss. Heute gibt’s Traktoren und natürlich die Luftseilbahn.

Aber noch ist es in Betten verglichen zu andern Dörfer doch still?

Josef: Das stimmt. Der Rummel ist auf der Alpe. Die meisten Leute wohnen auch auf der Bettmeralp. Viele, die vorher noch im Dorf gelebt haben, wohnten nach der Hochzeit auf der Bettmeralp.

Maria: Vor zwanzig Jahren war das der grosse Trend. Da glaubten alle, sie müssten auf der Bettmeralp wohnen. Aber die Schule ist hier in Betten geblieben.

Und warum dieser Trend auf die Alpe?

Josef: Das hatte natürlich wirtschaftliche Gründe. Dort oben gabs die wirtschaftliche Entwicklung und den Verdienst, nicht bei uns im Dorf.

Maria: Als wir jung waren, gabs auf der Bettmeralp kein einziges Chalet.

Sie selber haben immer von der Landwirtschaft gelebt. Da verfolgt man solche Entwicklungen ganz besonders?

Josef: Die Flurstrassen und die Traktoren brachten für uns Bauern auch immense Erleichterungen.

Maria: Friener het mu nu alles mit der Tschiffera umenander gitreit oder miässu burdinu.

Sie haben von Ihren Erinnerungen als Kinder erzählt. Aber sobald man eigene Kinder hat, bekommt Weihnachten nochmals eine ganz andere Bedeutung?

Maria: Das stimmt. Die einfache Art, Weihnachten zu feiern, ist lange geblieben. Als Bergbauernfamilie war man auch nicht auf Rosen gebettet.

Auf was freuen Sie sich an Weihnachten am meisten?

Maria: Wenn ich ehrlich sein soll: Ich bin froh, wenn Weihnachten vorbei ist.

Wieso?

Maria: Weihnachten stimmt mich wehmütig. Dann fehlen mir die Kinder, die ja nicht mehr hier in Betten wohnen.

Sehen Sie das auch so?

Josef: (schmunzelnd) Eigentlich schon. Die Kinder haben wir gemeinsam gehabt, dann teilen wir jetzt auch die Wehmut.

Wenn man Maria und Josef heisst und noch in Betten wohnt, ist dann Weihnachten etwas Spezielles?

Maria: Aber so fromm sind wir darum auch nicht (lacht). Weihnachten hat deshalb keine besondere Bedeutung. Ob ich jetzt Maria oder Elisabeth heisse, ist letztlich nicht wichtig.

Gefallen Ihnen Ihre Vornamen eigentlich?

Maria: Mir gefällt mein Name. Was Josef denkt, weiss ich nicht...

Josef: ... oh ja (lacht). Der Name ist schon in Ordnung. Aber man hört ihn immer weniger. Heute gibt es nur noch drei Josefs im Dorf.

Maria: Die alten Namen wie Maria und Josef sind nicht mehr gefragt. Jetzt gibt man den Kindern lieber einen englischen Modenamen...

Haben sich Josef und Maria in der Vorweihnachtszeit kennen gelernt?

Maria: Wenn man in einem so kleinen Dorf aufwächst, kennt man sich von klein auf.

Josef: Näher gekommen sind wir uns an der Fasnacht. Das war ungefähr 1949. 1952 haben wir dann geheiratet.

Beinahe wäre ja noch eine ihrer Töchter am 24. Dezember zur Welt gekommen. Dann wäre das Weihnachtsfest wohl perfekt gewesen?

Maria: Ja, das wäri de äs Chrischinli gsi.

Wie werden Sie den heiligen Abend verbringen?

Maria: Wir lassen uns überraschen. Eines der Kinder kam immer noch vorbei. Alleine waren wir noch nie.

Gibts ein besonderes Menü, das Sie dann an Weihnachten machen?

Maria: Eine der drei Töchter wohnt im Aargau. Wenn Sie an Weihnachten zurückkam, gabs früher immer „Gsottus“. Das war ihr Wunsch. Jetzt gibts meistens eine Kalte Platte. Dann muss niemand kochen.

Sie waren immer in der Landwirtschaft tätig. Noch heute machen Sie Ihre eigenen Hauswürste. Haben Sie ein Spezialrezept?

Maria: Geheimrezepte haben wir nicht.

Josef: Aber bei diesem Wetter muss man vorsichtig sein. Wenn die Hauswurst noch nicht getrocknet ist, darf sie nicht zu lange in der Kälte sein. Deshalb holen wir die Hauswürste bei Kälteperioden aus dem Spycher, legen sie in einen Kübel und decken die Würste mit einer Decke ab. Noch nicht getrocknete Würste, die einmal gefroren waren, schmecken bald nicht mehr gut.

Aber jetzt haben Sie keine eigenen Tiere mehr?

Josef: Ich musste vor einigen Jahren die Huft operieren. Dann mussten wir die Tiere wegtun. Das war 1997.

Das ist für einen Bauern ein schwieriger Schritt?

Maria: Das stimmt. Die Tierhaltung aufzugeben – das hat mich stärker getroffen als ihn. Wenn man das ganze Leben lang Tiere gehabt hat, stellt man in einem solchen Moment fest: Jetzt hat man nichts mehr, jetzt ist man für nichts mehr.

Aber in Betten hat die Landwirtschaft noch eine gewisse Bedeutung?

Josef: Weniger als früher. Vor allem die älteren Landwirte haben in den letzten Jahren aufgehört. Es gab ja auch keine Subventionen mehr für Bauern, die älter sind als 60.

Maria: Und mit den neuen Vorschriften zur Tierhaltung hat man die älteren Landwirte fast gezwungen aufzuhören. In einem gewissen Alter kann man keine Schulden mehr machen, um die Ställe anzupassen.

Wenn Josef die Hauswürste macht, backt Maria die Weihnachtsbiskuits?

Maria: (lacht herzhaft) Wir werden sehen. Einige wenige Biskuits werde ich schon backen. Vielleicht, vielleicht. Aber tagelang hinter dem Backofen stehen, das mache ich sicher nicht. Aber wer weiss: Weihnachten ist eine Zeit der Überraschungen...

Besten Dank für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen und allen Leserinnen und Lesern ein gesegnetes Weihnachtsfest.


 

 

      
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