| Saas-Almagell / Während vielen Jahren
stand sie im Schatten ihres grossen Bruders Pirmin. Trotzdem gelang es Heidi
Zurbriggen, sich mit guten Resultaten im alpinen Weltcup einen Namen zu
schaffen. Heute hat sie sich ganz der Arbeit verschrieben und packt im Hotel
ihres Bruders genauso mit an wie in den eigenen vier Wänden. Heidi
Zurbriggen schaut im RZ-Interview auf ihre aktive Laufbahn zurück und
gewährt einen Einblick in ihr Privatleben.
Von Walter Bellwald Ruth Seeholzer
In drei Wochen finden die olympischen Winterspiele
in Salt Lake City statt. Wie viele Medaillen holt die Schweiz in den alpinen
Disziplinen?
Die Chancen für unsere Skirennläufer sind
recht gut. Vor allem Didier Cuche, Michael von Grünigen, Sonja Nef
oder auch Lilian Kummer ist einiges zuzutrauen. Aber auch Nobodys wie
Marlies Oester oder Jürg Grünenfelder haben gute Chancen, in
die vorderen Plätze zu fahren. Ich denke, fünf bis sechs Medaillen
für die Schweiz liegen sicher drin.
Schaffen es ihre Nachfolgerinnen Sylviane Berthod
und Corinne Rey-Bellet aufs Podest?
Ich glaube, dass sie es packen könnten. Vor
allem Corinne ist einiges zuzutrauen. Sie fährt konstante Rennen
und hat schon Erfahrungen an olympischen Spielen gesammelt.
Und Lilian Kummer?
Die letzten Resultate von Lili haben gezeigt, dass
mit ihr zu rechnen ist. Vor allem ihr Erfolg in Lienz war überraschend.
Ein Vorteil ist sicher auch, dass der grosse Erwartungsdruck auf der Teamleaderin
Sonja Nef lastet. Ich fände es super, wenn Lili vorne dabei ist.
Trotzdem olympische Spiele haben ihre eigenen
Gesetze?
Das ist richtig. Vom Stellenwert ist Olympia für
einen Sportler das Allergrösste. Der ganze Medienrummel und das Interesse
der breiten Öffentlichkeit sind enorm. Dadurch wächst der Druck
und die Nervosität auf den einzelnen Rennläufer. Schliesslich
ist auch das Glück am Wettkampftag mitentscheidend.
Sie haben nicht die besten Erinnerungen an Olympia?
Bei den olympischen Spielen habe ich eigentlich immer
nur schlechte Erfahrungen gemacht (lacht). Trotz Anspannung und Nervosität
bin ich bei der Weltmeisterschaft immer besser gefahren als an der Olympiade.
Bei der WM hats zweimal zu Silber gereicht, bei Olympia ging ich immer
leer aus.
Warum?
Ich habe keine Ahnung. An der Olympiade in Nagano
beispielsweise war ich überhaupt nicht nervös und bin trotzdem
total verkrampft gefahren. Wenn ich heute zurückschaue, sage ich
mir manchmal Gopfäridli wiä hescht du nummu so
chennu si. Wenn ich im Ziel einen Rückstand von einer halben
Sekunde hatte, war ich am Boden zerstört. Dann habe ich mir eingeredet,
dass ich viel schlechter gefahren bin als meine Konkurrentinnen. Dadurch
habe ich mein ganzes Selbstvertrauen verloren.
Wie haben Ihre Trainer darauf reagiert?
Viele Trainer sind nur darauf bedacht, irgendwelche
Fahrfehler auszumachen und dich entsprechend zu korrigieren. Die würden
nie sagen, heute bist du gut gefahren. Das finde ich schade. Dieses Problem
ist auch im Nachwuchsbereich auszumachen. Viele junge FahrerInnen sind
total verunsichert, weil sie vom Trainer ständig kritisiert werden.
Dadurch geht das Selbstvertrauen verloren und die guten Resultate bleiben
aus.
Seit nunmehr vier Jahren sind Sie nicht mehr im
alpinen Skizirkus dabei. Verfolgen Sie die Rennen im Fernsehen?
Ja, es interessiert mich immer noch sehr. Auch wenn
ich die Rennen nicht live sehen kann, schaue ich mir doch eine Zusammenfassung
an.
Spüren Sie dabei immer noch das berühmt-berüchtigte
Kribbeln im Bauch?
Nicht unbedingt. Aber wenn ich unsere Ski-Cracks
fahren sehe, dann bin ich fast nervöser als zu meiner Aktivzeit.
Ich verfolge die Rennen mit viel Interesse und drücke unserer Ski-Nati
ganz fest die Daumen. Natürlich gibt es Momente, wo mir der Skirennsport
ein bisschen fehlt. Aber das geht schnell wieder vorbei.
Viele ehemalige Skigrössen jetten von einem
Skiort zum andern und stürzen sich in verschiede Aprés-Ski-Partys.
Trifft man Heidi Zurbriggen auch mal live an einem Skirennen?
Nein, ich habe mich bewusst zurückgezogen. Ich
habe schon viele Einladungen zu den Skirennen erhalten wie beispielsweise
nach Cortina, Adelboden usw. Aber einerseits habe ich im familieneigenen
Hotelbetrieb viel zu tun und anderseits reizt es mich nicht, weiter im
Rampenlicht zu stehen.
Nach dem Tod von Regine Cavagnoud und dem üblen
Sturz von Silvano Beltrametti wird vehement über die Sicherheitsmassnahmen
im Skirennsport diskutiert. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation?
Wenn ich mich an meine Aktivzeit zurückerinnere,
habe ich mich während den Trainings im Sommer viel unsicherer gefühlt
als bei den Rennen im Winter. In den Sommertrainings war teilweise überhaupt
keine Abschrankung vorhanden. Auf dem Corvatsch beispielsweise sind wir
einen Hang hinuntergebolzt, dann kam eine scharfe Kurve und geradeaus
war ein Felsen. Bei einem Sturz hast du keine Chance. Aber das Risiko
nimmst du als Rennläufer in Kauf. Wenn du dir überlegst, was
alles passieren könnte, dann fährst du nicht mehr. Bei den Rennen
im Winter dagegen habe ich mich immer sehr sicher gefühlt.
Sind die Risiken im alpinen Skizirkus demnach
überhaupt noch abschätzbar?
Die Veranstalter geben sich alle Mühe, den Sicherheitsaspekt
zu gewährleisten. Die Pisten sind abgesperrt und entlang der Strecken
werden Auffangnetze und Abschrankungen montiert. Viel mehr können
die Veranstalter für die Sicherheit gar nicht tun. Das Problem sehe
ich eher in der Entwicklung des Materials. Die Skis werden immer kürzer
und taillierter. Das ist gefährlich. Bei den hohen Tempi reicht ein
kleiner Fahrfehler und ein Sturz ist unvermeidlich. Hier müssen die
FIS und die Skiindustrie unbedingt einen Riegel schieben.
Sie selbst sind von Verletzungen weitgehend verschont
geblieben?
Ja, das stimmt. Ich hatte einmal einen Schien- und
Wadenbeinbruch, der aber schnell verheilt ist. Wenn ich an den schrecklichen
Unfall von Silvano Bel-trametti denke, wird mir erst so richtig bewusst,
wie viel Glück ich während meiner Laufbahn hatte.
Von Ihrem Bruder Pirmin weiss man, dass er ein
sehr gläubiger Mensch ist. Halten Sie es auch so?
Ja, sicher. Ich gehe jedes Wochenende zur Kirche.
Ich könnte mir nicht vorstellen, die Sonntagsmesse zu versäumen.
Für mich ist der Glaube etwas sehr Wichtiges und Lebendiges, der
mir schon oft weitergeholfen hat. Meine Familie hat mich immer unterstützt,
aber den letzten Frieden hat mir immer nur der Glaube gegeben. Auch Silvano
Beltrametti ist ein gutes Beispiel dafür, dass der Glaube auch in
ausweglosen Situationen eine starke Stütze ist.
Sie sind vor vier Jahren vom Skizirkus zurückgetreten
und führen ein eigenes Appartementhaus. Zwischendurch helfen Sie
im Hotel ihres Bruders Pirmin aus. Wie haben Sie die Feiertage verbracht?
Tja - mit viel Arbeit (lacht). Mein Mann Damian hatte
zwar während den Feiertagen frei, aber ich hatte leider nicht viel
von ihm. Ich musste jeden Tag arbeiten, sowohl über Weihnachten wie
auch an Neujahr. Gerade über die Festtage, wenn viele Hotelgäste
da sind, muss jeder hier mit anpacken. Am Vormittag helfe ich im Hotel
mit und am Nachmittag packe ich in meinem Appartementhaus an. Aber es
kommen auch wieder ruhigere Zeiten.
Erholt sich Heidi Zurbriggen beim Skifahren?
Nein. Skifahren ist fast ein Fremdwort für mich
(lacht). Ich bin in dieser Saison erst einmal auf den Ski gestanden. Ich
muss auch ehrlich zugestehen, es fehlt mir nicht einmal gross. Wenn ich
nicht so viel zu tun hätte, würde ich sicher mehr Skilaufen.
Aber ich sehe immer die anstehende Arbeit. Hier im Hotelbetrieb gibt es
so viel zu tun, daneben unterhalten wir ein Appartementhaus und die eigene
Wäsche muss auch gemacht werden. Aber in nächster Zeit werde
ich mir zusammen mit meinem Mann Damian einen freien Tag gönnen.
Sie sind demnach sehr pflichtbewusst?
Doch, schon. Meine Mutter hat uns gelehrt, zu arbeiten.
Ich kann nicht einfach nur zusehen, wie sich die anderen abrackern. Da
packe ich lieber mit an und helfe mit. Sonst habe ich ein schlechtes Gewissen.
Sie haben in der Zwischenzeit eine Ausbildung
zur medizinischen Masseurin absolviert und ein Massagecenter im Wellnesshotel
Zurbriggen eröffnet. Wie sind Sie dazu gekommen?
Das hat schon mit meiner Krankheit angefangen. Mit
zwanzig Jahren habe ich Polyarthritis bekommen und habe dann einen Masseur
aufgesucht, der mir sehr geholfen hat. Dadurch habe ich angefangen, mich
für die Massage zu interessieren. Über die ganzen Jahre hinweg
haben wir eng zusammengearbeitet und ich habe viel von ihm gelernt. Ich
habe früher voll auf die Karte Skirennsport gesetzt. Dadurch fehlte
mir die Zeit, eine Ausbildung zu machen. Das wollte ich jetzt unbedingt
nachholen.
Was umfasst ihre Arbeit?
Meine Arbeit beinhaltet nicht nur die eigentliche
Massage, sondern auch die Kinesiologie (Bewegungstherapie) und das Schröpfen.
Ich möchte vor allem gerne mit Menschen zusammenarbeiten, die wirkliche
Hilfe nötig haben.
Gibt es einen Traum, den sich Heidi Zurbriggen
erfüllen möchte?
Ich möchte gerne mal Kinder haben. Jetzu
hetti wer der Ziit (lacht herzlich). Während meiner Ausbildung
war das schon schwieriger. Beruflich möchte ich mich noch weiterbilden
und als Masseurin arbeiten.
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