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Frontal-Interview:
„Eine Reine des Reines zu haben ist wohl das Schönste auf Erden“


Helmut Ruffiner
 
Tumminen-Ergisch / Helmut Ruffiner ist ein erfolgreicher Eringerviehzüchter. Im Jahr 2000 ist seine Bijou Königin der Königinnen in Aproz am Kantonalen Stechfest geworden. Helmut Ruffiner erzählt über seine Arbeit als Nebenerwerbsbauer, über seine Gefühle bei Siegen und Niederlagen und über seine Erfahrungen als Alpvogt im Turtmanntal.

Von Ruth Seeholzer und Walter Bellwald

Sie kommen gerade aus Ihrem Stall. Wie viele gute Kühe stehen da drin?

Jaa, gute...(schmunzelt) – Es sollten alle gut sein. Ich habe acht Kühe und ein Rind von der einen Rasse im Stall. Das Jungvieh ist in der Winterung in Guttet. Und – ja – die jungen Tiere könnten schon noch etwas machen.

Ist es so, dass man in den Stecherkreisen nicht gerne seine eigenen Tiere anpreist?

Ja, es ist schon so, dass man seine Tiere nicht gerne ‚z fascht riemt’. Weil in der ganzen Szene schon so ein wenig der ‚Jalouse’ drin ist.

Hat es mit Aberglauben zu tun, dass man im Voraus nicht zu viel versprechen will?

Nein, das nicht. Aber vielleicht ist die Enttäuschung weniger gross, wenn man nicht zu viel erwartet, sondern das nimmt, was es dann schlussendlich gibt.

Wie sind Sie überhaupt dazu gekommen, Eringerkühe zu züchten?

Ich bin auf einem Bauernbetrieb aufgewachsen. In der Lehre habe ich dann mit Schwarzhalsgeissen angefangen. Das ging ungefähr zehn Jahre lang gut. Ich machte zum Teil auch schöne Preise. Doch eines Herbsts auf der Alp, zwei Tage vor der Zeichnung, sind mir auf einen Schlag 52 Tiere abhanden gekommen. Trotz allen Suchens – sogar mit Helikopter – sind diese Tiere nie mehr aufgetaucht. Das war ein grosser Rückschlag für mich. Darum habe ich gedacht, jetzt probiere ich es mit Tieren, die niemand einfach so unter den Arm nehmen und wegtragen kann (schmunzelt). Und so kam ich zu den Eringern.

Wann war das?

1983 habe ich mit zwei Ringkühen angefangen, und im Frühjahr 1984 den Match in der 3. Kategorie in Turtmann gewonnen. So hat es mich natürlich gleich von Anfang an richtig gepackt.

Warum ausgerechnet Eringer?

Das Tier hat mir schon immer gut gefallen. Ich ging schon als Junge an die Stechfeste. Meine Eltern hatten zwar Fleckvieh, aber eine Eringerkuh hatten wir immer auch dabei. Die war quasi die Herdenführerin.

Können Sie einem Unbeteiligten die Faszination erklären, die für Sie die Eringerrasse und der Ringkuhkampf mit sich bringen?

Anfangs mal das Tier selber; die Kampflust, die es mit sich bringt. Dazu ist es einfach ein schönes, kompaktes Tier vom Aussehen her. Ich will das Fleckvieh wirklich nicht schlecht machen, aber mit der ganzen Züchterei auf Milchleistung sind diese Hochleistungskühe heute zum Teil wirklich nicht mehr zum Anschauen. Zudem sind die Eringer leichter zu halten. Von der Milchleistung kann es auch solche geben, die viel Milch produzieren. Aber für uns Nebenerwerbsbauern ist es schon fast ein Glück, wenn die Tiere bereits früher ’galt’ gestellt werden können, das heisst, dass man sie nicht mehr melken muss, wenn sie schon auf der Weide sind. Das Tier selber ist viel ‚aheeriger’ als eine Tschäggä!

Dann kann man sagen, dass Sie zu jedem Tier eine eigene Beziehung haben?

Ja, auf alle Fälle. Erst recht, wenn man die ganzen Tiere hat aufwachsen sehen im eigenen Stall. Das ist einfach niemals dasselbe, als wenn man eine teure Ringkuh einkauft! Ich habe kein einziges gekauftes Tier im Stall.

Wie kam die Rasse in Ihren Stall?

Die Urgrossmutter von Bijou war Comptoir-Siegerin in der dritten Kategorie. Als ich diese Kuh, sie hiess Mandoline, zum ersten Mal sah, hat es mich gepackt. Sie hatte einen Kopf wie ein Bison, die Hörner zwar ‚am Stutz’ genau gleich wie Bijou. Der Besitzer war Marc Torrent aus Arbaz. Von dieser Mandoline habe ich ein Jungtier gekauft. Zwei Drittel der Tiere, die ich im Stall habe, kommen aus dieser Zucht.

Trainieren Sie Ihre Kühe? Oder ist vor allem der Charakter, die Rasse einer Kuh, ausschlaggebend?

Also, ich glaube nicht, dass man eine Ringkuh trainieren kann. Das ist nur die Rasse. Mit Bijou zum Beispiel habe ich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann...! (lacht) Bijou kam vor dem Match nie aus dem Stall ausser fürs ‚Tschättwen’ (Klauen säubern und schneiden, Anm. d. Red.), wo doch andere tagtäglich mit ihren Tieren herumlaufen. Bijou war eine Zweitmelke, mit der man normalerweise nicht auf den Match geht. Dann hat sie noch so unorthodoxe Hörner, die eher für eine Ziege als für eine Kuh gemacht sind (lacht wieder). Und trotzdem hat die Rasse durchgeschlagen.

Vor ein paar Jahren hörte man noch häufiger von kleineren Doping-Skandalen bei den Eringerzüchtern. Mit was wurde gedopt?

Ja, eigentlich mit den gleichen Mitteln, mit denen Leichtathleten sich auch dopen. Zum Teil wurde da mit ganz scharfer Munition hantiert! Zum Glück hörte das mit den Dopingkontrollen sehr schnell auf. Und da sah man dann auch Kühe, welche die Jahre vorher Preise um Preise gemacht hatten, und nach der Einführung der Dopingkontrollen hörte man überhaupt nichts mehr von ihnen.

So etwas kommt für Sie nicht in Frage?

(hebt abwehrend die Hände) Ich denke nicht im Traum daran! Man hat an mehreren Beispielen gesehen, dass Kühe nach einem Besitzerwechsel überhaupt nicht mehr gestochen haben. Das ist ein Zeichen, dass das Tier ausgelaugt wurde durch das Doping, dass es richtiggehend verbraucht wurde. Aber ich glaube, dass heute durch die Kontrollen ein Doping praktisch verunmöglicht wird. Und das ist auch gut so. Vor allem, wenn man für das Tier denkt.

Ist Wein einflössen vor dem Match für Sie auch schon Doping?

Nein, das ist kein Doping. Also, Hafer bringt eine gewisse Stärke und Nervosität ins Tier, was zum Teil natürlich sehr erwünscht ist. Aber der Alkohol bewirkt meiner Meinung nach gerade das Gegenteil – wie beim Menschen.

Wenn Sie Ihre Kuh im Ring haben, zeigen Sie dann schon mal Gefühle oder bleiben Sie cool?

Den Ärger offen zeigen, das mache ich überhaupt nicht. Ich habe auch noch nie reklamiert bei der Jury. Das hat erstens Mal keinen Wert, weil es nichts bringt. Und zweitens machst Du Dich höchstens unbeliebt beim Publikum damit. Auch wenn meine Kuh einen Kampf gewonnen hat, breche ich nicht gleich in Freudenschreie aus. Man sollte da auch fair bleiben. Schliesslich, wenn jemand gewinnt, dann verliert gleichzeitig auch ein anderer. Sicher, wenn meine Kuh im Final gewinnt, dann springe ich auch in die Luft!

Im Jahr 2000 hatten Sie eine Kantonale, die Bijou, welche als Zweitmelke Reine des Reines wurde. Wie war das Gefühl?

Das Gefühl ist unbeschreiblich! Als Bijou dann wirklich in der dritten Kategorie gewonnen hatte und es nun um die Reine des Reines ging, wurde ich schon ein wenig nervös. Bijou war 200 kg leichter als die Siegerin der ersten Kategorie, die Mustic von Roux aus Grimisuat. Dann gab es zuletzt einen völlig langen ‚Schwung’ zwischen Bijou und Mustic. Zu aller Anfang habe ich überhaupt nicht mit einem Sieg gerechnet. Ich meine, zweihundert Kilo Unterschied! – Allerdings kannte ich meine Bijou als eine, die nicht sehr schnell aufgibt. Und es wurde ja dann wirklich sehr spannend. Bijou musste immer wieder zurückweichen. Ein paar Mal ging sie sogar ab und kam aber sofort wieder an Mustic dran. Was in diesen langen Minuten in mir drin vorging, kann ich wirklich nicht sagen. Es war gleichzeitig alles und nichts. Je länger es ging, desto grösser wurden Bijous Chancen. Und als es dann endlich vorbei war und Bijou als Siegerin und Reine des Reines vom Platz ging, da gingen die Gefühle schon mit mir durch. Das ist einfach das Grösste, was Dir in der Ringkuhszene passieren kann. Dieser Tag ging viel zu schnell vorbei. Und ich war in so einem Freudentaumel, dass ich nicht mehr die Hälfte mitgekriegt habe. Also wenn ich ein Nagelkauer wäre, dann hätte ich an diesem Tag keine Nägel mehr gehabt! Zurück im Stall wollte ich Bijou den Kopf mit Schnaps einreiben. Aber ich fand überhaupt keine Verletzungen. Sie hat einfach nur gewonnen.

Die Entscheide bei einem Ringkuhkampf fällt eine mehrköpfige Jury. Manche dieser Entscheidungen haben schon zu heissen Diskussionen geführt. Müsste man vielleicht ein anderes System einführen?

Ja, es kommt immer wieder vor, dass einer das Gefühl hat, der ’Rabateur’ sei gegen ihn oder die Jury habe falsch entschieden. Die Jury besteht auch nur aus Menschen. Und Menschen können Fehler machen. Allerdings hört man in letzter Zeit vermehrt Forderungen nach einer professionellen Jury, d.h., dass an allen Wettkämpfen immer die gleichen Leute entscheiden würden. Das fände ich an und für sich noch eine gute Sache. So wäre gewährleistet, dass die Juroren wirkliche Profis sind, die etwas von der Materie verstehen.

Sie sind Alpvogt auf der Eringeralpe im Turtmanntal. Welche Aufgaben haben Sie?

Ich bin zuständig für das Alppersonal, für die Rekrutierung. Dann muss das Alpwerk eingeteilt werden, welche Arbeiten wann gemacht werden. Die Viehannahme macht zum Glück ein anderer. Das ist nämlich ein rechter Aufwand. Und sonst muss ich einfach den ganzen Sommer schauen, dass der Betrieb läuft.

Muss man sich als Alpvogt auch bei den Besitzern durchsetzen können?

Ja, vor allem beim Aufalpen! Wenn Du da nicht von Anfang an Deine Linie durchziehst, kommst Du unter die Räder. – Also, wenn der Besetztag halbwegs gut über die Bühne gegangen ist, dann ist der Mist eigentlich geführt, dann ist mehr oder minder der halbe Sommer gerettet!

Was ist denn so spektakulär am Aufalpen?

Ja, zuerst einmal sind alle Besitzer hochnervös. Es geht hier immerhin um eine wichtige Sache. Beim ersten Zusammenlassen auf der Alp zeichnet sich manchmal schon ab, welche Alpkönigin wird. Und weil der Alpvogt quasi die Jury ist, kann man sich die Belastung lebhaft vorstellen.

Sind Sie da nicht manchmal zwischen allen Stühlen und Bänken?

Nein, nein, man muss einfach seine Linie durchziehen. Ich bin jetzt schon mehr als zehn Jahre Alpvogt. Und heute haben wir eigentlich wirklich einen guten Frieden auf der Alp. Das war nicht immer so.

Apropos Turtmanntal: Was halten Sie von der Teilung für Oberems und Turtmann, so wie es der Staatsrat vorgeschlagen hat? Betrifft der Gebietsstreit die Alpe in irgendeiner Weise?

Im Prinzip geht das die Alpe eigentlich nichts an. Höchstens, dass der ‚Chalte Berg’, der bis jetzt den Turtmännern gehörte, an die Oberemser gegangen wäre. Wenn die Oberemser dem Kompromiss zugestimmt hätten. – Aber eben, das tangiert die Eringeralpe eigentlich überhaupt nicht.


 

 

      
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