| Brig / Bruder Leonhard Theler ist Kapuziner.
In Afrika lernte er die östlichen Meditationsweisen kennen. Unter
der strengen Führung der Meditationslehrer fand ich den Zugang zu einem
tiefen, wortlosen Gebet. Seither ist der Unermüdliche, im Auftrag
der Orden-Oberen, in Deutschland und der Schweiz unterwegs, um den Menschen
mittels autogenem Training und Meditation die Leib-Seelen-Einheit
begreiflich zu machen.
Von Ruth Seeholzer und Walter Bellwald
Bruder Leonhard, wir sind mitten in der Fastenzeit.
Gelten für Sie auch die strikten Fastenregeln?
Ja sicher. Im Kloster jedoch muss jeder für
sich entscheiden, wie er fasten will. Wir haben ein etwas einfacheres
Essen. Früher war das viel strenger. Heute ist das alles sehr
vernünftig.
Sind Sie mit dem christlichen Gedankengut aufgewachsen,
oder haben Sie sich erst später angefangen damit zu beschäftigen?
Wir sind von Haus aus sehr katholisch erzogen worden,
wie das in den Bergdörfern so war. Und ich habe das mit ins Leben
genommen. Die Erziehung spielt da schon eine grosse Rolle. Auch der Dorfpfarrer
hat damals eine grosse Rolle gespielt. Der Religionsunterricht war viel
strenger. Somit hatte man ein gutes Fundament, welches bestimmt fürs
Leben etwas beigetragen hat. Als Hirtenbub in der freien Natur fühlte
ich mich dem Herrgott immer sehr nahe.
Warum sind Sie Kapuziner geworden?
Ich habe von Jugend auf immer das Irdische gering
geschätzt. Ich habe gedacht, dass da noch mehr sein müsste.
Ich habe lange Zeit gesucht, wohin ich gehen könnte. Im Winter habe
ich in der Lonza gearbeitet, wenn die Bergwerke geschlossen waren. Da
kam mir eines morgens, als ich auf dem Nachhauseweg dem Rotten nach war,
ein Kapuzinerpater entgegen, der in seinem Brevier las. Er fragte mich:
So, junger Mann, haben Sie die ganze Nacht durchgetanzt? Ich anwortete,
dass ich in der Fabrik gearbeitet habe. So kamen wir ins Gespräch.
Ich erzählte ihm dann von meinen Gedanken und Wünschen, dass
ich eigentlich schon immer in einem Kloster hatte leben wollen, da wo
religiöse Menschen zusammenkommen. Darauf meinte der Pater, ich könne
ja zu ihnen kommen. Und ein Jahr später bin ich tatsächlich
bei den Kapuzinern eingetreten. Unser Pfarrer wollte allerdings, dass
ich Priester werde und nicht bloss Bruder. Er wollte mir sogar das Studium
bezahlen. Ich aber wollte so leben wie der Hl. Franziskus, der auch kein
Priester war. Darauf meinte unser Pfarrer: Du bist ein Esel. Damit kannst
Du Dein Leben lang für die Patres den Laufburschen machen!
(schmunzelt) Ich bin halt trotzdem diesen Weg gegangen...
Versuchen Sie, die Menschen, mit denen Sie in
Kontakt kommen, zum rechten Glauben zurückzuführen? Oder ist
für Sie das Vorleben wichtiger als das Missionieren?
Ja, was Religiosität anbelangt, da lasse ich
jedem seinen Weg. Ich frage niemanden nach seinem Glauben. Das spielt
bei mir keine Rolle. Bei mir ist es der Mensch, der im Zentrum steht.
Ich nehme ihn so, wie er ist. Was er daneben sonst noch ist oder macht,
geht mich gar nichts an. Es interessiert mich auch nicht. Sowieso haben
manchmal diejenigen Menschen, von denen wir annehmen, sie seien Atheisten,
einen tieferen Glauben als wir, die wir meinen, wir seien gut katholisch.
Ein Beispiel: Es war Regenzeit in Afrika. Wir waren unterwegs mit einem
Transport. Dabei mussten wir eine Brücke überqueren, welche
wegen des Hochwassers sehr gefährlich war. Ich bekam ziemliche Angst,
weil der Wagen anfing zu schwanken. Meinem afrikanischen Mitfahrer sagte
ich: Du Mathias, hier sterben wir! Dieser klopfte mir
auf die Schultern und sagte: Leonhard, Gott ist auch mit uns.
Dieser Mathias hatte den tieferen Glauben als ich. Und dabei war das doch
ein sogenannter Heide!
Haben die Jahre in Afrika Sie greprägt?
Ja, ganz wesentlich. In Afrika lernte ich durch indische
Meditationslehrer die östlichen Meditationsweisen kennen. Unter ihrer
strengen Führung fand ich den Zugang zu einem tieferen wortlosen
Gebet, dem Gebet der Ruhe und Sammlung. Natürlich habe ich auch weniger
geistliche Sachen erlebt in dieser Zeit, als ich mit dem Camion unterwegs
war. Vor allem nachts war es sehr gefährlich, wegen den Räuberbanden
und den wilden Tieren. Elefantenherden, Giraffen, Löwen, Büffelherden,
alles mögliche konnte dir über den Weg laufen. Aber mit der
Zeit ist meine Angst verflogen. Ich habe gelernt, mich richtig zu verhalten.
Zum Beispiel, wenn ich mit meinem Camion in eine Elefantenherde geraten
bin. Da schloss ich zuerst sofort die Fenster und verhielt mich absolut
still. So konnten sie uns nicht mehr riechen. Wenn ein Elefant den Menschen
nicht riecht, dann macht er nichts. Ganz sicher ist man allerdings nie.
Der Elefant ist neugierig. Er kommt zum Camion heran und fängt an
zu rütteln, um das fremde Objekt zu begutachten. Und wenn einer anfängt
zu rütteln, dann wollen alle rütteln.
Das sind ganz abenteuerliche Erfahrungen, die
Sie in Afrika gemacht haben!
Nein, das ist normal, wenn man so lange da ist. Und
überhaupt war ich da noch jung. Da war das ein bisschen wie Wild-West
(lacht). Ich war bald unter Räubern, bald unter wilden Tieren, und
das Leben war andauernd in Frage gestellt. Ein schönes Erlebnis hatte
ich. Einmal war ich 24 Stunden nonstop mit dem Camion unterwegs. Dann
war ich so müde, dass ich in einer Stadt eine Herberge aufsuchen
wollte. Kaum hielt ich an, da kam schon einer, der meine Tür aufmachte
und schrie: Geld oder Blut! Dann sagte ich natürlich:
Geld! Dann hab ich ihm mein ganzes Portemonnaie gezeigt, wobei
ich den Grossteil des Geldes im Wagen versteckt hatte. Ich zeigte dem
Räuber den Inhalt meines Geldsackes und sagte ihm, dass das alles
sei, so circa 50 Francs. Daraufhin wollte er alles. Ich gab ihm das Geld,
und sagte ihm aber, ob er mir nicht 5 Francs zurückgeben könnte,
damit ich die Herberge bezahlen könnte. Und tatsächlich gab
er mir die fünf Francs zurück! Das nennt man Kollegialität
(und lacht). Ich habe nie eine Waffe mitgenommen, sondern es eher
mit Liebe und Güte probiert. Und bin gut damit gefahren. Sonst wäre
ich jetzt heute nicht hier.
Sie geben Kurse für autogenes Training und
Meditation. Sind diese Methoden für Sie etwas Ähnliches wie
Beten?
Autogenes Training ist eine Therapie. Viel Ärzte
schicken Leute zu mir wegen Schlafstörungen, Nervosität oder
diffusen Schmerzen. Meditation ist für mich etwas wie Beten. Auch
autogenes Training kann beten sein. Wenn der Mensch ruhig und entspannt
ist, anstatt nervös und hektisch, dann ist das auch besser für
sein Seelenleben. Ich will damit nicht sagen, dass man beim autogenen
Training beten lernt. Aber das Nervensystem wird beruhigt und ist damit
offener für das Übersinnliche, das Göttliche.
Sie machen einen sehr vitalen Eindruck. Was ist
Ihr Erfolgsrezept?
(zuckt mit den Schultern) Wissen Sie, das macht schon
die tägliche Übung aus. Und wenn Sie beinahe täglich irgendwo
vor Leuten auftreten und sprechen, dann müssen Sie sich darauf vorbereiten.
Ich mache jeden Morgen meine Übungen. Wenn man an sich selber arbeitet,
so bleibt man auch länger frisch.
Sie sind jetzt 80 Jahre alt. Was haben Sie noch
vor in Ihrem Leben? Welche Pläne schmieden Sie?
Ich habe gar nichts vor! Heute geht es mir glänzend,
und morgen bin ich vielleicht nicht mehr da. Ich meine, man muss sich
da keine Illusionen machen. Ein Sprichwort sagt ja: Die Jungen können
sterben, und die Alten müssen. Ich bin froh, dass ich heute noch
hier sein kann. Klar plane und arbeite ich, als ob ich noch viele Jahre
leben würde. Aber wenn jetzt morgen fertig wäre, wäre ich
bereit, das anzunehmen.
Und wie wäre es, wenn Sie bettlägerig
werden, Sie, der Sie doch so aktiv sind? Wäre das schlimm?
Nein, ich glaube, das könnte ich gut annehmen.
Durch meine meditative Arbeit bin ich überzeugt, dass ich stundenlang
nur einfach da sein könnte, innerlich mit Gott vereint. Dass ich
in diesem stillen Zustand glücklich wäre. Früher machte
ich viele Kurse mit japanischen Meistern. Da sind wir oft pro Tag bis
zu zwölf Stunden gesessen. Einfach im Schneidersitz. Ganz korrekt
gesessen. Der Meister ging umher mit seinem Stock, und wenn man nicht
ganz genau gesessen hatte, musste man den Rücken beugen, und der
Meister schlug einen auf den Buckel. (schmunzelt) In diesem Stillesein
war ich glücklich. Ich glaube, wenn ich jetzt nicht mehr arbeiten
könnte, würde ich anfangen, die Meditation in mir zu beleben.
Wenn Sie nochmals von vorne anfangen könnten,
würden Sie alles noch einmal genau gleich machen?
Ich glaube, ich würde alles noch einmal genau
gleich machen (nachdenklich). Ganz sicher, ja. Ich bin glücklich
für den Weg, den ich gehen durfte. Es ist klar, dass jeder Weg Schatten-
und Sonnenseiten hat. Auch mein Leben hat viele dunkle Schatten drin.
Aber nach einem Schatten geniesst und schätzt man die Sonne um so
mehr. Und das gibt einem auch die Kraft zum Weitergehen.
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