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Frontal-Interview:
„Im Unterwallis ist die Jugendarbeit besser organisiert”


Paul Burgener
 
Brig / Visp / Sitten / Als Schuldirektor von Brig-Glis hat Paul Burgener die Entwicklung im Bildungswesen der Region wesentlich mitgeprägt. Jetzt zieht er als Jugenddelegierter die Fäden in Sitten, ist Ansprechpartner der kommunalen Jugendarbeitsstellen und verteilt auch Geld für verschiedenste Jugendprojekte. Im grossen RZ-Interview spricht er über die ersten Erfahrungen, das neue Jugendgesetz und die Probleme der heutigen Jugend.

Von German Escher und Ruth Seeholzer

Vom Schuldirektor zum Delegierten für Jugendfragen: Sitzen Sie jetzt auf der anderen Seites des Schulpults?

Ich glaube nicht. Die Aufgabe als Schuldirektor in Brig-Glis habe ich mit viel Freude wahrgenommen. Aber ich habe einsehen müssen, dass ich den Job in dieser Intensität nicht bis zu meiner Pensionierung machen kann.

Sind Sie nun der Sprecher der Jugendlichen gegenüber den Politikern?

Das stimmt wohl. Als kantonaler Jugenddelegierter habe ich mich um alle Jugendlichen von Oberwald bis St. Gingolph zu kümmern. Ich habe sämtliche OS-Schulzentren, Jugendverbände und Jugendhäuser im Kanton besucht. Aber es ist nicht meine Aufgabe, konkret mit Jugendlichen Projekte zu realisieren. Mein Hauptanliegen ist es, Jugendliche zu motivieren, ihre Freizeit positiv und aktiv zu gestalten...

Wo drückt den Jugendlichen der Schuh denn am meisten?

Wir stellen eine gewisse Orientierungslosigkeit fest. Die Vereine und Jugendorganisationen können die Jugendlichen nicht mehr im selben Ausmass begeistern und ihre soziale Verantwortung wahrnehmen. Es fehlen zeitgemässe Strukturen. Im Unterwallis ist die Jugendarbeit besser organisiert.

Wir stellen in den grösseren Oberwalliser Ortschaften eine allmähliche Verstädterung unserer Jugendkultur fest - eine Situation, in denen vor allem die Kommunalpolitiker überfordert sind?

Das trifft zu. In Martigny, Sitten und Siders hat man mit guten Strukturen auf diese Verstädterung reagiert. Das wird im Oberwallis auch kommen. Mit dem Aufbau der Jugendarbeitstelle Brig-Naters ist man auf dem richtigen Weg.

Sprechen wir doch die Probleme konkret an: In ihrer früheren Arbeitsstätte, der OS Brig, sorgten Rechtsradikale für negative Schlagzeilen. Wie beurteilen Sie die Entwicklung im Oberwallis?

Man darf die Situation nicht überbewerten. Aber: Der Rechtsradikalismus ist ein Jugendproblem. Ein Beispiel: Kürzlich hatte ich mit den Verantwortlichen des Jugendzentrums Fully ein zweistündiges Gespräch; während mehr als anderthalb Stunden sprachen wir über das Problem der Rechtsradikalen, die im Jugendzentrum randaliert haben.

Aber das Problem stellt sich auch in Brig?

Wenn man in der Öffentlichkeit in Bezug auf die OS Brig nur noch das Problem des Rechtsradikalismus wahrnimmt, macht mich das betroffen. Dieses Schulzentrum hat so viel Positives und kommt dem Bildungsauftrag bestens nach. Die OS dauernd nur mit diesem leidigen Thema, das vielleicht nur 5 Prozent der Jugendlichen betrifft, zu etikettieren, ist falsch.

Die Schuldirektion selber ist mit den damaligen Massnahmen (Kleidervorschriften etc.) das Problem wohl zu recht konsequent angegangen – und hat damit natürlich auch Staub aufgewirbelt.

Das war auch richtig. Ansonsten hätten wir nichts aus der Geschichte gelernt. Man kann nicht den Faschismus und den 2. Weltkrieg im Geschichtsunterricht behandeln und dann bei ähnlichen Praktiken als Erzieher wegschauen. Aber ich muss ehrlich gestehen: Alle versteckten Symbole der rechtsradikalen Szene habe ich als Chef auch nicht gekannt.

Die Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen ist doch enorm.

Eine Verallgemeinerung ist meiner Ansicht nach nicht zulässig. Wenn beispielsweise in einem Schulzentrum wie Brig fünf Prozent danebenschlagen, dann sind das 25 Jugendliche. Diese Jugendlichen machen von sich reden. Und zu diesen müssen wir stehen, diese müssen wir mit der Jugendarbeit besonders ansprechen.

Aber Vorfälle wie jene in Stalden, wo Jugendliche einen Mitschüler verprügelten und auf die Geleise warfen, stimmen schon nachdenklich.

Einverstanden. Aber man muss die Hintergründe und die Darstellung im „Blick“ sehen - und dann stellt man fest: Es wird viel aufgebauscht. Im Zusammenhang mit unserer Jugend werden die negativen Vorfälle in den Medien thematisiert, über die positiven Aktivitäten wird kaum berichtet. Das Gros der Jugendlichen ist viel besser, als sie von den Medien dargestellt werden.

Aber es ist die Aufgabe der Medien, auf Probleme hinzuweisen?

Das mag stimmen. Aber man darf dabei nicht das Gesamte aus den Augen verlieren.

Kommen wir doch gleich zum nächsten, heiklen Problem: Die Gewalt richtet sich nicht nur gegen Dritte, sondern auch gegen sich selbst. Immer wieder begehen Jugendliche Suizid.

Ich habe das sehr leidvoll an der OS Brig-Glis miterlebt. In meinem ersten Jahr als Schuldirektor nahm sich einer meiner Schüler das Leben. Mit einer eigentlichen Trauerbegleitung haben wir versucht, gemeinsam mit den Jugendlichen das traurige Ereignis zu verarbeiten. Leider ist das kein Einzelfall. Auch im Unterwallis stellt sich dieses Problem immer wieder. Dort hat ein betroffener Vater, der seinen Sohn durch Freitod verloren hat, die Vereinigung „Pars pas“ (Geh nicht) initiiert und will damit eine Anlaufstelle für Jugendliche und betroffene Eltern schaffen.

Sind die Jugendlichen weniger belastbar als früher?

Kaum. Tatsache ist, dass von den Jugendlichen wesentlich mehr verlangt wird als früher. Unser ganzes Bildungssystem schafft zwar neue Ausbildungsmöglichkeiten, aber zugleich wachsen die Anforderungen und Zwänge. Hinzu kommt der Druck der Eltern, die den Kindern eine möglichst optimale Ausgangslage bieten wollen und natürlich auch Vergleiche mit Jugendlichen aus dem Bekanntenkreis anstellen. Wer heute eine Lehre absolviert, ohne noch eine Berufsmatura anzuhängen, wird von vielen schon als zweitklassiger Lehrling betrachtet. Diese Entwicklung ist gefährlich.

Der Druck steigt – und parallel dazu auch der Alkoholkonsum der Jugendlichen.

Dieses Problem gibt viel zu denken. Sicher müssen wir Erwachsenen unsere Vorbildrolle und unsere Betreuungsaufgabe vermehrt wahrnehmen. Viele Eltern - ich eingeschlossen - wissen nicht, was im Ausgang abgeht. Wir sind in unserer Gesellschaft zu leistungsbetont. Wer nicht reüssiert, der wird fallengelassen. Im Sport, der für unsere Jugend sehr wichtig ist, plädiere ich neben dem Leistungssport auch ganz vehement für die Unterstützung des Sozialsports. Damit lässt sich einiges auffangen.

Bleiben wir beim Thema Sucht: Der Drogenkonsum unter den Jugendlichen ist beachtlich. Da können Sie nicht mehr sagen, lediglich fünf Prozent seien betroffen?

Das stimmt. Kiffen ist kein 5-Prozent-Problem. Aber man muss die Situation aus dem Blickwinkel der Jugendlichen betrachten. Wer am Morgen um 7 Uhr im Regionalzug von Siders nach Sitten fährt, dem fällt der süssliche Cannabis-Rauch auf. Aber das geht nur uns Erwachsenen so. Die Jugendlichen selber achten sich kaum und kriminalisieren den Cannabis-Konsum auch nicht. Wenn man die Fachliteratur verfolgt, stellt man fest: Die Fachleute sind sich über die Gefahren des Cannabis und die Bedeutung als Einstiegsdroge nicht einig.

Aber als Schuldirektor haben sicher auch Sie den steigenden Drogenkonsum festgestellt?

Viele haben Kontakt mit Drogen. Aber das ist nicht ein konstanter Konsum. Viele sind Gelegenheitspaffer, die vor allem im Frühling zum Joint greifen. Aber auch hier sind die Eltern gefordert, die Kinder im Auge zu behalten und ihnen das richtige Mass an Selbstverantwortung zu übertragen.

Gefordert ist doch auch die Jugendarbeit. Die Kids wollen heute Partylife. Können da Jugendtreffs oder Jugendhäuser wie jene in Brig und Visp überhaupt noch mithalten?

Das ist ein Problem, hat aber auch seine Gründe: In Brig wird das Jugendhaus von einheimischen Jugendlichen gemieden, weil es Treffpunkt von Ausländern ist. Wir versuchen, gemeinsam mit einheimischen und ausländischen Jugendlichen ein Projekt zu realisieren.

Unabhängig davon: Sind die Jugendhäuser nicht veraltete Institutionen? Müsste man in grossen Gemeinden nicht stärker auch auf Gassenarbeit setzen?

Es braucht beides. In der soziokulturellen Animation, wie die Jugendarbeit heute genannt wird, geht es vor allem darum, die Jugendlichen miteinzubeziehen, mit ihnen gemeinsam etwas zu realisieren. Wenn sich Jugendliche begeistern lassen, entstehen die tollsten Projekte. Die Hauptschwierigkeit besteht aber darin, die Jugendlichen überhaupt motivieren zu können.

Dazu braucht es Ideen, aber auch Geld. Das neue Jugendgesetz öffnet zwar diesen Geldhahn. Aber genügt das?

Wir haben jährlich 250‘000 Franken zur Verfügung, um Projekte von Jugendlichen für Jugendliche zu unterstützen. Bis heute haben wir mehr als 60 Projekte unterstützt: In Fiesch und Bürchen dreht eine Jugendgruppe einen Film. In Naters beschäftigen sich Junge mit der Gründung einer Jugendband. Auch „Iischers Radio“ gehört zu den unterstützten Projekten, wenn 30 Jugendliche während einem Monat gemeinsam Radio machen. Oder im Lötschental wurde ein interaktives Theater angeboten. Gefreut hat mich übrigens die Bereitschaft vieler Jugendlicher, in humanitären Projekten aktiv zu werden.

Aber bereits soll am Jugendgesetz wieder der Sparstift angesetzt werden.

Die Jugendarbeit ist davon wenig betroffen. Hier geht’s vor allem um Tageskrippen und Kleinkinderziehung. Und das stört mich. Ich war in Brig am Aufbau des Mittagstischs mitbeteiligt. Wenn man am Jugendgesetz spart, straft sich das Oberwallis am meisten. Von 50 Einrichtungen im Kleinkinderbereich sind deren 44 im Unterwallis. Diese werden bestehen bleiben. Aber auch das Oberwallis braucht Tagesstätten und Strukturen für die Tagesplatzierung von Kleinkindern. Hier muss ein Umdenken stattfinden. Wenn eine Frau, die berufstätig ist und ihr Kind in die Krippe oder zum Mittagstisch bringt, noch ein schlechtes Gewissen haben muss, dann stimmt vieles nicht.

Wie lange wird es dauern, bis die Strukturen in der Jugendarbeit- und Kinderbetreuung auch im Oberwallis angepasst sind?

Das wird schneller gehen als viele meinen. Auch in den kleineren Gemeinden werden die Tagesmutterstrukturen kommen. Die Folgen des erschreckenden Geburtenrückgangs müssen diesbezüglich aber mitberücksichtigt werden. Es sind unserer Ansicht nach interkommunale Lösungen anzustreben


 

 

      
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