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Frontal-Interview:
„Ich bin als Briger Spitaldirektor bereit, Disziplinen abzugeben“


Hugo Burgener
 
Brig/ Seit 100 Tagen sitzt er auf dem Direktorenstuhl des Kreisspitals in Brig: Hugo Burgener. Gegenüber der RZ spricht der neue Spitaldirektor über seine ersten Erfahrungen, die auch negativen Reaktionen auf sein forsches Vorgehen und sagt in seinem Plädoyer für eine Fusion: „Ich bin als Briger Spitaldirektor bereit, einzelne Disziplinen abzugeben.“

Von German Escher und Ruth Seeholzer

Die Spitaldiskussion ist sehr emotional. Eigentlich haben Sie auf einem Schleuderstuhl Platz genommen. Warum das?

Spitaldirektor ist keine gewöhnliche Alltagsaufgabe. Da besteht schon ein gewisser Unterschied zu meiner vorherigen Stelle beim Kanton. Das Risiko eines „Schleuderstuhls“ ist beim Kanton als Arbeitgeber sicher kleiner. Aber ich bin jung, motiviert und möchte noch etwas bewegen. Hier in Brig habe ich eine tolle Herausforderung gefunden.

Der Wechsel vom geschützten Beamten ins raue Politklima war doch gewagt. Wie waren Ihre ersten 100 Tage als Spitaldirektor?

Die ersten Erfahrungen als Spitaldirektor sind zum grössten Teil sehr gut, aber auch in Einzelfällen mit gemischten Gefühlen durchzogen. Aus der Politik gab es bisher unterschiedliche, also teilweise auch negative Reaktionen zu Handlungen. Selbst wenn man ein gutes Projekt lanciert, gibt es oft Kritik. Das hat mich überrascht. Als Beispiel die Idee, einen hochqualifizierten Krebsspezialisten anzustellen und gleichzeitig diesen auch in einer Zusammenarbeit dem Spital Visp zur Verfügung zu stellen, ist für das ganze Oberwallis eine gute Sache. Davon bin ich überzeugt!

Die erwähnte Anstellung und das diesbezügliche Kooperationsangebot an die Visper ist mancherorts mit Kopfschütteln aufgenommen worden?

Und es war nicht nur „Kopfschütteln“ dabei (lacht). Aber konkret zu den Reaktionen: Das Visper Spital hat bisher noch keine definitive Stellung bezogen. Etwas schneller war die Reaktion aus Sitten.

Staatsrat Burgener war irritiert ...?

... richtig.

Was hat ihn gestört?

Wohl am ehesten das Vorgehen über die Presse. Eigentlich gibt es keine sachlichen Gründe gegen den Onkologiespezialisten: Das Konzept von Prof. M. Fey von der Universität Bern ist medizinisch gesehen optimal. Der Vorschlag, in der Onkologie enger mit Visp zusammenzuarbeiten, hat nicht fachlich, sondern eher regionalpolitisch Staub aufgewirbelt.

Die Oberwalliser Spitallandschaft ist also nach wie vor ein Minenfeld, auf dem jeder Schritt gut überlegt sein will?

Alle sprechen von Zusammenarbeit; aber besteht ein konkreter Vorschlag, kann es schnell emotional werden. Über die Formen der Zusammenarbeit gehen vor allem in der Politik die Vorstellungen auseinander. Aber die Zusammenarbeit der Spitäler wird nicht ein Lippenbekenntnis bleiben. Es braucht konkrete Schritte. Das Zusammenarbeitsangebot beim Krebsspezialisten war ein erster, grosser Schritt in diese Richtung.

Wie stellen Sie sich die fachliche Zusammenarbeit vor?

Brig und Visp sollen in verschiedenen Disziplinen Schwerpunkte setzen, aber beide müssen im Akutbereich aktiv bleiben. Die Aufteilung in ein Geriatriespital und in ein Akutspital ist aus zwei Gründen nicht machbar. Aus fachlicher Sicht: Es führt zu einem „Altersghetto“. Aus politischer Sicht: Die Region mit dem Geriatriespital verliert sehr viele Arbeitsplätze. Diese Aufteilung wäre nicht diskutabel. Allerdings: Ich bin als Briger Spitaldirektor bereit, einzelne Disziplinen abzugeben. Zugleich muss unser Partnerspital in Visp auch gewisse Bereiche an uns abtreten.

Sie haben sich früher mit der Spitalplanung im Gesundheitsdepartement beschäftigt. Und damals sprachen alle von einem Sparpotenzial von 6 bis 8 Millionen Franken...

... das ist so nicht richtig. Wir sparen in der Oberwalliser Spitallandschaft kurzfristig kaum grössere Beträge. Mittelfristig erreichen wir jedoch eine Stabilität der Kosten.

Warum dann fusionieren?

Es gibt zwei Formen der Fusion: die wirtschaftliche Kooperation oder das rechtliche Zusammenschliessen der Trägervereine. Wichtiger ist die wirtschaftliche Fusion: Es braucht nur noch eine Leitung für beide Spitäler. Dabei geht es weniger um die Direktoren als um die medizinische Leitung. Die Direktoren sind in dieser Frage zweitrangig. Mit 385 Vollzeitstellen in Brig und rund 325 Vollzeitstellen in Visp braucht es immer einen Chef. Ob dieser jetzt Direktor oder Niederlassungsleiter genannt wird, ist sekundär. Die Oberwalliser Bevölkerung weist nur knapp einen Drittel an der Walliser Gesamtbevölkerung auf. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass unsere beiden Spitäler eng zusammenstehen. Ein starkes Oberwalliser Spitalzentrum kann seine Interessen in Sitten besser vertreten.

Nochmals: Sie sagen, mit der Fusion spart man kurzfristig kaum Geld. Wieso also dann Fusionieren und viel Porzellan zerschlagen?

Für die Presse ist es interessant, eine Fusion nur am Geld aufzuhängen ...

Pardon. Nicht die Presse hat die Zahlen erfunden, sondern der ehemalige Departementschef.

Einverstanden. Die Kommunikation über die Medien war nicht sehr klar. Aber heute ist das Geld nicht der Hauptgrund. Wichtiger ist, dass wir die Kosten mittelfristig stabilisieren und zugleich die Qualität halten können. Ein Beispiel: Wir haben heute an beiden Standorten einzelne kleine Abteilungen mit kaum einem Patienten pro Tag. Das ist alles andere als wirtschaftlich – und zwar nicht bloss aus finanziellen, sondern vor allem aus qualitativen Gründen. Man muss sich bewusst sein: Auch wenn Brig und Visp gewisse Abteilungen gemeinsam führen, sind wir immer noch ein kleines Spital.

Gehen Sie nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ vor?

Ich habe nie verheimlicht, dass ich für die Interessen der gesamten Oberwalliser Patienten einstehen werde. Wenn unsere beiden Spitäler nicht zusammenrücken, verlieren letztlich beide. In Anlehnung an die Walliser Gesundheitsplanung werde ich deshalb auch künftig gemeinsam mit meinem Direktionskollegen Hermann Arnold in Visp neue Zusammenarbeitsbereiche suchen. Dies stellt sicher einen gewissen „Angriff“ gegen das bisherige Konkurrenzsystem dar.

Wir sind übereingekommen, uns nach meiner Einarbeitungsphase regelmässig zu treffen. Diese Situation der engeren Zusammenarbeit ist für alle Beteiligten neu. Mit anderen Worten: Das Zusammenrücken erfolgt in verschiedenen Phasen. Zunächst zeigen wir, dass die beiden Direktoren ohne Dolch in der Hand miteinander sprechen können. Anschliessend können erste gemeinsame Projekte angegangen werden. Und in der dritten Phase geht es um die Aufteilung von Disziplinen. Spätestens dann sollten auch die Mitarbeitenden hinter einer Zusammenarbeit stehen. Diese Entwicklung braucht Zeit. Aber ich stelle einen Meinungsumschwung fest. Früher hatten wir über 14‘000 Unterschriften, die ihren Unmut dargelegt haben. Heute bin ich überzeugt, 80 - 90 Prozent der Bevölkerung würden eine Spitalfusion begrüssen.

Es braucht also Zeit.

Richtig. Es braucht sicher noch ein bis zwei Jahre. Man muss die Entwicklung als ein Zusammenwachsen verstehen. Dieser Prozess ist bereits in Gang. Der Visper Chefarzt der inneren Medizin betreut zum Beispiel bereits heute die Briger Nephrologiepatienten.

Jetzt hat der Kanton über alle Spitäler das sogenannte Gesundheitsnetz gespannt. Braucht es dieses überhaupt, wenn man so aufeinander zugehen würde?

Heute braucht es dieses Instrument – nicht zuletzt um die Regionen zu diesem Schritt zu bewegen. Wenn wir in fünf Jahren die beiden Spitäler mit einem guten Kooperationsvertrag und mit verschiedenen Disziplinen zusammengeführt haben, braucht es das Gesundheitsnetz vielleicht nicht mehr. Aber jetzt als Startschuss ist diese Struktur richtig. Mich muss man nicht zur Zusammenarbeit zwingen, einige Beteiligte brauchen vielleicht eine erste Motivationshilfe.

Nimmt man dadurch auch Emotionen aus der Diskussion?

Einzelne Regionalpolitiker werden heute sicher verärgert sein. Ihr Einfluss auf die Disziplinenaufteilung ist gesunken. Das Gesundheitsnetz schlägt eine Disziplinenaufteilung vor und der Staatsrat kann entscheiden, ohne die Regionen zu fragen. Es wäre sinnvoll, die Spitäler in diese Diskussion miteinzubeziehen, aber es ist politisch kaum machbar. Es gibt noch immer Regionalvertreter, die wenig Einsehen haben.

Wie ist die Rückendeckung durch Ihren Verwaltungsrat?

Da leg ich meine Hand ins Feuer. Unser siebenköpfiger Verwaltungsrat steht hundertprozentig hinter dem Direktor – und umgekehrt. Ich bin überzeugt: Mit dem jetzigen Verwaltungsrat könnten wir morgen uneingeschränkt in die Fusionsverhandlungen mit Visp gehen. Gemeinsam mit dem Verwaltungsrat könnte ich auch die grosse Mehrheit unserer Gemeinden für solche Fusionsgespräche gewinnen.

Die Gemeinden müssen sich an den Kosten ja auch beteiligen.

Die Krankenkassen beteiligen sich nicht mehr mit 50 Prozent an den Kosten. Wegen fehlender Kostentransparenz einiger Spitäler liegt dieser Wert je nach Krankenhaus tiefer. Wir stehen mit einer Beteiligung von 48 Prozent sehr gut da. Die Restkosten muss die öffentliche Hand, also 80 Prozent der Kanton und 20 Prozent die Gemeinden, übernehmen. Der Verteilschlüssel der Defizitbeteiligung der öffentlichen Hand hat sich nicht geändert, aber die Fehlbeträge werden stark steigen.

Warum das?

Wir haben seit 1999 drei Lohnerhöhungen gehabt – und trotzdem sind die Tarife nicht angepasst worden. Nur schon die letzte Lohnerhöhung anfangs 2002 wird das Spital Brig rund 1,6 Millionen Franken kosten. Deshalb werden die Spitäler künftig mit grossen Verlusten abschliessen. Aber im Vergleich zu den Unterwalliser Krankenhäusern stehen die Spitäler Brig und Visp noch gut da. Gegen eine Tarifanpassung haben die Krankenkassen rekurriert. Bis es im Bundesrat zu einem Entscheid kommt, wird es wohl noch ein bis zwei Jahre dauern. Trotzdem haben wir die Löhne angepasst. Das Personal hat diese Lohnanpassung verdient. Aber mehr liegt aufgrund der Finanzsituation des Kantons wohl nicht mehr drin.


 

 

      
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