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Frontal-Interview:
„Produktionsvorschriften für die Bauern hat es auch früher schon gegeben“


Mirjam Bregy
 
Visp / Seit dem 1. Juli 2001 ist Mirjam Bregy im Amt als Geschäftsführerin der Oberwalliser Landwirtschaftskammer (OLK). Die diplomierte Ingenieur-Agronomin ETH bringt neuen Schwung in die bäuerliche Vereinigung, unter Miteinbezug der bestehenden Kräfte. Ein Spagat der nicht ganz einfachen Art, den die junge, sympathische Oberwalliserin aber bestens zu meistern scheint.

Von Ruth Seeholzer und Walter Bellwald

Bundesrat Pascal Couchepin will sparen, und zwar bei den Bauern. Sie sollen ab nächstem Jahr auf über 300 Mio. Franken Zuschüsse verzichten. Wird mit dieser Entscheidung das Bauernsterben noch zunehmen?

Ich denke, dass Bundesrat Couchepin häufig Forderungen stellt, die in der Praxis nicht gerade eins zu eins umgesetzt werden. Er ist ein sehr liberaler Politiker. Und ich glaube auch in diesem Fall nicht, dass alles so kommt, wie er es fordert. Die Landwirtschaft ist etwas, das auch in Zukunft seine Wichtigkeit haben wird. Die Bevölkerung anerkennt das und ich glaube, sie ist gewillt, den Bauernstand auch weiterhin zu unterstützen.

Allein im Oberwallis sind in den letzten zehn Jahren an die 900 landwirtschaftliche Betriebe eingegangen. Wird es in absehbarer Zeit überhaupt keine Bauern mehr geben?

Es werden sicher weiterhin Betriebe aufgrund des Strukturwandels verschwinden, vor allem kleine Betriebe, aber auch solche, die nicht mehr investieren wollen, um den ökologischen Anforderungen gerecht zu werden. Viele Betriebe werden auch als Nebenerwerbsbetriebe weitergeführt. Aber aussterben wird der Bauernstand ganz sicher nicht.

Die Agrarpolitik 2002 ist mittlerweile Tatsache. Und schon wird die Agrarpolitik 2007 diskutiert. Der Traum vom unabhängigen Bauern, der keine Vögte duldet, ist wohl für immer ausgeträumt?

Ja, ich glaube, das kann man so sagen (überlegt). Aber ich weiss gar nicht, ob es diese unabhängigen Zeiten überhaupt jemals gegeben hat. Vielmals tönt es so: Früher war alles besser. Es hat sich vieles geändert. Heute herrschen andere Bedingungen. Was man jetzt den Bauern abgeltet, sind nicht immer mehr nur die Produkte an und für sich, sondern auch das ‚Produkt’ Ökologie. Und das ist für viele nicht einfach nachzuvollziehen. Aber Produktionsvorschriften hat es auch früher schon gegeben, siehe zum Beispiel die Milchkontingentierung. Das System hat sich gewandelt. In den einen Bereichen wie zum Beispiel Tier- und Gewässerschutz oder Ökologie wurden die Vorschriften verschärft, und in anderen Bereichen wurde liberalisiert. Nicht dass es sich ausgleicht, aber heute geht die Landwirtschaftspolitik einfach in eine andere Richtung.

Aber die Bäuerinnen und Bauern sind doch komplett abhängig von den Direktiven des Staates?

Es gibt sicher Vorschriften, die eingehalten werden müssen, aber das ist in anderen Branchen auch so. Überall gibt es die gesetzlichen Grundlagen. Unser gesamtes Leben ist heute viel geregelter als früher. Die Landwirtschaft ist schon stark reglementiert. Und trotzdem ist es das Ziel der Agrarpolitik, dass der Bauer sich so gut wie möglich dem Markt anpassen kann. Der Landwirt muss heutzutage ein flexibler Unternehmer sein und innerhalb dieser vorgegebenen Rahmenbedingungen wirtschaften. Für viele Bauern ist es allerdings deprimierend, dass sie für ihre Produkte nicht mehr gleich viel bekommen wie früher. Das sieht so aus, als ob ihre Arbeit nicht mehr so viel wert ist. Andererseits wird mit den Direktzahlungen, die effektiv die Bewirtschaftung und deren Nutzen für die Gesellschaft abgelten, die Leistung direkt honoriert. Die Öffentlichkeit gibt damit den Bauern das Zeichen, dass ihre Arbeit wichtig ist.

Die OLK bietet in Zusammenarbeit mit der Landwirtschaftsschule Visp einen Ausbildungskurs für Nebenerwerbsbauern an. Wie kam es dazu?

Die Landwirtschaftsschule hatte diesen Kurs schon früher einmal ausgeschrieben. Allerdings kamen dazumal kaum Anmeldungen ein, so dass der Kurs nicht durchgeführt werden konnte. Nun hat die Schule letztes Jahr noch einmal einen Anlauf genommen, und wir haben uns sofort bereit erklärt, mitzuarbeiten. Zusammen haben wir dann das Projekt in der jetzigen Form ausgearbeitet. Wir haben über unsere Unterverbände wie die Schwarznasenschafzüchter etc. versucht, Interessierte für den Kurs zu gewinnen. Das ist uns auch gelungen. Der Aufwand ist recht gross für die Nebenerwerbsbauern. Aber sie erhalten mit dieser Schulung doch Informationen zur Hand, die hilfreich sind für ihren Alltag als Nebenerwerbsbauern.

Sie sind jung. Sie sind weiblich. In einer bäuerlichen Männerdomäne überrascht es, eine Frau als Geschäftsführerin zu entdecken.

(lacht) Ja, das hat schon viele überrascht, das stimmt! Mich selber eigentlich auch ein wenig. – Manchmal ist das schon ein Handicap. Wobei vor allem das Alter eine Rolle spielt. Das Geschlecht denke ich ist weniger ein Problem. Viele setzen einfach ‚jung’ mit ‚unerfahren’ gleich. Andererseits behandeln mich viele wohl etwas sanfter und schlagen vielleicht bei mir weniger grob drein, um etwas zu diskutieren, als wenn ich ein Mann wäre.

Wie können Sie sich und Ihre Ideen durchsetzen? Welches ist Ihr Rezept im Umgang mit den Menschen?

Ich versuche, den Leuten zuzuhören, ihre Probleme aufzunehmen und dann möglichst angepasst zu reagieren. Manchmal ist das etwas schwieriger, denn es gibt ‚allerhand Gattung Liit’. Aber im Grossen und Ganzen klappt das eigentlich recht gut.

Sind Sie in einem bäuerlichen Umfeld aufgewachsen?

Nein, überhaupt nicht. Zuhause haben wir nur ein paar Pfirsichbäume vor dem Haus (lacht). Ich bin durch einen Welschlandaufenthalt auf einen Bauernhof gekommen, und da hat es mich gepackt. Durch verschiedene Praktika auf Bauernhöfen bin ich in dieses Metier hineingeraten.

Würden Sie selber auch Bauern wollen in der heutigen Zeit?

Also, ich muss sagen, gewisse Sachen am Bauern sind sehr schön. Als Vollerwerbsbauer kann man die Arbeit mit der Familie auf eine Art verbinden, die sonst heute kaum mehr möglich ist. Es ist natürlich eine enorme zeitliche Belastung, und auch örtlich ist man gebunden. Und klar, die Zeiten für unsere Bauern werden nicht unbedingt besser. Auf den Bauern lastet ein grosser Druck. Und um das beneide ich sie nicht.

Die Oberwalliser Landwirtschaft könnte sich doch eigentlich noch viel besser vermarkten. Sieht die OLK hier auch Handlungsbedarf?

Man könnte sicher die landwirtschaftlichen Produkte noch besser vermarkten. Das ist ein allgemeines Problem. Wir sind auch am diskutieren in der OLK, was die Landwirtschaft allgemein zu bieten hat, zum Beispiel im Tourismus. Man muss sich allerdings bewusst sein, dass es für einzelne innovative Betriebe immer einen Weg gibt. Aber wenn man etwas Allgemeines auf die Beine stellen will, dann wird es schwieriger. Nicht jedem Bauern, jeder Bäuerin ist es gegeben, Touristen zu beherbergen oder die eigenen Produkte zu vermarkten. Aber wie gesagt, um die regionalen Produkte besser zu vermarkten, müssen wir uns auch in Zukunft anstrengen und nach Möglichkeiten suchen. Derjenige Bauer, der direkt vermarktet, hat nämlich den Vorteil, durch den nahen Kundenkontakt auch besser zu spüren, was gewünscht wird, worauf er Wert legen soll. Der andere, der ‚nur’ seine Milch abliefert, hat vielleicht auch eine weniger grosse Motivation, etwas an seinem Angebot zu ändern.

Liegt ein Problem nicht auch darin, dass wir Konsumentinnen und Konsumenten zu wenig sensibilisiert sind, den einheimischen Markt zu berücksichtigen?

Ja klar! Aber es ist für den Konsumenten auch schwierig, den Überblick zu behalten im grossen Angebot, dass man halt wirklich Schweizer Äpfel und nicht solche aus Südafrika kauft. Oder gerade aktuell sind die Erdbeeren. Schon wochenlang kann man sie kaufen, obwohl nun wirklich noch nicht Erdbeeren-Zeit ist. Ich wünschte mir, dass wir wieder etwas länger warten könnten, bis die einheimische Ware, die nicht unreif gepflückt werden muss, in den Regalen angeboten wird.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Haupt- und Nebenerwerbsbauern im Wallis?

Etwas, das wichtig wäre, ist, dass die Bauern anfangen, ihren Betrieb und die Landwirtschaft in die eigene Hand zu nehmen und etwas daraus zu machen. Sie sollen sich nicht als Opfer oder Abhängige des Staates sehen, sondern Eigeninitiative ergreifen. Auch mit den ganzen Vorschriften hat jeder Bauer noch genug Bewegungsfreiheit, um für sich etwas daraus zu machen. Dies geht aber nur mit viel eigenen Ideen und mit grosser Motivation. Und die wünsche ich mir.


 

 

      
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